Einmal hat ein Saufbruder vor Pfingsten Maien beim Kohlberge geholt

und in seine Behausung gebracht, in Willens, eine grüne Lust dabei zu

genießen und seine Biergötzen damit zu beehren; das hat den Katzenveit,

der der rechte Waldmeister und Baumherr ist, schwer geärgert. Wie

nun solcher Birkenschmuck hin und wieder in der Stube ausgebreitet

und damit gleichsam eine Laubhütte gemacht worden war, da wird das

Bierfaß hereingeschleppt, in die Mitte gestellt und der Saufbartel und

seine Freunde setzen sich auf Schemeln rund herum und gießen so einen

Becher nach dem andern in die Gurgel hinab und bringen sich einen

Toast nach dem andern zu. Auf einmal fängt aus dem Laube ein Kuckuck

zu schreien an, was ihnen anfänglich gar närrisch vorkommt, darauf

fängt ein Storch an zu klappern und endlich singt die Nachtigall ihr

Runda Runda Dinellula. Da erschrecken sie bald ein wenig und wissen

nicht, wie ihnen geschieht, denn bald werden sie gezupft und sehen doch

nicht, woher es kommt, bald schwingen und schütteln sich die Maien und

schlagen auf die Tagediebe los, daß sie Zeter und Mordio schreien und

aus der Stube hinweglaufen. Gleichwohl hoffen sie, der Spuk werde sich

bald wieder verlieren, damit sie zu ihrem Gelage zurückkehren können.

Sie gucken darüber zum Fenster hinein, siehe da waren aus allen Maien

junge Mägdlein geworden, welche schöne Gläser in den Händen hatten. Da

sprangen alle eilig wieder in die Stube, faßten sie an und sprangen mit

ihnen um das Bierfaß herum. Wie sie sich aber ein wenig umschauen, da

haben die Damen Teufelsklauen an Händen und Füßen, ein großes rundes

Auge mitten im Kopfe und an diesem Ziegenhörner. Ei, wie teuer wurde

ihnen jetzt das Lachen, wie gern wären die Hengste jetzt hinaus und

davon gewesen! Aber sie mußten ausharren und bei etlichen Stunden also

herumhüpfen, daß ihnen der Angstschweiß an allen Orten ausbrach und sie

endlich für tot niedersanken. Zwar haben sie sich bald wieder erholt,

aber ihre lose Pfingstlust war ihnen für immer vergangen.

Oft zog der Katzenveit als fahrender Schüler im Lande herum und foppte

die Wirte. So kam er einst als armer Student zu einer Wirtin und legte

sich ohne Weiteres in ein schönes Gastbett. Sie aber trieb ihn heraus,

er aber stahl ihr das Bett und verkaufte es. Ein anderesmal sah er,

daß eine Schankwirtin gebratene Tauben am Spieße stecken hatte; als

sie nun aus der Küche abgerufen ward, huschte er hinein, nahm sie mit

sich und aß sie ungescheut in der Stube am Tische auf. Wie nun die

Frau das sah und ihr Eigentum vermißte, fragte sie ihn, wie er zu den

Tauben komme, und er antwortete. »Wie kommt der Tag zum Winde (sintemal

es gerade sehr stürmte)?« Damit nahm er die andere gestohlene Taube

beim Kopfe und fraß sie auch auf. Endlich kam er einst in ein Dorf,

wo ein geiziger Pfarrer wohnte, der niemandem etwas gab, sondern alle

Ansprechenden entweder selbst, in einem dicken Bauernpelz vermummt,

oder durch seine Leute oder mittelst seines Kettenhundes forttrieb.

Bei diesem trug er sich so an, als gehe er auf Freiersfüßen und

wolle seine Tochter ehelichen. Da nahm man ihn mit Freuden auf, der

Vater ließ etliche Tauben zurichten und braten und die Mutter lief

etliche Male vom Feuer weg und ließ die Küche leer stehen. Nun zog

er schnell mitgebrachte junge, abgerupfte Raben aus dem Ränzel, lief

zum Herde, spießte sie an und so wurden sie zusammen fertig. Als sie

aber aufgetischt wurden, da partierte er letztere auf den Teller des

Pfarrers und seiner Frau, und kehrte es also, daß die rechten Tauben

auf den seinigen kamen, dann aber machte er sich, nachdem sein Appetit

gestillt war, aus dem Staube.

