Müller zu Blumenau, nach Hause, und als er hinter die Pfarrwohnung zu
Olbernhau kam, wo ihn sein Weg nach Hause führte, gingen drei Männer
geschwind und ohne Gruß vorüber, worüber er sich verwunderte, weil er
sie für Blumenauer ansah. Als er ein wenig fortreitet, kommen ihm auf
dem Wege vier verschleierte Weiber entgegen, welche eine Totenbahre
mit einem Sarge und Leichentuch tragen. Darüber erschrickt er und weiß
nicht, wo er ist; bald dünkt ihm, er reite durch ein großes Wasser,
bald scheint es ihm, als müsse er einen hohen Berg hinan reiten, bis
es ein wenig licht wird und er sich bekennet, daß er auf dem rechten
Wege sei. Als er zu des Richters Teich, der nahe bei dem Gerichte ist,
kommt, sieht er abermals fünf bis sechs Paar verschleierte Weiber daher
kommen, die über den Steig, darüber er auch gewollt, gehen, daß er
nicht weiß, was er thun soll. Er lässet aber dem Pferde seinen Gang;
dasselbe ist des Weges wohl gewohnt, will jedoch über den Steig nicht
gehen, sondern lenket sich mit Schnauben neben demselben durch ein
Bächlein, und bringet so seinen Reiter gesund nach Hause, wie wohl es
sehr geschwitzet. Des andern Tages hat es der Müller ausgesagt und hat
ihm nichts geschadet.
44. Die weiße Frau im Pfarrgarten zu Meerane.
(Leopold, Chronik und Beschr. der Stadt Meerane, S. 252.)
In alter Zeit lebte auf dem Schlosse zu Meerane ein Herzog, der von
seiner Gemahlin keine Kinder bekam. Daher nahmen sie ein junges
Mädchen, eine Gräfin, an Kindesstatt an. Als diese 17 Jahr alt war,
starb des Herzogs Gattin. Sie ward bald vergessen und kurze Zeit darauf
von dem Herzoge jenes Mädchen zur zweiten Gemahlin erwählt, welche ihm
in der Folge zwei Kinder gebar, einen Knaben und ein Mädchen. Auch
der Vater starb, als jener acht, dieses zwei Jahre alt war, und die
junge Witwe ließ sich bald darauf den Zutritt eines fremden, ihr nicht
ganz ebenbürtigen Mannes gefallen. Als er nun während der Zeit seiner
Bewerbungen einmal wieder abreiste, hatte er die Worte fallen lassen:
es sei alles gut, wenn nur vier Augen nicht wären. Das verblendete
Weib und die dabei unnatürliche Mutter deutete obige Worte so, daß ihr
Liebhaber sie gern heiraten würde, wenn nur ihre zwei Kinder nicht
wären. Und sofort war auch ihr Entschluß gefaßt. Die Wartefrau mußte
mit den beiden Kindern in den nahen Wald, das Gottesholz, gehen und
ein gedungener Bösewicht alle drei ermorden. Die Wartefrau fiel als
erstes Opfer. Als der Knabe sie in ihrem Blute hinsinken sah, fiel er
dem Mörder um den Hals und versprach, er wolle ihm fünf Rittergüter von
seinen acht geben, wenn er ihn nur leben ließe. Doch auch ihm senkte
der Schändliche den Dolch in die Brust. Das Mädchen hielt ihm zur
Abwehr, wie zur Beschwichtigung, in jeder Hand eine Puppe entgegen,
die sie mitgenommen hatte. Auch dies Kind wurde nicht geschont. Die
Mutter ließ hierauf die drei Leichen heimlich in die Burg bringen, und
nach dem sie ausgesprengt, alle drei seien schnell einer bösartigen
Krankheit erlegen, in der Burgkirche beisetzen. Ihrem Liebhaber schrieb
sie, das Hindernis ihres Ehebundes sei beseitigt und er solle nun
kommen. Und er kam -- aber mit strafendem Blicke und dem Bedeuten,
daß er sie nur habe prüfen wollen, ob bei ihr sinnliche Liebe über
Kindesliebe siegen könne, und daß nun ein Ehebündnis mit ihm unmöglich
sei. Jetzt überfiel die Unglückliche die entsetzlichste Reue und da
sie meinte, daß ihre so große Schuld nur durch die schwerste Buße
zu sühnen sei, ließ sie sich beide Knie mit Polstern umkleiden und
trat nun in Begleitung ihrer Kammerfrau und in leichtem Gewande ihre
Bußreise zu dem Papste nach Rom immer auf den Knien rutschend an. Auf
der Hälfte des Weges starb ihre Begleiterin, sie selbst mußte allein
weiter reisen. Als sie endlich an dem ihr bezeichneten Kloster in Rom
angekommen war, war es nachts 12 Uhr; sie vermochte es nicht mehr, sich
aufzurichten und an der Schelle zu ziehen, sank vor Erschöpfung nieder
und wurde früh morgens vor der noch ungeöffneten Pforte des Klosters
von Vorübergehenden tot aufgefunden. Ihre Seele fand daher keine
Ruhe, sondern schweift seitdem als weiße Frau in dem Rotengarten oder
Raubgarten, dem jetzigen Pfarrgarten von Meerane, umher.
