In früherer Zeit mußte der Stadtnachtwächter am nördlichen Schloßgraben

entlang gehen und von der äußersten Bergecke aus, an der sogenannten

Dechanei, die Stunde abtuten. Da hat er einmal in einer Winternacht von

unsichtbarer Hand eine Ohrfeige bekommen, daß ihm die Pelzmütze den

Berg hinabrollte. Er schrieb den Schabernack dem Schamprich zu.

88. Der schwarze Mann des Jüdensteins.

(Nach Mitteilung des Seminarist Förster aus Bärenwalde.)

Zwischen Bärenwalde und Giegengrün erhebt sich ein Granitfels, der

Jüden- oder Giegenstein genannt. Es sollen einst in der Umgebung

desselben Soldaten einen Lagerplatz gehabt und die umwohnenden Bewohner

hart ausgeplündert haben. Dabei hat einer von den Soldaten einem

armen Manne, welcher nichts geben konnte, das Hüttlein angezündet. Da

verwünschte ihn der Arme und zur Strafe muß nun die Seele des Soldaten

in der Gestalt eines schwarzen Mannes an dem Jüdensteine, wo auch

reiche Schätze vergraben sein sollen, ruhelos umherwandeln. Viele Leute

wollen diesen schwarzen Mann schon gesehen haben.

Ein Mann aus Bärenwalde sagte einmal, er fürchte sich nicht, denn es

gebe keinen schwarzen Mann; er sei schon oft des Nachts an dem Steine

vorbeigegangen, ohne etwas gesehen zu haben. Da geschah es, daß er

einst wieder an dem Jüdensteine vorbeifuhr. Plötzlich setzte sich ein

schwarzer Mann zu ihm auf den Wagen, der immer schwerer und schwerer

wurde; zuletzt konnten die Pferde den Wagen nicht mehr weiter ziehen.

Der Bärenwalder glaubte, der Mann wolle ihn nur erschrecken, deshalb

drehte er sich um und gab ihm eine Ohrfeige. Aber ebenso schnell bekam

er eine solche von unsichtbarer Hand wieder. Er mußte den Wagen stehen

lassen, ging nach Hause und starb nach neun Tagen.

89. Ein Jüngling zu Weißbach findet im Grabe keine Ruhe.

(Mündlich.)

Als in Weißbach bei Schneeberg ein Jüngling gestorben war, zog man ihm

seine schwarzen Kleider an; in der Westentasche aber befand sich noch

ein Pfennig. Da kam der Verstorbene zweimal des Nachts um 12 Uhr wieder

nach Hause. In der zweiten Nacht soll der Pfarrer anwesend gewesen

sein, der hat ihn gefragt, was er wolle. Darauf sagte die Erscheinung,

sie fände im Grabe nicht eher Ruhe, bis man den mitgenommenen Pfennig

wieder geholt hätte.

90. Ein Gespenst ängstigt einen Wiesenthaler Fleischer.

(Flader, Wiesenthälisches Ehren-Gedächtnis, 1719, S. 97.)

Anno 1655 ging ein Fleischhauer aus Wiesenthal sehr frühe bei

Mondenschein und wollte nach Elterlein. Als er aber eine halbe Meile

zurückgeleget und auf einen Platz kommt, tritt ihm ein grausames

Gespenst mit feuriger Zunge und Augen entgegen, in Gestalt eines

verrufen gewesenen Gebirgers, der manchem auf dem böhmischen Wald

das Licht ausgelöschet. Dies Gespenst verlegt ihm den Weg mit seiner

Kette um den Leib, daran eitel Totenköpfe hingen. Der Fleischhauer

erschrickt, betet und kehrt eilends zurück nach Haus. Das Ungetüm aber

begleitet ihn bis in seine Stube, stellet sich daselbst vor ihn und

sieht ihn an, bis die Wirtin aufgestanden ist und ein Licht angezündet

hat. Da ist das Gespenst wieder verschwunden.

