Holzweibchen häufig Geschenke; doch mußten sie sich auch manchen
Schabernack gefallen lassen. Oft machten sich die Weibel unsichtbar
und nahmen den Leuten die mitgebrachten Lebensmittel weg. Der
hungrige Waldmann fand dann manchmal statt des Mittagsbrotes höchst
ärgerlicherweise nur eine Menge Hackspäne in seinem Schnappsacke
vor, die er meist achtlos wegwarf. Zuhause angekommen, erstaunte er
freilich, wenn einige hängengebliebene Spänchen und Splitter zu purem
Golde geworden waren. Ähnliches passierte auch einmal zweien armen
Weibern, die oberhalb des Pürsteiner Burberges und unweit des Dorfes
Gesseln in der Waldung dürres Holz sammelten. Sie trafen da ein kleines
Wesen, das ihnen eine Menge Hackspäne zeigte und sie aufforderte, diese
Späne noch mitzunehmen. Die Weiber, obwohl schon ziemlich belastet,
gehorchten und füllten die letzten leeren Plätzchen in ihren Körben mit
den Spänen, auf dem Heimwege aber, als die Bürden sich gar zu schwer
erwiesen, sagten sie: »Was sollen uns eigentlich auch die Späne!« und
warfen sie hinaus. Nur ein paar dieser Späne blieben an den Körben
hängen, und diese wurden zuhause -- o Wunder! -- zu blankem Golde.
Jetzt freilich ärgerte es die Weiber ungemein, daß sie die reiche Gabe
so leichtsinnig weggeworfen hatten, und das ließ in ihnen leider die
Freude über den verbliebenen Rest schönen Goldes sowie das Gefühl der
Dankbarkeit gar nicht recht aufkommen.
180. Waldweibchen im Seegrunde bei Zinnwald.
(Mündlich.)
Ein Mann von Zinnwald trieb etwas Spitzenhandel, der ihn öfters nach
Böhmen führte. Einmal ritt er durch den Seegrund nach Eichwald, da
begegnete ihm ein Waldweibchen. Dasselbe redete ihn an: »Bruder, willst
Du mit mir schnupfen?« dabei that es sonderbarer Weise seine Schürze
auf und die war voller Laub. Als der Spitzenhändler hineingriff, um
sich des Spaßes halber, wie er meinte, eine Hand voll Laub zu nehmen,
blickte er zugleich auf und sahe das Gesicht des Waldweibchens gleich
einem alten Käse. Da erschrak er so sehr, daß er seine Hand schnell
zurückzog und fortritt. Das Weibchen aber rief ihm nach: »Nun muß ich
noch hundert Jahre warten; hättest Du das Laub genommen und wärest
nicht erschrocken, so wäre ich erlöst!« Ein Blatt war ihm jedoch unter
den Ärmel gefahren, und das war, als er es später fand, lauter Gold.
Das Ansehen des Gesichts vom Waldweibchen gleich einem Käse erinnert
an die Zwerge Tirols und der Schweiz, welche »Kasermandeln«
(Käsemännchen) heißen und goldene Käse oder sich erneuernde
Gemskäslein verschenken. Förstemann hat in Kuhns Zeitschrift für
Sprachforschung I. S. 426 nachgewiesen, daß Quark (= Käse) und Twarg
(vergl. mhd. ~querx~ und ~twere~) im deutschen Norden bis Lievland
beides Zwerg und Käse bedeutet. (Rochholz, Deutscher Glaube und
Brauch, I. S. 12.) In den Lausitzer Sagen heißen die Zwerge Querxe.
Nach einer schottischen Sage haben auch die Elfen, welche sich durch
ihre gewöhnlich grüne Kleidung unsern Holzweibchen nähern, eine
Vorliebe für Käse. Auf dem Gipfel des ~Minchmuir~ in ~Peebleshire~
befindet sich die Käsequelle, welche den Elfen geweiht war und die
ihren Namen davon erhalten hat, daß die Vorübergehenden gewohnt
waren, ein Stück Käse hineinzuwerfen. (Henne-Am-Rhyn, die deutsche
Volkssage, S. 269.)
181. Ein gefangenes Waldweibchen verkündet den Frieden.
(Chr. Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 758.)
