gottlosen Obersteiger, welcher über Kirche und Gebet spottete, unmäßig
trank und spielte, seine Untergebenen drückte und einen schändlichen
Unterschleif machte. Seinem Beispiele folgten die meisten seiner
Untergebenen; nur acht oder zehn Bergleute glaubten treu an Gott und
Vergeltung, hielten in frommer Gemeinschaft zu einander und wurden von
der bösen Rotte ihrer Kameraden spottweise »Moses und die Propheten«
genannt. Zu diesem kleinen Häuflein, welches vergebens der einreißenden
Verwilderung entgegenstrebte und sogar mit einer Anzeige drohte,
gehörte auch Daniel. Derselbe war ein junger Mann voll Geist und
Leben und dabei ausgestattet mit reichen Kenntnissen im praktischen
Bergbau, so daß er bereits von dem verstorbenen Vorgänger des gottlosen
Obersteigers dem Bergamte zur Beförderung vorgeschlagen worden war.
Doch hatte man ihn bald wieder vergessen, so daß die Hoffnung Daniels,
seine Braut Marie, welche die hinterlassene Tochter des verstorbenen
Obersteigers war, heiraten zu können, in weite Ferne rückte. Dazu
kam noch, daß ihn der gottvergessene neue Obersteiger wegen seines
frommen Wesens haßte und bei den übrigen Vorgesetzten verleumdete. Nur
die Trostworte seiner Braut und eines alten Freundes, des eisgrauen
Martin, welcher mit ihm auf derselben Grube anfuhr, trösteten ihn. Als
nun Daniel eines Tages vor Ort arbeitete und es schon stark gegen das
Ende der Schicht gehen mußte, da sein letztes Licht in der Blende fast
ganz heruntergebrannt war, hörte er unter seinen Füßen ein Klopfen und
Hämmern, und er wußte wohl aus den Erzählungen des alten Martin, daß
dies von den Erdgeistern herrühren müsse, da er ja auf der Sohle der
Grube stand und unter ihm keine Häuer arbeiteten. Da suchte er sein
Arbeitszeug zusammen, um wieder auszufahren. Als er aber im Stollen um
eine Ecke bog, trat ihm plötzlich aus einem von den Alten betriebenen
und wieder verlassenen Orte ein kleiner, dicker Mann im Grubenkittel
entgegen. Schlägel und Eisen, die ihm im Gürtel staken, waren ungeheuer
groß und stark. In der rechten Hand hielt er eine Blende, in der aber
kein Licht brannte, sondern ein herrlicher grüner Stein befestigt
war, der einen wunderlieblichen Schein in hellen Strahlen nach allen
Seiten hinwarf. Wie nun Daniel schweigend vorübergehen wollte, ward
er mit Erstaunen gewahr, daß der unbekannte Bergmann mit seinem Leibe
die Breite des Stollens so genau ausfüllte, daß an ein Vorbeischlüpfen
nicht zu denken war. Er trat also einen Schritt zurück, schlug ein
Kreuz vor der Gestalt und sagte: »Wer Du auch seist, gieb einem frommen
Bergmanne Raum, der auf seinem Berufswege wandelt!« Aber der kleine
Kerl lachte und sagte: »Ich fürchte mich vor Deinem Zeichen nicht,
Kamerad, und magst Du daraus abnehmen, daß ich Dir kein Leid zufügen
will. Im Gegenteil, ich will Dir helfen. Du bist ein armer Kerl, hast
manchmal kaum satt Brot und verdienst mehr, als alle die Schurken, die
hier anfahren. Ich bin der, den Ihr den Bergmönch nennt, bin Herr über
alle Gebirge dieser Gegend und kenne alle edlen Flötze und reichen
Gänge. Dich hab ich lieb gewonnen und will Dich zum reichen Manne
machen. Hier nimm!« Damit langte er aus seinem weiten Grubenkleide
