Obersteiger fort und trachtete darnach, demselben Schaden zuzufügen.
Dazu sollte ihm das unlängst geschlossene Bündnis mit dem Teufel
helfen. Für die Dienste, welche ihm letzterer zu gewähren versprochen
hatte, sollte ihm der Kunststeiger Heinrich alljährlich die Seele
eines Menschen liefern, und zwar sollte es jederzeit derjenige sein,
welcher am letzten Tage des Jahres der letzte beim Ausfahren aus der
Grube Turmhof wäre. -- Wieder war der letzte Tag des Jahres erschienen,
an welchem nach dem Vertrage der Plan des bösen Kunststeigers zur
Ausführung kommen mußte. Die Schichtzeit war abgelaufen, die Zeit zum
Ausfahren gekommen. Die sämtliche Mannschaft befand sich auf der Fahrt;
der Obersteiger war vom Kunststeiger durch irgend einen Vorwand in der
Grube zurückgehalten worden. Jetzt kamen sie zum Schachte; da bestieg
der Kunststeiger schnell die Fahrt und gab vor, dem Obersteiger beim
Hinausfahren das Öffnen des Schachtdeckels ersparen zu wollen. So
gelangte der Obersteiger als der letzte zum Ausfahren.
Der Himmel aber fügte es, daß der Kunststeiger dennoch eine falsche
Rechnung gemacht hatte. Sein eigener Sohn Veit war, unbemerkt von ihm,
noch in der Grube zurückgeblieben. So wurde dieser nun derjenige, der
zuletzt zum Ausfahren kam; -- aber er hat das Tageslicht nicht mehr
gesehen und keines Menschen Auge erblickte den Unglücklichen jemals
wieder. Der Teufel lauerte seinem Opfer auf und stürzte es rücklings in
die grausige Tiefe. Als der Kunststeiger seinen Feind, den Obersteiger
Gebhardt, rüstig und ohne Fährlichkeit Sprosse um Sprosse hinter sich
nachfahren sah, mochte er sich wohl wundern, daß der Satan sich nicht
des letzteren bemächtigte. Mit Unwillen und Staunen bemerkte er, daß
sein Widersacher unbeschädigt nach ihm die Schachtkaue betrat. Als
er aber mit düster forschendem Blicke die Mannschaft überschaute,
und unter ihr seinen Sohn Veit vermißte, da fiel es ihm wie Schuppen
von den Augen; der Teufel hatte ihn um das liebste, für welches sein
verknöchertes Herz noch Gefühl gehegt, betrogen. Bewußtlos sank er
zusammen.
Die Abwesenheit Veits war bald bemerkt worden; man wunderte sich über
sein Außenbleiben. Da erhob sich der endlich zum Bewußtsein gekommene
Kunststeiger mit irrem Blicke. Hastig schrie er: »Ich will sehen, wo
mein Sohn geblieben ist!« Dann fuhr er zurück in die Grube. »Niemand
folge mir, dem sein Leben lieb ist!« herrschte er den Knappen zu, die
sich erbötig zeigten, den bekümmerten Vater zu begleiten.
Die Berghäuer gehorchten und lauschten nur hinab in die Tiefe.
Da erscholl es drunten wie von mächtigen Axthieben und man vernahm
bald darauf ein entsetzliches Geprassel. Erschrocken flohen die Leute,
denn sie befürchteten des Schachtes baldigen Einbruch und hatten sich
nicht getäuscht. Der Kunststeiger zerhieb mit furchtbaren Axtschlägen
die Kunstgestänge und zerstörte die Gerinne, in welchen das starke
Aufschlagwasser zum Umtriebe des Kunstrades über den Schacht geleitet
war, so daß die ganze Wassermasse sich in die Tiefbaue ergoß und bald
die ganze Grube ersoff. In den wild hereinstürzenden Gewässern hat der
Kunststeiger seinen Tod gefunden. Der Teufel verpaßte seine Zeit nicht:
er hatte ihn drunten geholt.