Als Kurfürst Joh. Georg I. im Jahre 1644 um Rabenstein gejagt hatte
und am 18. August an Chemnitz vorbeizog, bekam er die Nachricht, daß
seine Jäger ein wildes Weiblein in der Stallung gefangen hätten,
welches einer Ellen lang, von menschlicher Gestalt, rauher Haut, doch
im Angesicht und an den Fußsohlen glatt war. Endlich habe dasselbe
angefangen zu reden und gesagt: »Ich verkündige und bringe den
Frieden.« Darauf hat der Kurfürst befohlen, dasselbe wieder laufen
zu lassen und gesagt: »Wir erinnern uns, als wir vor 25 Jahren auf
den Lautersteinischen und Crottendörfischen Wäldern gejagt, daß wir
dergleichen Männlein gefangen, welches uns den Krieg verkündiget und
gesagt: »Ich bring euch Krieg.«
182. Das Holzweibchen im Schönecker Walde.
(Illustrirtes Familien-Journal. VI. No. 157.)
Da droben im Schönecker Walde lebte vor Jahren ein Holzhauer, ein
braver, stämmiger Bursche, der aber trotz rastloser Thätigkeit kaum
soviel verdienen konnte, um eine alte kranke Mutter und ein paar
kleinere Geschwister zu ernähren. Es ging immer knapp her, und doch
mußte hie und da noch ein Groschen für ein rotes Band oder etwas
dergleichen abfallen, womit der Bursche die Tochter des Nachbars
beschenkte. Die jungen Leute waren einander gut; aber an's Heiraten
durften sie noch lange nicht denken, denn es fehlte ihnen ein eigenes
Hüttchen, und die Wohnungen der Ältern hatten nicht Raum für einen
neuen jungen Hausstand. Da entschloß sich der Bursche schweren Herzens,
ein paar Jahre hinaus in die Welt zu wandern und sich irgendwo zu
vermieten, bis er sich das Nötige verdient haben würde. Als er bald
darauf durch den grünen Wald zog und trübe Bilder der nächsten Zukunft
in seiner Seele auftauchten, da sprang plötzlich vor ihm ein kleines
graues Mütterchen mit einem Körbchen Reisig aus dem Gebüsche, und wie
gehetzt lief es auf ihn zu und bat flehentlich, er möge schnell in
eine niedergebrochene Fichte, die just über den Weg lag, drei Kreuze
schneiden, der wilde Jäger sei ihr auf dem Fuße und der sei ihr Feind
und werde sie töten. Das alles war das Werk eines Augenblicks, und
alsbald hatte der Bursche auch mit seinem Messer die drei Kreuze in
den Baumstamm geschnitten, und war selbst mit dem fremden Weibchen
darunter gekrochen, als auch schon das wilde Heer ankam. An den drei
Kreuzen aber hatte die Macht des wilden Jägers eine Schranke, er
zog fluchend und wetternd zurück und das Holzweibchen war gerettet.
Dasselbe gab seinem Helfer einen grünen Zweig aus seinem Körbchen,
dankte gar geheimnisvoll und -- war verschwunden. Dem Burschen war's
noch ganz wirbelig und drehend im Kopfe von all dem Spuk, aber so viel
war ihm doch klar, daß das graue Mütterchen, wenn es einmal etwas
schenken wollte, sich schon ein wenig mehr hätte angreifen können.
Mißmutig wollte er den Zweig wegwerfen, besann sich aber doch noch
und steckte ihn zum Andenken an das sonderbare Erlebnis auf seine
Mütze. Wie er nun frisch weiter schritt, da ward ihm sein Mützlein
immer schwerer und schwerer, und als er es endlich abnahm, da war
der Zweig gewachsen, und was war's überhaupt für ein Zweig geworden?
Gelbe glitzernde Blätter waren d'ran, und wuchsen immer noch mehr, daß
ihm schier Sehen und Denken und am Ende die Lust, weiter zu wandern,
verging. Er kehrte um, ohne eigentlich zu wissen, warum, und war noch
vor Abend wieder daheim. Was die alte Mutter sich wundern mochte! Der
Tochter des Nachbars aber war's eben recht, denn: Wiederkommen bringt
Freude.