In einem alten Buche über Meerane soll die Ermordung der beiden Kinder
abgebildet sein mit den Unterschriften:
»Mein lieber H., laß mich leben,
Ich will Dir Neudeck und Nossen (?) geben,
Pleißenburg, die neue,
Es wird Dich nicht gereue.« Und:
»Mein lieber H., laß mich leben,
Ich will Dir meine Puppen geben.«
Fast ganz übereinstimmend mit unser Sage ist die von der Gräfin von
Orlamünde. (Richter, deutscher Sagenschatz, 4. Heft, No. 51.)
45. Die gespenstische Frau auf dem weißen Fels im Hartensteiner Walde.
(Nach Mitteilung des Lehrers G. Günther aus Lößnitz.)
Auf dem zwischen Schloß Stein und Nieder-Schlema auf der Höhe
des rechten Muldenufers emporragenden weißen Fels und in dessen
Umgebung hat sich vorzeiten eine Frauengestalt sehen lassen. Anfangs
erschien dieselbe als weiß gekleidete Jungfrau, später aber als altes
Mütterchen. In dieser Gestalt ist sie noch vor einigen Jahren von
Holzlesern gesehen worden.
46. Die Jungfrau auf dem Pöhlberge bei Annaberg.
(Br. Grimm, deutsche Sagen, I. No. 11.)
Bei Annaberg liegt vor der Stadt ein hoher Berg, der Pöhl- oder
Pielberg genannt, darauf soll vor Zeiten eine schöne Jungfrau verbannt
und verwünscht sein, die sich noch öfters um Mittag, weshalb sich
dann niemand darf sehen lassen, in köstlicher Gestalt, mit prächtigen
gelben, hinter sich geschlagenen Haaren zeigte.
47. Die Jungfrau des Lauterstein bei Zöblitz.
(Wg. im »Glückauf«, 2. Jahrg. No. 5.)
Einst hütete ein junger Hirte aus Lauterbach seine magere Herde bei der
Ruine Lauterstein und legte sich auf den weichen warmen Rasen, um sich
zu sonnen. Schon wollte er zu Mittag eintreiben, als er ein Geräusch
hinter sich hörte. Er sieht sich um und erblickt eine Jungfrau, groß
und stark, in einer Kleidung, wie sie niemand mehr trug; dieselbe war
beschäftigt, Laub zusammen zu rechen. Freundlich kommt sie auf den
Hirten zu, steckt ihm alle Taschen voll Laub und verschwindet, als er
sich nach ihr umsieht. Voll Verwunderung und innerem Grauen treibt
der Knabe seine Herde eilig nach Hause. Hier erzählt er bei Tische
von der Erscheinung, greift in die Tasche nach dem Laube und zeigt es
vor. Welch Wunder! Die Blätter hatten sich in eitel Gold verwandelt.
Noch an demselben Tage gingen seine Leute in die Gegend der Ruine, um
Laub zu rechen. Sie brachten ganze Säcke davon nach Hause, aber es
war und blieb Laub. Der Hirtenknabe kaufte später das Lehngericht in
Lauterbach; aber die goldspendende Jungfrau hat er nie wieder gesehen.
48. Die Jungfrauen des Breiten- und Röthelsteins bei Beerheide.
(Köhler, Volksbrauch im Vogtlande, S. 519.)
