Zahlreich melden uns endlich Sagen von koboldartigen Wesen, welche

in den Zechen den Bergknappen entgegentraten. Sollen doch die beiden

Metalle Kobalt und Nickel, nach denen gegenwärtig vorzugsweise die

Gruben des Schneeberg-Neustädtler Reviers abgebaut werden, von zwei

neckischen Geistern ihre Namen erhalten haben. Von dem Kobalt,

dessen Name zwar auch von dem böhmischen ~Kow~, das Erz, ~kowalty~,

erzhaltig, abgeleitet wird, sagt ein alter Bergprediger: »Ihr Leute

heißt es Kobalt und die Deutschen nennen den schwarzen Teufel Kobel,

der Menschen und Vieh durch Zauberei Schaden thut. Es haben nun aber

der Teufel und seine Hallraunen oder Drutten dem Kobalt, oder der

Kobalt den Zauberinnen den Namen gegeben, so ist Kobalt ein giftig und

schädlich Metall.« (Merkel, Erdbeschr. v. Kursachsen I. S. 176.)

Mit den Kobolden teilweise verwandt sind die +Irrlichter+, welche man

sich als lebende Wesen vorstellt. Sie führen Menschen irre, hocken

sich ihnen auf oder bestrafen sie auch, wie die erzgebirgische Sage

von der unheimlichen Fackel erzählt. Irrlichter können aber auch

in feuriger Gestalt umherschweifende Seelen sein, welche nicht der

himmlischen Seligkeit teilhaftig wurden, und dann nähern sie sich den

zum Gespensterspuk gehörenden feurigen Männern.

Aus der Klasse der +Vegetationsgeister+ begegnen wir im Erzgebirge,

als einem ursprünglichen Waldgebirge, hauptsächlich den +Walddämonen+

unter den Namen von Waldgeistern, Waldteufeln, Moosmännchen, wilden

Weibern und Holzweibchen. Wie die Nixe fügen sie sich nicht in die

Civilisation, und obschon sie zuweilen freundlich mit den Menschen

verkehren und dieselben für geleistete Dienste belohnen, so ist

ihnen doch der Humor, welcher die Zwerge auszeichnet, fremd, und

Schwermut oder große Wildheit charakterisiert sie. Zuweilen treten

die Holzweibchen als Schicksalsverkündiger oder Wetterpropheten auf.

Der wilde Jäger oder der Teufel verfolgt sie auch im Erzgebirge und

ein Baumstamm mit eingehauenen Kreuzen gewährt ihnen gegen denselben

Schutz, wenn sie sich auf ihm niederlassen. Die vogtländische Sage,

welche von ihnen das meiste weiß (Jul. Schmidt, Topographie der Pflege

Reichenfels und Witzschel, Sagen aus Thüringen), erzählt, daß sie vor

dem wilden Jäger Ruhe finden, wenn sie sich auf einen Stamm setzen, in

welchem während der Zeit, da man den Schall des niederfallenden Baumes

hört, drei Kreuze in einem Zwickel gehauen wurden. Im Sagenschatz des

K. Sachsen (zu No. 550.) bemerkt hierzu Gräße, daß viele glauben, die

Holzweibchen seien aus den heidnischen Sorbenfrauen entstanden, die vor

dem Christentume in die Wälder geflohen, wenn sie dieselben aber wieder

verlassen hätten, von den Christen verfolgt bei Stämmen, auf denen drei

Kreuze eingehauen gewesen, Schutz gesucht und gefunden hätten. Dagegen

zählt Jakob Grimm die Holzweibchen, die nach ihm einen Übergang zu den

Zwergen bilden, zu dem heidnischen Gespensterspuk, der sich aus den

Vorstellungen von halbgöttlichen Wesen, mit denen das Heidentum den

Wald bevölkert dachte, entwickelte. (Deutsche Myth., S. 243 und 520.)

Und Nork greift in den Sitten und Gebräuchen der Deutschen (S. 63.)

sogar auf die Gnomengestalten der indischen Sagen zurück, mit denen er

unsere ähnlichen Sagenstoffe wie Ausläufer aus einer gemeinschaftlichen

Wurzel in Verbindung setzt. -- Unsere Sage nennt die Holzweibel auch

Buschweibchen und faßt sie teilweise als den Moosweibchen gleiche Wesen

auf. Die Moosweibchen waren immer zwerghaft und über und über mit Moos

bewachsen; nach der thüringischen Sage wohnten sie an dunklen Orten und

in Höhlen unter der Erde. (Richter, Sagen des Thüringer Landes, IV. S.

