Tochter gehabt haben, die mit dem Förster von Grünhain heimlich
versprochen war; derselbe war übrigens mit den übrigen Gliedern ihrer
Familie so gut wie gar nicht bekannt. Nun hatte aber der Müller auch
einen Sohn, von dem er sich losgesagt hatte, weil derselbe ohne seine
Erlaubnis die Tochter des Scharfrichters geehelicht und damit nach
den Ansichten jener Zeit seine Familie beschimpft hatte. Gleichwohl
kamen die Geschwister an diesem und jenem Orte mit einander zusammen,
und als nun eines Tages die schöne Müllerstochter in die Schenke wo
sie ihren Liebhaber zu treffen dachte, zum Tanz gegangen war, traf
sie ihren Bruder mit seiner Frau und konnte es ihm natürlich nicht
abschlagen, ein Tänzchen mit ihm zu machen. Während dem war aber der
Förster angelangt und gleich vom Pferde aus, wie er war, auf den
Tanzsaal geeilt; als er nun seine Braut in den Armen eines ihm Fremden
erblickte und sah, wie sie freundlich mit ihm scherzte, ergriff ihn
rasende Eifersucht. Er lockte sie also unter Schmeichelworten auf den
Ziegenberg, indem er vorgab, er habe bei dem schnellen Ritte etwas
im Walde verloren und sie solle ihm suchen helfen. Das Mädchen ging
auch, nichts Böses ahnend, mit; als sie aber an eine recht wilde,
verwachsene Stelle des Berges kamen, warf er ihr ihre Untreue vor und
erstach sie, ohne nur ihre Verteidigung anhören zu wollen. Leider hatte
er nur zu sicher getroffen, die Unglückliche gab in wenigen Minuten
ihren Geist auf, indem sie nur noch so viel Zeit hatte, ihrem Mörder
zuzurufen, ihr vermeintlicher Verführer sei ihr Bruder gewesen, den er
noch nicht gekannt habe. In wilder Verzweiflung warf sich der Förster
über die Sterbende, allein er vermochte sie nicht wieder ins Leben
zurückzurufen. Er eilte also auf den Tanzsaal und schrie ihrem Bruder
zu, er habe seine Schwester gemordet, er wolle sich selbst dem Gerichte
übergeben. So geschah es auch. Da er den Tod suchte, dauerte die
Untersuchung nicht lange, schon nach drei Monden fiel sein schuldiges
Haupt zu Grünhain auf dem Schafott; auf dem Flecke aber wo die blutige
That geschehen, ward ein Rosenstrauch gepflanzt, dessen weiße Rosen des
Nachts wie mit Blut besprengt aussehen und der seine Blätter traurig
zur Erde zu senken scheint. Um Mitternacht aber kommt, wenn böse Zeiten
bevorstehen, ein Reiter, den Kopf unter dem Arme, vom Grünhainer
Hochgericht nach dem Rosenstock geritten, verweilt kurze Zeit daselbst
und kehrt dann wieder zurück.
Der letzte Teil der Sage erinnert an die poetische Vorstellung, daß
die entweichende Seele eine aufblühende Blume ist, durch welche
sie auch symbolisch dargestellt wird. Die weiße Rose, welche des
Nachts wie mit Blut besprengt dasteht, ist die Seele des ermordeten
Mädchens. Die Seelen Verstorbener wachsen als Blumen aus dem Grabe.
Erhob sich doch auch auf den Gräbern Tristans und Isoldes eine Rebe
und ein Rosenstock.
»-- Doch eine Rose, einen Reben
sah man sich aus den Gräbern heben
und innig sich verschlingen.«
23. Der gespenstische Reiter bei Hainsberg.
(Gräße, Sagenschatz etc. No. 267.)
Auf der von Hainsberg nach Tharand führenden Chaussee soll sich an
gewissen Tagen um Mitternacht ein Spukgeist sehen lassen; er reitet auf
einem Pferde ohne Kopf und trägt den seinigen zuweilen selbst unter dem
Arme, er jagt bis Tharand und kehrt dann wieder zurück.
24. Gespenstische Reiter bei Waschleite.
(Christ. Lehmann, Histor. Schauplatz etc. S. 75.)