An den Breiten- und Röthelstein bei Beerheide knüpft man folgende Sage:
Im grauen Altertume sollen von Ellefeld bei Falkenstein aus zwei alte
Jungfrauen hierher verbannt worden sein, die noch jetzt ihr Wesen in
dieser Gegend treiben. Denn bald fahren dieselben in feuriger Kutsche
mit dergleichen Rossen bespannt vom Breitenstein über den Göhlenbach
zum Röthelstein, der dann seine Thore öffnet und sie aufnimmt; bald
gehen dieselben in schwarzen Kleidern um den Röthelstein spazieren.
Zuweilen findet man dort die schönsten Silber- und Kupfermünzen, die,
wenn man sie aufgehoben und in die Tasche gebracht hat, aus derselben
wieder verschwinden. -- Auch wird erzählt, daß am Morgen des ersten
Osterfeiertags die Jungfrauen des Röthelsteins tanzen.
49. Verwunschene Schloßfräulein hängen Wäsche auf.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 88.)
Vor Jahren ging ein Mann im Graslitzer Amtshofe herum. Da bemerkte er
auf dem Hausberge mehrere verwunschene Schloßfräulein, die eben Wäsche
aufhingen. Um sich zu überzeugen, daß er sich nicht täusche, ging er
auf den Berg, der Stelle zu, wo das Linnen aufgehängt war. Allein je
weiter er ging, desto weiter schien sich das Linnen zu entfernen.
Endlich stand es stille. Als er aber darauf losging, verschwanden die
Jungfrauen und auch das Linnen und statt des letzteren sah er eine
Masse von Spinnweben, die ihn so dicht umhüllten, daß er sich nur mit
Not herausfitzen konnte.
50. Die Jungfrau auf dem Braunstein.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 44.)
Droben am Braunstein zwischen Schlackenwerth und Joachimsthal hat
ein verwunschenes Schloß gestanden, das ist mit einer verwunschenen
Jungfrau und vielen Schätzen versunken. Holt sie einmal ein recht
frommer Mann, dann wird er mit ihr auch die Schätze heimführen.
Der Petermüller unten hat es mit seinen eigenen Ohren zu Ostern
jedesmal in der Passionszeit gehört, wie da die Jungfrau im Berge
drinnen geweint, und bald darauf hörte er auch einen solchen
Engelgesang, wie ihn die Leute niemals vernahmen. Die Jungfrau hat noch
niemand zu holen versucht.
An einem heißen Augusttage des Jahres 1848 schritt um die elfte
Vormittagsstunde ein Mann aus Joachimsthal heiteren Sinnes an der
»Petermühle« vorbei. Seine Verwunderung war nicht gering, als er
bemerkte, daß die Müllerin, seine Verwandte, auf der unterhalb der
Mühle gelegenen Wiese Heu wendete, da doch Sonntag war. Überzeugung
kann nicht schaden, dachte sich unser Joachimsthaler und ging in
die Mühle, um dort nach der Ursache zu fragen, daß die Frau des
Hauses heute am Sonntage, am Tage des Herrn, Heu mache. Doch welche
Überraschung! Seine Verwandte stand gerade beim Ofen und bereitete
das Mittagsmahl. Man eilte schnurstracks auf die Wiese, allein die
Heumacherin, welche die Braunsteiner Jungfrau gewesen sein soll, war
verschwunden. Derselbe Mann erzählte, daß sein Vater, als er Schafe
hütete, die Braunsteiner Jungfrau habe herrliche Lieder singen hören.
Drei Männern aus Mariasorg träumte einmal, sie sollten auf den
Braunstein gehen, dort würden sie ungeheure Schätze finden, welche
von einer verwunschenen Jungfrau bewacht würden. Als die Männer früh
zusammen kamen, erzählten sie sich gegenseitig den seltsamen Traum
und entschlossen sich, in der folgenden Nacht zwischen elf und zwölf
Uhr auf den Braunstein zu gehen. Dort angelangt, fanden sie den Berg
offen, gingen furchtlos hinein und erblickten wirklich eine große
Pfanne mit Gold- und Silbermünzen und eine schöne Jungfrau, welche die
Männer freundlich begrüßte und zu ihnen mit wohltönender Stimme sprach:
»Diese Schätze gehören Euch; doch müßt Ihr die Pfanne samt dem Inhalte
auf einmal forttragen.« Als aber einer der Männer, der die Ausführung
dieser Forderung für unmöglich hielt, seine Meinung unverhohlen zum
Ausdrucke brachte, verspürten alle drei gleichzeitig eine so derbe
Ohrfeige, daß sie besinnungslos zu Boden sanken. Als die Männer wieder
zum Bewußtsein erwacht waren, machten sie große Augen, weil sie sich,
in ihrer Hoffnung getäuscht, auf der Oberfläche des Berges befanden.
