Am 15. September des Jahres 1695, Sonntags spät, ritt Christoph Kaiser,

Müller zu Blumenau, nach Hause, und als er hinter die Pfarrwohnung zu

Olbernhau kam, wo ihn sein Weg nach Hause führte, gingen drei Männer

geschwind und ohne Gruß vorüber, worüber er sich verwunderte, weil er

sie für Blumenauer ansah. Als er ein wenig fortreitet, kommen ihm auf

dem Wege vier verschleierte Weiber entgegen, welche eine Totenbahre

mit einem Sarge und Leichentuch tragen. Darüber erschrickt er und weiß

nicht, wo er ist; bald dünkt ihm, er reite durch ein großes Wasser,

bald scheint es ihm, als müsse er einen hohen Berg hinan reiten, bis

es ein wenig licht wird und er sich bekennet, daß er auf dem rechten

Wege sei. Als er zu des Richters Teich, der nahe bei dem Gerichte ist,

kommt, sieht er abermals fünf bis sechs Paar verschleierte Weiber daher

kommen, die über den Steig, darüber er auch gewollt, gehen, daß er

nicht weiß, was er thun soll. Er lässet aber dem Pferde seinen Gang;

dasselbe ist des Weges wohl gewohnt, will jedoch über den Steig nicht

gehen, sondern lenket sich mit Schnauben neben demselben durch ein

Bächlein, und bringet so seinen Reiter gesund nach Hause, wie wohl es

sehr geschwitzet. Des andern Tages hat es der Müller ausgesagt und hat

ihm nichts geschadet.

44. Die weiße Frau im Pfarrgarten zu Meerane.

(Leopold, Chronik und Beschr. der Stadt Meerane, S. 252.)

In alter Zeit lebte auf dem Schlosse zu Meerane ein Herzog, der von

seiner Gemahlin keine Kinder bekam. Daher nahmen sie ein junges

Mädchen, eine Gräfin, an Kindesstatt an. Als diese 17 Jahr alt war,

starb des Herzogs Gattin. Sie ward bald vergessen und kurze Zeit darauf

von dem Herzoge jenes Mädchen zur zweiten Gemahlin erwählt, welche ihm

in der Folge zwei Kinder gebar, einen Knaben und ein Mädchen. Auch

der Vater starb, als jener acht, dieses zwei Jahre alt war, und die

junge Witwe ließ sich bald darauf den Zutritt eines fremden, ihr nicht

ganz ebenbürtigen Mannes gefallen. Als er nun während der Zeit seiner

Bewerbungen einmal wieder abreiste, hatte er die Worte fallen lassen:

es sei alles gut, wenn nur vier Augen nicht wären. Das verblendete

Weib und die dabei unnatürliche Mutter deutete obige Worte so, daß ihr

Liebhaber sie gern heiraten würde, wenn nur ihre zwei Kinder nicht

wären. Und sofort war auch ihr Entschluß gefaßt. Die Wartefrau mußte

mit den beiden Kindern in den nahen Wald, das Gottesholz, gehen und

ein gedungener Bösewicht alle drei ermorden. Die Wartefrau fiel als

erstes Opfer. Als der Knabe sie in ihrem Blute hinsinken sah, fiel er

dem Mörder um den Hals und versprach, er wolle ihm fünf Rittergüter von

seinen acht geben, wenn er ihn nur leben ließe. Doch auch ihm senkte

der Schändliche den Dolch in die Brust. Das Mädchen hielt ihm zur

Abwehr, wie zur Beschwichtigung, in jeder Hand eine Puppe entgegen,

die sie mitgenommen hatte. Auch dies Kind wurde nicht geschont. Die

Mutter ließ hierauf die drei Leichen heimlich in die Burg bringen, und

nach dem sie ausgesprengt, alle drei seien schnell einer bösartigen

Krankheit erlegen, in der Burgkirche beisetzen. Ihrem Liebhaber schrieb

sie, das Hindernis ihres Ehebundes sei beseitigt und er solle nun

kommen. Und er kam -- aber mit strafendem Blicke und dem Bedeuten,

daß er sie nur habe prüfen wollen, ob bei ihr sinnliche Liebe über

Kindesliebe siegen könne, und daß nun ein Ehebündnis mit ihm unmöglich

sei. Jetzt überfiel die Unglückliche die entsetzlichste Reue und da

sie meinte, daß ihre so große Schuld nur durch die schwerste Buße

zu sühnen sei, ließ sie sich beide Knie mit Polstern umkleiden und

trat nun in Begleitung ihrer Kammerfrau und in leichtem Gewande ihre

Bußreise zu dem Papste nach Rom immer auf den Knien rutschend an. Auf

der Hälfte des Weges starb ihre Begleiterin, sie selbst mußte allein

weiter reisen. Als sie endlich an dem ihr bezeichneten Kloster in Rom

angekommen war, war es nachts 12 Uhr; sie vermochte es nicht mehr, sich

aufzurichten und an der Schelle zu ziehen, sank vor Erschöpfung nieder

und wurde früh morgens vor der noch ungeöffneten Pforte des Klosters

von Vorübergehenden tot aufgefunden. Ihre Seele fand daher keine

Ruhe, sondern schweift seitdem als weiße Frau in dem Rotengarten oder

Raubgarten, dem jetzigen Pfarrgarten von Meerane, umher.

In einem alten Buche über Meerane soll die Ermordung der beiden Kinder

abgebildet sein mit den Unterschriften:

»Mein lieber H., laß mich leben,

Ich will Dir Neudeck und Nossen (?) geben,

Pleißenburg, die neue,

Es wird Dich nicht gereue.« Und:

»Mein lieber H., laß mich leben,

Ich will Dir meine Puppen geben.«

Fast ganz übereinstimmend mit unser Sage ist die von der Gräfin von

Orlamünde. (Richter, deutscher Sagenschatz, 4. Heft, No. 51.)

45. Die gespenstische Frau auf dem weißen Fels im Hartensteiner Walde.

(Nach Mitteilung des Lehrers G. Günther aus Lößnitz.)

Auf dem zwischen Schloß Stein und Nieder-Schlema auf der Höhe

des rechten Muldenufers emporragenden weißen Fels und in dessen

Umgebung hat sich vorzeiten eine Frauengestalt sehen lassen. Anfangs

erschien dieselbe als weiß gekleidete Jungfrau, später aber als altes

Mütterchen. In dieser Gestalt ist sie noch vor einigen Jahren von

Holzlesern gesehen worden.

46. Die Jungfrau auf dem Pöhlberge bei Annaberg.

(Br. Grimm, deutsche Sagen, I. No. 11.)

Bei Annaberg liegt vor der Stadt ein hoher Berg, der Pöhl- oder

Pielberg genannt, darauf soll vor Zeiten eine schöne Jungfrau verbannt

und verwünscht sein, die sich noch öfters um Mittag, weshalb sich

dann niemand darf sehen lassen, in köstlicher Gestalt, mit prächtigen

gelben, hinter sich geschlagenen Haaren zeigte.

47. Die Jungfrau des Lauterstein bei Zöblitz.

(Wg. im »Glückauf«, 2. Jahrg. No. 5.)

Einst hütete ein junger Hirte aus Lauterbach seine magere Herde bei der

Ruine Lauterstein und legte sich auf den weichen warmen Rasen, um sich

zu sonnen. Schon wollte er zu Mittag eintreiben, als er ein Geräusch

hinter sich hörte. Er sieht sich um und erblickt eine Jungfrau, groß

und stark, in einer Kleidung, wie sie niemand mehr trug; dieselbe war

beschäftigt, Laub zusammen zu rechen. Freundlich kommt sie auf den

Hirten zu, steckt ihm alle Taschen voll Laub und verschwindet, als er

sich nach ihr umsieht. Voll Verwunderung und innerem Grauen treibt

der Knabe seine Herde eilig nach Hause. Hier erzählt er bei Tische

von der Erscheinung, greift in die Tasche nach dem Laube und zeigt es

vor. Welch Wunder! Die Blätter hatten sich in eitel Gold verwandelt.

Noch an demselben Tage gingen seine Leute in die Gegend der Ruine, um

Laub zu rechen. Sie brachten ganze Säcke davon nach Hause, aber es

war und blieb Laub. Der Hirtenknabe kaufte später das Lehngericht in

Lauterbach; aber die goldspendende Jungfrau hat er nie wieder gesehen.

48. Die Jungfrauen des Breiten- und Röthelsteins bei Beerheide.

(Köhler, Volksbrauch im Vogtlande, S. 519.)

