Wie die Sagen vom wilden Jäger, dem ähnlich in unserm Gebirge der

Katzen- und Bachreiter, sowie der unheimliche Hans Michel erscheinen,

sind auch diejenigen vom Reiter ohne Kopf, der bei uns ein Schrecken

der Holzdiebe ist, auf Wuotan zurückzuführen. Ein Reiter ohne Kopf

zieht durch die Waldungen des Saallandes, und wenn er junge Leute,

welche um Mitternacht auf einem Kreuzwege horchten, vertrieb und

verfolgte und diese dann glücklich vor ihm die Hausthüre verschlossen

hatten, so geschah ein schwerer Schlag an die Thüre und am anderen

Morgen war der tiefe Eindruck eines Hufeisens zu sehen. (L. Zapf, a.

a. O., S. 4.) Das Hufeisen weist uns auf Odhins oder Wuotans Roß hin.

-- Fremdartig ists in einer unserer Sagen, daß der Reiter ohne Kopf

auf schwarzem Rosse sitzt, da sowohl dem wilden Jäger als auch Wuotan

übereinstimmend sonst nur ein weißer oder grauer Schimmel zugewiesen

wird; doch trägt der Reiter einen schwarzen Mantel und um ihn flattert

eine Krähe und verkündet den Tod. Einen schwarzen Mantel trägt auch

der wilde Jäger, welcher am Roßberge in der Schweiz wohnt (Henne-Am

Rhyn, a. a. O., S. 521), und zu Wuotan als wildem Jäger gesellen sich

die Totenvögel Eule und Rabe (Mannhardt a. a. O., S. 108); letzterer

aber wird in dem Volksglauben vielfach auch durch die Krähe vertreten.

-- Kopflos tritt meist der wilde Jäger auf, wenn ihn der Glaube als

Geist eines ruhelos umhergehenden Herrn, der das Volk durch seine

Härte quälte, auffaßt. H. Heine (Sagen, Märchen und Bilder aus dem

Harze, 1878, S. 55.) bemerkt, daß bei Meißen der wilde Jäger ein

Mann im grauen Rocke, mit hohen Sporenstiefeln, einem Jagdhorne und

+ohne Kopf+ sei, der auf einem Grauschimmel reite, und auf der Insel

Möen jagt im Grünewalde Wuotan mit einer Meute Hunde hoch zu Roß,

einen Spieß in der rechten Hand und +das Haupt unter dem+ linken Arme

tragend. (Mannhardt a. a. O., S. 153.) -- Die Göttin der Unterwelt war

nach dem Glauben der Germanen +Hel+, nach demjenigen der slavischen

Bevölkerung Böhmens die +Morana+; wenn eine von ihnen erschien, zeigte

sie einen Todesfall an. Ursprünglich war die Hel wahrscheinlich die

Mutter alles Lebens, zu der auch alles Leben wieder zurückkehrte.

Daher wurde sie auf Grund dieser Doppelseite ihres Wesens, in ihrer

Eigenschaft als Gebieterin über Leben und Tod, halb menschenfarbig,

halb schwarz vorgestellt, und beide Farben tragen auch noch vielfach

nach den Überlieferungen der Sage die +verwünschten Jungfrauen+ und

Frauen, welche ihre Schattenbilder sind und die teils freundlich,

teils feindlich in das Leben der Menschen eingreifen. (Henne-Am-Rhyn,

a. a. O., S. 549.) Die weiße Frau zu Neuhaus erscheint bei fröhlichen

Gelegenheiten im langen weißen Talar, bei Todesfällen aber in schwarzen

Handschuhen. Einen Todesfall verkündet auch die weiße Frau zu

Venusberg. -- Ihre Doppelnatur kennzeichnet sich bei den weißen Frauen

noch dadurch, daß sie nach der Volksüberlieferung bald als blühende

schöne Jungfrauen, bald wieder als häßliche alte Weiber erscheinen.