91. Der Einsiedel im Thale der roten Weißeritz.

(B. C. (Cotta), Tharand und seine Umgebungen. 1835. S. 91. Gräße,

Sagenschatz etc. No. 264.)

Ganz in der Nähe des Städtchens Tharand befindet sich das Thal

der roten Weißeritz. Hier gestatten schroffe Felsriffe und wild

aufbrausende Fluten im Frühjahr kaum einen schmalen Pfad am linken

Gehänge hin. Eine felsige Landzunge, der sogenannte Einsiedel, wo

einmal ein Einsiedler seine Klause gehabt haben soll, ist in der

Umgegend als ein Ort, wo es spukt, berüchtigt. Man erzählt sich von

grauen Männchen, die da herumgehen, und von Geistern, die einen dort

verborgen liegenden Schatz bewachen sollen, den nur eine ganz reine

Jungfrau heben kann. Ein Mann aus dem nahegelegenen Sommsdorf sah vor

Jahren, wie ein kleiner, höhnisch lachender Zwerg eine alte Frau vom

Berge herabzerrte, die dann zerkratzt und halb besinnungslos in ihrer

Heimat ankam. -- In demselben Thale, bei der langen Brücke am Felsen

hin, befindet sich auch der Nixentump, der sehr tief und von zwei

Wassernixen bewohnt ist.

92. Spukgeister im Herrenhause zu Großhartmannsdorf.

(Märker, Chronik von Großhartmannsdorf. Marienberg, S. 36.)

Der älteste Flügel der herrschaftlichen Gebäude in Großhartmannsdorf

bei Freiberg, welcher eine Anzahl finsterer Gewölbe enthält, soll der

Schauplatz mancher gespenstischen Erscheinungen sein. Einmal soll des

Nachts zur Zeit, da kein Mensch das Herrenhaus bewohnte, eine Gestalt

mit Licht durch alle Zimmer gegangen sein; einmal wieder eine lange

weibliche Gestalt in alter Tracht und mit einem großen Schlüsselbunde

zum öftern im Hofraume des Nachts umhergewandelt, und noch ein anderes

Mal ein Lärmen und Poltern wahrgenommen worden sein.

93. Das Gespenst im Tannicht bei Meerane.

(Leopold, Chron. und Beschr. d. St. Meerane, S. 101.)

Von dem Tannicht, einem feuchten Thale bei Meerane, sagte man früher,

daß es daselbst einem aufhocke, d. h., daß ein Geist sich da manchem

schon mit bleierner Schwere auf die Schultern gesetzt habe.

~Dr.~ Leopold, der Verfasser der Chronik von Meerane, führt den

Ursprung dieser Sage auf den Umstand zurück, daß Leute, die stark

schwitzend von der Höhe des Crimmitschauer Weges in den Tannicht

hinabstiegen, sich verkühlten und von Blutandrang nach Kopf und Brust

befallen wurden.

94. Ein Gespenst dringt einem Fuhrmanne Geld auf.

(Engelschall, Beschreibung der Exulanten- und Bergstadt

Johanngeorgenstadt. Leipzig, 1723, S. 135.)

Im Jahre 1719 fährt Abraham Friedrich einem Schmiede in

Johanngeorgenstadt Kohlen ein. Da er nun Nachmittag um 1 Uhr wieder

an die Meilerstätte kommt und den Schmiedegesellen, welcher ihm beim

Aufladen helfen soll, nicht findet, im Gebüsch sich aber etwas bewegen

sieht, so meint er, es sei der Gehülfe und ruft ihm daher zu, er solle

sich herpacken und mit aufladen. Hierauf erschallt eine Stimme: »Jetzt

gleich.« Es kommt auch wirklich jemand und hilft ihm etliche Kübel

Kohlen auf den Karren laden, also daß Friedrich nicht anders meint,

er habe seinen Gesellen. Nachdem sich aber der Kohlenstaub ein wenig

legt, sieht er an dessen Unterleib eine seltsame Gestalt, er stößt ihn

daher von sich und spricht, er solle sich packen, seine Hülfe begehre

er nicht. Indem nun Friedrich weiter aufladet, kehrt der andere das

Löschfäßlein um und belegt es mit lauter neuem kurfürstlichen Gelde.