51. Der Schön-Jungfern-Grund bei Ober-Wiesenthal.
(I. F. A. Türke im Glückauf, 2. Jahrg. No. 3. II. Ziehnert a. a. O.
Anhang, No. 32.)
I. Wer von Neudorf nach Oberwiesenthal wandert und die Richtung
durch den Wald nach dem Fichtelberge einschlägt, kommt nach seinem
Austritt aus dem Walde zuerst bei dem roten Vorwerke, sodann auf
der andern Seite bei dem weißen Vorwerke vorbei und hierauf an den
Schön-Jungfern-Grund, einen tiefen, von der Höhe des Fichtelberges
beginnenden und sich nach Osten ziehenden Einschnitt. In diesem Grunde
liegt oft der Schnee in den Wintern viele Meter tief und zeigt noch
schmutzigweiße Reste im Spätfrühling, wenn längst schon Feld, Wiese und
Wald sich grün geschmückt haben. Die Sonne kann ihm nicht gut beikommen
und das herabrieselnde Gewässer kann nur den tiefliegenden fortbringen.
So erklärt es der gewöhnliche Verstand. Die Sage weiß es anders und
zwar so: Vor langen Zeiten stand hier ein schönes Schloß und darin
wohnten noch schönere Burgfräulein. Darauf kamen böse Raubritter,
zerstörten das Schloß und ermordeten die schönen Jungfrauen. Sie leben
aber doch noch, wohnen im Innern des Berges und bleichen im Frühlinge
ihre Leibwäsche.
II. Der Jungferngrund soll seinen Namen von zwei Jungfern haben,
welche sich oftmals im Neumond sehen lassen. Es sind Schwestern; die
eine spielt auf der Laute und die andere windet einen Kranz. Wer sie
eigentlich sind, weiß niemand.
Den Wiesenthalern dient der Jungferngrund auch als Wetterprophet. Denn
wenn der Himmel über demselben hell ist, so wird -- ob es auch sonst
allenthalben trübe aussieht -- zuverlässig schönes Wetter; wenn aber
der Jungferngrund voll Nebel ist, so sagt man: Die Jungfern trocknen
ihre Wäsche! und dann folgt kalte und nasse Witterung.
52. Die Burgfrau des Pürsteins.
(Karl Jentscher in der Erzgebirgs-Zeitung, 1. Jahrg. S. 66.)
Die Sage berichtet, daß einst in dem Bache am Schlosse Pürstein ein
Knabe fischte, was die Aufmerksamkeit der Burgfrau erweckte. Sie
saß nämlich oben auf dem Söller und winkte ihrem Gemahl, welcher in
den Krieg zog, ihre letzten Scheidegrüße zu. Heftig erzürnt über
den Knaben, der es wagte in diesem Bache Fische zu fangen, ließ sie
ihn sofort gefangen nehmen und vorführen. Der Vater des Knaben, der
Brücknerhäusel-Besitzer gewesen sein soll, warf sich zu Füßen der
Burgfrau und bat um Gnade, allein vergebens; ja man fesselte jetzt
beide und warf sie in das tiefste Burgverließ. Ein Knecht öffnete des
andern Tages den Kerker, um dem Vater die Freiheit, aber auch den
Befehl zu bringen, daß er sofort diesen Ort und die umliegende Gegend
zu verlassen habe, sein Eigentum sei unter die Schergen verteilt und
sein Weib ausgejagt worden. »Und mein Kind?« rief der Alte. Der Knecht
deutete auf den Mühlberg, wo soeben das Haupt des Kindes unter dem
Beile fiel und über die Höhe des Berges hinabrollte. Der arme Vater,
auf das tiefste getroffen, wankte langsam den Burgweg hinab und nie
kehrte er wieder. Seitdem wurde der Gipfel des Mühlberges »Kopfleiten«
genannt und zum Andenken ein Kreuz dort errichtet, welches noch bis
in die dreißiger Jahre dort stand. Wenn der Allerseelensonntag seine