Ich rechne dazu die Erscheinung am weißen Fels bei Hartenstein, welche

in ihrer Wandelbarkeit an die schöne Jungfrau am Fuße des Nußhardt im

Fichtelgebirge erinnert, und die nur dann erlöst werden kann, wenn

sie von jemandem zu der Zeit, da sie als häßliches Weib wiederkommt,

auf die Stirne geküßt wird. Man sieht sie zuweilen mit einem Rechen

an der Sonne Flachsknoten ausbreiten, und dadurch erinnert sie an die

+Hulda+ oder Frau +Holle+, die freundliche Göttin, welche den Flachsbau

beschirmte und die fleißigen Spinnerinnen belohnte, die faulen aber

bestrafte. Zur Weihnachtszeit hielt sie ihre Umzüge, aber sie fuhr auch

nach anderen Überlieferungen, ihrer ursprünglichen Natur entgegen,

auf einem Wagen mit dem wilden Heere schreckhaft durch die Lüfte, und

Hexen bildeten dann ihre Gesellschaft. (Henne-Am-Rhyn, a. a. O., S.

554.) Ihre abgeschwächten Abbilder sind vielleicht die zwei Jungfrauen

des Breiten- und Röthelsteins, die in feuriger Kutsche mit dergleichen

Pferden umherfahren und dann im Röthelsteine verschwinden; beide

erscheinen zuweilen in schwarzen Kleidern. -- Hexenähnlich erscheint

uns auch das Fegeweib des Katzensteins, das mit einem Besen die durch

die Luft fliegenden Kugeln wegfegt, bis es endlich durch einen frommen

Spruch machtlos wird.

Die Überlieferungen von diesen ursprünglich göttlichen Wesen, welche

zum Zeichen ihrer Göttlichkeit gewöhnlich weiß gekleidet erscheinen,

fließen vielfach zusammen. So erscheint die Frau Holle in Norwegen und

Schweden als die Berg- und Waldfrau +Hull+ oder +Huldra+; sie liebt

Musik und Gesang wie das über die Mulde bei Zelle schwebende Fräulein,

welchem musicierende Bergleute ein Ständchen bringen, oder wie die

Lieder singende Jungfrau des Braunsteins und das Schloßfräulein im

Schönjungferngrunde bei Oberwiesenthal, welches die Laute spielt. Auch

die Huldra wird bald jung und schön, bald alt und finster gedacht, und

wenn sie grau gekleidet und alt an der Spitze ihrer Herde im Walde

angetroffen wird, hat sie einen Melkeimer in der Hand. Ich bin geneigt,

die Jungfrau auf dem Ziegenschachter Wege bei Breitenbach für identisch

mit ihr zu halten, obschon sie durch die Sage zu einer wegen schlechten

Maßes der verkauften Milch verwünschten Jungfrau wird, die nun ruhelos

umher wandeln muß; sie trägt in der Hand ein Milchseidel und einen

grünen Kranz auf dem Kopfe.

Wie die +Hulda+ und die mit ihr verwandte +Berahta+ beschenken auch

die weißen Frauen einzelne Menschenkinder mit scheinbar wertlosen

Dingen, welche sich später in Gold verwandeln. Ich verweise aus

unserm Sagenkreise in dieser Beziehung auf die weiße Frau des hohen

Steins bei Graslitz, von welcher ein armer Hirte eine wunderthätige

Rute und Laub empfing, das sich in Goldstücke verwandelte; ähnliches

wird auch von einem Hirten erzählt, den die Jungfrau des Lautersteins

beschenkte, und als die beiden musicierenden Bergleute der Jungfrau bei

Klösterlein Zelle ein Ständchen brachten, erhielt jeder von ihnen ein

Blumensträußchen, deren eines sich in Gold verwandelte, weil es nicht

weggeworfen wurde.