43.) Wie in Thüringen die Moosweibchen, so kamen auch im Erzgebirge

die Buschweibchen zuweilen in die Wohnungen der Menschen und begehrten

daselbst Essen. Sie beschenkten mit Spänen und Laub, welche Dinge sich

später in Gold verwandelten. Bei uns wurden sie wie die eigentlichen

Zwerge vertrieben, als man das Brot im Backofen zählte.

Neben den Sagen vom Erscheinen der Holzweibchen im Erzgebirge,

von denen ein Teil allerdings nur noch in älteren schriftlichen

Überlieferungen vorhanden ist, leben im Volke noch Redensarten, welche

sich auf den Glauben an das frühere Erscheinen dieser dämonischen

Gestalten beziehen. So sagt man in der Gegend von Schneeberg: »Das

Holzweibel hat aufgehängt«, wenn man früh an den Büschen Spinnweben

ausgespannt sieht, die auf beständiges schönes Wetter gedeutet werden.

Steigen weiße Nebel aus den Waldungen auf, so sagt der Gebirger: »Das

Holzweibel heizt ein, es wird ander Wetter!« (Lindner, Wanderungen

durch das sächsische Obererzgebirge, I. S. 4.) Bei Brunnersdorf

warnte man noch vor wenigen Jahren die Beeren suchenden Kinder vor

dem Buschweibchen und ermahnte sie, im Walde der Sicherheit wegen

beisammen zu bleiben; bei Kupferberg sagt man von eilig Dahinlaufenden:

»Der läuft wie der Teufel, wenn er dem Holzweibel nachläuft«, und in

der Gegend von Platz nennt man kleine vermummte Kinder scherzweise

Buschweibel. (Edw. Heger in der Erzgebirgszeitung VI. S. 55 und 56.)

Ähnliche Redensarten sind in anderen deutschen Gegenden gebräuchlich.

So sagen z. B. die Bauern in der Zittauer Gegend, wenn daselbst die

Berge dampfen: »Die Holzweibchen kochen Kaffee« (Haupt, Sagenbuch etc.

No. 38.), während die Erdmännchen am Eisengraben backen, wenn gewisse

Nebel auf dem Kaisacker im Frickthale aufsteigen, und die Wölkchen,

welche hoch am Gebirge schweben, in Tirol für die aufgehängte Wäsche

der Holzweibchen gehalten werden, die schönes Wetter verkünden.

(Gartenlaube, 1880, No. 31. und Henne-Am-Rhyn a. a. O., S. 261 und 278.)

Mir scheint, als ob sich auch der Name »Käthel« in manchen

Volksüberlieferungen auf ein dämonisches Wesen, vielleicht ein Holz-

oder Buschweibchen bezieht.

Das enge Muldenthal zwischen dem Mehltheuer und der hohen Rieß

unterhalb der Haltestelle Niederschlema heißt im Volksmunde das

»Käthelloch« und man prophezeit auf Grund der in ihm lagernden Nebel

auf eine Änderung des Wetters. Es erinnert dies an Volksmeinungen

in Nordböhmen. Die Frauen in Neuland bei Gabel sagen, wenn der

Rollberg von Wolken umzogen ist, daß das Roll-Kathel koche und in

Sukohrad spricht man in ähnlicher Weise: »Die Geltsch-Käthe kocht.«

(Mitteilungen des Nordböhm. Excursions-Clubs, 7. Jahrg. S. 95.)

Während den Holz- und Moosweibchen ein Grad von Gutmütigkeit und

Zuneigung zu den Menschen zukommt, sind die +Waldgeister+ und

+Feldteufel+ schreckhafte Gestalten. Auch der +Hemann+, welcher sich

ebenfalls im Gebirge sehen läßt und Antwort giebt, wenn man ihn im

Walde laut mit »He he, hu hu!« ruft, hat Freude an dem Schaden der

Leute.