eine Menge der herrlichsten Schaustufen von Rotgüldenerz hervor. »Gott
behüte«, sprach Daniel, »daß ich Euer Geschenk annehme, und somit
meinen Landesherrn bestehle. Wißt Ihr wirklich, wo edle Geschicke
brechen, so zeigt es dem Steiger an, und wir bekommen dann alle einen
höheren Lohn. Schimpft mir auch nicht auf meine Kameraden, es sind auch
noch ehrliche Kerls darunter.« »Narr Du,« brummte der Bergkönig, »mit
Deinen ehrlichen Kameraden; und Dein Steiger ist ein Schuft, der die
Grube bestiehlt und dem ich noch einmal den Hals umdrehen will! -- Du
nimmst also mein Geschenk nicht?« »Ich darf nicht, Herr!« entgegnete
Daniel. »Nun, so krieche hinaus, Du blöder Maulwurf!« Mit diesen Worten
faßte ihn der Berggeist bei den Schultern und warf ihn den Stollen vor
bis an den Fahrschacht, ohne daß dem Daniel jedoch ein Glied weh gethan
hätte. Derselbe stieg nun hinauf, und als er so hoch oben war, daß das
Tageslicht in den Schacht fiel, sah er wieder den Berggeist, welcher
bereits oben war und mit dem Neffen des Steigers seine Silberstufen
theilte. Da der Neffe aber immer die größere Hälfte in seinen Kittel
steckte und darauf den übrigen Teil dem Berggeiste zuschob, packte ihn
dieser beim Gürtel, riß ihm die versteckten Stücke heraus, rannte
ihn mit dem Kopfe gegen die Fahrt, wobei er immer schrie: »Heißt das
ehrlich geteilt, Du Galgenstrick? heißt das ehrlich geteilt?« und
schleuderte ihn endlich in den Schacht hinunter. Glücklicherweise
gelang es dem auf der Fahrt feststehenden Daniel, den Neffen des
Steigers aufzufangen und wieder mit heraufzubringen. Er trug ihn zum
Steiger, dem er die ganze Geschichte erzählte. Dieser aber hieß ihn
einen Narren, der wohl betrunken gewesen sei, und gebot ihm nach Hause
zu gehen. -- Am anderen Morgen wurde Daniel vor den Steiger gefordert,
der ihn der Lüge beschuldigte, indem sein Neffe ausgesagt habe, wie
Daniel betrunken in die Grube gekommen sei, Händel angefangen und ihn,
den Neffen, blutrünstig geschlagen habe. Das Märchen vom Bergmönch sei
nur erfunden worden, damit sich Daniel auf diese Weise entschuldige.
Zur Strafe solle derselbe nun 8 Tage lang zur Huntejungenarbeit,
welche die jüngsten Anfänger verrichteten, verurteilt sein. Diese
neue unverschuldete Kränkung empörte Daniels Herz; er beschloß,
seinen Abschied zu fordern und auf einem ausländischen Bergwerke ein
Unterkommen zu suchen. Seine Braut Marie bestärkte ihn in seinem
Entschlusse. Am nächsten Lohntage wollte er seinen Abgang anzeigen.
Im Bewußtsein seiner Unschuld war er wieder angefahren und begann eben
seine Strafarbeit. Plötzlich stand der Berggeist vor ihm und sprach:
»Siehst Du, Tropf, wie Deine Gutmütigkeit belohnt wird, und was Du für
ehrliche Kameraden hast? So nimm nun ein Stück Silber von mir, damit
Du wenigstens einen Zehrpfennig auf die Reise hast!« »Hebe Dich weg,
Versucher!« antwortete Daniel; »jetzt leide ich unschuldig, deshalb
bin ich heiter und guter Dinge; so ich aber Deinen Reichtum nähme und
mein Gewissen mit ungerechtem Gut belastete, was bliebe mir dann für
ein Trost?« Da entgegnete der Berggeist: »Ich sehe wohl, daß Du ein
ehrlicher, wackrer Bursche bist, und deshalb soll es Dir wohl gehen.