An den Breiten- und Röthelstein bei Beerheide knüpft man folgende Sage:

Im grauen Altertume sollen von Ellefeld bei Falkenstein aus zwei alte

Jungfrauen hierher verbannt worden sein, die noch jetzt ihr Wesen in

dieser Gegend treiben. Denn bald fahren dieselben in feuriger Kutsche

mit dergleichen Rossen bespannt vom Breitenstein über den Göhlenbach

zum Röthelstein, der dann seine Thore öffnet und sie aufnimmt; bald

gehen dieselben in schwarzen Kleidern um den Röthelstein spazieren.

Zuweilen findet man dort die schönsten Silber- und Kupfermünzen, die,

wenn man sie aufgehoben und in die Tasche gebracht hat, aus derselben

wieder verschwinden. -- Auch wird erzählt, daß am Morgen des ersten

Osterfeiertags die Jungfrauen des Röthelsteins tanzen.

49. Verwunschene Schloßfräulein hängen Wäsche auf.

(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 88.)

Vor Jahren ging ein Mann im Graslitzer Amtshofe herum. Da bemerkte er

auf dem Hausberge mehrere verwunschene Schloßfräulein, die eben Wäsche

aufhingen. Um sich zu überzeugen, daß er sich nicht täusche, ging er

auf den Berg, der Stelle zu, wo das Linnen aufgehängt war. Allein je

weiter er ging, desto weiter schien sich das Linnen zu entfernen.

Endlich stand es stille. Als er aber darauf losging, verschwanden die

Jungfrauen und auch das Linnen und statt des letzteren sah er eine

Masse von Spinnweben, die ihn so dicht umhüllten, daß er sich nur mit

Not herausfitzen konnte.

50. Die Jungfrau auf dem Braunstein.

(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 44.)

Droben am Braunstein zwischen Schlackenwerth und Joachimsthal hat

ein verwunschenes Schloß gestanden, das ist mit einer verwunschenen

Jungfrau und vielen Schätzen versunken. Holt sie einmal ein recht

frommer Mann, dann wird er mit ihr auch die Schätze heimführen.

Der Petermüller unten hat es mit seinen eigenen Ohren zu Ostern

jedesmal in der Passionszeit gehört, wie da die Jungfrau im Berge

drinnen geweint, und bald darauf hörte er auch einen solchen

Engelgesang, wie ihn die Leute niemals vernahmen. Die Jungfrau hat noch

niemand zu holen versucht.

An einem heißen Augusttage des Jahres 1848 schritt um die elfte

Vormittagsstunde ein Mann aus Joachimsthal heiteren Sinnes an der

»Petermühle« vorbei. Seine Verwunderung war nicht gering, als er

bemerkte, daß die Müllerin, seine Verwandte, auf der unterhalb der

Mühle gelegenen Wiese Heu wendete, da doch Sonntag war. Überzeugung

kann nicht schaden, dachte sich unser Joachimsthaler und ging in

die Mühle, um dort nach der Ursache zu fragen, daß die Frau des

Hauses heute am Sonntage, am Tage des Herrn, Heu mache. Doch welche

Überraschung! Seine Verwandte stand gerade beim Ofen und bereitete

das Mittagsmahl. Man eilte schnurstracks auf die Wiese, allein die

Heumacherin, welche die Braunsteiner Jungfrau gewesen sein soll, war

verschwunden. Derselbe Mann erzählte, daß sein Vater, als er Schafe

hütete, die Braunsteiner Jungfrau habe herrliche Lieder singen hören.

Drei Männern aus Mariasorg träumte einmal, sie sollten auf den

Braunstein gehen, dort würden sie ungeheure Schätze finden, welche

von einer verwunschenen Jungfrau bewacht würden. Als die Männer früh

zusammen kamen, erzählten sie sich gegenseitig den seltsamen Traum

und entschlossen sich, in der folgenden Nacht zwischen elf und zwölf

Uhr auf den Braunstein zu gehen. Dort angelangt, fanden sie den Berg

offen, gingen furchtlos hinein und erblickten wirklich eine große

Pfanne mit Gold- und Silbermünzen und eine schöne Jungfrau, welche die

Männer freundlich begrüßte und zu ihnen mit wohltönender Stimme sprach:

»Diese Schätze gehören Euch; doch müßt Ihr die Pfanne samt dem Inhalte

auf einmal forttragen.« Als aber einer der Männer, der die Ausführung

dieser Forderung für unmöglich hielt, seine Meinung unverhohlen zum

Ausdrucke brachte, verspürten alle drei gleichzeitig eine so derbe

Ohrfeige, daß sie besinnungslos zu Boden sanken. Als die Männer wieder

zum Bewußtsein erwacht waren, machten sie große Augen, weil sie sich,

in ihrer Hoffnung getäuscht, auf der Oberfläche des Berges befanden.