Des Obersteigers Tochter Johanna verfiel infolge jenes trübseligen
Ereignisses in ein hitziges Fieber, an welchem sie lange in
Lebensgefahr darniederlag. Die Jugend half ihr die Krankheit
überwinden, aber sie war und blieb für immer tiefsinnig. So trat sie
in das in der Sächsstadt zu Freiberg gelegene Jungfrauenkloster zur
heiligen Maria Magdalena ein. Erst später verließ sie es wieder, als
dasselbe bei der Reformation gänzlich aufgelöst wurde, und kehrte
in die Welt zurück. Die Grube Turmhof kam nach jenem unglücklichen
Ereignisse zum Erliegen, denn wo der Teufel gehaust hat, kann kein
Segen aufkommen.
253. Der versteinerte Kammerwagen.
(Fr. Bernau: Comotovia 1877, S. 80.)
In einem friedlichen Thale bei Neudeck lebte ein Bauersmann still
und zufrieden mit seiner Familie; nur seine älteste Tochter, bereits
zur blühenden Jungfrau herangewachsen, machte ihm manche Sorge. Sie
unterhielt nämlich ein Liebesverhältnis mit einem armen Burschen aus
der Umgebung des Dorfes, der als Bergknappe im Schoße der Erde sein
Brot verdiente. Schon lange wurde von den Liebenden eine Verbindung
angestrebt, allein der Vater versagte die Einwilligung, so sehr auch
das Mädchen darum bat. Da beschloß der Knappe, sich noch auf einige
Jahre in eine andere Gegend zu wenden, dort fleißig zu arbeiten und
nach seiner Rückkehr wieder um die Hand der Geliebten anzuhalten. Diese
gelobte ihm beim Abschiede ewige Treue, und dadurch getröstet zog er
von dannen.
Anfangs schien der Schmerz des Mädchens über die Entfernung des
Geliebten sehr groß; doch nach und nach mäßigte sich die Sehnsucht, und
Zeit und Arbeit brachten es dahin, daß sie den Geliebten allmählich
vergaß. Da gelang es denn einem andern Dorfburschen ohne Mühe, sich
ihre Gegenliebe zu erwerben, und da er reich war, erhielt er auch
die Einwilligung des Vaters. Es wurden Vorbereitungen zur Hochzeit
getroffen, und der Tag der Trauung war nicht mehr fern. Da kehrte
plötzlich der Bergknappe zurück. Er hatte sich in der Fremde manches
erspart und hoffte nun, bald im Besitze des geliebten Mädchens zu
sein. Abends, als es schon im Thale zu dämmern begann, ging er an das
Haus seiner Geliebten und hoffte sie zu sehen; er sah sie auch -- aber
in den Armen eines andern. Wie ein Blitzstrahl durchfuhr es seine
Glieder, er wollte vorwärts, doch sein Fuß war wie angewurzelt; einen
Fluch zwischen den Zähnen murmelnd, stürzte er hinweg. Von diesem Tage
an war er fahrlässiger in seinen Arbeiten und siechte vor Gram immer
mehr dahin. Oft sah man ihn spät abends seine Hütte verlassen und
einem Platze zuwandern, welchen selten ein Mensch betrat, da, wie es
hieß, die bösen Geister dort ihr Wesen trieben. Hier schloß er nun ein
Bündnis mit dem Bösen, um die treulose Geliebte und ihren Bräutigam zu
verderben. Acht Tage vor der Hochzeit begab er sich in die Wohnung der
Braut. Obschon von seiner Ankunft unterrichtet, erschrak sie doch sehr
über sein verstörtes Aussehen; er dagegen gab sich den Anschein, als
wüßte er nichts von ihrer Treulosigkeit. Vor Schreck war sie keines
Wortes mächtig; da er hieraus nur zu deutlich ersah, daß sie wirklich
treulos an ihm gehandelt, kündigte er ihr mit kurzen Worten seine Rache
an; er werde mit Hülfe des Teufels alles das, was sie vom Hause aus mit
bekäme, verderben, weil es ihr Reichtum war, der ihren Vater von der
Einwilligung zur Verbindung mit einem armen Burschen abgehalten hatte.