trüben Nebel über die Gegend wirft, dann wandelt der Knabe als eine
lichte Gestalt traurig dahin, und aus den Felsen des Hinterwaldes
ertönt ein Jammergeschrei. Die Burgfrau aber, von Gewissensbissen
getrieben, hatte keine Ruhe mehr gefunden, weshalb auch ihr Gemahl das
Schloß verließ und es seinen nahen Vettern übergab. Ihr Schatten zog
noch lange und oft auf dem Wege dahin, welchen das unglückliche Opfer
zur Richtstätte genommen hatte. Viele wollte die alte Burgfrau zu den
Schätzen des Schlosses locken, um durch diese von ihrem Schicksale
erlöst zu werden, oft hatte sie sich den Dorfbewohnern in später
Nachtstunde gezeigt, ein Becken mit Geld und Gold auf den Schultern
tragend, -- doch jeder wich scheu zurück und dachte an den armen
Brücknersohn. Nur einem Manne gelang es, wie die Sage weiter erzählt,
sich in einer Nacht reich zu machen. Ihm träumte, er solle dreimal auf
die Brücke von Rodisfort gehen und zwar immer zur bestimmten Zeit;
während er das dritte Mal zur Stelle war und harrend sann, kam die
Burgfrau als ein altes, häßliches Weib hinkend auf ihn zu und deutete
mit erhobener Krücke gegen Pürstein mit den Worten: »Gehe dahin gegen
Pürstein auf das alte Schloß! Wenn dann der Mond am höchsten steht, so
glänzt dir in der alten, schwarzen Mauer ein weißer Stein entgegen,
diesen hebe hinweg, und was du suchtest, das wird dir mehr als zuviel!«
Und er hob um Mitternacht diesen verhängnisvollen Stein hinweg, und
fand so viel Gold, daß er nicht stark genug war, alles fortzubringen.
-- Seit dieser Zeit hat niemand mehr die alte Frau gesehen, und während
früher in den alten Mauern nachts oft Getöse hörbar war, herrscht dort
jetzt Grabesstille.
53. Das Fräulein des Schlosses Rabenau.
(Mitgeteilt vom Dir. Ludwig Lamer in Hainsberg.)
Von Zeit zu Zeit ließ sich auf dem Schloßhofe zu Rabenau ein Fräulein
sehen, welches des Nachts ruhelos auf demselben mit einem hellen,
weitleuchtenden Lichte umherwandelte und auf Erlösung von dem Banne
wartete. Welcher Art diese Erlösung sein sollte und warum das Fräulein
umging, hat man nicht erfahren können.
54. Die verwünschte Jungfrau des Greifensteins.
(Dietrich und Textor, Die romantischen Sagen des Erzgebirgs I. 1822. S.
123 etc.)
Am Hofe des Böhmenherzogs Wratislaw lebte im 11.Jahrhunderte ein
Ritter Otto von Greifen, welcher sich, des Hoflebens müde, mit seiner
Gemahlin in das damals unwegsame Erzgebirge zurückzog und im jetzigen
Freiwalde eine Burg erbaute. Von dieser Burg, Greifenburg genannt, will
man jetzt noch Überreste auf dem Greifensteine bei Ehrenfriedersdorf
sehen. Seine Gemahlin schenkte ihm einen Sohn, und als derselbe fünf
Jahre alt war, brachte der Ritter ein zweijähriges Mädchen mit, welches
er im Walde schlafend angetroffen hatte. Das Mädchen erblühte nach
und nach zur herrlichen Jungfrau und so geschah es, daß sie von dem
Junker Werner, dem Sohne Ottos von Greifen, mit welchem sie auf der
Burg erzogen worden war, herzlich geliebt wurde. Werners Eltern ahnten
nichts von diesem Verhältnisse; doch eine Entdeckung konnte nicht
ausbleiben, da die Frucht der heimlich gehaltenen Liebe heranreifte.