Jetzt merke wohl auf, was ich Dir sage. Wenn Du zu Abend aus der Grube
fährst, so bitte den Steiger, er möchte Dich morgen frei lassen, Du
wolltest Deine Andacht halten. Das darf er Dir nicht abschlagen. Dann
gehe zum Geistlichen, empfange das heilige Sakrament und halte Dich
ruhig. Hüte Dich aber jemand ein Wort zu sagen, es wäre zu Deinem
Schaden. Wenn nun der Steiger die Knappen beruft, so gehe und thue
frischen Muts, was Dir befohlen wird, Du bist auf guten Wegen, Gott
wird Dich schützen und ich werde Dir behülflich sein!« Daniel that, wie
ihm gesagt ward. Er verrichtete am andern Morgen seine Andacht und saß
nun stillbetend in seinem Kämmerlein, wartend, was da kommen sollte.
Einige Stunden nach Mittag hörte er ein Zusammenlaufen und lautes
eilendes Gespräch vor seiner Hütte. Als er hinaustrat, vernahm er, daß
in der Grube ein großes Unglück geschehen sein müsse, denn das Gestänge
stehe still und man höre in der Tiefe ein ungewöhnliches Brausen und
Poltern. Bald rief die Bergglocke die Arbeiter, welche sich nicht auf
der Schicht befanden, beim Steiger zusammen, welcher wetterte und
fluchte. Beim Zählen fehlte bloß der alte Martin, welcher am vorigen
Tage die Erlaubnis erhalten hatte, in sein Geburtsdorf zu gehen. Nun
ordnete der Steiger an, daß einer hinabsteigen müsse, um nachzusehen,
was unten geschehen sei. Dazu veranlaßte er seinen eigenen Neffen,
weil er ihm Gelegenheit verschaffen wollte, sich auszuzeichnen. »Ich
verspreche Dir,« so sagte er zu ihm, »einen Bericht an's Bergamt, der
Dir den Untersteiger einbringen soll!« Der Neffe weigerte sich anfangs,
versuchte es dann, stieg wieder empor und bat schließlich, ihn zu
verschonen, da ihn die Angst umbringe. Da stieß ihn der erzürnte Oheim
in die Grube hinab und warf die schwere Fallthüre zu. -- Unterdeß hatte
sich die Kunde von dem Unglücke in der Grube weiter verbreitet, die
Frauen und Kinder von mehr als zwanzig Bergleuten, die auf der Schicht
arbeiteten, kamen herbei und überhäuften den Steiger mit Vorwürfen;
unter ihnen war auch Marie, welche von tödlicher Angst um Daniel
an den Unglücksplatz getrieben wurde. Da gebot der Steiger, durch
die Vorwürfe erbittert, durch seines Neffen vorsätzlichen Mord noch
mehr verwildert, Daniel solle nun hinab und ihm Kundschaft bringen,
woraus er dann den Bericht abfassen könne. Daniel trat darauf, obwohl
ihn Marie davon zurückzuhalten suchte, die gefährliche Fahrt an. Er
tröstete seine Braut und sagte, sie würden sich gewiß wiedersehen. Der
Steiger aber warf die Fallthür wieder zu, schob den Riegel vor und
sagte lachend: »Der fromme Mann wird wohl pochen, wenn er wieder heraus
will!« Damit ging er nach seinem Hause. Auf Mariens Bitten öffneten die
oben stehenden Bergleute den Schacht wieder und das Mädchen lauschte
hinab. Plötzlich rief sie aus: »Ich sehe ein Licht in der Tiefe!«
und dann wieder: »Gottlob, es ist Daniel!« So war es. Daniel stieg
glücklich hinauf, alle Arme streckten sich nach ihm aus, um ihm zu
helfen. Um seinen Leib hatte er ein Seil geschlagen, und an dem Seile
hing der leblose Körper des vom eigenen Onkel hinabgestürzten Neffen.