Zu den Vegetations- und insbesondere zu den +Feldgeistern+ ist weiter

das +Mittagsgespenst+ zu zählen. Schon die alten Kirchenschriftsteller

des 6. Jahrhunderts schreiben eine Reihe von Krankheiten dem

Mittagsteufel zu; seinetwegen wurden die Kirchen, welche sonst den

ganzen Tag bis zum Abendläuten offen stehen sollten, während der

Mittagsstunde zugeschlossen. In der Schweiz wandeln bei der vom Volke

keineswegs als gnadenreich gehaltenen Mittagssonne die verwünschten

Schloßjungfern umher, und wie die Pest früher ~morbus meridianus~ hieß,

so ist auch das Mittagsgespenst der Wenden teilweise zugleich die

Pestjungfrau. (Rochholz, Deutscher Glaube und Brauch, I. S. 67.)

Die slavische, zu den Feld- und Waldgeistern gehörende +Marzebilla+

tritt ebenfalls im Erzgebirge auf. Sie führt die Leute ins Dickicht

und an fruchtbare Stellen, wenn sie beten, überläßt sie aber ihrem

Schicksal, wenn sie fluchen.

Die +Wehklage+ aber gehört teilweise wie das Klopfen an die Thüre, ohne

daß jemand draußen steht, das Rufen des eigenen Namens, als ob derselbe

aus weiter Ferne hertönte, und viele andere geheimnisvolle Laute, aus

denen das Volk auf Tod oder bevorstehendes Unglück schließt, zu den

Voranzeichen. (Rochholz a. a. O., I. S. 143.) Auf dem Harze ist die

Klagemutter Frau Holle, (Henne-Am-Rhyn, a. a. O., S. 562.), anderwärts

ist eine »Heulmutter« oder »Frau Hel« die Schattengöttin Hel, welche

an dunkeln Furten sitzt. (Rochholz a. a. O., I. S. 90.) Nach einer

Sage aus der Gegend von Fulda ist die Wehklage dagegen unverkennbar

ein Waldgeist, denn man sagt daselbst, wenn jemand sterben sollte,

so sei eine Waldfrau von der wilden Frauen-Loch hergekommen und habe

sich wehklagend in der Nähe des Sterbehauses gezeigt. (Wolf, Hessische

Sagen, S. 53.) Eine erzgebirgische Sage bezeichnet die Klageweibel

als Frauen verbannter Berggeister und Zwerge. -- Wenn nach der Edda

die Zwerge und Riesen dem Menschen in der Schöpfung vorangingen und

weiter nach alter Überlieferung von beiden Dämonen die Zwerge zuerst

geschaffen wurden, um das wüste Land und Gebirge zu bauen (J. Grimm,

Myth., S. 253.), so fügt noch eine Oberpfälzer Sage hinzu, daß alle

Zwerge, da sich das trockene Land noch nicht abgeschieden hatte,

zunächst im Wasser lebten. Sie waren demnach im Anfange gleich den

+Nixen+. Der männliche Nix, Necker oder Nicker, erinnert nach einer

anderen Überlieferung wieder an den skandinavischen Odhin, dessen

Beiname ~Nikarr~ ihn als den Wellen besänftigenden Meergott bezeichnet.

(J. Grimm a. a. O., S. 276.) Der Nikur soll als schönes apfelgraues

Roß am Meeresstrande erscheinen, und ein großes Pferd mit ungeheuren

Hufen zeigt sich auf dem Wasser, wenn Sturm und Gewitter aufsteigen.

Anklängen an diese Vorstellungen begegnet man im Erzgebirge. Es mag

dabei auf die Sagen vom Grundtümpel bei Wildenau und von dem Sturmwinde

bei Oberscheibe, der in die Teiche fuhr und das Wasser in die Höhe

warf, »als wenn sich zwei Pferde im Wasser mit einander schlügen«,

hingewiesen werden. Vorherrschend schildert die Sage den männlichen Nix

als häßlich, ausnahmsweise wird er als von schöner Gestalt beschrieben.

