Nach einer anderen Sage soll jenes Mädchen eines Schneiders Tochter

aus Schlettau gewesen sein und um das Jahr 1535 gelebt haben. Sie sei

auch nachher noch mehrmals bei dem Zwergkönige im Scheibenberge gewesen

und habe für ihn, seine Frau und Kinder Kleider machen müssen. Dafür

habe sie solche Geschenke erhalten, daß sie zu großem Vermögen gekommen

sei und nachdem sie sich verheiratet, eine der reichsten Familien in

Schlettau begründet habe. Nach dem dreißigjährigen Kriege aber seien

ihre Nachkommen verarmt und zuletzt wieder so herabgekommen, wie zu der

Zeit, wo sie den Zwergkönig zuerst gesehen hatte.

Das Geschlecht der Zwerge hat seine Wohnungen in den Bergen.

Zwerglöcher kennt man wohl überall in Deutschland. In Schlesien

ist eins auf dem Prudelberge bei Stonsdorf, in der Lausitz giebt

es welche auf dem Dittersberge bei Schönau auf dem Eigen und am

Fuße des Breitenberges bei Zittau (Haupt, Sagenbuch etc. I. No.

24.), in Böhmen bei Warnsdorf und im Kammerbühl bei Franzensbad

(Grohmann, Sagenbuch etc. S. 180.), im Vogtlande bei Stublach und

bei der Milbitzer Ziegelei (Eisel, Sagenbuch d. Vogtl. No. 26.), im

Mansfeldischen am Kammerbache bei Freiersdorf und in der Steinklippe

zwischen Hermerode und Wippra (Größler, Sagen der Grafsch. Mannsfeld,

No. 153 und 155.), und so erzählt die Sage noch von vielen anderen

Orten, an denen die Zwerge die Zugänge zu ihrem unterirdischen Reiche

hatten.

140. Zwerge am Pöhlberge bei Annaberg.

(Richter, Umständliche aus zuverlässigen Nachrichten zusammengetragene

Chronica der freyen Bergstadt St. Annaberg. Annaberg, 1746, S. 4.)

Die Sage erzählt, es hätten in der Gegend bei dem Pöhlberge, ehe die

Stadt Annaberg erbauet gewesen, kleine Leutlein, einer Ellen lang,

gewohnet.

141. Die Zwerge in Schmiedeberg.

(Heger und Lienert, Ortskunde d. Dorfes Schmiedeberg i. B. S. 60.)

In Schmiedeberg wohnten lange Zeit Zwerge. Dieselben erreichten nur

die Größe eines zwei- bis dreijährigen Kindes und trugen einen spitzen

Hut, rot wie ihre Haare, außerdem gefeite Stiefel. Sie hielten sich in

Ställen, Scheuern, Kellern und Stuben auf, waren nicht menschenscheu,

kamen im Gegenteil oft freiwillig unter dem Herde hervor und boten

ihre Dienste an. Nachts um die zwölfte Stunde kamen alle zusammen,

gingen dabei durch verschlossene Thüren und begannen nun emsig das

aufzuarbeiten und zu vollenden, was die Menschen verabsäumten oder

unvollendet ließen. Im Nu war ihre Arbeit zierlich und fein gethan,

dann ging es an's Tanzen. Punkt ein Uhr verschwanden sie wieder.

Neckereien konnten sie nicht vertragen; sie zogen dann fort. Man

vertrieb sie übrigens auch, wenn man Lauch in die Milch that und ihnen

diese vorsetzte.

Von den Bewohnern Schmiedebergs wurden diese Zwerge nur »Holzweibchen«

genannt. Seit jeher hatten sie im Hause No. 172 ihren ständigen

Aufenthalt und brachten durch nächtlichen Fleiß Glück und Segen in die

Wirtschaft. Endlich aber schien es ihnen hier nicht mehr zu gefallen,

denn sie sagten: »Hier ist nimmer gut wohnen, sie (die Hausfrau) zählt

die Knödeln im Topf und im Backofen das Brot.« So zogen denn die Zwerge

fort, weit fort, über die Eger bei Aubach, wo sie den Fährmann, um ihn

zu entlohnen, gefragt haben sollen, was ihm lieber wäre -- ein roter

Heller oder ein Sturmhut voll Goldstücke. Der Fährmann wählte natürlich

das letztere. Die Leutchen sagten ihm, er habe schlecht gewählt und

werde schließlich noch weniger besitzen als einen roten Heller. Das

traf auch ein, der Fährmann verarmte in kürzester Zeit gänzlich.