Unglücklicherweise aber geschah die Entdeckung zu einer Zeit, wo
Werner angezogen war, einem alten Freunde seines Vaters, dem Ritter
Bruno von Scharfenstein, gegen den räuberischen Rekko von Rauenstein,
welcher vor achtzehn Jahren Brunos schwangere Gemahlin geraubt hatte,
und seitdem mit jenem in Fehde lebte, in einem Kampfe beizustehen. Als
Ritter Otto von Greifen von dem heimlichen Verhältnisse seines Sohnes
zu seiner Pflegeschwester hörte, zieh' er dieselbe in seinem Stolze der
Verführung und ließ sie in das Verließ seiner Burg hinabstoßen. Hier
genaß das verlassene Mädchen eines Kindes und in einer sie befallenden
Geistesstörung schleuderte sie dasselbe an die Mauer des Gefängnisses.
Plötzlich aber stieg aus dem Boden eine Geistergestalt auf und sprach:
»Heil mir, wehe dir! Seit langen Jahren bin ich wegen einer gleichen
That zum ruhelosen Umherwandeln verurteilt worden. Jetzt bin ich durch
dich erlöst und du wirst meine Stelle so lange einnehmen, bis einst
ein keusches Weib, das niemals einen unreinen Gedanken in seiner Seele
gehabt hat, in stiller Mitternacht deinen Namen dreimal ohne Furcht
rufen wird!« Die Gestalt verschwand, und das gefangene Mädchen sank
zu Boden, um in fürchterlicher Raserei wieder zu erwachen, wobei sie
sich endlich den Kopf wie den ihres Kindes an der Gefängnißmauer
zerschmetterte. Ihr Geist aber erschien in der Nacht dem hartherzigen
Pflegevater und verkündete seinem Hause Verderben. Reuig eilte er in
den Kerker, wo er den Leichnam seiner unglücklichen und verstoßenen
Pflegetochter neben dem ihres Kindes fand. Da ließ er beiden ein
ehrendes Begräbnis bereiten; doch eben, als dies geschah, kehrte sein
Sohn wieder zurück. Derselbe war voller Freude, denn durch ihn war
der räuberische Rekko von Rauenstein gefallen, und in der Todesstunde
hatte derselbe bekannt, daß Brunos von Scharfenstein geraubte Gemahlin
eines Töchterchens sehr schwer genesen und an den Folgen der Entbindung
gestorben sei. Das Kind aber habe er bei einem Köhler des großen
Schellenberger Waldes zwei Jahre lang erziehen lassen und dann, als es
ihm lästig geworden sei, weiter für dasselbe zu sorgen, im Freiwalde,
ohnweit Ottos Burg aussetzen lassen. Dieses Kind war also kein anderes,
als Werners unglückliche Pflegeschwester; sie war ihm durch ihre
Geburt ebenbürtig und daher war er hoffend, daß seine Eltern in eine
Verbindung mit ihr willigen würden, zurückgekehrt. Als er nun alles
erfuhr, was sich während seiner Abwesenheit zugetragen hatte, sank er
in tiefe Ohnmacht. Als er wieder erwachte, hatte stiller Wahnsinn seine
Seele umnachtet; er endete sein Leben in einem Kloster der Ritter vom
Hospital zu Prag. Otto von Greifen und seine Gemahlin erlagen bald
dem Übermaße ihres Grams. Die Greifenburg fiel als erledigtes Lehen
an Herzog Wratislav, wurde aber später, da die folgenden Besitzer zum
Räuberhandwerk griffen, auf Befehl Wipprechts von Groitzsch zerstört.
Sie ist nie wieder aufgebaut worden.
Historisch ist, daß auf dem Greifensteine eine Burg »Gryfenstein«
gestanden hat; sie wird als ein markgräflich meißnisches Lehen der
Dynasten von Waldenburg urkundlich im Jahre 1372 angeführt. (Herzog,
Archiv für sächs. Gesch. II. S. 76.)
55. Die verwünschte Jungfrau auf dem Ziegenschachter Wege.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 101.)
In der zur Gemeinde Breitenbach gehörigen Ortschaft Ziegenschacht
lebte vor langer Zeit eine Jungfrau, welche ihres Geizes und ihrer
Ungerechtigkeit wegen gefürchtet war. Seit ihrer Verlobung kannte
ihre Habsucht keine Grenzen. Um ihr Heiratsgut, woran ohnedies schon
die Thränen der Armut hingen, zu vergrößern, bediente sie sich sogar
beim Verkaufe der Milch eines so schlechten Maßes, daß sich darüber
allgemeine Klagen erhoben. Als die hartherzige Jungfrau dieselben
jedoch nicht berücksichtigte, wurde sie von einer Milchkäuferin
verwünscht. Von dieser Stunde an wandelt die Jungfrau auf dem
Ziegenschachter Wege noch bis heute herum. In der Hand trägt sie ein
Milchseidel und auf dem Kopfe einen grünen Kranz. Doch sehen die
verwünschte Jungfrau, die bloß zu gewissen Zeiten erscheint, nur wenige
Menschen.