Er hat struppige grüne Haare und grüne Zähne, Rock und Hosen sind immer

zerrissen und kotig. Auch die slavischen Flußnixen sind grünhaarig

und der finnische Wassergott Ahto hat einen Grasbart. (Rochholz, a.

a. O., II. S. 281.) Der Nix im Grundtümpel bei Wildenau, welcher ein

Krönlein auf dem Haupte trug, sah blau aus. Grün und blau aber sind

dämonische Farben, und besonders weist letztere Farbe auf Wuotan

hin, dessen Leibfarbe ebenfalls blau ist. Haupt bemerkt in seinem

Sagenbuche der Lausitz (No. 44.), daß, obschon der skandinavische

Odhin im Gegensatze zu dem deutschen Luft- und Sturmgotte Wuotan auch

Nix ist, bei den Slaven vielleicht der Luftgott zu einem Wassergotte

wurde. Hier berühren sich jedenfalls germanische und slavische

Überlieferungen. Die Freude aller Wassergeister ist Tanz, Gesang und

Musik. Auch die erzgebirgische Nixensage erzählt von zu Tanze gehenden

Wasserjungfrauen, sowie vom »thörichten See« bei Satzung, in welchem

ein Nix seine Wohnung hatte, daß man daselbst mittags großen Tumult

und Alarm von Jauchzen, Schreien, Geigen und Pfeifen gehört habe, als

ob eine lustige Bauernhochzeit in dem See abgehalten würde. In dem

Sagenbuche der Lausitz hat Karl Haupt mehrere unter der slavischen

Bevölkerung lebende Sagen mitgeteilt und er bemerkt dabei, daß der

musikalische Nix der Wenden ebenso bezeichnend für die slavische

Anschauung sei, wie die Querxe oder Zwerge und der wilde Jäger, die

Berg- und Luftbewohner, für die Anschauung der Deutschen.

Das was Jacob Grimm (deutsche Myth., S. 280.) im Allgemeinen bei

den Wassergeistern hervorhebt, nämlich ein Zug von Grausamkeit und

Blutdurst und die Ausübung blutiger Rache, welche in den Sagen

von diesen Geistern so vielfach wiederkehren, dabei aber auch ein

Beispiel für die Aufrechterhaltung der männlichen Ehre, welche dem Nix

charakteristisch ist, finden wir in der Sage von dem obengenannten

thörichten See vereinigt. Hier belohnt auch der Nix einen Holzhacker

für den geleisteten Dienst, indem er ihm einen Beutel schenkt, der nie

leer werden sollte, so oft er auch hineingreifen würde. Die Belohnung

für geleistete Dienste, scheinbar unbedeutend und doch so reich, ist

eine Handlung, welche uns an ähnliche Handlungen in den Zwergsagen

erinnert; das Wesen der Kobolde und Poltergeister aber nehmen die Nixe

an, wenn sie ohne Veranlassung, wie dies bei Elterlein geschah, ruhige

Arbeiter und Spaziergänger erschrecken.

Der Nix der Zschopau fordert jedes Jahr sein Opfer. Es ist dies eine

Überlieferung, welche auch der Lausitz nicht fehlt und die sich in

gleicher Weise bei der Saale, Elster, Donau, Oder u. s. w. wiederholt.

In die Bode bei Quedlinburg warf man früher in bestimmter Frist

einen schwarzen Hahn; geschah dies nicht, so forderte der Fluß ein

Menschenleben. Wenn auch nicht bei allen Überlieferungen von den

jährlich ein Menschenleben fordernden Flüssen die Nixe ausdrücklich

genannt werden, so ist doch immer dabei an heidnische Menschenopfer,

welche den Wassergeistern gebracht wurden, zu denken. (Haupt a. a. O.,

No. 45.) Als man die Opfer nicht mehr freiwillig brachte, holte sich

diese der Flußgeist selbst.

Schließlich mag noch auf die in unserem Sagenkreise etwas fremdartig

erscheinende Seebergjungfer, welche zuweilen an den Hoderwiesteich

bei Seestadtl kam, um daselbst zu baden, hingewiesen werden. Sie

erschien halb als Fisch und zur Hälfte als Mensch und erinnert durch

diese Gestalt an die keltische Brunnennymphe Melusina, deren Namen

wir aber in einer Sage aus dem böhmischen Teile des Erzgebirgs

einer Luftgottheit beigelegt finden. Jac. Grimm ist geneigt, alle

Vorstellungen von geschwänzten Nixen als echt deutsche anzuzweifeln.

(Deutsche Myth., S. 277.) -- Der vielleicht bis zur europäischen

Völkerwiege zurückreichende Glaube an Wasserdämonen hat bei den

auseinandergehenden Völkerstämmen mancherlei Gestalt angenommen.