51. Der Schön-Jungfern-Grund bei Ober-Wiesenthal.

(I. F. A. Türke im Glückauf, 2. Jahrg. No. 3. II. Ziehnert a. a. O.

Anhang, No. 32.)

I. Wer von Neudorf nach Oberwiesenthal wandert und die Richtung

durch den Wald nach dem Fichtelberge einschlägt, kommt nach seinem

Austritt aus dem Walde zuerst bei dem roten Vorwerke, sodann auf

der andern Seite bei dem weißen Vorwerke vorbei und hierauf an den

Schön-Jungfern-Grund, einen tiefen, von der Höhe des Fichtelberges

beginnenden und sich nach Osten ziehenden Einschnitt. In diesem Grunde

liegt oft der Schnee in den Wintern viele Meter tief und zeigt noch

schmutzigweiße Reste im Spätfrühling, wenn längst schon Feld, Wiese und

Wald sich grün geschmückt haben. Die Sonne kann ihm nicht gut beikommen

und das herabrieselnde Gewässer kann nur den tiefliegenden fortbringen.

So erklärt es der gewöhnliche Verstand. Die Sage weiß es anders und

zwar so: Vor langen Zeiten stand hier ein schönes Schloß und darin

wohnten noch schönere Burgfräulein. Darauf kamen böse Raubritter,

zerstörten das Schloß und ermordeten die schönen Jungfrauen. Sie leben

aber doch noch, wohnen im Innern des Berges und bleichen im Frühlinge

ihre Leibwäsche.

II. Der Jungferngrund soll seinen Namen von zwei Jungfern haben,

welche sich oftmals im Neumond sehen lassen. Es sind Schwestern; die

eine spielt auf der Laute und die andere windet einen Kranz. Wer sie

eigentlich sind, weiß niemand.

Den Wiesenthalern dient der Jungferngrund auch als Wetterprophet. Denn

wenn der Himmel über demselben hell ist, so wird -- ob es auch sonst

allenthalben trübe aussieht -- zuverlässig schönes Wetter; wenn aber

der Jungferngrund voll Nebel ist, so sagt man: Die Jungfern trocknen

ihre Wäsche! und dann folgt kalte und nasse Witterung.

52. Die Burgfrau des Pürsteins.

(Karl Jentscher in der Erzgebirgs-Zeitung, 1. Jahrg. S. 66.)