Und auch sie selbst werde den Folgen seiner Rache erliegen zur Strafe
für ihre Treulosigkeit. Und so geschah es. Die Hochzeit wurde gehalten
und das Ehepaar begab sich in die neue Heimat; der hochbepackte
Kammerwagen folgte. Eben passierten sie eine Höhe, von welcher sie die
Hütte des Bergknappen erblicken konnten. Da erbebte von einem dumpfen
Donner der Boden, der Kammerwagen ward umgestürzt, die Betten und alle
sonstigen Geräte lagen am Boden und wurden in demselben Momente zu
Stein. Die vor den Wagen gespannten Tiere wurden scheu und stürzten
wie wütend den Berg hinab, den Kammerwagen gänzlich zertrümmernd. Die
Braut aber warf der Schreck aufs Krankenlager, und dies, sowie die Reue
über die begangene Treulosigkeit, brachten ihr einen schnellen Tod.
Dieses war nach der Sage die Rache des Bergknappen; er selbst war nach
diesem Vorfalle aus der Gegend verschwunden und nie hat man ihn wieder
gesehen. Aufgehäufte Steinmassen bezeichnen noch heute die Stelle
seiner Rache.
254. Wie der Teufel Schellerhau verlor.
(Mündlich.)
Man hat eine Redensart, womit man die Bewohner des langgestreckten, aus
zerstreut liegenden Häusern bestehenden Dorfes Schellerhau neckt: »Euch
Schellerhauer hat der Teufel im Sack verloren!« Dies rührt davon her:
Der Teufel fuhr einmal durch die Luft und hatte ganz Schellerhau in
einem Sacke. Der Sack jedoch hatte ein Loch, so daß ein Haus nach dem
andern herab zur Erde fiel. Wie nun der Teufel merkte, daß der Sack so
leicht geworden war, weil er fast ganz Schellerhau verloren hatte, da
warf er ihn im Ärger hin und rief: »Zum Schinder!« Da wurde dort, wo
der Sack ganz am Ende des Dorfes nieder gefallen war, die »Schinderei«,
wie man allgemein die Abdeckerei nannte; und in diese »Schinderei«
mußte jedes gefallene Stück Vieh abgeliefert werden.
Wie hier die Häuser von Schellerhau, so verlor der Teufel auf den
Fluren der Kolonie Fichtenthal bei Heide-Gersdorf aus seinem Sacke
die vielen Steine, welche daselbst noch liegen und die er sich zum
Baue eines Hauses vom Riesengebirge geholt hatte. (Haupt, Sagenbuch
d. Lausitz, No. 112.)
Ebenso erzählt eine lausitzisch-wendische Sage, daß der Teufel einmal
auf dem Wege war, um ~Kneschki~, d. i. kleine Herren oder Junker
auszusäen. Als er von der Bautzner Gegend aus über Wittichenau,
Hoyerswerda und Senftenberg kam, um in der Niederlausitz seine Saat
fortzusetzen, verlor er bei dem Dorfe Skado bei Senftenberg einen
solchen Kneschk. Ärgerlich sagte er: »~to je skoda~!« (das ist
schade!), weil er den Junker für die Niederlausitz hatte aufsparen
wollen. Davon hat denn jenes Dorf seinen Namen erhalten. (Preusker,
Blicke in die vaterländische Vorzeit, I., S. 180.). Auch das Dorf
Langenschade in Thüringen verdankt seinen Namen einem gleichen
Ausrufe des Teufels. Der Teufel flog hoch durch die Luft und trug
in seiner Schürze eine Menge Häuser mit sich davon. Ohne daß er es
merkte, fiel eines nach dem andern aus der Schürze. Als er es endlich
gewahr wurde, rief er ärgerlich aus: »Das ist schade!« So entstand
der Ort Langenschade. (Richter, Deutscher Sagenschatz, 4. Heft, No.
23.)
Die letzten beiden Sagen zeigen besonders darin eine große
Ähnlichkeit mit der unsrigen, als der ärgerliche Ausruf des Teufels
einem Dorfe, bei uns aber dem letzten Hause von Schellerhau seinen
Namen verschaffte.
V.
Zaubersagen.
Neben dem Götterkultus bestanden bei den alten Deutschen auch Übungen
in der Zauberei, d. h. in dem Vermögen, höhere geheime Kräfte auf
andere, und zwar anfänglich gut oder böse, später jedoch nur schädlich
wirken zu lassen. Durch die christlichen Priester wurden diese
heidnischen gottesdienstlichen Gebräuche für sündhaftes Blendwerk
erklärt und mit dem Teufel in Verbindung gesetzt, so daß sich die
Vorstellung von einem unmittelbaren Zusammenhange des bösen Feindes mit
dem Wesen der Zauberei ausbildete. (J. Grimm, Deutsche Myth., S. 580.)