Einst fragte man ihn, warum jetzt alles so teuer sei, und er

antwortete, es gebe jetzt mehr Tribulierer und Flegel als sonst,

besonders junge Drescher, die Prokuratoren hießen und sich für ihre

Dienste allemal zuvor bezahlt machten, also, daß wenig in den Scheunen

blieb. Das hörte zufällig ein Advokat, der dabei stand und sprach:

»Ganz recht mein Knecht!« und indem er ihn bei der Hand faßte, sagte

er: »Ich greife nach dem Flegel und marschiere auf die Tenne in

Willens, den Rest vollends auszuklopfen und darauf zu schlagen, bis ich

das Stroh aufreibe.« Aber jener nicht faul, packte den Rabulisten bei

der Kartause, fuhr ihm erstlich über's Maul, warf ihn dann zu Boden und

sprach. »Halt, Geselle, ich muß dich ein wenig zudreschen!« und indem

schlug er mit allen beiden Klöppeln auf die ungegerbte Garbe los, daß

das Schrot und Korn haufenweise (denn der Geizhals hatte eben einen

Haufen Geldes bei sich) aus dem Strohjunker heraussprang, also daß der

neue Drescher nicht allein eine große Ernte an ihm hielt und seine

Säckel anfüllte, sondern auch die Zuschauer eine gute Nachlese halten

konnten, weil der Katzenveit ihn wund geschlagen. So hatte der Patient

keinen Beweis, seinen Beleidiger zu verklagen, und damit zu wuchern,

sondern er mußte die Stöße hinnehmen, als hätte ihn ein Hund gebissen.

Es ist bereits in der Einleitung zu diesem Abschnitte auf die

Ähnlichkeit des erzgebirgischen Katzenveit mit dem Rübezahl des

Riesengebirges hingewiesen worden. Unter den derben Neckereien des

ersteren erinnert z. B. die mit dem kotigen Bienenkorbe an eine Sage

von Rübezahl; derselbe verkaufte nämlich Bienenkörbe, welche mit

Menschenkot bestrichen waren. (Das Riesengebirge in Wort und Bild, 4.

Jahrg. 1. und 2. H., S. 11.) Beiden Sagengestalten ist die Fähigkeit,

verschiedene Gestalten anzunehmen, sowie Gegenstände zu verwandeln,

gemeinsam.

220. Ein Stückchen vom Pumphut.

(Jugenderinnerung eines gebornen Nosseners.)

In der Beiermühle bei Siebenlehn sprach einmal der gespenstige

Mühlknappe an, der seines eigentümlich geformten Hütchens wegen

»Pumphut« genannt wurde. Die Leute waren eben beschäftigt, ein neues

Wasserrad einzusetzen, sahen den Fremden gar nicht an und fertigten ihn

kurz ab. Kaum war Pumphut weiter gegangen, so fand sich, daß die Zapfen

am Rade zu kurz waren. Die Zeugarbeiter, die ihr Werk so sorgfältig

wie immer ausgeführt hatten, zerbrachen sich den Kopf, bis einer auf

den Gedanken kam, der Fremde möge wohl Pumphut gewesen sein und ihnen

einen Schabernack angethan haben. Sofort eilten sie ihm nach und bald

sahen sie ihn gemächlich an der Mulde weiter wandeln, aber so sehr

sie auch rannten, sie konnten ihn nicht einholen, auch hörte er lange

nicht auf ihr Rufen. Endlich blieb er stehen, erwartete sie und kehrte

nach vielen Bitten mit um nach der Mühle. Dort klopfte er mit seinem

Hütchen rechts und links an das Rad und nun paßte alles vortrefflich.

Da ihm nun alle Ehre erwiesen ward, bannte er noch die Sperlinge, die

dem Müller immer viel Schaden gethan hatten. Seitdem soll sich kein

Sperling mehr dort wohlbefinden.

In Gräßes Sagenschatz von Sachsen (No. 672) ist eine im Wesentlichen

mit der unsrigen übereinstimmende Sage vom Pumphut mit der

Burkhardtsmühle im Vogtlande verknüpft; eine andere Sage, die Gräves

Laus. Sagen entlehnt ist und auch von Karl Haupt mitgeteilt wird,

verlegt die Begebenheit nach Volkersdorf (Sagenschatz No. 841.)