Eine halbe Meile von Grünhain gegen Waschleite ist einem Gerber von
Elterlein, der des Nachts von Schwarzenberg heimfuhr, eine ganze Rotte
Reiter ohne Köpfe und in mancherlei Gestalt entgegengekommen, denen
mußte er ausweichen, worauf er infolge des gehabten Schrecks krank
wurde. Daselbst hat man auch zuweilen die schönste Geistermusik gehört.
25. Der Reiter ohne Kopf bei Wildenfels.
(Nach Mitteilung des Lehrers R. Schlegel aus Wildenfels.)
Die Holzhauer erzählen, daß sich an dem sogenannten neuen Teiche im
Wildenfelser Walde ein Reiter ohne Kopf sehen lasse, welcher dann im
Wasser verschwinde.
Unselige Geister erscheinen häufig hauptlos, wie uns die Sagen aus
zahlreichen Orten erzählen. Ohne Kopf sieht man z. B. den Reiter im
Wiesenthale bei Königerode. Auch der wilde Jäger im Zellgrunde zeigt
sich ohne Kopf. (Größler, Sagen aus der Grafschaft Mannsfeld, No. 54
und 162.) In einem bei Weimar gelegenen Hölzchen läßt sich des Nachts
ein Reiter sehen, welcher seinen Kopf wie einen Hut unter dem Arme
trägt; er führt die Leute irre. (Witzschel, Sagen aus Thüringen, No.
297.) Bemerkenswert ist dabei, daß solche unselige Geister vielfach
auf halben oder dreibeinigen Rossen reiten und mit einer Meute
dreibeiniger Hunde den Zug des wilden Jägers begleiten. Es ist dies
eine Erinnerung an die Todes- und Pestgöttin Hal, welche auf einem
dreibeinigen Pferde erscheint.
26. Der kopflose Reiter bei Bernsbach.
(Mitgeteilt vom Seminarist Osw. Hübner aus Bernsbach.)
Auf der Straße von Bernsbach nach Beierfeld, im sogenannten
Kirchgraben, soll öfters ein Reiter ohne Kopf gesehen worden sein.
27. Der Reiter ohne Kopf zwischen Lößnitz und Stein.
(Mitgeteilt von J. G. Müller, Kirchner und Lehrer in Lößnitz.)
In der Mitte des Weges zwischen Lößnitz und Schloß Stein ist ein
Waldort, genannt »die hohle Linde.« Zur Zeit steht an der Stelle
neben einer Vertiefung eine junge Linde; ehemals befand sich eine
umfangreiche hohle Linde daselbst. Früher stieg aus derselben um
Mitternacht ein Reiter ohne Kopf, der den Wald durchirrte und die Leute
schreckte. Noch jetzt soll derselbe zuweilen aus der kleinen Senke
daselbst aufsteigen.
28. Der Panzerreiter zu Stollberg.
(Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, No. 574; z. T. mündlich.)
In der Gegend von Stollberg soll bei Nacht ein Reiter ohne Kopf, in
einen langen schwarzen Mantel gehüllt, auf einem schwarzen kopflosen
Rosse herumreiten. Vor ihm her flattert eine grau und schwarz gefleckte
Krähe, welche sich auch bisweilen auf einer großen Linde in der
Oberstadt sehen ließ und durch ihr nächtliches Krächzen jedem, der
es hörte, den Tod binnen drei Tagen verkündigte. Nach anderen sollen
vor dem Reiter drei Raben fliegen; auf welchem Hause sich dieselben
niederlassen, daraus soll jemand in demselben Jahre sterben. Den Reiter
nennt man den Panzerreiter.
29. Die feurigen kopflosen Reiter bei Lichtenstadt.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 95.)
Einst gingen einige Leute von Lichtenstadt nach Karlsbad; als sie den
Berg hinuntergingen, war es gerade 11 Uhr in der Nacht. Da sahen sie
unten viele hunderte von feurigen Männern und Pferden ohne Köpfe sich
herumtummeln. Um 12 Uhr war alles wieder verschwunden.