Die Sage berichtet, daß einst in dem Bache am Schlosse Pürstein ein

Knabe fischte, was die Aufmerksamkeit der Burgfrau erweckte. Sie

saß nämlich oben auf dem Söller und winkte ihrem Gemahl, welcher in

den Krieg zog, ihre letzten Scheidegrüße zu. Heftig erzürnt über

den Knaben, der es wagte in diesem Bache Fische zu fangen, ließ sie

ihn sofort gefangen nehmen und vorführen. Der Vater des Knaben, der

Brücknerhäusel-Besitzer gewesen sein soll, warf sich zu Füßen der

Burgfrau und bat um Gnade, allein vergebens; ja man fesselte jetzt

beide und warf sie in das tiefste Burgverließ. Ein Knecht öffnete des

andern Tages den Kerker, um dem Vater die Freiheit, aber auch den

Befehl zu bringen, daß er sofort diesen Ort und die umliegende Gegend

zu verlassen habe, sein Eigentum sei unter die Schergen verteilt und

sein Weib ausgejagt worden. »Und mein Kind?« rief der Alte. Der Knecht

deutete auf den Mühlberg, wo soeben das Haupt des Kindes unter dem

Beile fiel und über die Höhe des Berges hinabrollte. Der arme Vater,

auf das tiefste getroffen, wankte langsam den Burgweg hinab und nie

kehrte er wieder. Seitdem wurde der Gipfel des Mühlberges »Kopfleiten«

genannt und zum Andenken ein Kreuz dort errichtet, welches noch bis

in die dreißiger Jahre dort stand. Wenn der Allerseelensonntag seine

trüben Nebel über die Gegend wirft, dann wandelt der Knabe als eine

lichte Gestalt traurig dahin, und aus den Felsen des Hinterwaldes

ertönt ein Jammergeschrei. Die Burgfrau aber, von Gewissensbissen

getrieben, hatte keine Ruhe mehr gefunden, weshalb auch ihr Gemahl das

Schloß verließ und es seinen nahen Vettern übergab. Ihr Schatten zog

noch lange und oft auf dem Wege dahin, welchen das unglückliche Opfer

zur Richtstätte genommen hatte. Viele wollte die alte Burgfrau zu den

Schätzen des Schlosses locken, um durch diese von ihrem Schicksale

erlöst zu werden, oft hatte sie sich den Dorfbewohnern in später

Nachtstunde gezeigt, ein Becken mit Geld und Gold auf den Schultern

tragend, -- doch jeder wich scheu zurück und dachte an den armen

Brücknersohn. Nur einem Manne gelang es, wie die Sage weiter erzählt,

sich in einer Nacht reich zu machen. Ihm träumte, er solle dreimal auf

die Brücke von Rodisfort gehen und zwar immer zur bestimmten Zeit;

während er das dritte Mal zur Stelle war und harrend sann, kam die

Burgfrau als ein altes, häßliches Weib hinkend auf ihn zu und deutete

mit erhobener Krücke gegen Pürstein mit den Worten: »Gehe dahin gegen

Pürstein auf das alte Schloß! Wenn dann der Mond am höchsten steht, so

glänzt dir in der alten, schwarzen Mauer ein weißer Stein entgegen,

diesen hebe hinweg, und was du suchtest, das wird dir mehr als zuviel!«

Und er hob um Mitternacht diesen verhängnisvollen Stein hinweg, und

fand so viel Gold, daß er nicht stark genug war, alles fortzubringen.

-- Seit dieser Zeit hat niemand mehr die alte Frau gesehen, und während

früher in den alten Mauern nachts oft Getöse hörbar war, herrscht dort

jetzt Grabesstille.

53. Das Fräulein des Schlosses Rabenau.

(Mitgeteilt vom Dir. Ludwig Lamer in Hainsberg.)

Von Zeit zu Zeit ließ sich auf dem Schloßhofe zu Rabenau ein Fräulein

sehen, welches des Nachts ruhelos auf demselben mit einem hellen,

weitleuchtenden Lichte umherwandelte und auf Erlösung von dem Banne

wartete. Welcher Art diese Erlösung sein sollte und warum das Fräulein

umging, hat man nicht erfahren können.

54. Die verwünschte Jungfrau des Greifensteins.

(Dietrich und Textor, Die romantischen Sagen des Erzgebirgs I. 1822. S.

123 etc.)

Am Hofe des Böhmenherzogs Wratislaw lebte im 11.Jahrhunderte ein

Ritter Otto von Greifen, welcher sich, des Hoflebens müde, mit seiner

Gemahlin in das damals unwegsame Erzgebirge zurückzog und im jetzigen

Freiwalde eine Burg erbaute. Von dieser Burg, Greifenburg genannt, will

man jetzt noch Überreste auf dem Greifensteine bei Ehrenfriedersdorf

sehen. Seine Gemahlin schenkte ihm einen Sohn, und als derselbe fünf

Jahre alt war, brachte der Ritter ein zweijähriges Mädchen mit, welches

er im Walde schlafend angetroffen hatte. Das Mädchen erblühte nach

und nach zur herrlichen Jungfrau und so geschah es, daß sie von dem

Junker Werner, dem Sohne Ottos von Greifen, mit welchem sie auf der

Burg erzogen worden war, herzlich geliebt wurde. Werners Eltern ahnten

nichts von diesem Verhältnisse; doch eine Entdeckung konnte nicht

ausbleiben, da die Frucht der heimlich gehaltenen Liebe heranreifte.