Das erste, was Daniel that, war, des Neffen Schläfe zu reiben; man
entzündete Sprengpulver vor dessen Nase, und endlich gelang es den
vereinten Bemühungen, ihn wieder zum Leben zurückzurufen. Als er die
Augen aufschlug, sah er Daniel und stammelte: »Daniel, unschuldiger,
verleumdeter Daniel, zweimal mein Retter, ach, vergieb!« Dieser drückte
ihn an sein Herz. Während dessen war ein höherer Bergbeamter mit dem
Steiger an die Grube gekommen. Der Bergoffizier beugte sich über den
Schacht, starrte hinab und sagte: »Unglaublich! die Wässer steigen
noch immer. Seht nur selbst, Obersteiger!« Dieser eilte herbei, sich
weit über den Abgrund legend. Aber plötzlich fuhr, allen sichtbar,
eine Riesenfaust aus der Tiefe, drehte im Nu des Steigers Angesicht
auf den Nacken, daß man alle Wirbel brechen hörte, hielt das gräßlich
verzerrte, blaue Todenantlitz der Menge entgegen und verschwand mit
seinem Raube unter der Flut. Darauf hörte man ein fürchterliches
Donnern in der Tiefe. Als sich die Umstehenden von ihrem Schreck
etwas erholt hatten, sprach der Bergbeamte sehr ernst: »Gott hat
gerichtet und meinen schwachen Händen dies Amt entnommen! denn auch
ich war gekommen zu richten!« Er erzählte nun, wie die Unredlichkeit
des Steigers dem Bergamte bekannt geworden sei, und wie er vor seiner
Abreise von dem alten Martin, den er als einen frommen Bergmann kenne,
noch mehr vollgiltige Beweise der Schuld erhalten habe. Hier an der
Grube habe er den unredlichen Mann seines Amtes entsetzen und zur
Strafe ziehen wollen. Und als der Bergoffizier nun weiter von Daniel
hörte, wie derselbe in der Grube seinem Tode in den hereinbrechenden
Wassern entgangen sei und wie er den Körper des Neffen vom Steiger
gefunden und auf wunderbare Weise gerettet habe, da erkannten er und
alle Anwesenden die Hand Gottes und die Hülfe des Berggeistes. Daniel
war mit dem Körper des von seinem Onkel Hinabgestürzten von den Fluten
verschlungen worden, und als er wieder zum Bewußtsein kam, fand er sich
mit letzterem in einer geräumigen, trocknen Halle, zu seinen Füßen
stand die angezündete Blende und lag ein Stück Seil. So gelang es ihm,
wieder die Fahrt zu gewinnen und den leblosen Körper mit hinauf zu
ziehen. -- Der Bergoffizier ernannte hierauf Daniel im Auftrage des
Bergamtes zum Untersteiger an der Grube St. Barbara, und ebenso wies er
auch dem alten Martin einen Zuschuß an, der es ihm erlaubte, den Rest
seines Lebens außer der Grube zuzubringen. Darauf schied der Beamte von
ihnen, indem er dem Daniel noch Glück zu seinem neuen Berufe wünschte.
Nach acht Tagen war Marie Daniels glückliches Weib. Der Berggeist
erschien zwar nicht wieder, aber mehrfach konnten die Glücklichen seine
Nähe spüren. Zwar blieb die ersoffene Grube liegen, jedoch entdeckte
Daniel in demselben Reviere die herrlichsten Anbrüche. Die Grube ward
nach seinem Namen »Daniel-Zeche« genannt, gab überreiche Ausbeute und
baute sich gut aus. Als aber nach einem Jahre Daniel den Beamten und
den alten Martin zu Gevattern bei seinem neugeborenen Söhnlein bat
und ersterer ihm die Ernennung zum Obersteiger mit Gehaltszulage
mitbrachte, da klingelte es auf einmal wie goldene Schellen auf den
zinnernen Tellern, die an der Wand standen, und siehe, es fielen eitel
neue Goldstücke durch die Decke herab, hundert an der Zahl. In der
Mitte war ein Mönch darauf geprägt, und rund herum standen die Worte:
»Beschert Glück zur Daniel-Zeche!« Jetzt erkannte Daniel wohl seinen
alten Freund, den Berggeist, und in der Freude seines Herzens griff er
nach einem Becher Weins und brachte auf den Berggeist die Gesundheit
aus. Da that ihm jedermann Bescheid, die Gläser klirrten und zugleich
ertönte eine starke, liebliche Musik von Harfen und Zithern, Hörnern
und Schalmeien. Als man aber die Thüre öffnete und den Spielleuten zu
trinken geben wollte, da war niemand zu sehen und zu hören.