Dabei begehrt er, weil Friedrich ein armer Mann sei, solle er's

nehmen, und so oft er etwas brauche, möge er wieder an diese Stätte

kommen, da er ihm ein mehreres geben wolle. Darüber wurde Friedrich

unwillig und stieß das Faß mit dem Gelde um, so daß letzteres über

den ganzen Platz verstreut wurde. Der andere aber raffte es im Hui

wieder in seinen Beutel und hielt es von neuem vor. Friedrich jedoch

kehrte sich nicht daran und fuhr fort. Er mußte aber seinen Gefährten

noch ein gut Stück Weges bei sich haben. Derselbe hielt ihm immer den

Beutel vor, schüttelte mit dem Gelde und wollte es ihm aufdringen,

bis endlich Friedrich aus Ungeduld ihn garstig gescholten und mit der

Peitsche darnach geschlagen. Da ging der andere seitwärts ins Holz und

hinterließ einen solchen Dampf und Gestank, daß Friedrich zu ersticken

meinte und auch in der Folge krank wurde.

95. Das Gespenst in einer Halde bei Pobershau.

(Nach Mitteilung des Seminarist Richter in Schneeberg.)

In Pobershau bei Zöblitz sieht man neben der alten Schule eine große

Steinhalde. Hier soll ein Gespenst sein Wesen treiben, denn schon

oft hat man daselbst Stöhnen, Rufen und Gepolter gehört, und es wird

überhaupt viel darüber gemunkelt. Nach der allgemeinen Sage soll dies

Gespenst der Geist eines früheren Grundbesitzers sein, welcher als sehr

hartherzig verschrien war.

96. Die sieben Ruten bei Chemnitz.

(Mündlich.)

Ein Teil des Schloßwaldes bei Chemnitz trägt den Namen »Die sieben

Ruten.« Jeder, der diesen Teil betritt, soll keinen Ausweg finden

können. Der Sage nach soll hier einst einer besonderen Krankheit wegen

ein Mann begraben worden sein, der jedem, welcher dies Gebiet betritt,

den Ausweg verstellt.

97. Der böse Seidelmann in den Sechsruten bei Glößa.

(Ziehnert, Sachsens Volkssagen. Anhang, No. 18.)

Zwischen den Dörfern Auerswalde und Glößa bei Chemnitz liegt ein Wald,

die sogenannten Sechsruten. In diesem spukt der Schatten eines bösen

Beamten, welchen die Volkssage den bösen Seidelmann nennt. Er hat

bei seinen Lebzeiten die ihm Untergebenen übel behandelt und viele

Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten verübt, wofür er zur Strafe im

Grabe keine Ruhe findet. Sein spukender Geist führt die Wanderer irre

und neckt und erschreckt sie durch gellendes Rufen. Niemand in der

Umgegend weiß, was zu Seidelmanns Erlösung vonnöten ist.

Ein Walddistrikt zwischen Roßleben und Ziegelrode heißt »der Sechse«.

Auch hier spukte einst in einem Zauberkreise ein dorthin verbannter

Geist, der sogar Prügel austeilte. (Größler, Sagen der Grafschaft

Mannsfeld, No. 260.)

98. Der Baslerfels bei Platten.

(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 91.)