30. Das Geisterschloß bei Bockau.
(Mitgeteilt vom Seminarist Paul Mothes aus Bockau.)
Ungefähr 20 Minuten von dem durch seinen früher lebhaft betriebenen
Arzneihandel bekannten Bergflecken Bockau befindet sich ein Sumpf,
von den Bewohnern einfach »die Pfütze« genannt. Dabei erhebt sich
ein Felsen, auf dem in gewissen Nächten zwischen 11 und 12 Uhr ein
großes Schloß mit unzählig erleuchteten Fenstern zu sehen ist. Jeder
aber, welcher auf das Schloß zugeht, wird in der Irre umher geführt.
An demselben Platze hat sich auch zuweilen ein Reiter ohne Kopf sehen
lassen.
31. Der Spuk an der Straße bei Albernau.
(Mitgeteilt von Lehrer E. Schlegel aus Zschorlau.)
Da, wo von der Chaussee zwischen Schneeberg und Bockau der
Communikationsweg nach Albernau abgeht, steht eine steinerne Säule. Von
diesem Platze wird verschiedenes erzählt. Einige wollen daselbst in
gewissen Nächten zur Mitternachtsstunde einen Reiter ohne Kopf gesehen
haben, der mit wildem Geheule vorüberjagte; andere erzählen, daß sich
dort des Nachts zwischen 12 und 1 Uhr ein Licht hin und her bewege,
wobei zugleich deutlich Gewinsel zu hören sei.
32. Die Gestalt ohne Kopf zwischen Bärenburg und Altenberg.
(Gießler, Sächs. Volkssagen, Stolpen, S. 618.)
Schon von vielen Personen wurde auf der Chaussee vom Gasthofe zu
Bärenburg aufwärts nach Altenberg, da wo die Straße der Steigung halber
die großen Krümmungen macht, eine Erscheinung ohne Kopf beobachtet. Bei
der letzten »Drehe« pflegt die Gestalt, welche sonst immer in gleicher
Höhe mit dem Wanderer auf der andern Seite der Straße fortschreitet, zu
verschwinden. Die oft einsam fahrenden Postillone der Nachtpost wollten
in früherer Zeit den Spuk neben den Pferden hergehend gesehen haben.
33. Die weiße Frau zu Neustädtel.
(Chr. Lehmann, Histor. Schauplatz. S. 943.)
In Neustädtel bei Schneeberg erzählt man von einer gespenstischen
weißen Frau, welche eine Sechswöchnerin gewesen und endlich verbannet
worden. Auf deren Grab ist immer ein Grüblein, einer Backschüssel groß,
geblieben, ob man es gleich zufüllete.
34. Die weiße Frau zu Venusberg.
(Lehmann a. a. O. S. 942.)
Auf dem herrschaftlichen Hofe zu Venusberg bei Thum kennt man eine
weiße Frau von langen Jahren her, ohne daß jemand wissen will, wer
sie gewesen. So oft bei der Herrschaft oder ihrer Familie und nächsten
Anverwandten ein Todesfall sich ereignen soll, lässet sie sich eine
gute Zeit zuvor von vielen öffentlich sehen, und zwar, wenn ein
Todesfall im Hause geschehen soll, gehet sie aus selbigem heraus, die
Treppen hinunter, über den Hof hinab bis zu demjenigen Thor, durch
welches die Leiche hinausgetragen werden soll. Ist aber der Todesfall
außerhalb des Hauses unter den nächsten Anverwandten zu vermuten, so
läßt sie sich nur bald hier, bald dort, auch wohl zu den Fenstern herab
sehen. Es ist aber niemandem dadurch ein Leid oder eine Krankheit
widerfahren, weil sie ohne Beleidigung ihr Wesen treibt.
35. Die weiße Frau in Schneeberg.
(Mündlich.)
In der Kosaken- und Webergasse zu Schneeberg hat sich des Nachts
mehrere Male eine weiße Frau sehen lassen.
36. Die weiße Frau zwischen Wildenthal und Karlsfeld.
(Mitgeteilt vom Lehrer Thuß in Tellerhäuser.)