Verwandt mit unsern deutschen und slavischen Nixen und den keltischen

Brunnennymphen sind die indischen ~Apsaras~, d. h. die aus dem

Wasser Entsprossenen. -- Zur Dämonenwelt gehören auch die +Riesen+,

welche nach der germanischen Mythe erst nach den Zwergen erschaffen

wurden, um die Ungeheuer und Würmer zu erschlagen. Abgesehen von den

chronikalischen Überlieferungen von Riesenknochen, welche da und dort

gefunden wurden, fehlen im Erzgebirge eigentliche Sagen von Riesen und

ebenso ist es jedenfalls auch bemerkenswert, daß sich bei uns nicht,

wie dies in anderen Gebirgen der Fall ist, Riesensagen mit gewaltigen

Felsmassen verknüpfen, welche nicht selten mauerartig aufgetürmt, die

bewaldeten Höhen krönen, oder die durch ihre absonderliche Form -- ich

erinnere dabei an die granitischen »Hefenklöse« bei Johanngeorgenstadt

und den Rockenstein bei Schönheiderhammer -- die Aufmerksamkeit der

Bewohner gewiß schon in früherer Zeit erregten. Die so häufig im oberen

Erzgebirge auftretenden Blockwerke hat das Volk nüchtern betrachtet,

während es z. B. im Vogtlande in ihnen die Hinterlassenschaft von

Riesen erblickt, und spitze Felskegel haben seine Phantasie nicht

wie in der Lausitz erregt, wo ein solches bei Heidersdorf anstehendes

Naturgebilde als Keule eines Riesen gedeutet wird. (Eisel, Sagenbuch

des Vogtl., No. 22--25. Haupt, a. a. O., No. 90--93.)

Die kindlichen Naturmenschen konnten sich entfernte Erscheinungen,

welche sie am Himmel oder im Luftkreise beobachteten, nur durch

Vergleichung mit näheren bekannten erklären. So war ihnen der Blitz

eine feurige Schlange, im Heulen des Sturmes hörten sie die Stimmen

bekannter Tiere und die Wolken erschienen ihnen als Kühe oder Ziegen,

welche statt der Milch Regen spendeten. Noch jetzt begegnen wir dieser

Vorstellung in einem schwedischen Volksrätsel, dessen Lösung die Wolke

ist: »Eine schwarzrandige Kuh ging über eine pfeilerlose Brücke, kein

Mensch in diesem Lande die Kuh aufhalten kann.« (Manhardt, a. a. O., S.

89.) Jedoch sah man die Tiere der Erde im Himmel größer und gewaltiger

wieder, und man fing an, diese himmlischen Wesen zu fürchten oder

fühlte sich veranlaßt, ihnen für ihre Segensspenden zu danken. Als

sich dann der Glaube an menschenähnliche, im Himmel wohnende Götter

entwickelte, trat eine Verschmelzung derselben mit jenen himmlischen

Tieren ein, indem man meinte, daß sich Götter selbst in solche Tiere

verwandeln könnten, oder letztere ihnen als ihre Begleiter nahe

standen. Später hefteten sich diese Überlieferungen an irdische Tiere

und an Menschen, so daß z. B. aus dem die Blitzschlange bändigenden

Sturmgotte Wuotan ein Mann wurde, welcher eine wunderbare Macht auf

wirkliche Schlangen auszuüben imstande war. In dieser Weise haben wir

die Sagen von +dämonischen Tieren+ aufzufassen. (Grohmann, Sagenbuch

von Böhmen und Mähren, I. S. 216.)

Ein wendischer Aberglaube berichtet, daß jeder Kobold die Gestalt eines

Kalbes annehmen könne. (Haupt, Sagenbuch d. L., No. 88.) In unseren

Sagen ist das gespenstische Kalb Anzeichen eines Krieges oder es

springt des Nachts jemandem, der dann sterben muß, auf den Rücken und

läßt sich forttragen. Zu Ypern wurde ein reicher Mann, der ein goldenes

Kalb anbetete, nach seinem Tode verwünscht, die Gestalt eines Kalbes

anzunehmen, das jedem, dem es begegnet, auf den Rücken springt. (Nork,

Sitten und Gebräuche d. Deutschen, S. 281.)

Das bereits genannte Mittagsgespenst nimmt auch zuweilen Tiergestalt

an; so erscheint es im Jura unter dem Namen »Stollnwurm« als Drache.

Als +Bock+ sonnt es sich des Mittags am Charfreitage auf der Ruine

Hagberg. In diesen Vorstellungskreis gehört vielleicht auch der Bock,

welcher sich zuweilen des Mittags (aber auch des Nachts) um 12 Uhr

am Bocksloche, einem alten Stollen in Oberschlema sehen läßt (s.