142. Die Zwerge backen Kuchen.

(Edw. Heger in der Erzgebirgszeitung, 6. Jahrg., S. 58.)

Von den Bergen aus besuchten die Zwerge häufig die benachbarten

Ansiedelungen der Menschen, um deren Gastfreundschaft in Anspruch zu

nehmen, und man gab ihnen auch gern etwas von Lebensmitteln ab. Sie

suchten aber nicht nur Gastfreundschaft, sondern gewährten auch solche;

ward jedoch ihre Gabe verschmäht, so gerieten sie leicht in Zorn, ja

rächten sich an dem Unwürdigen, was ihnen nicht schwer fiel, da sie mit

geheimen Kräften begabt waren.

Als einst ein alter Bauer aus Redenitz und dessen Knecht an der

Berglehne zwischen Leskau und Spinnelsdorf ihre Ackerfurchen zogen,

vernahmen sie plötzlich ein sonderbares Gespräch in der Nähe, ohne

daß die Sprechenden zu sehen waren. »Bringt erst die Weißen, dann die

Schwarzen!« »Nein, erst die Schwarzen, dann die Weißen!« so rief es

rätselhaft durcheinander.

Als die beiden Lauscher aber einen äußerst angenehmen Geruch nach

frischem Kuchen verspürten, da wußten sie auf einmal, was alles zu

bedeuten habe, und der Knecht sagte: »Das sind ja die Zwerglein, die in

ihren nahen Wohnungen eben Kuchen backen, schwarze und weiße (d. h. von

geringerem und feinerem Mehle); sehen kann man freilich nichts, denn

sie haben sich unsichtbar gemacht.«

»Ja«, -- meinte der Bauer -- »aber diese Kuchen riechen auch gar zu

gut; wer doch einen davon hätte!«

»Nun, da werde ich halt einen bestellen«, sprach der Knecht im Spaße

und rief dann, so laut er konnte: »He, backt uns doch auch einen Kuchen

mit, aber einen recht guten!«

Als die Ackerleute nach dem Mittagessen ihre Arbeit wieder beginnen

wollten, da fand jeder von beiden auf seiner Pflugschar einen

wunderschönen, duftenden Kuchen liegen. Der Bauer biß herzhaft in den

Kuchen und ließ sich ihn ausgezeichnet schmecken, der Knecht aber

mißtraute der geheimnisvollen Gabe und verschmähte sie. Klatsch! -- da

hatte der Undankbare auch schon von unsichtbarer Hand eine tüchtige

Ohrfeige erhalten, an die er sich noch lange nachher schmerzlich

erinnerte.

143. Die Heilingszwerge.

(Nach Grimm in der Erzgebirgszeitung, 2. Jahrg., S. 6.)

An der Eger, zwischen dem Hofe Wildenau und dem Schlosse Aich, ragen

große Felsen empor, die man von Alters her die Heilingsfelsen nennt.

Am Fuße derselben erblickt man eine Höhle, inwendig gewölbt, auswendig

aber nur durch eine kleine Öffnung erkennbar, in die man, den Leib

gebückt, kriechen muß.