Der wilde Jäger hatte wohl Ursache, das Holzweibchen zu verfolgen, denn
dasselbe hatte in seinem Garten von dem wunderbaren Goldbaume sich ein
Körbchen der besten Zweige geholt. Davon hatte nun der Bursche einen
bekommen und der trieb immer neue Blätter. Die Blätter schüttelte unser
Holzhauer ab und verkaufte sie in den Städten, wo sie noch heute von
den schönen Damen als Schmuck getragen werden. Nun konnte er seines
Nachbars Kind heiraten, und sie mögen sich wohl auch ein gar hübsches
Haus gebaut haben. Das Goldbäumchen aber ist mit der Zeit eingegangen,
vielleicht hat sichs auch das Holzweibchen wieder geholt, vielleicht
auch der wilde Jäger selber.
Auch Christ. Lehmann erzählt im Histor. Schauplatze, daß sich die
Holzweibchen in ihrer Gutmütigkeit und um die Menschen glücklich
zu machen, zuweilen an dem zauberhaften Baume im Garten des wilden
Jägers vergreifen, daß sich aber die von ihm abgebrochenen Zweige und
Blätter in Gold verwandeln. Deshalb werden nun die wilden Weibchen
vom Satan, d. h. dem wilden Jäger verfolgt.
183. Buschweibchen in der Umgebung des hohen Steines.
(Joh. Böhm in der Erzgebirgs-Zeitung, 1881, S. 135.)
Wie im hohen Steine zwischen Graslitz und Markneukirchen
menschenfreundliche Zwerge wohnten, so hielten sich in den umliegenden
Wäldern Buschweibchen auf, welche häufig in die Häuser kamen und dort
Essen begehrten, wofür sie manch' seltenen, kostbaren Stein, manch'
heilkräftige Pflanze zurückließen.
Manche Leute nennen sie auch Moosweibchen, und man schildert sie als
zwerghafte Gestalten, über und über mit Moos bewachsen und Kleider aus
Baumrinde und Flechten tragend. Einst bezeigte sich ein solches Wesen
besonders wohlthätig, wie uns die folgende Sage berichtet.
Zu wiederholten Malen vernahmen Beerweiber und Schwämmesammlerinnen
aus einem dichten Gestrüppe in der Nähe des hohen Steines heftiges und
anhaltendes Niesen; aber keiner von ihnen fiel ein, »Helf Gott!« zu
rufen. Wenn sie sich dann auf den Heimweg begaben, sahen sie aus dem
Gebüsche ein Moosweibchen treten, das sich unter schweren Seufzern und
traurigen, vorwurfsvollen Blicken entfernte. Einst aber, als das Niesen
denn gar zu laut und häufig erschallte, sagte ein Weib: »Nun so helf
Gott der Person, welche so heftig da drin nieset!« Augenblicklich stand
eine weiße Frau vor ihr und sagte freudig: »Du hast mich erlöst, hier
empfange Deinen Lohn!« Mit diesen Worten überreichte sie dem armen,
erschrockenen Weibe einen schweren Moosknollen und verschwand. Der
überreichte Knollen aber enthielt ein großes Stück Gold, welches das
Weib reich machte.
Eine ähnliche Sage aus der Grafschaft Mannsfeld erzählt von einem
Görsbacher, welcher am »Wahle«, einem Stück Land, wo jedenfalls
früher ein alter Gerichts- und Opferplatz war, vorüberging und dabei
wiederholt jemanden niesen hörte. Der Görsbacher rief jedesmal »Gott
helf!«, aber kein Dank schallte zurück. Als es nun zum dritten Male
nieste, sagte der späte Wanderer: »Ei, wenn Du mir nicht dankst,
so schweig ich auch.« Da rief es ihm kläglich zu: »Ach, hättest Du
mir doch nur noch einmal »Gott helf!« zugerufen, so wäre ich erlöst
gewesen; nun muß ich wieder 100 Jahre nach Erlösung schmachten!«
(Größler, Sagen der Grafschaft Mannsfeld, No. 221.)
Ganz ähnlich sind die Sagen vom Spuk am roten Steine bei Oberhof
in Thüringen, (Richter, Deutscher Sagenschatz, 3. H. No. 7), und
von den verfluchten Jungfern bei Eisenach und am Falkensteine bei
Schmalkalden. (Witzschel, Sagen aus Thüringen, No. 113 und 153.)
Die Sitte, beim Niesen dem Betreffenden »Gott helf!« oder dem
Entsprechendes zuzurufen, reicht jedenfalls bis ins graue Altertum
zurück, obschon der Anfang dieses Gebrauchs gewöhnlich in das 6.