Die den Melkeimer in einer Hand tragende Huldra gehört als Bergfrau

offenbar zu den weißen Frauen, welche nach dem Glauben unserer

heidnischen Vorfahren ihren Sitz in den Wolken hatten und von da

der Erde himmlische Milch, den Regen, spendeten. Wenn man ihre

Wohnungen nach einem anderen Glauben auch auf die Berge verlegte,

so erklärt sich dies daraus, daß die Wolken von den Naturvölkern

auch als Berge angesehen wurden. Die weißen Jungfrauen hängen als

Wolkenfrauen häufig Wäsche auf oder bleichen Linnen. Dies thun die

Fräulein im Schönjungferngrunde am Fichtelberge und die Jungfrau des

Grauensteins; als der letzteren einmal die ausbreitete Wäsche geraubt

wurde, verwandelte sich dieselbe in zischende Ottern. Bemerkenswert

ist übrigens, daß die Grauensteiner Jungfrau keinen Kopf hat, und sie

erinnert dadurch an eine der zahlreichen weißen Frauen des Vogtlandes,

welche zuweilen aus den unterirdischen Gemächern der Teufelskanzel bei

Ranis hervortritt und an der Stelle des Kopfes zwei goldene Hörner

trägt. (Rob. Eisel, Sagenbuch des Vogtlandes, No. 235.) Die Jungfrauen

auf dem Hausberge bei Graslitz hängen Wäsche auf, die sich beim

Näherkommen in Spinngewebe verwandelt. Anderwärts im Gebirge scheint

man die aufgehängte und plötzlich wieder verschwindende Wäsche den

Holzweibeln zugeschrieben zu haben. (S. Dämonensagen.)

Da die Wolke in der Vorstellung unserer Vorfahren sowie der Slaven auch

als Brunnen galt, so wohnen weiße Jungfrauen nicht bloß auf Bergen,

sondern auch in Brunnen. Die Sage erzählt von einem Wunderbrunnen auf

dem Fichtelberge, an dem man zu Zeiten eine Jungfrau gesehen hat. Durch

diese Brunnenjungfrauen werden wir auch wieder auf die mütterliche

Gottheit der Erde Nerthus und auf Frau Holle hingewiesen, welche den

Aufenthalt in Brunnen liebten; in der Mittagsstunde sah man sie als

weiße Frauen daselbst baden und dann wieder verschwinden. (Jac. Grimm,

deutsche Mythologie, S. 166.) Derartigen Überlieferungen begegnet man

in den meisten Gauen unseres deutschen Vaterlandes; so badet auch

oft eine weiße Frau in dem Heribertsborn, welcher auf dem Höhenzuge

Grünscheid bei Solingen entspringt. (Leibing, Sagen und Märchen des

Bergischen Landes, No. 54.) Ebenso sind derartige Sagenklänge auch

in Böhmen heimisch; dort wird die gütige Jungfrau Lida, welche in

Brunnen wohnt und nur in mondhellen Nächten hervorkommt, auf Lada, die

slavische Göttin des Frühlings und der Liebe zurückgeführt. (Grohmann,

Sagenbuch von Böhmen, S. 33.)

Die auf und in den Bergen, besonders solchen, welche ehemals Burgen

trugen, wohnenden weißen Jungfrauen, denen die Sage gewöhnlich ein

Schlüsselbund beilegt, und von denen sie erzählt, daß sie unermeßliche

Schätze hüten (s. die Schatzsagen), sind ebenfalls göttliche Wesen.

Grohmann (a. a. O., S. 34) meint, daß unter ihnen in Böhmen die

Tochter des Donnergottes Perun, die jungfräuliche Göttin Devana zu

verstehen sei, welche Hanus als Göttin des Lichtes deutet. Während

des Winters, wenn das Licht durch trübe Wolken verdeckt wird, ist

dieselbe in die Wolkenberge verbannt, und sie wartet auf den Frühling,

welcher sie wieder befreien soll. So warten auch die in das Innere

der Berge verbannten Jungfrauen, und vielfach ist es eine Blume,

welche den Zugang zu ihrem Gefängnisse öffnet. Nach Schönwerth aber

ist die Schätze hütende Jungfrau in den rein deutschen Bezirken die

verhüllte Erdenmutter, die bereits genannte Hel, oder auch die Nerthus

oder Freya; letztere, als Gemahlin Wuotans und Wolkenfrau, nähert

sich in vielen Zügen der slavischen Devana, soweit sie aber neben

der Herrschaft über Winde, Wolken und Blitze auch Macht über den

Sonnenschein besaß und so auch der Erde Segen spendete, verschmolz

sie wieder mit der Erdgöttin. (Mannhardt a. a. O., S. 271.) Aller

Germanen Mutter und somit die gemeinsame Ahnfrau aller auf den Burgen

herrschenden adeligen Geschlechter ist die Erde. Diese göttlichem

Geschlechte angehörende Ahnfrau erscheint nun nach der Volkssage

noch heute an denjenigen Plätzen, wo ihre Kinder wohnten, welche das

Christentum für sich gewann. Durch dasselbe will auch sie erlöst

werden, und sie bietet daher ihre Schätze, um dafür Ruhe zu erlangen

und wieder mit den Ihrigen vereint zu werden. (Zapf, Sagenkreis des

Fichtelgebirges, S. 22.)