Diese Höhle wurde von kleinen Zwerglein bewohnt, über die zuletzt

ein unbekannter alter Mann, namens Heiling, als Fürst geherrscht

haben soll. Einmal vor Zeiten ging ein Weib, aus dem Dorfe Daschwitz

gebürtig, am Vorabende von Peter Pauli in den Forst und wollte Beeren

suchen; es wurde Nacht, und sie sah neben diesem Felsen ein schönes

Haus stehen. Sie trat hinein, und als sie die Thüre öffnete, saß ein

alter Mann am Tische, der schrieb emsig und eifrig. Die Frau bat um

Herberge und wurde willig angenommen. Außer dem alten Manne war aber

kein lebendes Wesen im ganzen Gemach, allein es rumorte heftig in

allen Ecken; der Frau ward greulich und schauerlich und sie fragte

den Alten: »Wo bin ich denn eigentlich?« Der Alte versetzte, daß er

Heiling heiße, bald aber auch abreisen werde, »denn zwei Drittel

meiner Zwerge sind schon fort und entflohen.« Diese sonderbare Antwort

machte das Weib noch unruhiger, und sie wollte mehr fragen, allein er

gebot ihr Stillschweigen und sagte nebenbei: »Wäret Ihr nicht gerade

in dieser merkwürdigen Stunde gekommen, solltet Ihr nimmer Herberge

gefunden haben.« Die furchtsame Frau kroch demütig in einen Winkel

und schlief sanft ein. Als sie am Morgen mitten unter den Felssteinen

erwachte, glaubte sie geträumt zu haben; denn nirgends war ein Gebäude

zu sehen. Froh und zufrieden, daß ihr in der gefährlichen Gegend

kein Leid widerfahren sei, eilte sie nach ihrem Dorfe zurück; es war

alles so verändert und seltsam. Im Dorfe waren die Häuser neu und

anders aufgebaut, die Leute, die ihr begegneten, kannte sie nicht und

sie wurde auch nicht von ihnen erkannt. Mit Mühe fand sie endlich

die Hütte, wo sie sonst wohnte, und auch die war besser gebaut; nur

dieselbe Eiche beschattete sie noch, welche einst ihr Großvater dahin

gepflanzt hatte. Aber wie sie in die Stube treten wollte, ward sie

von den unbekannten Bewohnern als eine Fremde vor die Thür gewiesen.

Sie lief weinend und klagend im Dorfe umher. Die Leute hielten sie

für wahnwitzig und führten sie vor die Obrigkeit, wo sie verhört und

ihre Sache untersucht wurde. Siehe da, es fand sich in den Gedenk-

und Kirchenbüchern, daß gerade vor hundert Jahren an eben diesem Tage

eine Frau ihres Namens, welche nach dem Forst in die Beeren gegangen,

nicht wieder heimgekehrt sei und auch nicht mehr zu finden gewesen

war. Es war also deutlich erwiesen, daß sie volle hundert Jahre im

Felsen geschlafen hatte und die Zeit über nicht älter geworden war. Sie

verlebte nun ihre übrigen Jahre ruhig und sorgenlos und wurde von der

ganzen Gemeinde anständig gepflegt, zum Lohne für die Zauberei, die sie

hatte erdulden müssen.

144. Der Zwergtanz im Kupferhügel.

(Friedr. Bernau in der Comotovia, 1877, S. 77.)

Drei Bergleute fuhren einst an, um die Erze aus dem tiefsten Schachte

zu holen. Um jene Zeit waren noch reichhaltige Gruben im Kupferhügel,

vorzüglich auf Kupfer und Eisen, wie es noch die vielen Schachte und

unterirdischen Gänge in demselben beweisen. Fleißig und frohgemut

arbeiteten nun die Bergleute in den Felsen hinein, um ihn zu

zerkleinern und die Erze daraus zu gewinnen. Noch waren sie nicht mit

einer Schicht fertig, als sie plötzlich durch eine liebliche Musik,

die aus dem Innern des Berges zu kommen schien, überrascht wurden.

Alle gerieten in Spannung und Freude. »Wahrhaftig«, sagten sie zu

einander, »eine so schöne Musik haben wir noch nie gehört, selbst am

Prokopitage nicht, wenn wir Schritt für Schritt, angethan mit unserer

festlichen Bergkleidung, die Hacke und die brennende Lampe in der

Hand, hinter unserer Bergmusik zur Kirche ziehen!« Um den Berggeist,

wie sie glaubten, in seiner Unterhaltung nicht zu stören, schickten

sich die Bergleute schon an, an den Tag zu fahren, als sie von der

Seite her, von welcher die Musik kam, eine Menge kleiner Männchen,

kaum größer als eine Menschenhand, auf sich zukommen sahen, die mit

den verschiedenartigsten Musikinstrumenten versehen waren. Hinterdrein

zog ein munterer Schwarm von Zwergen, die unter fröhlichem Hüpfen

endlich in einem großen Felsengewölbe Platz nahmen. Bald kamen auch

einige Zwerge näher zu den Bergleuten, grüßten sie freundlich mit

dem Bergmannsgruße »Glückauf!« und sagten: »Ruhet aus und seid

fröhlich mit uns; was Ihr versäumt, das wollen wir Euch nach dem Tanze

nachholen.« Flink legten die Bergleute ihre Werkzeuge bei Seite, denn

sie waren schon müde von der anstrengenden Arbeit, und folgten gerne

der zutraulichen Einladung. Alles freute sich und war guter Dinge.