Im Zusammenhange mit dem Zaubern steht auch das Beschwören, d. h. ein
Zaubern durch Segensformeln, sowie das die Zukunft enthüllende Wahr-
und Weissagen; letzteres geschah einst bei germanischen Völkern durch
das Auflesen der auf ein Tuch geworfenen Runen. Besonders wurde die
Kraft der Weissagung den mit einem reizbaren Nervensystem begabten
und mehr von der Außenwelt abgezogenen Frauen, welche deshalb bei
den alten Deutschen Priesterinnen und Wahrsagerinnen zugleich waren,
zugeschrieben; sie waren auch die Wisserinnen mancher Geheimnisse,
und sie kannten die heilende Kraft der Kräuter, so daß sich daraus
später der Glaube des Mittelalters an Hexen und Hexerei entwickelte.
Wie das Christentum den Begriff zaubernder Frauen bereits bei dem
Heidentume vorfand und nun vielfach veränderte, so läßt sich bis in die
Gegenwart in dem ganzen Hexenwesen noch ein offenbarer Zusammenhang mit
den Opfern, den vielfach mit religiösen Veranstaltungen verbundenen
Volksversammlungen und der Geisterwelt der alten Deutschen nachweisen.
(J. Grimm, a. a. O., S. 587.) Es mag nur daran erinnert werden, daß
die Hexen nach den Volksüberlieferungen am Walpurgis- oder Hexenabende
fast immer nach Orten durch die Luft fahren, welche ehemalige Gerichts-
oder Opferplätze sind. Ob übrigens die »Drutenau«, mit welchem Namen
man schon seit Jahrhunderten das Thal von Auerhammer bezeichnet,
ein solcher Platz war, mag dahin gestellt bleiben; die Drut, welche
teilweise die Frau Holle oder Perchtha vertritt und mit der man in
der Schweiz lärmende Kinder beschwichtigt, gilt häufig auch als Hexe.
Eine solche erkennt man nach dem Glauben der Erzgebirger an den
Platt- oder Drudenfüßen, an den roten Haaren, den roten, triefenden
Augen und großen, buschigen, über der Nase zusammengewachsenen
Augenbrauen. (Spieß, Aberglauben etc., S. 29.) Das Behexen richtet sich
hauptsächlich auf das Vieh und Getreide der Nachbarn; in unsern Sagen
wird dadurch gute Milch in blutige verwandelt. Außerdem schreibt der
Volksmund noch das Beschreien, wobei jemand wegen irgend einer guten
Eigenschaft gelobt wird, damit dann das Gegenteil davon eintrete, der
Hexerei zu. Als Schutz gegen Zauberei und Hexerei gelten Kreuzeszeichen
an der Thüre, das Durchkriechen unter sogenannten Schleifbrämen, das
Versprechen und anderes mehr.
Nach dem Volksglauben stehen nicht bloß die Hexen, sondern überhaupt
alle Zauberer in einem Bunde mit dem Teufel. Die ersten Überlieferungen
von solchen Bündnissen des Teufels mit Männern finden sich bereits im
10. Jahrhunderte, während die erste sichere Erwähnung eines Bundes
des Teufels mit Hexen in der Mitte des 14. Jahrhunderts in Italien
vorkommt. Jacob Grimm vermutet dabei, daß die Veranlassung zu dem
Glauben an Teufels- und insbesondere Hexenbündnisse in der Verfolgung
der Ketzereien, welche in der Mitte des 13. Jahrhunderts von Italien
und Frankreich nach Deutschland kam, zu suchen sei. Man legte den
Zusammenkünften der Ketzer abgöttische Ausschweifungen zur Last und die
Kirche eiferte gegen die neuen Irrlehren und Überreste des Heidentums,
welche sich jenen da und dort zugesellten. (Deutsche Mythologie, S.
600.)