Einen mythischen Hintergrund haben die Sagen von gespenstischen

+Hunden+, +Hähnen+ und +Hasen+. Erstere erscheinen gewöhnlich schwarz,

vereinzelt aber auch feurig, und erschrecken die einsamen Wanderer.

Vielleicht sind sie in einigen unserer Sagen auf die Hunde der

Schicksal verkündenden Nornen zurückzuführen, und damit sind sie auch

Verkündiger des Todes oder Krankheit bringend, wie der schwarze Pudel,

welcher sich zuweilen auf dem Hemberge bei Bockau sehen läßt. Wo der

Hund in Gesellschaft einer Jungfrau im Innern des Berges Schätze hütet,

ist derselbe Sarmr, der Hund der Unterwelt.

Daß auch der Hahn mythisch ist, erzählt uns die nordische Götterlehre,

nach welcher der Hahn Fialan kräht, ehe das Weltende herannaht; durch

Hähne werden Hexen und böse Geister verscheucht und ein schwarzer Hahn

ist nach dem Volksglauben dem Teufel geweiht. Ebenso tritt auch der

Hahn in den Schatzsagen auf. So führt z. B. ein solcher diejenigen

irre, welche auf dem Burgberge bei Lichtenberg den daselbst liegenden

Schatz heben wollen. In böhmischen Sagen vertreten goldene Hähne die

Stelle von Schätzen, und Hühner legen auch nach anderen Überlieferungen

goldene Eier. -- Endlich sprechen für die mythische Bedeutung des

+Hasens+ viele abergläubische Meinungen; so ist z. B. im Vogtlande

ein Hase, welchen man beim ersten Ausgange zuerst erblickt, Unglück

verkündend. Er ist ein Göttertier, denn die Göttin Hulda ließ sich bei

ihrer nächtlichen Wanderung, welche sie als Mond ausführte, von Hasen

Lichter voraustragen. Als einst ein Arbeiter in Blauenthal nach einem

an der nahen Steinwand, wo sich auch andere Spukgespenster sehen

lassen, wiederholt nächtlich erscheinenden weißen Hasen schlug, war er

in der nächsten Nacht tot.

Unter den erzgebirgischen Spukgeschichten giebt es viele, nach denen

die Seelen verstorbener Menschen, welche der himmlischen Ruhe nicht

teilhaftig geworden sind, auf Erden umherwandeln. »Sie gehen um«,

wie der Volksmund sagt, denn sie bleiben als schattenhafte Wesen in

der Nähe des Ortes, welcher ihnen einst in ihrem irdischen Leibe als

Wohnplatz angewiesen war. Nicht immer ist dies, wie bei dem Rachhals

zu Aue, nach dem Volksglauben eine Strafe für begangenes Unrecht, oft

sind diese Gespenster warnende Geister, ja sie haben sich vereinzelt

selbst zu gutmütigen Hausgeistern umgewandelt. Andererseits aber werden

auch solche Gespenster zu Quälgeistern, die sich gleich böswilligen

Kobolden dem Wanderer aufhocken, oder ihre Angehörigen in anderer

Weise ängstigen; dies thun z. B. das Gespenst, welches als feuriger

Hund bei Graslitz erscheint, und die gespenstischen Frauen, welche

ihre Ehemänner beunruhigen. Der »+schwarze Mann+«, mit welchem Namen

sich häufig die Kinder gegenseitig schrecken, ist ein Schattengeist,

der zuweilen nur erscheint, um zu drohen, ohne jemandem sonst weiter

ein Leid zuzufügen. Teilweise, wie in Schneeberg, meldet die Sage

bloß, daß er sich sehen läßt, sie teilt aber über die Bedeutung und

Ursache seines Erscheinens nichts weiter mit. An anderen Orten,

wie in Königswalde, ist er ein bösartiges Wesen, welches ein eben

getauftes Kind holen will; er erinnert so an den Vernichtungsgott

Surtr. Ursprünglich aber ist der schwarze Mann wohl auf den Schutzgeist

zurückzuführen, welchen jeder Mensch zu eigen hatte. (Rochholz,

deutscher Glaube und Brauch, I. S. 104.)