Die Zwerge tanzten, und die Bergleute schauten ihnen vergnügt zu, so

daß oft der Berg sich mit den beglückten Bergleuten zu drehen schien.

Endlich erhob sich eines der kleinen Männchen, gab ein Zeichen mit

der Hand und alles stellte sich in einem enggeschlossenen Kreise auf,

in den auch die Bergleute eintreten mußten. Die Musiker befanden sich

in der Mitte und es schien, als ob sie erst jetzt recht ergreifend

spielen wollten, wohlgeordnet und langsam setzte sich der Kreis, dem

ein Vortänzer voranging, in Bewegung; die Bewegung wurde unter dem

seltsamen Hüpfen, Springen und Laufen immer schneller. Bald standen die

Zwerge stille, schienen sich zu bedenken, dann fingen sie plötzlich

wieder an, mit Händen und Füßen zu zappeln, dabei sprangen sie in die

Höhe, der eine über den andern, bis alle in größter Unordnung waren.

Die drei Gäste konnten sich des lauten Lachens nicht erwehren, was die

Zwerge in ihrer Lust auch ungestraft ließen. Endlich setzten sich alle

wieder auf ihre Plätze, nur ein altes, ganz graues Männlein trat zu

den Bergleuten, strich mit seiner flachen Hand über deren Augen, die

also bald erblindet zu sein schienen; dann nahm es die Bergleute bei

der Hand und führte sie eine ziemliche Strecke aufwärts, bis sie in

eine Kammer gelangten, wo sie rasch wieder sehend wurden. Hier ergriff

sie nun das höchste Staunen, denn das ganze Gewölbe war mit goldenen

Platten belegt; Gold- und Silberstangen lagen da aufgeschlichtet, wie

daheim die Späne in der Küche; die Tische beugten sich unter der Last

von Edelsteinen, die ein blendendes Licht verbreiteten. Die Bergleute

standen da wie versteinert. Endlich nach langem Schweigen sprach der

Alte zu ihnen: »Nehmet Euch nun, was Euch nützlich ist; Ihr sollt damit

so lange glücklich sein, als Ihr dabei fleißig und sparsam bleibt; thut

Ihr das nicht, so werdet Ihr trotz des Reichtums noch elend sterben

müssen.« Ein jeder nahm nun so viel, als er in beide Hände bringen

konnte, und bald befanden sie sich wieder unter den kleinen Männchen,

die während der Zeit, als die Bergleute in der Goldkammer waren, für

sie gearbeitet hatten. Mächtige Kupferadern waren aufgeschlossen und

große Haufen Erze herausgearbeitet. Als die Bergleute den Zwergen

danken wollten, war alles verschwunden; nur aus der Ferne hörte man

noch die bezaubernde Musik. Bald begaben sich auch die Bergleute, da

es doch schon Nacht sein mußte, auf die Fahrt, um heimzukehren; um so

größer aber war ihr Erstaunen, als sie die Sonne im Osten aufgehen

sahen und von den Leuten erfuhren, daß schon der fünfte Tag verflossen

war, seitdem sie in die Grube gestiegen. Dennoch glaubte ein jeder von

ihnen nur geträumt zu haben; allein die großen Goldstücke in ihren

Händen überzeugten sie eines anderen. Ein jeder von ihnen kaufte sich

ein Häuschen und lebte glücklich mit seiner Familie. Nur einer wurde

stolz und glaubte nicht mehr arbeiten zu sollen, wofür ihn, wie der

Zwerg gedroht hatte, das Los bitterster Armut traf; die beiden andern

arbeiteten fleißig wie früher und erinnerten sich in ihrem Glück oft

an den alten grauen Zwerg, den Begründer ihres Wohlstandes. Noch heute

zeigt man im Kupferhügel Spuren jenes Gewölbes und heißt dieselben seit

dieser Begebenheit »die Zwergkammer.«