Auf dem Wege von Wildenthal nach Karlsfeld ist öfters des Nachts bei
Mondenschein eine Frauengestalt in weißem Gewande erschienen. Dieselbe
ging stets vor dem Wanderer her, ließ sich aber von demselben nicht
erreichen, so sehr er auch seine Schritte beschleunigte.
37. Die weiße Frau am Brautstock in Altenberg.
(Bürgermeister Schönherr im Freiberger Anzeiger 1883, No. 181. 1.
Beilage.)
Der Weg durch die sogenannte lange Gasse in Altenberg, welche nach
Zinnwald führt, wird vielfach begangen; man findet darin eine einfache
unbearbeitete Porphyrsäule, der Brautstock genannt. Eingearbeitet sind
die Jahreszahlen 1716 und 1820. Der Sage nach soll von Zeit zu Zeit
und in gewissen Nächten eine weiß gekleidete junge Frau zu erblicken
sein, welche am Steine seufzt, betet und dann zu versinken scheint.
Im Anfange des vorigen Jahrhunderts soll unter seltsamen Umständen an
dieser Stelle eine Vermählung stattgefunden haben. Ein in einem Duell
verwundeter Offizier ließ sich hier die Geliebte antrauen und gab
darauf sein Leben Gott zurück.
In Wirklichkeit dürfte der genannte Brautstock nichts anderes als
ein großer Rainstein sein, der bei der großen Verrainung vom
Jahre 1716 zwischen der kurfürstlichen Waldung und derjenigen der
Zwitterstocksgewerkschaft zu Altenberg gesetzt wurde. Der Stein trägt
zunächst das Waldzeichen letzterer Gewerkschaft, das Jupiterzeichen
aus den Kalendern, welches einem lateinischen »~Z~« ähnelt, sodann
die Jahreszahlen »1716« und »1820«, die Rainungsziffer 53, nach
Süden abermals das Jupiterzeichen und nach Westen ein lateinisches
»~A~« (Altenberger Staatsforstzeichen). Eine Innschrift führt der
Brautstock nicht und doch ist derselbe schon seit Jahren unter
diesem Namen als Grenzrainungsmarke in verschiedenen Karten und
Fluraufrissen geführt worden.
Der vorigen Sage von der weißen Frau am Brautstocke liegt eine
wirkliche Begebenheit zu Grunde. Auf einer kleinen sumpfigen
Waldwiese südlich von Peterswalde fand zu Anfange des vorigen
Jahrhunderts ein Duell auf Kugeln statt, bei welchem der
Garde-Capitän von Siemensky tödlich verwundet wurde. Seine Braut
war in einem Wagen mit einem Arzte gefolgt und als der letztere
äußerte, der Verwundete könne vielleicht noch gerettet werden,
wenn es gelänge, die Kugel durch einen sachverständigen Beistand
zu entfernen, wurde der Garde-Capitän in dem Wagen auf einer
vierstündigen Fahrt über Schönwalde und Voitsdorf bis nahe vor
Altenberg gebracht. Hier aber auf der steinigen Landstraße fühlte der
Verwundete sein Ende herannahen und begehrte, daß ihn ein Geistlicher
mit seiner Braut trauen sollte, um letztere in den ungeschmälerten
Besitz seiner Güter zu setzen und ihre Ehre vor der Welt zu retten.
Eilig wurde aus Altenberg der Pastor Johann George Bretschneider
geholt und dieser vollzog unter freiem Himmel die Trauung. Darauf
starb von Siemensky. Seine angetraut Gattin starb bei der Geburt
eines Knaben, welcher von einem Herrn von Nostitz erzogen wurde und
später das Erbe seines im Duell getöteten Vaters antrat.
Forstleute haben später durch den einfachen »Brautstock« die
Stelle bezeichnet, wo jene tragische Begebenheit der Vermählung im
Angesichte des Todes sich ereignete.
(S. Näheres bei Gießler, Sächsische Volkssagen. Stolpen ohne
Jahreszahl. S. 607 etc.)