Ebenso teilt Veckenstedt in seinen Wendischen Sagen und Märchen S.

86 etc. drei Überlieferungen mit, nach denen Pumphut Mühlwellen

verkürzte. Mehr noch als durch seine übernatürlichen Künste, wie

das Fahren in papiernen Kähnen über Flüsse, z. B. die Mulde, das

Zerschneiden eines Mühlsteins in Bautzen, das Auffangen von Kugeln

in seinem Hute u. a. m., erscheint uns Pumphut durch sein Ende und

eine Begebenheit in seiner ersten Kindheit als ein dämonisches

Wesen. Da er noch als Kind in der Wiege lag, verschwand er plötzlich

und an seiner Stelle fand sich eine Schlange; wie ihn nun seine

Eltern vergeblich überall gesucht hatten und wieder in die Wiege

blickten, lag er auf einmal frisch und gesund in derselben. Hier

tritt die dämonische Schlange an die Stelle des ebenfalls dämonischen

Wechselbalgs. Pumphut wurde endlich nach seinem Wanderleben, auf

dem er hauptsächlich Mühlen aufsuchte, von einer Schlange, welcher

ein Kopf nach dem andern aus dem Halse wuchs, bis es an die Hundert

waren, lebendig verzehrt.

Eine wendische Sage bezeichnet ihn als großen Nix, der aber nicht

gern im Wasser lebte. (Karl Haupt, Sagenbuch der Lausitz, No. 220 und

Veckenstedt, Wendische Sagen und Märchen, S. 86 etc.)

221. Das Jüdel.

(Lehmann, Hist. Schauplatz, etc. S. 930. Gräße, Sagenschatz d. K.

Sachsen No. 561.)

Man kennt im ganzen Erzgebirge ein Kindergespenst, das sogenannte Jüdel

(richtiger »Gütel«, von gut) oder Hebreerchen und erzählt, daß, wenn

die kleinen Wochenkinder während des Schlafs die Augen halb aufthun,

die Augäpfel in die Höhe wenden, als wollten sie etwas sehen, dabei

zu lächeln scheinen und dann wieder fortschlafen, manchmal auch zu

weinen anfangen, daß das Jüdel mit ihnen spiele. Damit nun aber die

Kinder nicht ferner von demselben beunruhigt werden, so kauft man

ein kleines, neues Töpfchen samt einem Quirlchen, und zwar so teuer,

als man es bietet, ohne zu handeln; da hinein wird von dem Bade des

Kindes gegossen und es dann auf den Ofen gestellt und man sagt, das

Jüdel spiele damit und plätschere das Wasser so lange heraus, bis

nichts mehr im Töpfchen sei. Andere blasen Eier aus den Schalen in des

Kindes Brei und der Mutter Suppe und hängen solche hohle Eierschalen

samt etlichen Kartenblättern und anderen leichten Sachen mehr mit

Zwirn an die Wiege des Kindes, daß es frei schwebe. Wenn nun die Thür

aufgemacht wird, oder es geht und bewegt sich jemand in der Stube,

also daß die am Faden schwebenden Sachen sich in der Luft bewegen,

so sagen die Weiber, man solle nur acht geben, wie das Jüdel mit den

Sachen an der Wiege spiele. Wenn zuweilen die Kinder rote Flecke haben,

da sagt man, das Jüdel habe sie verbrannt; dann soll man das Ofenloch

mit einem Speckschwärtlein schmieren. Das Jüdel spielt aber auch des

Nachts mit den Kühen, dann werden sie unruhig und brummen, macht man

aber Licht an, so sieht man nichts. Ebenso geht es in die Pferdeställe

und fängt an die Pferde des Nachts zu striegeln, dann werden dieselben

wild, beißen und schlagen um sich, ohne daß sie sich des Gespenstes,

welches auf ihnen hockt, entledigen können. Um das Jüdel als Hausgeist

zu unterhalten, muß man ihm Bogen und Pfeile und Spielsachen in den

Keller und die Scheune legen, damit es damit spiele und Glück in's Haus

bringe. Wenn aber die Wöchnerin vor demselben ganz sicher sein soll, so

muß ein Strohhalm aus ihrem Bette an jede Thür gelegt werden, dann kann

weder das Jüdel noch ein anderes Gespenst herein.