In unsern Sagen wird der Teufel zur Dienstleistung citiert, oder er
wird durch Beschwörungen in Fliegen- oder Hummelgestalt aus Personen
ausgetrieben. Durch gewisse Zauberformeln, welche in geheimnisvollen
Büchern stehen, werden die höllischen Geister in verschiedenen
Gestalten, hauptsächlich als schwarze Vögel, herbeigerufen. Mit Hülfe
des Teufels verbreitet sich die Pest, und Speisen werden so fest
gemacht, daß man nichts davon abschneiden kann. Durch teuflische Künste
festgemachte Personen können auf gewöhnliche Weise nicht verwundet
werden; dies gelingt erst durch einen abgeschossenen Dukaten oder
silbernen Knopf, oder durch einen Degen, welchen man zuvor unter dem
Schuh durch die frische Erde oder durch ein Brot gezogen, oder dessen
Spitze man wenigstens vorher in die Erde gestoßen hat.
Die musicierenden und tanzenden +Katzen+ erscheinen offenbar als
Hexentiere. Katzen werden aber auch als Wesen gedacht, von deren
Lebensdauer der Bestand der Familie abhängt. (Rochholz, a. a. O. I., S.
160); zuweilen verkündigen sie etwas Erfreuliches. Bei uns sagt man,
daß eine über den Weg laufende Katze, besonders eine schwarze, Unglück
bedeutet. Wenn eine Katze sich putzt oder einen krummen Rücken macht,
so kommt Besuch. -- Wie als Kühe und Ziegen hat man sich die Wolken
auch als Katzen gedacht, und man meinte weiter, daß die in den Wolken
waltenden Weiber die Gestalten von Katzen annehmen könnten; daher
nennt man die durch Luft und Wolken ziehenden Hexen auch Wetter- und
Donnerkatzen. (Mannhardt, a. a. O., S. 90.) -- Katzen zogen den Wagen
der Freya.
255. Der Schwarzkünstler zu Geyer.
(Lothar, Volkssagen und Märchen. 1820. S. 69. Darnach Gräße, Sagenbuch
d. K. S., No. 450.)
Vor vielen Jahren ward zu Geyer ein Totengräber gefangen genommen
und in einen Turm gesetzt, so daß er mit den Füßen die Erde nicht
hat berühren können. Man glaubte nämlich früher, daß Zauberer und
Hexen, wenn sie die Erde nicht mehr berühren könnten, unschädlich
würden, und sperrte sie daher oft in eiserne Käfige ein. Der genannte
Totengräber hatte seine Frau ermordet, ihren Mund mit schwarzen Beeren
angestrichen, als sei sie an der Pest gestorben, alsdann ihr den Kopf
abgeschnitten, das Herz aus der Brust genommen, verbrannt, solches auf
die Straße ausgestreut und wer darüber gegangen, ist gestorben. Seines
Kindes Kopf hat er an die Feuermauer gehängt; so viele Tropfen Blutes
von ihm gefallen, so viele Menschen sind gestorben. Dann hat er die
sterbenden Leute aufs Gesicht gelegt und ihr Sterben hat kein Ende
genommen. Drei Ruten hat dieser Mann ausgesteckt, eine nach Annaberg,
die andere nach Schweinitz, die dritte nach Alterle (Elterlein?).
Zuletzt hat er erzählt, wie viel Glück er mit seiner Kunst in großen
Städten gemacht habe. Er meinte, wenn er nur die Erde oder einen
Kreuzweg oder eine Dachtraufe erreichen könnte, so wollte er sich schon
die Freiheit verschaffen.
Blutstropfen sind Symbole für die Seele. Drei frische, auf die Hand
fallende Blutstropfen zeigen einer Mutter den Tod ihres gemordeten
Kindes an. (Grimm, Deutsche Sagen, No. 353.)
Jacob Grimm bemerkt (Deutsche Myth., S. 607), daß früher der Glaube
verbreitet gewesen sei, eine Hexe könne sich verwandeln, sobald sie
die Erde berühre. Eine Frau in Zittau, welche als Hexe galt, wurde,
damit sie die Erde nicht berühre, im Stockhause frei aufgehängt.
Ähnliches geschah 1678 in Bautzen mit einem Räuber und Mörder, der
den Teufel hatte. (Pescheck, Gesch. v. Zittau, II. S. 746.)
256. Pestzauberei.
(Lehmann, Histor. Schauplatz etc., S. 987.)