Jahrhundert verlegt wird, als eine Beulenpest in Italien auftrat,
welche mit Niesen begann und mit dem Tode endete. Damals soll man
zuerst demjenigen, welcher zu niesen anfing, zugerufen haben: »Nun
helf' Dir Gott!« (Hahn, Geschichte von Gera I. S. 287.) Jedoch
gedenken dieser Sitte schon Aristoteles und Plinius. Aristophanes
bezeichnet das Niesen als eine göttliche Kundgebung, und als eine
solche galt dasselbe auch bei den Indianern Amerikas; denn als die
Spanier in Florida eindrangen, sahen sie, daß, wenn der einheimische
Herrscher nieste, die Anwesenden sich vor ihm beugten und die Arme
flehend nach der Sonne ausstreckten.
Daß die Buschweibchen und wilden Weiber heilkräftige Kräuter kannten,
wie unsere Sage meldet, erfahren wir auch aus dem Gudrunliede. Wate
von Stürmen verband sich und die im Kampfe Verwundeten und nahm
eine gute Wurzel in seine Hand, denn längst hatte man vernommen,
»heilkundig sei Herr Wate von einem wilden Weibe!«
184. Buschweibel in der Gegend von Platz und Hohentann.
(Edw. Heger in der Erzgebirgszeitung, 6. Jahrg., S. 55.)
Man erzählt in der Gegend von Hohentann und Platz, daß in alten Zeiten,
wenn das Gesinde auf den Feldern und die Hausfrau allein zu Hause
war, daß die Buschweibel öfters in den Häusern erschienen und bei
verschiedenen häuslichen Verrichtungen hülfreich an die Hand gingen
und sogar die Kinder warteten. Diese gute Zeit ging aber vorüber wie
die Buschweibel selbst prophezeiten, denn sie sagten: »Wenn man wird
die Knödel im Topf und das Brot im Ofen zählen, dann ist unsere Zeit
vorbei, dann werden wir nicht mehr da sein!«
185. Warum die Holzweibel nicht mehr im Erzgebirge leben.
(Grohmann, Aberglauben und Gebräuche aus Böhmen und Mähren. 1. B., S.
14.)
Der Holzweibchen sind vormals viele in den erzgebirgischen Wäldern
gewesen; sie können aber jetzt nicht mehr daselbst leben, seit das Brot
im Backofen gezählt wird. Früher wurde es nicht gezählt und da konnten
sich die Holzweibel unbemerkt davon holen.
Mehr noch wie die eigentlichen Zwerge machen die Holzweibchen den
Eindruck von Angehörigen eines unterdrückten und nur geduldeten
Volksstammes. Bemerkenswert ist dabei, daß sie niemals wie die Berge
bewohnenden Zwerge als Volk, sondern nur vereinzelt auftraten. Die
Eigentümlichkeit ist ihnen nicht bloß bei uns, sondern auch in den
Sagen der Lausitz und des Vogtlandes beigelegt. Eine Lausitzer Sage
ermöglicht die Deutung, in den Holzweibchen versprengte Slaven zu
sehen. In dem Dorfe Königshain wird nämlich einem solchen Weibchen,
welches sich den Winter über bei einem Bauer aufgehalten hatte, von
einem anderen, das vorübergeht, »Deuto, Deuto!« zugerufen. Es könnte
dies ein Warn- oder Fluchtruf sein und so viel wie »Deutsche kommen!«
bedeuten. (Haupt, Sagenbuch d. Lausitz I. No. 37.) Unsere Sage deutet
an, daß die Holzweibchen sich heimlich das Brot holten, denn als man
es zählte, konnten sie nicht mehr in der Gegend unbemerkt leben und
zogen deshalb fort.
Doch weisen wieder andere Züge, welche die Sagen von den Holzweibchen
anführen, auf mythische Wesen hin, wie sich denn überhaupt die
Vorstellungen von unterdrückten Volksstämmen und diejenigen ihrer
Gottheiten im Laufe der Zeit mit einander vermengten.
186. Die Holzweibel ziehen fort.
(Edw. Heger in der Erzgebirgszeitung, 6. Jahrg., S. 60.)