38. Die weiße Frau auf Scharfenstein.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen. Anhang No. 15.)
Auf dem Schlosse Scharfenstein zwischen Zschopau und Wolkenstein geht
seit Jahrhunderten eine weiße Frau um. Des Nachts mit dem zwölften
Glockenschlage wird sie rege und wandelt, in lange, weiße, nebeldünne
Gewänder gehüllt, durch alle Gemächer des Schlosses, bleibt bisweilen
stehen und seufzt und ist überhaupt traurig. Oft hat man gewagt, sie
anzureden, aber nie hat sie Antwort gegeben, sondern ist immer sogleich
entflohen. Sie muß eine schwere Sünde begangen haben; welche aber, weiß
niemand.
39. Die weiße Frau in Unterchodau.
(Anton Aug. Naaff und Friedr. Bernau in der Comotovia, 4. Jahrg.
Komotau 1878. S. 84.)
Zu Unterchodau bei Elbogen stand früher an der Stelle der
Porzellanfabrik ein einfaches, einstöckiges Schlößchen, an das
später eine Glashütte angebaut wurde. Erst später entstand hier eine
Porzellanfabrik. In diesem Schlößchen nun wohnte die Witwe eines
ehemaligen Littmitzer Brauers, welche Wohnung ihr von der Stadt Elbogen
mildherzig verliehen wurde, nachdem sie mit ihrem Manne gänzlich von
Vermögen gekommen war. Sie ging nun einst bei ihrem Schwager vorbei,
der gegenüber der Schule wohnte; derselbe rief sie ins Haus und gab
ihr ein Krüglein Bier. Da blickt sie gegen das Schlößchen und sieht
plötzlich im Erkerfenster eine weiße Frau stehen. Ach Gott! rief
sie, ich habe meine ganze Wäsche auf dem Boden, man will sie mir
gewiß stehlen! Sie läuft nach Hause, ihre Kinder weinen, sie nimmt
das jüngste auf den Arm und eilt die Treppe hinauf. Auf dem Boden
angelangt, bleibt sie jedoch ganz starr stehen, -- sie sieht die
weiße Frau mit verschränkten Armen und auf dem Dachboden einen Haufen
Gold, auf welchem Pergamentrollen lagen. Statt von dem Golde zu
nehmen, lief sie zum Schwager mit der Bitte, ihr das Gold wegtragen
zu helfen; bei der Rückkehr jedoch war alles verschwunden. Auch als
schon die Glashütte stand, hielt sich kein Arbeiter abends gerne in der
Werkstätte auf und selbst jetzt noch hält man es dort nicht für geheuer.
40. Die weiße Frau in Premlowitz.
(Anton Aug. Naaff und Friedr. Bernau in der Comotovia, 4. Jahrg.
Komotau 1878. S. 84.)
Bei dem Hofe Premlowitz bei Karlsbad geht eine weiße Frau um. Vor
fünfzig Jahren noch will man sie täglich von 11 bis 12 Uhr mittags mit
verschränkten Armen auf dem Hofgang gesehen haben.
Einmal sah die weiße Frau ein Knecht, der auf dem Felde ackerte. Er
rief sie mit den Worten an: Du könntest mir auch ausspannen helfen!
erhielt aber plötzlich einen solchen Schlag ins Gesicht, daß ihm der
Backen anschwoll und er mehrere Wochen das Bett hüten mußte.
41. Die weiße Frau des hohen Steins bei Graslitz.
(Joh. Böhm in der Erzgebirgs-Zeitung, 2. Jahrg. S. 131.)
Es weidete einmal ein Junge aus Waltersdorf, einem Dorfe am Südostfuße
des hohen Steines, seine Herde, als um die Mittagszeit herum eine weiße
Frau erschien und ihn fragte, was er denn in seinem Zwerchsacke trage.
»Mein Brot,« antwortete furchtsam der Hirt. »Gieb mir etwas davon,«
bat die Frau, und während der Angesprochene ihrem Wunsche willfahrte,
sagte er, daß er ihr nur wenig bieten könne, indem seine Bäuerin ein
geiziges Weib sei, die ihrem Gesinde die Brocken in die Schüssel zähle.