Man will auch das nächtliche Fallen, welches einen Tod anzeigen soll,

mit dem Jüdel in Verbindung bringen.

In Scheibenberg diente vor Jahren eine alte Magd, welche bei solchem

nächtlichen Fallen sagte. »Gütchen, ich geb' dir mein Hütchen, willst

du den Mann, ich gebe dir den Hahn; willst du die Frau, nimm hin

die Sau; willst du mich, nimm die Zieg'; willst du unsere Kinder

lassen leben, so will ich dir alle Hühner geben!« Es ist in Elterlein

geschehen, daß man bei solchem gespenstischen Fallen eine Henne oder

Ziege dem Ungetüme gegeben, auch solche Stücke des Morgens tot gefunden

hat.

Das erzgebirgische »Jüdel« ist das »Gütel« (Heugütel) der vogtl.

Sage, oder das »Hütchen« in den deutschen Sagen der Brüder Grimm

(I. No. 75.) Es ist ein guter, hülfreicher Hausgeist, dessen Name

jedenfalls auf »gut« zurückweist. Es mag hierbei auch an das

in Oberungarn gebräuchliche »Gödchen« für Patenkind und an das

oberösterreichische »Göd« ein Taufkind, hingewiesen werden. Göthe

spricht im Faust von den »frommen« Gütchen. In mancher Beziehung hat

es Ähnlichkeit mit den Kobolden, welche in Gestalt kleiner Kinder

erschienen.

222. Das Schrackagerl.

(Grohmann, Aberglauben und Gebräuche aus Böhmen und Mähren. 1. B. 1864,

S. 16 und 234.)

Das Schrackagerl ist im Erzgebirge ein Hausgeist; es sitzt im Stalle

auf der Raufe und sieht aus wie ein kleines Kind. Wo es ist, gedeiht

alles, das Vieh, das Geflügel; nur darf man nicht fluchen, sonst

verwirrt es den Pferden die Mähnen, bindet die Kühe los und treibt sie

durcheinander. Das Schrackagerl hilft den Mägden arbeiten, so daß alles

rein im Hause ist; nur muß ihm die Magd von ihrem Essen immer einen

Teil aufheben und hinlegen.

In Heinrichsgrün heißt das Schrackagerl auch Strackagerl; es verwirrt

den Kindern die Haare. Wenn die Kinder des Morgens mit verwirrten und

verfilzten Haaren aufstehen, sagt man: Da ist auch das Strackagerl

darüber gewesen.

Das Schrackagerl von Heinrichsgrün ähnelt dem Schreckgökerle der

vogtländischen Sage, vor dem sich die Kinder fürchten und mit dem

deshalb letzteren gedroht wird. (Köhler, Volksbrauch etc. S. 477.)

223. Die Wehklage.

(Lehmann, Hist. Schauplatz etc., S. 784. Gräße, Sagenschatz d. K.

Sachsen, No. 568.)

Im Erzgebirge giebt es ein Gespenst, die sogenannte Klagefrau oder

Klagemutter; diese geht vor das Haus, wo ein Kranker liegt und fängt

an jämmerlich zu heulen. Will man nun wissen, ob derselbe stirbt

oder nicht, so wirft man vor die Thüre von oben ein Tuch herab, das

demselben gehört; nimmt die Klagefrau, die nun zu heulen aufhört,

dasselbe mit fort, so stirbt der Kranke, läßt sie es aber liegen, so

findet das Gegenteil statt.

Im Jahre 1626, da ein großes Sterben war, wohnte Nikolaus Köhler,

ein Schuster in Oberwiesenthal, am Markt. Da er sich abends zur Ruhe

gelegt, höret er ein jämmerlich Geheule auf dem Markt, so daß er nicht

schlafen kann. Er siehet hinaus und wird gewahr, daß es um den Holzstoß

eines gegenüber wohnenden Nachbars so winselt und jammert. In dem Hause

desselben aber lagen zwei Sterbende, wie er des folgenden Morgens

allererst erfahren. Er spricht: »Ja heule, daß Dir was anders in Rachen

fahre!« und legt sich wieder nieder. Gleich kommt das Heulgespenst vor

die Kammer und heulet noch gräßlicher. Er fähret ins Bett hinein mit

Furcht und Grausen, und das Weib verweist ihm seine Verwegenheit, warum

er bei elenden Sterbezeiten so frech hinaus geschrien; sie fangen an

mit einander zu beten. Das Heulding fähret hinauf auf den Oberboden,

und von dannen zum Fenster in das Quergäßchen herunter, und heulet

wieder aufs neue vor des Büttels Thür, und des Morgens erfuhr er,

daß auch darinnen ein Patient am Tode läge. Der Schuhmacher aber hat

noch über 30 Jahre gelebt und ist erst anno 1664 an der ungarischen

Soldatenkrankheit gestorben.