Die Zwerge sind elbische Wesen, welche für sich ein eigenes Reich

bilden und durch Zufall oder Drang der Umstände bewogen, mit den

Menschen, denen sie helfen oder schaden können, verkehren; sie

sind jedoch meist wohlthätig und hilfreich. Die Liebe zur Musik

verknüpft sie mit höheren Wesen, besonders mit Halbgöttinnen und

Göttinnen. Ja eine Stelle in einem mittelhochdeutschen Gedichte: »~da

sassen fideler und videlten all den albleich~«, spricht ihnen die

Erfindung einer eigenen Weise zu. Neben der Musik liebten die Zwerge

besonders den Tanz. Elbe tanzten des Nachts im Mondschein, und aus

der Erscheinung tanzender Berggeister prophezeite man ein gesegnetes

Jahr. (Grimm, Deutsche Myth., S. 264.) Auch die Ludki, die Zwerge

der wendischen Sage, waren Spielleute und besuchten als solche und

manchmal auch als Tänzer die Feste der Menschen, wobei sie Geschenke

mitbrachten. (Haupt, Sagenbuch etc. I., No. 43.)

145. Das graue Männlein bei Joachimsthal.

(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 40.)

Nahe bei Joachimsthal führt der sogenannte »Apostelsteig« nach

der »Prokops-Kapelle.« Ein greiser Mann aus dem Gewerbestande

erzählte: Mein Vater hat als vierzehnjähriger Junge im Frühjahre bei

Abenddämmerung ein graues Männlein, nicht länger als sein eigener

Bart, plötzlich sich breit vor ihn hinstellen gesehen. Kein Gebet,

aber auch kein Fluch hat das wie im Boden wurzelnde graue Männlein

verscheucht. Vor Verwirrung griff der Vater zuerst nach der Tabaksdose,

dann räusperte er sich, betete und weinte, endlich ist ihm bei allem

Entsetzen das Evangelium Johannes in den Sinn gefahren, und als er

sprach: »Das Wort ist Fleisch geworden«, ist das Männlein verblitzt.

Das graue Männchen als zwerghaftes Wesen ist der Berggeist; die graue

Farbe ist Erdfarbe.

146. Das graue Männel bei Blauenthal.

(Mündlich.)

Wenn man auf der Straße von Burkhardsgrün nach Blauenthal geht, so

hat man, ehe die Muldenbrücke erreicht wird, zur linken Hand einen

Waldbezirk, welcher das »graue Männel« heißt. Dieser Name soll von

folgender Begebenheit herrühren. Einst herrschte in Blauenthal und

Umgegend die Pest. Da waren Holzhauer in dem genannten Walde, die

unterhielten sich beim Vesperbrot und klagten über das viele Sterben.

Auf einmal stand ein graues Männel vor ihnen das ihnen vorher unbemerkt

zugehört hatte; dasselbe sagte:

»Trinkt Bärenwurz und Baldrian,

So kommt ihr alle gut davon!«

In Nordböhmen soll zur Zeit einer großen Pest ein Engel gerufen haben:

»Eßt Bibernell und Baldrian,

So geht euch die Pest nicht an.«

(Grohmann, Aberglauben etc., S. 92.)

Während einer Pest in Hinterpommern kam eine Taube vom Himmel und

rief:

»Ist die Krankheit noch so schnell,

So braucht geschwind nur Bibernell.«

(Die Natur von Ule und Müller, 1866, No. 2.) Dieselbe Sage findet

sich auch im Spessart. (Henne-Am-Rhyn, a. a. O., S. 305.)

Als nach dem 30jährigen Kriege die Pest im Vogtlande und Erzgebirge

furchtbar wütete, kam von Norden her ein weißer Rabe geflogen,

welcher rief:

»Freßt nur recht Rapuntika,

Sinsten kimmt kä Mensch derva.«

(Gräße, Sagenschatz des K. Sachsen, No. 628.)

147. Das graue Männchen und die Seuche in Bernsdorf.

(Mündlich. Köhler, Volksbrauch etc., S. 497.)