Da überreichte ihm die weiße Frau eine kleine Rute mit dem Bedeuten,
das geizige Weib damit zu berühren, wenn sie im Begriffe stehe, ihm
sein Brot mit auf die Hutweide zu geben. Außerdem streifte sie mit der
Hand das Laub von dem Aste eines Baumes und sprach: »Nimm auch diese
Blätter und hebe dieselben wohl auf; sie sind der Lohn für das mir
gereichte Brot.« Nach diesen Worten entschwand die Frau den Blicken
des Hirten, der das erhaltene Geschenk in seinen Taschen barg. Als er
aber am Abend seine Herde nach Hause trieb, wurde ihm das Tragen der
Blätter unbequem, und einfältig, wie er war, warf er sie von sich. Wie
reute ihn aber sein Thun, als er zu Hause angelangt, in seiner Tasche
drei funkelnde Goldstücke fand, welche durch Verwandlung dreier von den
geschenkten Blättern, die in seiner Tasche kleben geblieben, entstanden
waren. Wohl lief er schnell zurück, um das so leichtsinnig weggeworfene
Geschenk der gütigen Frau wieder aufzunehmen; allein sein Suchen war
und blieb vergeblich. Die Blätter blieben verschwunden. Als ihm am
andern Morgen die Bäuerin sein Brot schnitt, berührte sie der junge
Hirte, ungesehen von ihr, mit der erhaltenen Rute und war erstaunt,
das geizige Weib alsbald sprechen zu hören: »Dem Hirten muß ich heute
ein großes Stück Brot samt einer Butterflade und mehrere Kuchen mit
auf die Weide geben; er verdients.« Und es geschah. So oft der Hirt
die Bäuerin mit seiner wunderthätigen Rute berührte, erhielt er eine
reichliche und gute Zehrung. -- Einst aber unterzog die Magd des Hauses
den Stall einer durchgreifenden gründlichen Reinigung, und bei dieser
Gelegenheit warf sie des Hüters Rute, der sie im Stalle oben unter
einen Balken gesteckt hatte, mit hinaus. Weinend beklagte dieser nach
seiner Nachhausekunft seinen unersetzlichen Verlust; aber das half ihm
nichts. Die Bäuerin schnitt fortan das trockene Brot fast noch kleiner
als vordem und bitter bereute es der Betroffene, das wohlthätige
Geschenk der weißen Frau nicht sorgsamer aufbewahrt zu haben. Diese
erschien dem jungen Hirten zwar noch einige Male, aber nur in der
Ferne. Ihre Gesichtszüge waren finster auf ihn gerichtet und drohend
erhob sie manchmal den Zeigefinger ihrer Rechten gegen den Unachtsamen,
vielleicht dadurch ihre Unzufriedenheit mit ihm zu erkennen gebend.
42. Die weißen Frauen des Raubschlosses bei Brandau.
(A. Blüml in der Erzgebirgszeitung, 5. Jahrg. S. 173.)
Wenn man von Brandau, das mit dem zugehörigen Orte böhm. Grünthal den
am weitesten vorgeschobenen Zipfel des Brüxer Bezirks ausfüllt, nach
Kallich wandert, so muß man durch das wegen seiner Naturschönheiten
berühmte und deshalb von Touristen sehr besuchte Teltschthal, in dem
der Grenzbach Natschung zahlreiche Brettmühlen und auch das jetzt
allmählich verfallende Eisenwerk Gabrielenhütte treibt. Am Eingange
in dieses Thal befindet sich zur rechten Hand, unmittelbar über dem
zu Brandau gehörigen Wirtshause zu »Beneschau,« vielleicht 8 Minuten
vom eigentlichen Dorfe entfernt, in dem der Gemeinde Brandau gehörigen
Walde ein Felsen, der schon steil gegen die Straße, noch mehr aber
gegen das Natschungthal abfällt. Hier auf diesem Felsen will man noch
Mauerüberreste sehen und man nennt den Platz das Raubschloß. Die Sage
erzählt davon folgendes:
Auf dem Raubschlosse stand früher eine Burg, die einem mächtigen
Ritter gehörte, der gar oft viele Wochen von ihr sich entfernte, aber
immer reich mit fremden Schätzen beladen zu ihr zurückkehrte. Als
er einst wieder auf Raub auszog, überfielen seine Feinde die Burg,
nahmen die Besatzung gefangen und legten sich in den Hinterhalt, um
auch den nur von wenigen Reisigen umgebenen Ritter zu fangen. Als
dieser zurückkehrte, erkannte er sogleich die ihm drohende Gefahr und
sprengte, um der Gefangenschaft zu entgehen, mit seinem Pferde den
steilen Berg hinab in das Thal, wo er zerschmettert anlangte. Die Burg
wurde dem Erdboden gleich gemacht.