170. Der Berggeist von Abertham.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 84.)
Am ältesten Ende von Abertham liegen mächtige Halden der ehemaligen
»Kreuzzeche,« welche in der letzten Periode des dortigen Bergbaues
allein zur Förderung sämtlicher Erze und Gesteine der Aberthamer
Grubengänge benutzt wurde. Über 300 Bergknappen waren bloß zur
Förderung angelegt. Als man aber daran ging, in genannter Zeche
mancherlei Fördermaschinen einzusetzen, waren viele Bergleute um ihr
Brot besorgt und trauerten und jammerten. Ihr Klagen rührte sogar
den mächtigen Berggeist, der sich entschloß, die bedrängte Lage
von den armen Bergleuten abzuwenden. Er ließ sich daher mehrmals
an verschiedenen Orten der Kreuzzeche sehen und stieß bei seinem
jeweiligen Erscheinen die warnende Drohung aus:
»Legst Du mir meine Manneln (Knappen) ab,
So schneid' ich Dir Deine Mittel ab!«
Da sich jedoch der Bergherr an diese Drohung nicht kehrte, sondern
unablässig darauf sann, immer mehr Maschinen in Anwendung zu bringen,
trat endlich, nachdem des Berggeistes Langmut ein Ende genommen, die
unglückliche Katastrophe ein, welche die gesamte Knappschaft schon
längst befürchtet hatte. Es brach nämlich eines Tages der sogenannte
tiefe Stollen, auch Schlickenstollen genannt, zusammen und ließ sich
nicht mehr bewältigen. Alle angewandten Kunstgriffe, die Entsumpfung
der nach Erz führenden Horizonte zu bewerkstelligen, erwiesen sich
zwecklos; die Mittel waren und blieben abgeschnitten.
171. Der kleine Jäger auf dem Ochsenkopfe bei Bockau.
(Mitgeteilt von P. Mothes aus Bockau.)
Bei der alten Zeche auf dem Ochsenkopfe haben verschiedene Leute einen
kleinen Jäger mit erdfahlem Gesichte gesehen. Derselbe ladet jeden, der
ihm begegnet, zu einem Spiele ein, und wenn ihm dann der Betreffende
folgt, so führt er ihn auf unbekannte Flecke, von wo aus derselbe sich
nur schwer wieder zurecht findet.
172. Der Gevattersmann vom Greifenstein.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen. Anhang, No. 40. Dietrich und Textor,
die romantischen Sagen des Erzgebirges. I. 1822, S. 150. etc. Gießler,
Sächs. Volkssagen. Stolpen (o. J.) S. 107.)
Vor langer Zeit lebte in Geyer ein armer Häuer, mit Namen Hans Geißler,
der war blutarm und hatte ein schwangeres Weib und viele Kinder und
wußte sich oftmals keinen Bissen Brot zu verdienen. Am größten aber
war seine Not am Sylvesterabende, als die Niederkunft seines Weibes
auf wenig Stunden nahe war und er weder eine warme Stube, noch sonst
eine Erquickung, ja nicht einmal eine Wehmutter für sie hatte. Er eilte
hinaus, eine erfahrene Muhme aus Günsdorf zu holen, verirrte sich aber
bei dem gräßlichen Schneegestöber von dem Wege und kam, durch tiefe
Wehen sich mühsam durcharbeitend, zuletzt an die Felsenschichten des
Greifensteines. Erschrocken wollte er umkehren, als der Berggeist
ihm erschien und mit freundlichem Blick ihn also ansprach: »Eile,
glücklicher Vater! Gott hat Dein Weib mit drei holden Knäblein
gesegnet! Wenn Du nichts dawider hast, will ich Dein Gevatter sein!«
Da verließ Hansen die Furcht und er antwortete: »In Gottes Namen magst
Du mein Gevatter sein, aber wie thue ich Dir die Stunde der Taufweihe
kund?« Wie nun der Berggeist lächelnd sagte, daß er ohnedem kommen
würde zur rechten Zeit, da verließ sich Hans darauf und eilte heim.
Sein Weib hatte ihm drei holde Knäblein geboren.