In Bernsdorf bei Werdau war eine Seuche, an der viel Menschen starben.

Des Abends pochte es an die Hausthüre, und so vielmal es gepocht hatte,

so viel Menschen starben am andern Morgen in dem Hause. Es war aber

ein graues Männchen, das von Haus zu Haus ging und klopfte. Dasselbe

Männchen kam auch zu einem Manne und dessen Frau und sagte: »Eure

Nachbarn werden alle sterben und Ihr sollt die Totengräber machen.« Am

anderen Tage waren die Nachbarn tot und der Mann mußte sie mit Hilfe

seiner Frau begraben. Da sich aber beide darüber entsetzten und sich

vor dem Tode fürchteten, kam das Männchen wieder und sprach:

»Trinkt Baldrian,

So kommt ihr alle davon.«

In einer Lausitzer Sage wird Baldrian von einem Vogel als Mittel

gegen die Pest empfohlen. (Veckenstedt, Wendische Sagen, S. 337.)

148. Der graue Zwerg am weißen Stein bei Alberode.

(Mitgeteilt von J. G. Müller, Kirchner und Lehrer in Lößnitz.)

Bei dem sogenannten weißen Stein, einem einzelnstehenden Felskegel

zwischen der Mulde und Alberode, sitzt zuweilen ein graues Männchen.

Wenn der rechte Mann kommt und zur rechten Stunde und sagt das richtige

Sprüchelchen, der sieht den Zwerg, und dieser zeigt ihm große Schätze,

ganze Backschüsseln voll Gold.

149. Das freundliche Verhältnis zwischen Zwergen und Menschen wird

gestört.

(Edw. Heger in der Erzgebirgszeitung, 6. Jahrg., S. 59.)

Das Verhältnis zwischen den Zwerglein und Menschen blieb nicht immer

ein freundliches. Es kam dahin, daß die kleinen Leute, wenn sie bittend

vorsprachen, häufig von der Thür gewiesen, ja daß sie sogar verfolgt

und an Freiheit und Leben bedroht wurden.

Einst war ein Zwergweiblein nach Langenau gekommen, man ließ es aber

nicht mehr fort und einige Unbarmherzige sperrten es sogar ein. Es bat

und flehte inständig um seine Freiheit, denn es habe ein ganz kleines

Kindchen zu Hause und müsse es warten und pflegen; aber sein Bitten war

umsonst.

So saß es über Nacht gefangen und man hörte es in einem fort jammern

und klagen: »Mein Spinnerl spinnt nit, mei Waferl waft nit, mein

jüngstes Bübel greint Tag und Nacht!«

Als man am Morgen öffnete, war das Weiblein tot.

Aber diese Unthat ward gerächt. Aus dem Hause, wo sie geschehen, floh

das Glück und der Segen für immer; die Besitzer gingen zugrunde, sie

mochten arbeiten und sich mühen, wie sie wollten.

150. Wodurch die Zwerge aus dem Obererzgebirge vertrieben wurden.

(Christ. Lehmann, Histor. Schauplatz etc., S. 185 und 190.)

Der gemeine Mann trägt sich mit der Sage, daß vor alten Zeiten, ehe

das Obererzgebirge angebaut worden, auf dem Waldgebirge und in dessen

Felslöchern Zwerge gewohnt hätten, welche aber durch Aufrichtung der

Pochwerke, Eisenhämmer und des »Klippelwerks« sollten sein verjagt

worden. Sie wollten aber wiederkommen, wenn die Hämmer würden abgehen.

S. auch die Vorbemerkungen zu diesem Abschnitte. -- Das »Klippelwerk«

ist ein Pochwerk, in welchem die Erze durch niederfallende Stampfen

(Klippel) zerstoßen werden. Später verstand man unter Klippelwerk

eine Bauart ärmlicher Häuser, nach welcher Holzscheite zum Aussetzen

der Zwischenräume im Säulenwerke oder auch in Verbindung mit Lehm und

Stroh zur Herstellung der Feueressen verwandt wurden. (Joh. Poeschel,

Eine erzgebirgische Gelehrtenfamilie. 1883, S. 124, Anmerkung.)