Seit jener Zeit treibt dort ein graues Männchen sein Wesen, das einst
einem Försterburschen eine Thür zeigte, durch die er in ein großes
Zimmer im Berge trat. Das Männchen erlaubte ihm auch, von dem vielen
hier aufgespeicherten Gelde täglich eine bestimmte Summe zu holen.
Als der Bursche aber noch einen seiner Kameraden mitbrachte, damit
auch dieser die Schatzkammer kennen lerne, blieb er in der Höhle
eingeschlossen.
Wenn am Pfingstmontage nach dem Gottesdienste die Lichter in der
Kirche ausgelöscht werden, öffnet sich die Thür, und eine weiße Frau
kommt heraus, die aber schon wieder nach einer halben Stunde hinter
derselben verschwindet. Benutzt man diese halbe Stunde, so kann man die
verborgenen Schätze aus der Höhle holen.
Ein Knabe aus dem sächsischen Grenzorte Rothenthal spielte eben auf der
Violine, als die weiße Frau aus dem Felsen trat und ihn aufforderte,
ihr etwas vorzuspielen. Furchtlos überschritt er den Grenzbach und
spielte der Frau seine schönsten Melodien vor, in der Meinung, von ihr
reich belohnt zu werden. Als die halbe Stunde verflossen war, nahm ihn
aber die Frau nicht, wie er vermutet hatte, mit in den Berg, sondern
füllte nur seinen Geigenkasten mit Laub.
Ärgerlich warf er dasselbe heraus und lief heim. Dort sah er noch
einmal in den Kasten und fand drei Thaler darin. Eilends kehrte er
zurück, fand aber weder die Frau, noch das weggeworfene Laub.
Ein andermal saß ein Mann am Ufer der Natschung und fischte. Da öffnete
sich wieder die Thür im Raubschloß, und drei weiße Frauen traten
heraus, gingen zum Bache und wuschen ihre Hände. Als sie den Mann
sahen, riefen sie ihm zu, er möge drei Säcke holen, was sich dieser
nicht zweimal sagen ließ. Obwohl die Frauen die Säcke nur mit Laub
füllten, trug sie der Mann doch eine weite Strecke. Als sie ihm aber
zu schwer wurden, schüttete er das Laub aus. Doch blieben in jedem
Sacke einige Blätter, die er später als reines Gold erkannte. So oft er
auch später die Stelle wieder aufsuchte, wo ihm das Glück so gelächelt
hatte, die Frauen sah er nie wieder.
Am Palmsonntage ging eine Frau mit ihrem kleinen Kinde in derselben
Gegend spazieren und kam zu einer Thür, die sie noch nie gesehen hatte.
Neugierig versuchte sie die Thür zu öffnen, was ihr auch gelang. Sie
trat in ein einfaches Zimmer, in dessen Mitte ein Tisch mit Geld
stand. Während sie das Kind auf den Tisch setzte, raffte sie schnell
das Geld zusammen und trug es hinaus. Hier sah sie aber nur Laub in
ihrer Schürze und fand, als sie ihr Kind wieder holen wollte, die
Thür verschlossen. Ein Priester, den sie in ihrer Verzweiflung um Rat
fragte, schalt sie ihrer Habsucht wegen und sagte ihr, daß sie in einem
Jahre genau um dieselbe Stunde wieder bei der Thür warten müsse, bis
sich diese öffne. Sie that dies und fand auch wirklich ihr Kind, mit
roten Äpfeln spielend, die sich im Freien in Goldklumpen verwandelten.
43. Die weißen Frauen zwischen Olbernhau und Blumenau.
(Christ. Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 948.)