Im Jahre 1680 wurde zu Geyer der Totengräber wegen Zauberei auf
dem Gottesacker gefänglich eingezogen. Denn man hatte ihn auf den
Markt gehen und aus einer Schachtel etwas ausstreuen sehen. Als
darauf allerhand Beweismittel gesucht wurden, ihn seiner Bosheit zu
überführen, so fand man unter anderen, daß er sein eigen Weib wieder
ausgegraben, ihr Augen, Nase und Zunge ausgeschnitten und zu Pulver
gebrannt und dieses Pulver auf die Gasse gestreuet hatte. Er erhielt
dafür den Staupenschlag und wurde des Landes verwiesen.
Im Jahre 1614 hatte ein Totengräber zu Wolkenstein einer Pestleiche
den Kopf im Grabe abgestoßen, diesen in seiner Stube an einer Schnur
in des Teufels Namen aufgehängt, darein Hefen, Bier und Blut von
Verstorbenen, sowie Milch aus der Pestleichen Brüsten gegossen
und darnach eingeheizt. So viel Tropfen nun aus dem schwitzenden
Hirnschädel gefallen, so viel Pestleichen hat er denselben Tag gehabt.
Dieser Pestzauberer hatte auch zweierlei Pulver, ein gutes wider die
Pest, und ein ansteckendes, so er aus einer Pestdrüse gemacht. Wegen
solcher schrecklichen Unthaten ist er verbrannt worden.
Im Jahre 1623 hauste die Pest in Gottesgab, welches Städtchen halb
ausstarb. Der Totengräber kam in den Verdacht, daß er diese Seuche
mit bösen Mitteln verursacht habe. Hans Leonhardt, ein verwegener
Mühlknecht, welcher kürzlich erst aus dem Kriege gekommen war, wagte
sich hinein in des Totengräbers Häuslein und fand einen Totenkopf über
dem Ofen hängen, darüber er sich erboste, und er hieb den Totengräber
samt dem Weibe krumm und lahm, holte Feuer und brannte das Spital gar
weg, daraus zwar die tötlich Gehauenen gekrochen, aber dennoch an ihren
Wunden gestorben sind.
Im Jahre 1633 hatte eine gewisse Pittelia samt ihrer Tochter zu
Abertham die Pest durch Zaubermittel vermehren helfen. Bei der Marter
bekannte sie, daß sie eine Bürste neben einer Leiche ins Grab geworfen
habe; man müsse dieselbe wieder herausnehmen, wo nicht, müsse ganz
Abertham aussterben, da schon 26 Personen gestorben waren. Es hat sich
mit der Bürste auch also befunden, und wurde diese Pestzauberin am
18. November genannten Jahres in Joachimsthal an einem Pfahle mit dem
Strange erwürgt, ihre Tochter von 13 Jahren enthauptet, beide Körper
verbrannt, der Sohn aber des Landes verwiesen.
257. Die Zauberelse zu Zwickau.
(Tob. Schmidt, ~Chron. Cygn.~ II., S. 374. Gräße, a. a. O., No. 550.)
Im Jahre 1557 den 22. Mai ist zu Zwickau die alte Zauberelse gefänglich
eingezogen worden. Die hatte den Leuten Tränke gesotten, den Mägden
Kinder abgetrieben, auch vielen Menschen in ihren Gliedmaßen, Armen,
Beinen, Fingern, Brüsten und in die Fersen »gefärtigt«, auch viele
andere Zauberei mehr getrieben. Sie hatte auch einem Maler zu Glauchau
Gift beigebracht, daß er gestorben. So hatte sie auch leiblich mit dem
bösen Feind gebuhlt und eine lange Zeit mit ihm zugehalten, der ihr
auch Geld gebracht, bisweilen 2 und 3, bisweilen auch 4 Thaler, mehr
aber nie. Da man sie gefragt, wie er aussehe, hat sie geantwortet, er
wäre ein alter grauer, häßlicher Teufel. Dieser böse Geist ist auf der
Gasse oftmals mit ihr gegangen, doch, sprach sie, es hat ihn niemand
als sie sehen können. Als sie gefangen gesessen, ist er oftmals zu ihr
vor's Gefängnis und an das vergitterte Fenster gekommen und hat sie
gefragt, was sie mache, ob sie heraus wolle, er wolle ihr helfen. Sie
hat aber geantwortet, sie wolle gern hinaus, aber sie habe noch ihre
Seele zu bedenken. Auf diese Rede ist er davon geschieden, sie aber hat
gesessen bis zum 18. Juni, da hat sie wegen vielfälliger Zauberei ihre
Strafe empfangen und ist am Galgen verbrannt worden.