Unterhalb der letzten Häuser von Platten, welche an der nach

Breitenbach führenden Straße liegen, erhebt sich jenseits des Baches

ein ziemlich hoher, mit dunklen Fichten bewachsener Felsen, der

allgemein »der Baslerfels« genannt wird. An der Stelle, wo dieser

Fels emporragt, soll vor so und so viel Jahren ein stattliches Schloß

gestanden haben, das der reiche Basler bewohnte. Er verdiente in der

That diesen Beinamen, denn er war der reichste Bergwerksbesitzer in

der ganzen Umgegend. Allein Reichtum erzeugt nicht selten Hochmut, und

Hochmut führt leicht zum Fall. Auch Basler, pochend auf seine Gold- und

Silberschätze, lebte in verschwenderischer Pracht und Herrlichkeit,

bedrückte über die Maßen die Armen und ließ in frevlem Übermute seinen

Pferden sogar silberne Hufeisen aufschlagen. Und als er in seiner

Verstocktheit noch größere Frevelthaten verübte, ereilte ihn die Strafe

des Himmels. Basler wurde samt der Burg zum warnenden Zeichen für

alle Zeiten in harten Stein verwandelt. Seit dieser Zeit ist es beim

Baslerfels nicht richtig.

Drei Bergleute, von denen einer taub war, gingen einmal nach beendigter

Schicht nach Hause. Als sie bei der unteren Mühle anlangten, da,

wo sich im Felsen ein Stollen befindet, vernahm der taube Bergmann

deutlich das Getrabe von Pferden und das Gerassel einer Kutsche und

machte seine Kameraden darauf aufmerksam. Dieselben sahen fürwahr aus

dem Stollen eine vierspännige Kutsche herauskommen, doch hörten sie

diese weder rasseln noch die Pferde traben.

Andere Leute wollen zu einer bestimmten Zeit bei der sogenannten

Kühbrücke, die sich am Fuße des Baslerfelsens befindet, ein weißes

Schaf gesehen haben, das manchen bis zu dem bereits oben genannten

Stollen geführt haben soll.

Neben der Kühbrücke liegt heute noch ein großer Stein, auf welchem

einst ein Mann, der eine schwere Bürde trug, ausruhte. Während seiner

Rast schimpfte er gewaltig auf den Baslerwald, weil er sich darin

verirrt hatte. Wie er vom Steine wieder aufstehen wollte, konnte er

trotz aller Kraftanstrengung sich nicht in die Höhe erheben. Erst dann,

als der Mann sein Fluchen bereute, kam er von der Stelle.

Auch führt es Holzleute, die in das Bereich des Baslerfelsens kommen,

irre, so daß sie erst nach längerem Hin- und Herlaufen wieder den

rechten Weg gewinnen.

Überdies soll sich im Baslerfelsen ein Hemann aufhalten, der Personen,

welche sein ihm zugeteiltes Gebiet betreten, so lange herumtreibt, bis

sie tot zu Boden stürzen.

99. Der böse Graf von Wildenfels.

(Mitgeteilt durch Lehrer Günther aus Lößnitz.)

Ein böser Graf von Wildenfels ist einst in ein Pfund Hirse verbannt

worden. Er muß so lange darin bleiben, bis der Haufen, von dem jedes

Jahr nur ein einziges Körnchen abfällt, verschwunden ist. Dieser Graf

ist nämlich bei seinen Lebzeiten sehr unbarmherzig und geizig gewesen.

Während einer großen Teuerung war ihm das Getreide noch nicht teuer

genug, daher verkaufte er seine Vorräte nicht. Da kam ihm aber der Wurm

hinein, der das ganze Getreide durchwühlte. Auch jetzt gönnte es der

Graf niemandem, sondern ließ es fuderweise in die Mulde schütten. Zur

Strafe wurde er nach seinem Tode in den Hirse verbannt.

100. Der Hirse zählende Verbannte.

(Mitgeteilt vom Lehrer Thuß in Tellerhäuser.)

In dem Oberförstergebäude zu Karlsfeld wohnte in früheren Zeiten ein

reicher Mann, der sehr geizig war. Nach seinem Tode mußte er, an einem

bestimmten Erkerfenster des Hauses sitzend, zur Strafe für seinen Geiz

ein Viertel Hirse zählen. Ob er damit fertig geworden und somit erlöst

ist, weiß die Sage nicht zu melden.