Unglücklicherweise aber geschah die Entdeckung zu einer Zeit, wo

Werner angezogen war, einem alten Freunde seines Vaters, dem Ritter

Bruno von Scharfenstein, gegen den räuberischen Rekko von Rauenstein,

welcher vor achtzehn Jahren Brunos schwangere Gemahlin geraubt hatte,

und seitdem mit jenem in Fehde lebte, in einem Kampfe beizustehen. Als

Ritter Otto von Greifen von dem heimlichen Verhältnisse seines Sohnes

zu seiner Pflegeschwester hörte, zieh' er dieselbe in seinem Stolze der

Verführung und ließ sie in das Verließ seiner Burg hinabstoßen. Hier

genaß das verlassene Mädchen eines Kindes und in einer sie befallenden

Geistesstörung schleuderte sie dasselbe an die Mauer des Gefängnisses.

Plötzlich aber stieg aus dem Boden eine Geistergestalt auf und sprach:

»Heil mir, wehe dir! Seit langen Jahren bin ich wegen einer gleichen

That zum ruhelosen Umherwandeln verurteilt worden. Jetzt bin ich durch

dich erlöst und du wirst meine Stelle so lange einnehmen, bis einst

ein keusches Weib, das niemals einen unreinen Gedanken in seiner Seele

gehabt hat, in stiller Mitternacht deinen Namen dreimal ohne Furcht

rufen wird!« Die Gestalt verschwand, und das gefangene Mädchen sank

zu Boden, um in fürchterlicher Raserei wieder zu erwachen, wobei sie

sich endlich den Kopf wie den ihres Kindes an der Gefängnißmauer

zerschmetterte. Ihr Geist aber erschien in der Nacht dem hartherzigen

Pflegevater und verkündete seinem Hause Verderben. Reuig eilte er in

den Kerker, wo er den Leichnam seiner unglücklichen und verstoßenen

Pflegetochter neben dem ihres Kindes fand. Da ließ er beiden ein

ehrendes Begräbnis bereiten; doch eben, als dies geschah, kehrte sein

Sohn wieder zurück. Derselbe war voller Freude, denn durch ihn war

der räuberische Rekko von Rauenstein gefallen, und in der Todesstunde

hatte derselbe bekannt, daß Brunos von Scharfenstein geraubte Gemahlin

eines Töchterchens sehr schwer genesen und an den Folgen der Entbindung

gestorben sei. Das Kind aber habe er bei einem Köhler des großen

Schellenberger Waldes zwei Jahre lang erziehen lassen und dann, als es

ihm lästig geworden sei, weiter für dasselbe zu sorgen, im Freiwalde,

ohnweit Ottos Burg aussetzen lassen. Dieses Kind war also kein anderes,

als Werners unglückliche Pflegeschwester; sie war ihm durch ihre

Geburt ebenbürtig und daher war er hoffend, daß seine Eltern in eine

Verbindung mit ihr willigen würden, zurückgekehrt. Als er nun alles

erfuhr, was sich während seiner Abwesenheit zugetragen hatte, sank er

in tiefe Ohnmacht. Als er wieder erwachte, hatte stiller Wahnsinn seine

Seele umnachtet; er endete sein Leben in einem Kloster der Ritter vom

Hospital zu Prag. Otto von Greifen und seine Gemahlin erlagen bald

dem Übermaße ihres Grams. Die Greifenburg fiel als erledigtes Lehen

an Herzog Wratislav, wurde aber später, da die folgenden Besitzer zum

Räuberhandwerk griffen, auf Befehl Wipprechts von Groitzsch zerstört.

Sie ist nie wieder aufgebaut worden.

Historisch ist, daß auf dem Greifensteine eine Burg »Gryfenstein«

gestanden hat; sie wird als ein markgräflich meißnisches Lehen der

Dynasten von Waldenburg urkundlich im Jahre 1372 angeführt. (Herzog,

Archiv für sächs. Gesch. II. S. 76.)

55. Die verwünschte Jungfrau auf dem Ziegenschachter Wege.

(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 101.)

In der zur Gemeinde Breitenbach gehörigen Ortschaft Ziegenschacht

lebte vor langer Zeit eine Jungfrau, welche ihres Geizes und ihrer

Ungerechtigkeit wegen gefürchtet war. Seit ihrer Verlobung kannte

ihre Habsucht keine Grenzen. Um ihr Heiratsgut, woran ohnedies schon

die Thränen der Armut hingen, zu vergrößern, bediente sie sich sogar

beim Verkaufe der Milch eines so schlechten Maßes, daß sich darüber

allgemeine Klagen erhoben. Als die hartherzige Jungfrau dieselben

jedoch nicht berücksichtigte, wurde sie von einer Milchkäuferin

verwünscht. Von dieser Stunde an wandelt die Jungfrau auf dem

Ziegenschachter Wege noch bis heute herum. In der Hand trägt sie ein

Milchseidel und auf dem Kopfe einen grünen Kranz. Doch sehen die

verwünschte Jungfrau, die bloß zu gewissen Zeiten erscheint, nur wenige

Menschen.