Als die Holzweibel von den Menschen nicht mehr gastlich aufgenommen
wurden, nahmen sie immer heimlich etwas weg: hier ein paar Klöße aus
dem Topfe, dort ein frisch gebackenes Brot, und das war ihnen ein
Leichtes, denn sie konnten sich unsichtbar machen. Doch man merkte
endlich den Diebstahl und nun zählte die geizige Hausfrau allemal ihre
Klöße und Brote, und die Weibel konnten dann nichts davon wegnehmen.
Das war schlimm für die kleinen Leute, und sie beschlossen, die
ungastlichen Stätten der Menschen zu verlassen und weit fortzuziehen.
Auf der Sosauer Flur wollte die Auswandererschar den rauschenden
Egerfluß übersetzen, und ihr König rief dem Fährmann zu: »He Ferge, Du
sollst Deinen Lohn im voraus wählen: entweder einen roten Kreuzer für
jede Person oder Deinen Hut voll Goldstücke ein für allemal!«
Da sich die Weibel unsichtbar gemacht hatten, so kannte der Fährmann
ihre Zahl nicht, und er dachte: Du nimmst das Gewisse! Er entschied
sich daher für das Gold. Aber der Zug Leutchen wollte schier kein
Ende nehmen, und Nacht und Tag ohne Unterlaß mußte der Mann die Fähre
lenken. Endlich sagte der König: »Ferge, Du bist jetzt zu Ende; willst
Du aber einmal sehen, was Du mit Deiner Arbeit geleistet hast?« Als
dies der Fährmann bejahte, winkte der König und alsbald wurden die
Weibel sichtbar, die alle kleine Sturmhütlein trugen. Da erstaunte der
Fährmann über die Menge der kleinen Gestalten, die auf den angrenzenden
Feldern des Dorfes Pokatitz am nordöstlichen Fuße des Kaadner Burberges
aufgestellt waren, eng zusammen, so daß alles rings kohlschwarz aussah.
Er merkte nun, wie thöricht seine Wahl gewesen, und daß ihm der
verschmähte rote Kreuzer viel mehr eingebracht hätte.
187. Moosmännchen auf dem Kahleberge bei Altenberg.
(Mündlich.)
Auf der mitternächtlichen Seite des Kahleberges sind schon viele irre
gegangen. Das geschah durch Moosmännchen, welche sich hier aufhielten
und an gewissen Tagen besonders die Holzhauer neckten. Ein Holzarbeiter
sah einmal ein solches Männchen; es war klein und sein Gesicht war mit
Moos überzogen. Der Holzhauer konnte es aber nur sehen, wenn er etwas
seitlich blickte; wendete er sich eilig um, damit er es anredete, so
war es verschwunden; er sah es aber immer wieder von der Seite, wenn er
weiter ging.
Auch die wilde Jagd hat man vielmals am Kahleberge gehört.
Deutsche Sagen und unter diesen auch solche aus dem böhmischen
Erzgebirge erzählen uns ebenfalls von Moosweibchen, welche vielfach
mit Wald- oder Holzweibchen zusammenfließen. Moosweibchen lebten
z. B. im Harz in der Gegend von Wildemann. Sie werden uns als
freundlich und liebreich geschildert und hatten Gänsefüße. Gleich den
Holzweibchen wurden sie vom wilden Jäger verfolgt. Eine Erinnerung
an die Moosmännchen hat sich im Harze noch darin erhalten, daß bei
Volksfesten verkleidete und über und über in Moos gehüllte Knaben
mit einem kleinen Tannenbaum in der einen und einer Sparbüchse in
der andere Hand umhergehen und milde Gaben erbitten. (Heine, Sagen
etc. aus dem Harze, S. 29.) Eine ähnliche dunkle Erinnerung an diese
mythischen Wesen findet sich auch im Vogtlande, wo man an einzelnen
Orten, wie in Reichenbach, zu Weihnachten kleine Moosmännchen auf den
Tisch stellt.
188. Waldgeist bei Pfannenstiel.
(Christ. Lehmann, Histor. Schauplatz etc., S. 75.)
Hinter Grünhain liegt ein Wald, der Pfannenstiel genannt, auf welchem
nicht allein viel Menschen erschlagen worden sind, sondern es hat auch
daselbst ein Waldgeist viel Leute geneckt und erschreckt, daß sie
davon starben. Dergleichen ist einem Schneeberger mit Namen Mehlhorn
begegnet, den es in den Rumpelsbach geworfen, nachdem er dieses
Gespenst auf dem Rücken den Berg hinan getragen hatte.