Die Sagen von den umherwandelnden Geistern Verstorbener werden

durch altheidnischen Glauben begründet. Nach demselben tritt mit

dem Tode keine Vernichtung ein, ja der Krieger ist nach solchem

Glauben imstande, auch im Grabe einen ins Land fallenden Feind

zurückzuschrecken. Der deutsche Häuptling Iwar befiehlt sterbend, daß

man ihn an derjenigen Landesgrenze begrabe, an welcher am meisten

feindliche Einfälle zu befürchten seien. (Rochholz a. a. O., S. 117.)

Nach der Darstellung der Edda behalten die Helden ihren Körper; kämpfen

sie doch in Walhalla mit vollkommenem Leibe, den keine Wunden töten;

aber die Bösen,

»die Männer, die Meineid und Mord verübt

Und zur Untreu' verleitet des andern Geliebte,«

kommen in einen Saal, »fern von der Sonnen, das Thor gegen Norden am

Leichenstrand. Da saugt und frißt an entseelten Leichen der wölfische

Neidhagen«. (Edda, die Kunde der Wala 13.) Wenn also nach diesem

altheidnischen Glauben der Leib der Bösen vernichtet und in den

Urstoff aufgelöst wird, so müssen ihre Seelen ruhelos auf der Erde

umherwandeln, bis ihre Strafzeit vorüber ist und sie einen anderen Leib

finden.

So ist also der Gespensterglaube ein Überrest heidnischer

Vorstellungen, welche in die Gegenwart hineinragen, deren Ursprung

jedoch dem Volke nicht bekannt, deren tiefere Bedeutung vergessen

worden ist.

11. Das wütende Heer bei Annaberg.

(Christ. Lehmann, Histor. Schauplatz etc. S. 77.)

Insonderheit hatte der höllische Jäger vor und in dem 30jährigen Kriege

auf den hohen Wäldern sein Affenspiel, indem es, vornehmlich, wenn etwa

eine feindliche Armee einbrechen sollte, wie ein starkes Jägergeschrei

»Hu! hu! hu!« erschallte. Man hieß es insgemein das wütende Heer, und

war ein böser Vorbote. Anno 1626 ritt Junker Rudolf von Schmertzing,

Erbsaß auf dem Hammergute Förstel, halbtrunken von Annaberg ganz

allein, und vermeinte den geraden Weg über Schlettau auf die

Scheibenbergischen Mühlen durch die Unter-Scheibner Räume zu nehmen. Es

verführte ihn aber eine Jagd mit Jägergeschrei und Hundegebell, welchem

er nachritt, und fiel mit seinem Pferde in einen Morast, darin das

Pferd halbversunken stecken blieb. Er arbeitete sich endlich heraus,

lief nach den benachbarten Vorwerken, kleidete sich um und ließ Leute

auftreiben, welche das Pferd mit Stangen und Seilen aus dem Morast

zogen.

Einst reiste auch ein alter Priester von Wiesenthal sehr frühe durch

den Wald nach Annaberg. Da erhob sich mitten im Walde ein ungemeines

Jägergetöne, um welche Zeit doch kein Arbeiter und Jäger in dem Walde

zu finden war. Sein Fuhrmann besann sich bald darauf und sagte: »Herr,

es ist das wütende Heer; wir wollen in Gottes Namen fahren, es kann uns

nicht schaden.«

12. Das wütende Heer bei Weißbach.

(Mündlich.)

An dem von der Straße in Weißbach nach Kirchberg abführenden Hohlwege

soll sich oftmals das wütende Heer haben hören lassen.