Auf die mögliche Verwandtschaft der Ziegenschachter Jungfrau mit

der Huldra wurde bereits in der Einleitung hingewiesen. Eine

thüringische Sage ist übrigens der unsrigen sehr ähnlich. Eine

Krämerin, welche ihre Käufer durch falsches Gewicht und Maß betrog,

wandelt ebenfalls als Gespenst in der Nähe von Mehlis bei dem

Reißigersteine umher und ruft dabei: »Drei Viertel für ein Pfund!

Drei Quärtchen für eine Kanne!« (O. Richter, Deutscher Sagenschatz,

3. H. No. 10.) Daß aber gerade der Betrug beim Milchverkauf mit dem

gespenstischen Umherwandeln der Betrüger bestraft wird, ist eine

in der Volkssage erhaltene Erinnerung an den hohen, alle übrigen

Besitztümer überragenden Wert der Milch und Milch gebenden Tiere aus

dem frühesten Zeitalter der indoeuropäischen Völker.

56. Die Jungfrau des Grauensteins bei Joachimsthal.

(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 64 etc.)

Sehr viel wird von der Grauensteiner Jungfrau erzählt, welche keinen

Kopf hat und sich zuweilen blicken läßt. Einst ging ein Weib von

Joachimsthal nach Holz, da bemerkte sie einen schönen rasigen Platz,

auf dem sich Wäsche ausbreitet fand. Darauf zugehend, um es näher

anzuschauen, bemerkte sie, daß die Wäsche immer reiner und schöner

ward. In ihrem Innern regte sich der Wunsch, ein Stück Wäsche zu

nehmen, was sie auch that. Plötzlich hörte sie hinter sich ein

Geschrei; als sie aber, sich umsehend, niemanden bemerkte, nahm sie

noch ein Stück Wäsche und ging ihren Weg, auf ein abermaliges Rufen

nicht achtend. Sie erreichte eben einen Kreuzweg, als die unbekannte

Stimme zum dritten Male sich hören ließ: »Wenn kein Kreuzweg gekommen

wäre, wärest Du des Todes!« Hätte sie alle Wäsche gestohlen, so wäre

die Grauensteiner Jungfrau erlöst worden.

Es geht noch die Sage, daß das Weib an derselben Stelle, wo es ein

Stück Linnen erbeutete, um Mitternacht eine wundersam blaue Flamme als

Wahrzeichen eines verborgenen Schatzes emporschlagen sah. Als sie, um

den Geist zu bannen und den Schatz zu heben, ihren Rosenkranz in den

blauen Flammenschein geworfen hatte, siehe da! des Morgens lagen an

dieser Stelle zwei funkelnde Silbersiebzehner.

Eines Tages ging ein altes, gebücktes Mütterchen in den Wald, um

dürre Reiser zu sammeln. Als die Alte in der Nähe des Grauensteines

das aufgeschichtete Reisigbündel zusammengebunden hatte und es auf

den Rücken nehmen wollte, tönte ihr von dort bezaubernder Gesang

entgegen. Das Mütterchen lauschte eine Weile, faßte sich dann ein

Herz und schritt dem Grauensteine zu. Doch welch eine Überraschung!

Es erblickte daselbst ein prächtiges Schloß, vor dem eine schöne,

weißgekleidete Jungfrau Wäsche bleichte. Kaum wurde die Jungfrau des

Weibes ansichtig, so zog sie sich stillschweigend und langsam hinter

die Mauern des Schlosses zurück. Als aber das herzhafte Mütterlein nach

einem Stück Wäsche griff und mit dem gestohlenen Gut davontrippelte,

verschwand unter Blitz und Donner das Zauberschloß, an dessen Stelle

wieder die Halde war. -- Wie die Sage weiter erzählt, soll das Weib,

das auf diesen weggenommenen Linnen ein paar Jahre gelegen hat, darauf

schmählich verkommen sein.

Sagenbuch des Erzgebirges · 第 6 / 62 段