Am andern Tage, als alles zur Taufe bereitet war, da ließ auch der
Gevattersmann vom Greifenstein nicht auf sich warten. Er erschien in
Häuerkleidung und übte das fromme Werk mit inniger Andacht; als die
heilige Handlung vorüber war, da schenkte er Hansen einen Schlägel und
ein Eisen und sprach: »Lieber Gevatter, bete und arbeite! Wo Du mit
diesem Gezäh einschlägst, da wirst Du reiche Ausbeute finden, und dann
denke allemal an Gott und Deinen Gevattersmann.« Darauf verschwand er;
seine Worte aber trafen ein. Hans ward ein reicher Mann und soll die
Siebenhöfe bei Geyer gebaut haben.
173. Das Geschenk des Holzweibchens.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 105.)
Die Holzweibchen sollen kleine zwerghafte Wesen gewesen sein, die sich
in verschiedenen Wäldern des Joachimsthaler Bezirks aufhielten.
Ein Holzhauer setzte sich einmal zur Mittagszeit auf einen gefällten
Baumstamm und verzehrte sein hartes Brot. Da kam aus dem Gebüsche ein
altes Holzweibchen, füllte den Hut des Mannes bis an den äußersten Rand
mit Holzspänen und verschwand. Alsbald sprang der Holzhauer, welcher
diesem harmlosen Treiben ruhig zugesehen hatte, auf und schüttelte
die Späne aus. Als er abends zu Hause den Hut abnahm, fiel klingend
ein Stück Gold zur Erde, welches die Form eines Spanes hatte. Einer
der Späne, die das Holzweibchen dem Holzhauer geschenkt und die er
weggeschüttet hatte, war im Hute hängen geblieben und zu Gold geworden.
174. Die Waldweibchen bei Pobershau.
(Nach Mitteilung des Sem. Richter.)
Ungefähr zehn Minuten von Pobershau und nicht weit vom Walde zeigt
man auf der sogenannten Amtsseite das Burkhardtsloch. Hier sollen vor
vielen Jahren Waldweibchen oder wilde Weibchen gelebt haben, welche
sehr gutmütig waren und oft armen Leuten in ihrer Not halfen. Deshalb
werden sie noch heute in der Gegend, so oft man von ihnen erzählt,
»Feen« genannt.
175. Das Holzweibel auf dem Spitzberge bei Preßnitz.
(Edw. Heger in der Erzgebirgszeitung, 6. Jahrg., S. 56.)
Auf dem großen Spitzberge bei Preßnitz haben sich ehedem Holzweibel
aufgehalten. Sie sind aber fortgezogen, als die Bewohner der
umliegenden Orte anfingen, die Knödel im Topfe zu zählen. Nur ein
Holzweibel blieb zurück, führte aber gegen die Menschen nichts Gutes
im Schilde, weshalb man ihm aus dem Wege ging. Dem aber, der ein
gutes Sprüchlein konnte oder ein Stückchen geweihte Kreide oder
»Charsamstagskohle« bei sich führte, konnte es nichts anhaben. Ältere
Bewohner von Preßnitz beschrieben es als von winziger Gestalt, mit
einem Körbchen auf dem Rücken und einem Rührlöffel in der Hand.
176. Ein Holzweibel flüchtet vor dem Teufel.
(Edw. Heger a. a. O., S. 83.)
Ein Gebirgsholzhauer in der Gegend von Pürstein ward während seiner
Waldarbeit häufig von einem Holzweibel besucht und mit Geld beschenkt.
Einmal kam aber das Weibel in eiliger Flucht, denn der Teufel wollte es
holen, und es rief schon von weitem: »Holzhauer, hacke geschwind drei
Kreuze auf den Stock.« Das that denn auch gleich der dankbare Mann, das
Holzweibchen setzte sich flugs auf den Stock und der Teufel mußte mit
leeren Krallen abziehen.
177. Holzweibchen bei Grumbach, Steinbach und Pfannenstiel.
(Christ. Lehmann, Histor. Schauplatz etc., S. 78.)