Auf die mögliche Verwandtschaft der Ziegenschachter Jungfrau mit
der Huldra wurde bereits in der Einleitung hingewiesen. Eine
thüringische Sage ist übrigens der unsrigen sehr ähnlich. Eine
Krämerin, welche ihre Käufer durch falsches Gewicht und Maß betrog,
wandelt ebenfalls als Gespenst in der Nähe von Mehlis bei dem
Reißigersteine umher und ruft dabei: »Drei Viertel für ein Pfund!
Drei Quärtchen für eine Kanne!« (O. Richter, Deutscher Sagenschatz,
3. H. No. 10.) Daß aber gerade der Betrug beim Milchverkauf mit dem
gespenstischen Umherwandeln der Betrüger bestraft wird, ist eine
in der Volkssage erhaltene Erinnerung an den hohen, alle übrigen
Besitztümer überragenden Wert der Milch und Milch gebenden Tiere aus
dem frühesten Zeitalter der indoeuropäischen Völker.
56. Die Jungfrau des Grauensteins bei Joachimsthal.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 64 etc.)
Sehr viel wird von der Grauensteiner Jungfrau erzählt, welche keinen
Kopf hat und sich zuweilen blicken läßt. Einst ging ein Weib von
Joachimsthal nach Holz, da bemerkte sie einen schönen rasigen Platz,
auf dem sich Wäsche ausbreitet fand. Darauf zugehend, um es näher
anzuschauen, bemerkte sie, daß die Wäsche immer reiner und schöner
ward. In ihrem Innern regte sich der Wunsch, ein Stück Wäsche zu
nehmen, was sie auch that. Plötzlich hörte sie hinter sich ein
Geschrei; als sie aber, sich umsehend, niemanden bemerkte, nahm sie
noch ein Stück Wäsche und ging ihren Weg, auf ein abermaliges Rufen
nicht achtend. Sie erreichte eben einen Kreuzweg, als die unbekannte
Stimme zum dritten Male sich hören ließ: »Wenn kein Kreuzweg gekommen
wäre, wärest Du des Todes!« Hätte sie alle Wäsche gestohlen, so wäre
die Grauensteiner Jungfrau erlöst worden.
Es geht noch die Sage, daß das Weib an derselben Stelle, wo es ein
Stück Linnen erbeutete, um Mitternacht eine wundersam blaue Flamme als
Wahrzeichen eines verborgenen Schatzes emporschlagen sah. Als sie, um
den Geist zu bannen und den Schatz zu heben, ihren Rosenkranz in den
blauen Flammenschein geworfen hatte, siehe da! des Morgens lagen an
dieser Stelle zwei funkelnde Silbersiebzehner.
Eines Tages ging ein altes, gebücktes Mütterchen in den Wald, um
dürre Reiser zu sammeln. Als die Alte in der Nähe des Grauensteines
das aufgeschichtete Reisigbündel zusammengebunden hatte und es auf
den Rücken nehmen wollte, tönte ihr von dort bezaubernder Gesang
entgegen. Das Mütterchen lauschte eine Weile, faßte sich dann ein
Herz und schritt dem Grauensteine zu. Doch welch eine Überraschung!
Es erblickte daselbst ein prächtiges Schloß, vor dem eine schöne,
weißgekleidete Jungfrau Wäsche bleichte. Kaum wurde die Jungfrau des
Weibes ansichtig, so zog sie sich stillschweigend und langsam hinter
die Mauern des Schlosses zurück. Als aber das herzhafte Mütterlein nach
einem Stück Wäsche griff und mit dem gestohlenen Gut davontrippelte,
verschwand unter Blitz und Donner das Zauberschloß, an dessen Stelle
wieder die Halde war. -- Wie die Sage weiter erzählt, soll das Weib,
das auf diesen weggenommenen Linnen ein paar Jahre gelegen hat, darauf
schmählich verkommen sein.