Ich finde bei Meltzer (Beschreibung der löbl. Bergkstadt Schneebergk,

1684, S. 471.) noch eine dritte Erklärung des Wortes. Darnach wäre

darunter das Spitzenklöppeln zu verstehen, und bei dieser Erklärung

würde die Tautologie »Pochwerk und Klippelwerk« wegfallen.

151. Spuk der Berggeister und Zwerge auf der Ruine Oberlauterstein bei

Zöblitz.

(Wg. im Glückauf, 2. Jahrg., No. 5.)

Die Burg Oberlauterstein ist im Hussitenkriege geschleift worden. In

den noch längere Zeit gebliebenen Überresten wohnten Berggeister und

Zwerge, welche sich nicht miteinander vertrugen, sich stets zankten und

des Nachts einen furchtbaren Lärm verursachten, so daß die Wanderer

oft auf den Gedanken kamen, es donnere daselbst. Da kam einst aus

dem Baierlande ein Geisterbanner, ein Feilenhauer von Profession,

in diese Gegend. Es war ein langer, hagerer Mann mit zerlumpten

Kleidern, als Geisterbanner gesucht hier und da, gefürchtet aber von

jung und alt. Der Amtmann im Schlosse Niederlauterstein bat ihn, die

Geister in der Ruine Oberlauterstein zu bannen, denn sie ließen auch

ihn nicht ungeneckt. Der Feilenhauer versprach alles und hielt auch

Wort. In einer finsteren Nacht nahm er seine Beschwörungen vor, pfiff

dreimal ganz laut, und die unruhigen Geister krochen allzumal in den

vorgehaltenen Ranzensack. Diese Geister trug der Mann in der folgenden

Nacht im Ranzen, wie eine Partie junger Katzen, in die entferntere

Ruine des Raubschlosses am Katzenstein, wo sie sich nun unter dunklen

Fichten die Zeit mit Würfel- und Kartenspiel vertrieben. Als jedoch

die Ruinen des Raubschlosses immer mehr zusammenbrachen, hatten die

gebannten Geister nicht alle mehr Platz und zogen aus. Nicht selten

zeigen sie sich jetzt noch in der Nähe des alten Oberlauterstein in

feuriger Gestalt. Die Frauen dieser Geister heißen Klageweibel. Sie

zeigen den nahen Tod der Bewohner an und haben ihren Sitz auf den

sumpfigen Wiesen von Ansprung. Zuweilen erscheinen sie auch in Zöblitz

in Gestalt kleiner Kinder, bittere Thränen vergießend.

152. Berggeister in den Schneeberger Gruben.

(Meltzer, ~Hist. Schneebergensis~, S. 1019.)

Außer höchster Not wegen der bösen aufsteigenden Wetter und Schwaden,

welche die zwei edelsten Glieder des menschlichen Leibes, das Gehirn

und Herz ergreifen, sind die Bergleute auch nicht in geringerer Gefahr

wegen der Bergteufel, Mönche und Berggespenster, die in der Finsternis

herrschen und in den Strecken herumfahren wie brüllende Löwen, und

suchen, wie sie Bergleute, wo dieselben nicht mit Gebet und Glauben

widerstehen möchten, verschlingen. Und ob auch wohl die Bergmännlein

einfältige Bergleute nicht so furchtsam machen, sondern doch wohl ein

Zeichen eines guten künftigen Anbruchs, wo sie gesehen werden, sein

sollen, so ist doch ein Teufel so arg wie der andere, und welcher

am freundlichsten sich stellet, der ist wohl am schädlichsten und

verursacht durch Gottes Verhängnis Fälle und Brüche. Es ist bekannt,

wie einst dergleichen Bergteufel in Gestalt eines Mönchs einen Arbeiter

in dem alten reichen St. Georg ergriffen und nicht ohne Beschädigung

seines Leibes in der großen Weite in die Höhe geworfen.

Im Jahre 1538 ist ein Bergmann in der Höflichen Besserung Fundgrube,

vom Ungeheuer erwürget worden, weshalb Kurfürst Johann Friedrich

darüber in einem besonderen Befehle umständlichen Bericht verlangte.

Sagenbuch des Erzgebirges · 第 13 / 62 段