189. Ein Feldteufel zu Grumbach.
(Christ. Lehmann, Histor. Schauplatz etc., S. 76.)
Im Jahre 1654 hielt der Richter zu Grumbach einen Dorfknaben von
13 Jahren zu seinen Schafen. Von diesen führte ihn ein Feldteufel
zweimal weg; das eine Mal warf er ihn nach dem Kitzwalde ins dürre
Fichtengras, das andere Mal sahe das Gespenst seinem verstorbenen Vater
ähnlich, bald mit, bald ohne Kopf, und es trug ihn in der Höhe über
drei Äcker weg und warf ihn dann in einen Morast, so daß der Knabe
krank wurde und nicht mehr hüten wollte.
190. Der Getreideschneider.
(Spieß, Aberglaube, Sitten etc. des sächs. Obererzgebirges.
Programmarbeit. Dresden 1862, S. 14; z. T. mündlich.)
Am Johannesabende in der sechsten Stunde kommt der sogenannte
Getreideschneider, der über die Ecke eines Stückes Getreide
durchschneidet, von welchem er dann, wenn der Bauer drischt, den vollen
Nutzen hat. Um diesem vorzubeugen, nimmt der Bauer Liebstöckelöl (Öl
aus ~Levisticum officinale~) und macht, nachdem er den Finger in das
Öl getaucht, ebenfalls in der sechsten Abendstunde des Johannestages,
drei Kreuze an jede Ecke des Feldes auf die Erde. Ist aber der
Getreideschneider bereits dagewesen, so hängt der Bauer, bevor er
das Getreide einfährt, ein Büschel Reisigspitzen (frischgrünende
Tannenzweige) über dem Scheunenthor auf, drischt sobald als möglich und
macht dabei mit dem Reisigbüschel den Anfang. Dann ist der Bann gelöst
und der Getreideschneider zieht keinen Nutzen.
In Thierfeld geht die Sage, daß in der Mittagsstunde des Walpurgistages
die Vogelbeerbäume und Feldfrüchte von dem Getreideschneider
beschnitten würden, ohne daß man ihn sieht.
Auch in Thüringen hat man ein ähnliche Mittel, um den
Getreideschneider, den man daselbst, sowie im Vogtlande,
Bilmschnitter nennt, zu erkennen. Man belegt die Tenne mit sieben
Reisigbündeln und bearbeitet dieselben mit dem Dreschflegel; die
Person nun, welche während dieses Dreschens an das Scheunenthor
tritt, wird für den Bilmschnitter gehalten. (B. Sigismund in
»Aus der Heimat«, 1862, No. 13.) -- In Süddeutschland heißt der
Bilmschnitter »Bilwitzschneider«, und dieser Name erinnert an den
slavischen Pilwitz oder Plon, den Gott des Reichtums und zugleich
des Todes. Auch die »Pilweisen« der schlesischen und Lausitzer
Sagen sind Kobolde oder von Kobolden besessene Menschen, die andern
Schaden zufügen. In einer Sage von den Pilweisen zu Lauban tritt ein
schwarzer Bock auf; da derselbe auf den Teufel hinweist, so verbindet
sich mit den weiblichen Pilweisen (und mit dem Bilmschnitter?) der
Begriff der Hexen. -- Da die Sagen von gespenstischen Tieren im
Kornfelde mit denen vom Bilmschnitter in einer gewissen Verbindung
stehen, so erklären sich dadurch vielleicht auch die im Erzgebirge
vorkommenden Bezeichnungen »Stoppelhahn« (jetzt allerdings nur in
der Bedeutung eines Festes am letzten Erntetage gebraucht) und
»Panzelhahn«. Der letztere Ausdruck erinnert an die oben angeführte
Sitte des Reisigbüscheldreschens; denn wenn beim Dreschen des
Getreides der letzte Schlag fällt, so ruft man demjenigen, welcher
diesen Schlag gethan hat, zu: »Du hast den Panzelhahn geschlagen!«
191. Der Hemann im Erzgebirge.
(Anton Aug. Naaff und Friedr. Bernau in der Comotovia, 4. Jahrg., S.
80.)