101. Der Geist eines Ritters geht auf der Isenburg in Zwerggestalt um.

(Gräße, Sagenschatz des K. Sachsen, No. 476.)

In der Nähe des Dorfes Wildbach bei Schneeberg liegen auf einem

Vorberge des Muldenthales die Überreste der Isenburg, welche vielleicht

eine Art Vorfestung von Schloß Stein war, mit welchem sie durch einen

unterirdischen, unter der Mulde hinführenden Gang verbunden gewesen

sein soll. Hier hauste nach der Sage im 14. Jahrhundert ein Raubritter,

Konrad von Kauffungen, der solche Schandthaten verübte, daß ihm der

Teufel den Hals brach und sein Geist verdammt ist, bis auf den heutigen

Tag die Umgegend in Zwerggestalt zu schrecken.

102. Der alte Turm in Tanneberg.

(Ziehnert, Sachsens Volkssagen. Anhang, No. 38.)

Nahe bei den Rittergutsgebäuden des Dorfes Tanneberg bei Geyer steht

ein uralter viereckiger Turm. Seine starken Mauern sind noch jetzt an

dreißig Ellen hoch und von einem Wassergraben umgeben. Viel erzählt man

von ihm, aber wenig zusammenhängendes.

In uralter Zeit soll einmal ein Graf, der Besitzer dieser Gegend, eine

große Jagd abgehalten und sich dabei verirrt haben und mit seinem Rosse

in einen Sumpf gesunken sein. Dem Tode nahe, wäre er noch von den

Jägern mit Mühe gerettet worden und hätte zum Andenken den Turm erbaut.

Jetzt noch soll in dem Turme der Geist eines der späteren Besitzer

spuken, aber warum? weiß niemand. Auch wollen alte Holzhauer und

Bergleute den Baum wissen, wo die Seele dieses unglücklichen Spukers

eingespündet sein soll. Es wäre sonst ein eiserner Reif um den Baum

gelegt gewesen, um die Seele recht festzuhalten, aber die Holzdiebe

hätten zuletzt auch den Reif gestohlen.

103. Die tanzenden Geister in der Aue bei Lößnitz.

(Mitgeteilt von J. G. Müller, Kirchner und Lehrer in Lößnitz.)

Die sogenannte hintere Aue, ein Thal von Dreihansen bis Niederlößnitz,

war einst mit Wald bewachsen, und in diesem wohnten viele Geister.

Der Wald wurde nach und nach gerodet, das Thal urbar gemacht und

die Geister vertrieben. Dieselben kommen aber noch in den warmen

Sommernächten auf ihre alten Spielplätze und führen ihre munteren Tänze

das Thal entlang aus.

104. Spuk auf dem Braunsteine.

(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 48.)

Ein altes Weib aus Joachimsthal begab sich einst in den Wald am

Braunstein, um Beeren zu sammeln. Am Fuße des Berges bemerkte sie einen

großen steinernen Wassertrog. Verwundert darüber blieb sie stehen und

sprach halblaut zu sich: So alt ich bin, hab ich weder den Wassertrog

gesehen, noch etwas von ihm gehört. In Gedanken vertieft, stieg das

Weib weiter bergauf und erblickte auf einmal auf einem sonnigen Platze

drei mit reifen Erdbeeren gefüllte Töpfe. Bist du doch nicht allein

hier, dachte sie bei sich und ging an den Töpfen vorbei, ohne eine

Erdbeere anzurühren. Kaum hatte sich jedoch das Weib einige Schritte

entfernt, da vernahm sie hinter sich ein lautes Jammern und Schluchzen.