Ortssagen.) Als +Lamm+ erscheint das Mittagsgespenst am Tobelhötzli

in der Aargauer Gemeinde, und hierher gehören wohl auch unsere Sagen

vom weißen Schafe, das Menschen erschreckt, und vom weißen Widder mit

goldenen Hörnern.

Aus der Auffassung des Blitzes als +Schlange+ sind zahlreiche

mythologische Vorstellungen hervorgegangen. Wie der Blitz die

Gewitterwolke gleichsam spaltet, so daß dann die goldene Sonne wieder

aufleuchtet, so sollen die himmlischen Schlangen einen kostbaren

Edelstein verfertigen. Diese Vorstellung wurde später auf die irdischen

Schlangen übertragen. (Mannhardt, a. a. O., S. 103.) Weit verbreitet

sind die Sagen von dem Schlangenkönige, welcher auf seinem Kopfe eine

goldene Krone trägt. Es drängt sich hier auch die Vermutung auf, daß

die gelben Flecke hinter den Augen der Ringelnatter bei der Häutung

zu dem Glauben von einer goldenen Krone Veranlassung gegeben haben.

Wie der Schlangenkönig von Lübbenau in der Niederlausitz seine Krone

auf ein feines weißes, großes Tuch niederlegte, so erzählt auch die

erzgebirgische Sage gleiches von unserem Otternkönige oder unserer

Schlangenkönigin. Karl Haupt (Sagenbuch d. Lausitz, No. 84.) bemerkt

dabei, daß die weiße Farbe, welche das Tuch haben muß, auf die

Repräsentanten der Finsternis einen zwingenden und siegreichen Zauber

ausüben muß, so daß sie nun ihre Schätze opfern. Nach einem anderen

Volksglauben aber, welchen Mannhardt (a. a. O., S. 103) anführt, legt

der Schlangenkönig seine Krone auf ein +rotes+ Tuch nieder.

137. Die Zwerge des hohen Steins.

(Joh. Böhm in der Erzgebirgs-Zeitung, 1881, S. 133.)

Der hohe Stein zwischen Graslitz und Markneukirchen war der Aufenthalt

der Zwerge, welche von hier aus die umliegenden Häuser besuchten, den

Leuten bei ihren Arbeiten halfen und ihnen manche Wohlthat erwiesen.

Als aber die Knödel in den Topf und die Brote in den Backofen gezählt

wurden, verschwanden sie nach und nach aus der Gegend.

Beim Baue der Steiner Pfarrkirche zeichneten sich dieselben besonders

aus. Dieselbe sollte nämlich am Fuße des Berges, auf dessen Abhange

sie sich gegenwärtig erhebt, zu stehen kommen, und viel Material hatte

man bereits dorthin gebracht. Allein die Zwerge trugen des Nachts

zu wiederholten Malen das Baumaterial auf die Anhöhe, bis man sich

endlich entschließen mußte, dort das Gotteshaus aufzurichten. Der Bau

schritt ungemein rasch vorwärts. Was die Maurer und Werkleute am Tage

begonnen hatten, wurde von dem arbeitsamen Zwergenvolke während der

Nachtstunden zur vollsten Zufriedenheit des Baumeisters hergestellt, so

daß in kurzer Zeit der eherne Mund der Glocken die Gläubigen zum Hause

des Herrn rufen konnte. Zum Andenken setzte man drei in Stein gehauene

Bilder von Zwergen außen an die südliche Wand der Kirche, wo sie heute

noch zu sehen sind.

138. Die Zwerglöcher auf dem Schwarzberge.

(Edw. Heger in der Erzgebirgszeitung, 6. Jahrg., S. 57.)

Häufig haben sich die Zwerge auf dem Pürsteiner Burberge, sowie auf

dem Leskauer Schloßberge aufgehalten. Ihr Hauptsitz war jedoch auf dem

Schwarzberge und viele Höhlen führten in die Tiefe des Berges zu den

Versammlungssälen. Diese merkwürdigen Höhlen, glatt ausgemeißelt und

schön gewölbt, sind noch gegenwärtig im Volksmunde unter dem Namen »die

Zwerglöcher« allgemein bekannt, und eines dieser Zwerglöcher enthält in

einer etwas geräumigeren Weitung einen Brunnen, dessen Wasser in der

ganzen Gegend gerühmt wird. Der Ort, wo die meisten Zwerghöhlen münden,

wird die »Lihtmerskirch« genannt, und man sagt, es sei vor geraumer

Zeit eine Kirche dort gewesen.