Während der Hemann im nördlichen Böhmerwalde einen schwarzen Mantel
trägt und ein Hut zum Teil sein bärtiges Gesicht beschattet, erscheint
derselbe im Erzgebirge, in der Gegend von Preßnitz, Sonnenberg, Weipert
u. s. w. ganz in Grau gekleidet. Den Tag über hält er sich verborgen,
kommt aber bei einbrechender Dunkelheit aus seinem Verstecke hervor, um
seine nächtliche Wanderung zu beginnen, auf welcher er Ungläubige und
Frevler erschreckt und nicht selten mit dem Tode bestraft.
192. Der Hemann und andere Waldgeister in Bäringen.
(Grohmann, Aberglauben und Gebräuche aus Böhmen und Mähren. 1. B. 1864,
S. 15.)
In Bäringen neckt und ängstigt der Hemann die Menschen. Doch giebt
es dort auch noch andere Waldgeister, die gar nicht einmal sichtbar
werden, sondern dem nächtlichen Wanderer nur einen »Traf« geben, ihn
»muschen« oder ihm einen Tappen anhängen und ihn so erschrecken, daß er
krank wird oder einen Ausschlag im Gesichte erhält.
Sollte unser Hemann mit dem schwäbischen »Hojemann«, d. h.
Waldmännlein, oder dem »Hoymann« in der Oberpfalz identisch
sein? Beide Namen werden von »hojen« d. h. hegen, den Waldhüten,
abgeleitet. (Leipziger Illustr. Zeitung, No. 1738.)
193. Das Hemännchen bei Krima und Neudorf.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen. 1863, S. 118.)
Seitwärts von den Dörfern Krima und Neudorf dehnt sich der Tenichwald
bis nach Sonnenberg aus. Wenn man des Nachts durch diesen Wald geht und
mit lauter Stimme ruft: He, he! Hu, hu! so erhält man aus der Ferne
Antwort. Hierauf hockt sich etwas auf den Rücken des Wanderers und
zwingt ihn, es bis ins nächste Dorf zu tragen, wo es verschwindet. So
ging es einmal einem Heger, der mußte die Last bis Krima tragen. Dort
war es ihm, als ob etwas hinabspringe, aber er konnte nichts sehen, so
rasch war es verschwunden.
194. Das Hemännchen bei Graslitz.
(Grohmann, Sagen etc., S. 118.)
In Graslitz ist das Hemännchen ein neckender Waldgeist, der seine
Freude hat an dem Schaden der Leute. Mehrere Holzhauer fuhren einst
mit ihren Karren in den Wald, um Bäume zu fällen. Als sie den ersten
Baum zu Falle brachten, hörten sie ein heiseres Lachen hinter sich
und sahen, daß ihre Karren genau an die Stelle geschoben waren, wohin
der Baum fallen mußte. Einen Augenblick später waren alle Karren
zersplittert. -- Einige Weiber suchten Heidelbeeren. Nachdem sie ihre
Krüge gefüllt hatten, stellten sie dieselben auf den Boden und gingen
ein wenig bei Seite. Als sie aber zurückkehrten und ihre Krüge aufheben
wollten, blieb der Boden derselben auf der Erde. Zugleich erscholl
hinter ihnen ein wildes Gelächter und als sie sich umschauten, sahen
sie zwar nichts, erhielten aber eine tüchtige Ohrfeige.
195. Der Hemann des Rammelsberges.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 97.)
Einst lebte zu Platten ein Mann, der hieß Pänkert. Er führte ein
lasterhaftes Leben und soll sogar mit dem Teufel im Bunde gestanden
sein. Nach seinem Tode entstand in dem Hause, das er bewohnt hatte,
ein solcher Tumult, daß darin niemand mehr bleiben konnte. Deswegen
kam auf Geheiß der Verwandten ein Schwarzkünstler aus Sachsen, der
den polternden Geist auf einen grünen Platz zum sogenannten großen
Rainstein bannte, wo er ihn verwünschte, ewig in den Wäldern des
Rammelsberges umherzuirren. Seit dieser Zeit treibt dort der gebannte
Pänkert als Hemann sein Unwesen. Er erschreckt die durch den Wald
gehenden Leute, welche auf sein He-He-Rufen Antwort geben, durch seine
löschpapierfarbige, eisgraue Gestalt und drückt sie, wenn sie nicht die
Kraft besitzen, über den nächsten Graben zu springen. Über das Wasser
wagt sich, wie man sagt, der Hemann nicht.