Vom Holzweibchen werden dann und wann einige alte Sagen herumgetragen,
daß es vom Satan gejagt würde und in solcher Flucht einen Stock, darin
die Holzhacker ein Kreuz gehauen, suche, sich darauf setze und alsdann
erlöset würde. Man hat auch von alten Leuten zu Grum- und Steinbach
erzählen hören, daß vor alten Zeiten ein Holzweibel gekommen, sich
auf den Ofenherd gesetzet und gesponnen und das Gespinst in die Stube
geworfen habe; dem hätten sie müssen zu essen geben.
So wollte man auch im Februar 1681 auf dem Pfannenstiel, einem
Schönburg'schen hohen Walde, ein Holzweib gesehen haben, welches einen
großen Schnee, schnelle Wasserfluten und hitzigen Sommer angedeutet,
darauf viel Menschen und Vieh hinsterben würden.
178. Gejagtes Holzweibchen bei Steinbach.
(Christ. Lehmann a. a. O., S. 187.)
An der Aschermittwoch des Jahres 1633 hatte Adam Beyer im Walde bei
Steinbach einen Baum gefällt. Indem der Baum im Fallen ist, hauet er
nach der Holzhacker Gebrauch ein Kreuz hinein; sogleich kommt ein
gejagtes Waldweibchen und bleibet an dem mit dem Kreuz bezeichneten
Baume stehen, da es dann sicher geblieben. Unterdessen füllet es dem
Holzhacker seinen Kober mit Spänen, er aber schüttet die Späne wieder
aus, und da ungefähr ein Spänlein hängen geblieben und er nach Hause
kommt, findet er an dessen statt einen ganzen Thaler. Er gehet alsobald
wieder in den Wald, in der Hoffnung, solcher Thaler viel aufzulesen,
aber vergebens. Doch weil dieser Mann damals in kurzer Zeit zu seinen
Mitteln gekommen, hat man vermutet, er müsse etwas gefunden haben.
Von dieser Begebenheit an gehet niemand gern an der Aschermittwoche
daselbst ins Holz, in der Meinung, der Teufel jage das Holzweibchen an
der Aschermittwoche.
Auch im Thüringerwalde und Fichtelgebirge wohnen Waldweibchen
zuweilen bei den Menschen, sie geben ihnen Geschenke und sind vor
dem wilden Jäger auf Baumstämmen, in welche drei Kreuze eingehauen
wurden, sicher. Dasselbe wird von den Moosweibchen erzählt, welche
Menschen um Brot bitten. Wenn in Pfaffenreut bei Wunsiedel beim Mahl
an dem Rande der Schüssel durch Herausschöpfen Tropfen hängen blieben
und diese die Kinder oder auch Erwachsene mit dem Löffel abstreifen
und verzehren wollten, sagten die Ältern: »Das dürft ihr nicht,
das gehört dem Moosfräula!« Ein Beweis von dem freundschaftlichen
Verkehre, in welchem die Wald- und Moosweibchen mit den Menschen
standen. (Witzschel, Sagen aus Thüringen, No. 206, 212, 221, 235.
Zapf, Sagenkreis des Fichtelgebirges, S. 37.)
Mannhardt erklärt die Holz- und Moosweibchen für Genien der Wälder
und Personifikationen des Blättergrüns; darauf fußt der Glaube,
daß ihr Leben an dasjenige der Waldbäume gebunden ist. Wenn die
Sage erzählt, daß der wilde Jäger (d. h. der Sturmgott Wuotan) die
Waldweibchen jage, so ist dann darunter der Sturm zu verstehen,
welcher die Blätter vor sich her treibt. Damit hat sich aber die
ältere Vorstellung, nach welcher unter den gejagten Frauen Wolken
zu verstehen sind, verändert; die Wolkenfrauen, welche durch Regen
die Pflanzenwelt befeuchten, sind später auf die Erde herabgezogen
und zu Waldgenien geworden. (Mannhardt, die Götter der deutschen und
nordischen Völker, S. 112 und 116.)
179. Von Holzweibchen geschenkte Späne verwandeln sich in Gold.
(Edwart Heger in der Erzgebirgszeitung, VI. S. 84.)