224. Die Winselmutter bei Grünhain.

(Nach Ziehnerts poet. Bearbeitung bei Gräße, Sagenschatz des K.

Sachsen, No. 530.)

In der Nähe von Grünhain fließt der sogenannte Oswaldsbach. An

demselben soll um die Mitternachtsstunde ein gespenstischer Schatten

auf- und niederhuschen, der beständig Klagetöne ausstößt. Das Volk

nennt denselben die Winselmutter und erzählt sich, einst habe ein

Jüngling, dem seine Geliebte die Treue gebrochen, in dem genannten,

an vielen Stellen sehr tiefen und reißenden Bache seinem Leben ein

Ende gemacht; seine ihn liebende Mutter habe ihn darauf sieben Tage

lang aufs sorgfältigste gesucht, aber doch seinen Leichnam nicht

wiederfinden können, und so sei sie zuletzt selbst an Erschöpfung und

gebrochenem Herzen gestorben. Weil sie dabei gegen Gottes weise Fügung

gemurrt, so sei es nun ihr Los, ewig den Körper ihres ertrunkenen

Sohnes unter steten Klagen und Wimmern suchen zu müssen.

Die Sagen von der Klagefrau, Winselmutter oder Wehklage sind auch

dem Vogtlande und der Lausitz nicht fremd. Im Vogtlande stellt man

sich jedoch das Gespenst nicht in menschlicher Gestalt, sondern als

Kalb oder Schaf mit feurigen Augen vor, oder es wird als unförmliches

Wesen beschrieben. (Köhler, Volksbrauch etc., S. 478.)

225. Irrlichter bei Annaberg und Scheibenberg.

(Chr. Lehmann, Hist. Schauplatz, S. 421. Moritz Spieß, Aberglauben etc.

des sächs. Obererzgebirges. Programmarbeit. 1862, S. 39.)

Am Schottenberge unter Annaberg giebts alte Bergkessel und Bingen, an

denen der Fußsteig vorbei geht. Daselbst sind etlichemal bei Nacht,

sonderlich zur Winterszeit, Reisende von Irrlichtern bethört und in

Löcher und tiefen Schnee geführt worden, so daß man sie auf ihr

jämmerliches Schreien und Rufen mit Laternen aufgesucht und gerettet

hat.

Im Jahre 1683 ging ein Witwer mit seiner Braut beim Scheibenberger

Gottesacker vorbei und sagte: »Da drinnen liegt mein voriges liebes

Weib.« In dem Wort blendet sie ein Licht und umgiebt sie ein

Feuerschein zweimal, so daß sie mit Schrecken davon gelaufen sind.

Auch bei der Grube »Dorothea« auf Geiersdorfer Gebiet und bei der

Grube »Stern« auf Mildenauer Revier läßt sich zu gewissen Zeiten ein

Lichtlein sehen.

226. Die Staatslaterne bei Geyer.

(Andrä, Chron. Nachrichten von Annaberg. 1837, S. 77. Gräße,

Sagenschatz d. K. S., No. 491. Grimm, Das sächs. Erzgebirge, 1847,

Seite 253.)

Nordöstlich von Geyer gegen den Greifenstein hin zeigt sich an

Herbstabenden eine merkwürdige Lufterscheinung oder ein rötlich

leuchtendes, beinahe 7 Ellen hohes Irrlicht, das, sobald es sich zu

bewegen anfängt, immer kleiner wird, bis es endlich gar verschwindet,

in der dortigen Gegend aber die Staatslaterne von Geyer genannt wird.