Rasch drehte sie sich um. Als sie aber nichts mehr von den Töpfen mit

den Beeren sah, überkam sie ein solches Grauen, daß sie im Sturmschritt

über den Abhang des Braunsteins hinunterlief, um in kürzester Zeit aus

dem Walde zu kommen. Daheim erzählte das Weib, was ihr begegnet war,

verfiel in eine längere Krankheit, lebte aber noch viele Jahre.

105. Spuk auf dem Grauensteine bei Joachimsthal.

(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 63 etc.)

Nach einer Überlieferung soll der Grauenstein ein verwünschtes, durch

Zaubersprüche unsichtbar gewordenes Schloß sein. Einst veranstalteten

die nächsten Umwohner eine Prozession, um die am Grauenstein polternden

Geister und Gespenster zu bannen und zur Ruhe zu bringen. Auf einmal

hörte man Musik und Gesang in den Lüften, ja noch mehr, ein ganzer

Schwarm von Geistern kam auf die Herannahenden zu. Erschreckt ergriffen

die Leute die Flucht, und der Grauenstein ward umsomehr gefürchtet.

Einem armen Bergmanne träumte drei Nächte hinter einander, er solle

um 12 Uhr des Nachts auf den Grauenstein gehen, er könne das Schloß

erlösen. Er machte sich auf den Weg, und als er sich demselben näherte,

hörte er lärmende Musik. Er sah zwei Reiter dahersprengen, die zwischen

sich ein leeres schmuckes Pferd führten und dem Erschreckten winkten.

Da sank sein Mut, er kehrte den Reitern den Rücken, und mit Krachen und

Zischen war alles verschwunden.

Andere Bergleute wollen zur Abendzeit Musik vernommen haben, die sich

vom Grauensteine gegen die Schwedenschanze gleichsam fortbewegte

und dort in die Töne des pfeifenden Windes sich auflöste; ja einer

erzählte sogar, er habe einmal zwischen elf und zwölf Uhr des Nachts

die erleuchteten Fenster des verwünschten Schlosses gesehen und sie

gezählt, als er zu dieser Zeit Holz holte.

In dem Thalgrunde, wo jetzt bei Joachimsthal die große k. k.

Cigarrenfabrik steht, wohnte vor etwa siebzig Jahren ein Mann, mit

Namen Huß. Als derselbe eines Abends bei mattem Lampenscheine in

seinem Stübchen saß, klopfte es plötzlich an sein Fenster. Er öffnete

dieses mit der Frage, wer so spät da sei? »Mach' auf Kamerad!« war die

Antwort des Klopfenden. Huß hieß ihn in die Stube treten und erkannte

in dem Ankömmling seinen alten Kriegsgenossen aus Tirol. »Sage mir

doch, mein Lieber,« sprach Huß, »was Dich in so später Nacht zu mir

führt?« »Mir hat geträumt«, antwortete der Tiroler, »daß ich nach

der Bergstadt St. Joachimsthal gehen und das unweit davon gelegene

verwünschte Grauensteiner Schloß von seinem Zauber befreien soll. Du

bist in der Gegend bekannt und wirst mir gewiß den Weg zum Grauenstein

zeigen.« »Diesen Freundschaftsdienst kann ich Dir, Waghals, schon

erweisen; wir gehen um elf Uhr hinauf,« entgegnete der treuherzige Huß

seinem ehemaligen Waffengefährten. -- Nachdem beide den freien Platz

erreicht hatten, der im Volksmunde »Kuhplatz« heißt, hörten sie aus der

Ferne eine liebliche Musik. Hier blieb Huß stehen, während der Tiroler

bergauf in der Richtung weiter ging, woher die Wunderklänge drangen.

Endlich kam er gegen Mitternacht am Grauensteine an und sah auf einmal

vor sich das verzauberte Schloß, strahlend im wundervollen Lichtglanze,

wie er sein Lebtag noch keinen gesehen. Furcht und Freude kämpften bei

diesem Anblicke in seinem Herzen; aber jemehr er sich dem Schlosse,

dem Ziele seiner Wünsche, näherte, desto größere Schweißtropfen traten

auf seine Stirn. Schon stand er beim offenen Portale, da kehrte er,

von Angst und Grauen überwältigt, wieder um; in demselben Augenblicke

jedoch donnerte und krachte es und im Nu waren die Lichter samt dem

Schlosse, das noch immer seiner Erlösung harrt, verschwunden.