Die Zwerglein, die ehemals in diesen Höhlen gewohnt haben,

beschäftigten sich hier häufig mit Kuchenbacken. Auch haben sie

daselbst einmal ein Menschenkind beherbergt und das ging so zu: Eine

Frau aus dem nahen Dorfe Leskau hatte in diese wilde Waldgegend einst

ihr Kind mitgenommen, sie entfernte sich ein wenig von demselben und

konnte es zu ihrem Schrecken nicht wieder auffinden. Alles Rufen und

Suchen war erfolglos und so mußte die verzweifelnde Mutter ohne ihr

Kind heimkehren. Ein langer Zeitraum war vergangen, als die Frau

wieder einmal und ganz zufällig in jenen Wald kam. Da trieb sie ein

unerklärliches Gefühl an, in eine der Zwerghöhlen hineinzugehen,

und wen erblickte sie darin? Zu ihrem freudigsten Erstaunen ihr

totgeglaubtes Kind, frisch und gesund und recht groß geworden, und es

aß ein Stück Kuchen; denselben hatte es von den guten Zwergen bekommen,

die seine Pfleger und Behüter geworden waren, seit es damals von der

Mutter weggekommen und aus Neugierde in die Zwerghöhle geschlüpft war.

Edw. Heger leitet das Wort »~Lithmer~« von ~lih~, der Leichnam, und

~mere~, die in der Unterwelt herrschenden, den Tod bezeichnenden

Mächte ab, so daß es also eine Stätte bezeichnen soll, welche die

den Unterweltsmächten Verfallenen aufnimmt. Konnte man nicht auch

eine andere Ableitung, nämlich vom mhd. ~lîte~, der Abhang, die

Halde, und ~maere~, berühmt, berüchtigt, versuchen, so daß dann

der Name »Lihtmerskirche« eine Kirche bezeichnet, welche auf einem

berüchtigten, d. h. durch die Zwerge berüchtigten Abhange steht?

139. Das Zwergloch im Scheibenberge.

(Ziehnert, Sachsens Volkssagen, Anhang, No. 33. Winter in der Constit.

Zeitung, 1854, No. 282.)

An der Morgenseite des Scheibenberges befindet sich eine unbedeutende

Höhle, das Zwergloch genannt. Darinnen wohnten sonst viele Zwerge,

deren König Oronomossan hieß. Sie waren nicht über zwei Schuh lang

und trugen recht bunte Röckchen und Höschen. Es schien ihr größtes

Vergnügen zu sein, die Leute zu necken; sie thaten aber auch manchem

viel Gutes und halfen vorzüglich frommen und armen Leuten. Einst,

im Winter, ging ein armes Mädchen aus Schlettau in den am Fuße des

Scheibenberges gelegenen Wald, um Holz zu holen. Da begegnete ihr

ein kleines Männchen mit einer goldenen Krone auf dem Haupte, das

war Oronomossan. Er grüßte das Mädchen und rief gar kläglich: »Ach,

Du liebe Maid, nimm mich in Deinen Tragkorb! Ich bin so müd' und es

schneit und ist so kalt und ich weiß keine Herberge! Drum nimm mich mit

zu Dir in Dein Haus!« Das Mädchen kannte den Zwergkönig zwar nicht,

aber da er gar zu flehentlich bat, so setzte sie ihn in ihren Tragkorb

und deckte ihre Schürze über ihn, damit es ihm nicht auf den Kopf

schneien möchte. Darauf nahm sie den Korb auf den Rücken und trat den

Rückweg an. Aber das Männchen in dem Korbe war zentnerschwer und sie

mußte alle Kräfte zusammennehmen, daß sie die Last nicht niederdrückte.

Als sie nach Hause gekommen, setzte sie den Tragkorb keuchend ab und

wollte nach dem Männchen darin sehen und deckte die Schürze ab. Aber --

wer schildert ihr Staunen? -- das Männchen war fort und statt seiner

lag in dem Tragkorbe ein großer Klumpen gediegenen Silbers!

Sagenbuch des Erzgebirges · 第 12 / 62 段