Jacob Grimm weist (Deutsche Myth., S. 599) darauf hin, daß, nachdem
die heidnischen Vorstellungen von einer Verbindung der Helden mit
Schwanenfrauen und Elbinnen verdrängt worden seien, der Glaube an
einen geschlechtlichen Verkehr des Teufels mit Hexen, durch welchen
das geschlossene Bündnis besiegelt und dem Teufel freie Macht über
die Zauberinnen verliehen ward, Platz greifen konnte.
258. Das Zauberbuch und die gespenstischen Krähen.
(Mitgeteilt vom Sem. Osw. Hübner aus Bernsbach.)
Eine alte Frau in Bernsbach, die selbst schon Großmutter war, erzählte,
daß ihr Großvater einst einen alten Freund, der Gasthofsbesitzer in
einem andern Orte war, besucht habe. Da gerade Heuernte gewesen, sei
der Wirt mit allen seinen Leuten auf die Wiese gegangen, so daß nur
sein alter Freund in dem Gasthofe zurückblieb. Dieser erhielt den
Auftrag, Bier zu verschänken, wenn Gäste kämen. Als er nun allein
gewesen, hätte er ein Buch aus einem Schranke genommen und sich mit
Lesen darin vertieft. Auf einmal wäre eine Krähe an das Fenster
gekommen, und bald darauf wären noch mehrere gefolgt, welche sich
sämtlich vor der Hausthüre niedergelassen hätten. Auf einmal wäre
aber der Wirt atemlos in das Haus gestürzt gekommen, hätte dem sonst
sehr lieben Freunde eine Ohrfeige gegeben, das Buch weggenommen und
die Worte gesprochen: »Wäre ich nicht gekommen, so wärest Du in einer
Viertelstunde tot gewesen, denn die Krähen hätten Dich umgebracht!«
Daran ist bloß das Lesen in dem geheimnisvollen Buche schuld gewesen.
Die Raben, an deren Stelle bei uns im Glauben des Volkes auch die
Krähen und Dohlen getreten sind, gelten als Teufelsvögel, deren
Erscheinen gewöhnlich Unglück und insbesondere einen Todesfall
verkündet. Nach einem slavischen Aberglauben sind überhaupt Vögel
die Seelen Verstorbener; Raben und Krähen gelten als die Seelen
Verdammter. Nach Aargauer Sagen entschweben die Seelen der Erlösten
in Gestalt von Tauben, die von Verwünschten und Erhängten dagegen
verwandeln sich in Raben. (Rochholz, a. a. O. I., S. 156.) Auf
dem Kirchhofe zu Scherpenheuvel wurden die Nahewohnenden nach dem
Begräbnisse eines Mannes, der ein schlechte Leben geführt hatte,
durch das Geschrei eines Raben in ihrer nächtlichen Ruhe gestört.
(Nork, a. a. O., S. 275.)
Wie unter dem Einflusse der christlichen Bekehrer die alten
heidnischen Gottheiten zu dämonischen und teuflischen Gestalten
wurden, so auch die ihnen einst geheiligten Tiere. Auf den Schultern
Odhins saßen zwei Raben, »Hugin und Munin«, d. h. Gedanke und
Erinnerung, welche jeden Tag durch die Welt flogen und dann dem
Gotte Nachrichten ins Ohr raunten. In Erinnerung an diese einst dem
Gotte beigegebenen Vögel erzählt die Sage, daß der Kaiser Friedrich
Barbarossa, auf dessen Gestalt, ebenso wie auf die anderer beliebter
Helden, Odhin übertragen wurde, im Kyffhäuser einen Hirten frug, ob
noch die Raben um den Berg flögen. Nach einer lausitzischen Sage
dagegen wurde der wilde Jäger, d. i. Odhin, in einen Nachtraben
verwandelt.
259. Die unheimlichen Gäste in Werda.
(Köhler, Volksbrauch im Vogtlande, S. 537.)