106. Das Glockengeläute im Leidenswalde bei Platten.

(Mündlich.)

Fünfzehn Minuten von Platten liegt ein Wald, der Leidenswald genannt;

in diesem soll vor vielen Jahren ein Mann nach seinem Tode seines

gottlosen Lebenswandels wegen verbannt gewesen sein. Wenn man früher

durch diesen Wald ging, hörte man ein leises Glockengeläute; dasselbe

ist aber verstummt, seit man in dem nahen Platten des Nachts 12 Uhr

eine Glocke läutet. Die Leute glauben nun, daß damit auch der Verbannte

im Leidenswalde erlöst worden sei.

107. Der Leichenweg und Kirchhof zwischen Neidhardsthal und Zschorlau.

(Mitgeteilt vom Lehrer E. Schlegel aus Zschorlau.)

Als vor Jahrhunderten im Erzgebirge die Pest wütete, berührte sie

auch den kleinen Ort Neidhardsthal. Die Leichen wurden auf einem

Platze zwischen Neidhardsthal und Zschorlau begraben und ein Weg,

welcher beide Dörfer verbindet, heißt noch heute der Leichenweg. Auf

demselben sieht man zu Zeiten in der Mitternachtsstunde Gestalten

ängstlich hin und her laufen, oder man erblickt auch eine Frau mit

feurigen Augen. Der Begräbnisplatz ist jetzt eine Wiese voller Hügel

und Löcher; er wird »das Gottesäckerle« genannt. Auch dort will man in

der Mitternachtsstunde Gewimmer gehört haben. Alte Personen erzählen

wieder, daß auf diesem Platze die Heiden begraben worden seien, welche

einst auf dem nahen Steinberge wohnten. Auf dem Gipfel desselben sieht

man noch jetzt ein Gemäuer und einen ebenen Rasenplatz. Dort sollen sie

zu ihren Göttern gebetet haben. Das Gemäuer wird von den Bewohnern der

Umgegend »Kirchel« genannt.

108. Gespensterspuk auf der Ämmlerstraße.

(Mitgeteilt von Heinr. Weißflog aus Raschau.)

Zwischen Mitweide bei Schwarzenberg und dem nördlich davon gelegenen

Dorfe Schwarzbach befindet sich eine alte, nach dem Städtchen

Scheibenberg führende Marktstraße, die Ämmlerstraße genannt. Dieselbe

soll ihren Namen von einem früheren Bergherrn Ämmler haben, auf dessen

Rat sie angelegt wurde. Von dieser Straße nun wird gar Schauriges

erzählt. So soll daselbst des Nachts 12 Uhr, wenn alles recht ruhig

ist, ein Leichenzug zu sehen sein, und den ihn begleitenden Gesang

hört man über sich in der Luft. Dieser Gesang soll überaus lieblich

klingen, so daß schon manche wie bezaubert stehen geblieben sind und

gelauscht haben. Wer aber darauf hört, dem wird es verderblich, denn er

findet seinen Weg nicht mehr. Erst wenn man irgend ein Kleidungsstück

umwendet, so soll man sich wieder zurecht finden.

Auf der Ämmlerstraße soll auch in stürmischen Nächten das wilde Heer zu

sehen sein. Neben dem »Hussa!« der vorüberjagenden Reiter hört man dann

aber auch eine schöne, himmlische Musik.

109. Die wüste Mühle im Trebnitzgrunde.

(Nach der poet. Bearbeitung Ziehnerts in Gräße, Sagenschatz d. K. S.,

No. 238.)

Sagenbuch des Erzgebirges · 第 9 / 62 段