Sagen von Irrlichtern sind ungemein zahlreich; dabei erscheinen

die Irrlichter entweder als selbständige Flammen, oder sie fließen

mit der Vorstellung von feurigen Männern zusammen. Eine Laterne

wandelt des Nachts zwischen dem Pfaffenholze und Martinsrieth bei

Sangerhausen, dergleichen im Loh, einem Hölzchen bei Buttstädt;

beide Laternen werden von einer Hand gehalten, ohne daß man sonst

jemanden sieht. (Witzschel, Sagen aus Thüringen, No. 267 und 303.)

Im Vogtlande will man dagegen bemerkt haben, daß jedes Irrlicht den

Kopf zu einer dunkeln, gewöhnlich nicht sichtbaren Gestalt bilde.

Hier nähert es sich dem feurigen Manne. Als wirklicher feuriger

Mann, also offenbar als Kobold, erscheint es auf einer sumpfigen

Strecke bei Loitzsch. An einem andern Orte tanzen die Nixe mit

Irrlichtern. (Eifel, Sagen aus dem Vogtlande No. 449, 159 und 60.)

In dem Volksglauben gelten die Irrlichter vielfach als die Seelen

ungetauft verstorbener Kinder; die beiden Irrlichter in Holzzelle

im Mansfeldischen sind dagegen die Seelen eines Mönchs und einer

Nonne (Größler a. a. O. No. 49.) Das Licht ist ein Symbol für den

Geist des Verstorbenen, darum erscheinen die Seelen als Lichter.

Haupt weist dabei (Sagenbuch etc. No. 57.) auf den Gebrauch in der

Lausitz hin, daß man zwei Lichter anzündet, wenn Brautleute bei

Tische sitzen; wessen Licht zuerst verlischt, der stirbt zuerst.

Eine ähnliche Bedeutung haben auch die Lichter, welche man im

Erzgebirge wie anderwärts am Andreasabende oder zu Sylvester in

Nußschalen auf einem Becken mit Wasser schwimmen läßt, um daraus

die Zukunft der betreffenden Personen zu erfahren. In dem Märchen

vom Gevatter Tod (Br. Grimm, Kinder- und Hausmärchen, 1. B. No.

44) zeigt letzterer seinem Paten in einer unterirdischen Höhle die

Lebenslichter der Menschen, und vielleicht ist auch auf die gleiche

Vorstellung der Gebrauch zurückzuführen, daß man in katholischen

Ländern bei Begräbnissen dem Sarge brennende Lichter voranträgt, oder

am Vorabende des Allerseelenfestes Wachslichtchen anzündet.

227. Die unheimliche Fackel.

(Heger und Lienert, Ortskunde von Schmiedeberg i. B., S. 61.)

Man hat bei Schmiedeberg dann und wann Irrlichter gesehen, die man

unheimliche Fackeln nannte. Die Leute hüteten sich, mit denselben

Bekanntschaft zu machen und wichen ihnen aus, wo sie konnten.

Einst soll im Bogenhaus, in der Nähe des »letzten Pfennigs«, ein

Mann durchs geöffnete Fenster eine unheimliche Fackel bemerkt und

ihr vorwitzig zugerufen haben: »Komm her auf Courage!« In diesem

Augenblicke erhielt er von unsichtbarer Hand eine tüchtige Ohrfeige;

die Fackel aber war verschwunden.

Eine tüchtige Ohrfeige erhielt auch vom Irrlichte jener Schulmeister,

welcher demselben bei der sogenannten Lerch am Saalwalde im

reußischen Oberlande mit den Worten entgegentrat: »Was bist Du für

ein Licht?« Neben der Ohrfeige erhielt er noch die Antwort: »Kümm're

Dich um Dich, ich bin ein Licht für mich!« (Eisel, Sagenbuch des

Vogtl., S. 163.)

228. Dämonische Gestalten am Grundtümpel bei Wildenau.

(Chr. Lehmann, Histor. Schauplatz., S. 207 und 208.)

Zu Wildenau ist im Pöhlwasser ein unheimlicher Ort, der Grundtümpel

genannt, da sich das Wasser einer Stuben groß in die Runde dreht,

und sich öfters darin allerlei Spukgestalten sehen lassen, als

Weiber, Männer und Pferde. Man hat auch in selbiger Gegend bis nach

Schwarzenberg und Sachsenfeld viel Irrwische und feurige Drachen ziehen

und spielen sehen. Wenn die Leute aus Raschau nach Wildenau gingen,

oder von Schwarzenberg herüber gehen wollten, hat es sie oft die ganze

Nacht irre und gar nahe an den besagten Tümpel geführt, so daß sie beim

Anbruche des Tages an dem Wasser gesessen haben.

Teilweise ist ihnen ein Fischer mit Hamen begegnet, der sie bis an die

Dorfhäuser täuschte, so daß sie 10 bis 12 Wochen darnach krank gelegen

haben. Im Jahre 1624 wollte Andreas Illings Vater am Wildenauer Berge

mit seinem Pferde arbeiten; da kam ein fremdes weißes Pferd mit allem

Geschirr gelaufen und spannete sich selbst an. Nachdem es aber eine

Weile hurtig gegangen, ahnte der Ackermann nichts gutes und wollte

ausspannen und Mittag machen. Damit aber riß sich das wilde Pferd

mit Haken und dem andern Pferde los und lief nach dem Tümpel zu; der

Ackermann hing sich an sein Pferd, schrie und gab gute und böse Worte,

bis sich das Gespenst verlor und ihn mit seinem Pferde in großer

Bestürzung zurückließ.

229. Dämonische Gestalten an einem Teiche bei Scheibenberg.

(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 208.)

Eine starke Viertelstunde unter Scheibenberg, am Elterleiner Wege,

läuft der tiefe Stollen in einen Teich aus. Daselbst hat es die Leute

oft bei Tag und Nacht erschreckt und den Weg bald in Gestalt eines

großen, ungeheuren Mannes, bald eines Wolfes vertreten, oder sonst mit

Tumult und Gerassel bethört.

230. Dämonischer Sturm bei Oberscheibe.

(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 208.)

Im Juli des Jahres 1644 waren die Oberscheibener oben bei ihren Teichen

im Heumachen. Da kommt am Sonnabende vor dem zehnten Trinitatissonntage

ein mächtiger Sturmwind mit Sausen und Pfeifen, fährt in die Teiche

und wirft das Wasser hoch in die Höhe, als wenn sich zwei Pferde im

Wasser mit einander schlugen. Darüber erschraken die Leute, liefen an

die Heuschöber, die bösen Geister aber fuhren aus den Teichen in die

Heuschöber, spielten damit in der Luft, fuhren über die Äcker hinaus

und nahmen, wo sie gegen Crottendorf zu antrafen, alle Wipfel von den

Bäumen mit.

231. Der Drache.

(Mündlich. Spieß, Aberglaube etc. Progr., S. 30. Lehmann, a. a. O., S.

207.)

Auf einer sumpfigen Wiese unterhalb Neustadt bei Falkenstein, nach

Dorfstadt zu, ist öfters der Drache gesehen worden. -- Vielfach

verbreitet ist der Glaube, daß der Teufel denen, welche mit ihm ein

Bündnis geschlossen haben, in der Gestalt eines Drachen Geld und andere

Gegenstände zuträgt, welche er anderswo geraubt hat. Der Drache fährt

bei solchen Leuten zur Feueresse herein, und man muß ihm dann eine

Schüssel Hirsebrei auf den Oberboden setzen; er verzehrt den Brei

und legt statt dessen Geld in die Schüssel. Bei Marienberg sagt man,

daß ein solches Geldstück, welches der Drache gebracht hat, stets

wiederkommt, wenn es auch ausgegeben worden ist. Thut es dagegen der

Empfänger in ein Glas, das er mit einem Deckel verwahrt hat, auf den er

einen Kreis mit Kreide beschreibt und innerhalb desselben die Kreide

liegen läßt, so muß es bleiben.

Feurige Drachen hat man zugleich mit Irrlichtern auch in der Gegend von

Schwarzenberg ziehen und spielen sehen.

Der Glaube, daß man dem Drachen eine Schüssel Hirsebrei auf den

Oberboden setzen müsse, steht jedenfalls mit dem auch im Erzgebirge

vorhandenen Gebrauche in Verbindung, am Neujahrstage Hirse zu essen,

damit man das ganze Jahr über Geld habe. Auch nach einer slavischen

Sage mußte der Drache, welcher einem Bauer Geld brachte, mit Hirse

gefüttert werden. (Veckenstedt, Wendische Sagen, S. 166.)

232. Das gespenstische Kalb auf dem Frauenmarkte in Schneeberg.

(Mündlich.)

Sagenbuch des Erzgebirges · 第 19 / 62 段