13. Der wilde Jäger zwischen Stangengrün und Hirschfeld.

(I. Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, No. 499. II. Mündlich.)

I. Eines Tages sind zwei Brüder, Spitzenhändler, auf der Straße

von Stangengrün nach Hirschfeld geritten, da haben sie plötzlich

am hellerlichten Tage auf freiem Felde das laute Hohoschreien des

wilden Jägers gehört, aber ihn selbst nicht gesehen; nur unter ihren

Pferden, die sich furchtbar gebäumt, sind eine Menge kleiner Dachshunde

herumgelaufen, ohne daß sie jedoch einen derselben hätten von den

Pferden treten sehen, und plötzlich ist alles wieder verschwunden

gewesen.

II. Zwischen Hirschfeld und Stangengrün liegt der Teufelswald. In

demselben hat man mehrmals die wilde Jagd gesehen und gehört. Dies

widerfuhr unter anderen einem Tischler, welcher einst des Nachts um

12 Uhr mit einem Karren durch den Wald fuhr. Da hörte er Pfeifen und

Gebell, und darauf sah er auch den wilden Jäger als schwarze Gestalt zu

Fuße an sich vorübergehen; derselbe führte zwei Hunde bei sich.

14. Die wilde Jagd bei Komotau.

(Grohmann, Aberglauben und Gebräuche aus Böhmen und Mähren. 1. B. 1864.

S. 5.)

Eine alte Frau aus Komotau erzählte: Geht man an Adam und Eva früh zur

heiligen Beichte und Kommunion und fastet dann den ganzen Tag, selbst

abends, und geht dann um Mitternacht auf einen Kreuzweg, so sieht

man die wilde Jagd vorüberziehen, und der letzte aus derselben giebt

einem einen Thaler, der, so oft man ihn auch wechselt, immer wieder

zurückkehrt.

Wenn Grohmann (Aberglauben und Gebräuche aus Böhmen und Mähren,

Vorrede S. 7) bemerkt, daß den Slaven der Glaube an den wilden Jäger

fehlt, so bezieht sich dies wohl nur auf die Czechen. Veckenstedt

teilt eine größere Anzahl wendischer Sagen vom Nachtjäger mit. Auch

nach dem Glauben der Niederlausitzer Wenden erscheint der Nachtjäger

wie bei uns auf Kreuzwegen; ebenso ist er selbst sowie sein Pferd

ohne Kopf. (Wendische Sagen und Märchen, Graz 1880, S. 35 etc.)

15. Der wilde Jäger bei Karlsfeld.

(Mitgeteilt vom Lehrer Thuß in Tellerhäuser.)

Bei Karlsfeld ist der wilde Jäger mit seinem Heere öfters gesehen und

gehört worden. Sein Gefolge besteht aus den Seelen von Jägern, die in

ihrem Leben Böses gethan haben und nicht zur Ruhe kommen können.

16. Der wilde Jäger bei Schönlinde.

(Grohmann, Sagenbuch von Böhmen und Mähren, I. S. 78.)

Auch bei Schönlinde läßt sich zuweilen der wilde Jäger sehen; man

nennt ihn dort Banditterch (Berndietrich). Er soll daselbst in den

Schweinsgründen und in Budersdorf mit hölzernen Hunden herumjagen.

Die hölzernen Hunde sind ebenfalls gleichbedeutend mit Holzhunden,

wie man in Norddeutschland die Wölfe heißt; der wilde Jäger jagt also

nach dieser Sage mit Wölfen. Die Wölfe aber, welche schon in der Edda

Hunde genannt werden, sind Lieblingstiere Wuotans.

17. Der wilde Jäger bei Neustadt.

(Köhler, Volksbrauch etc. im Vogtlande, S. 509.)

Noch im vorigen Jahrhunderte hatte der wilde Jäger sein Revier in

der Gegend von Neustadt bei Falkenstein. Da zog er des Nachts in der

Luft mit seinen Hunden oft über Neustadt hinweg und ließ sein »Hoho!«

hören. Einmal sah ein dortiger Bauer zum Fenster hinaus, als der wilde

Jäger in der Luft hinzog, und er äffte das »Hoho!« nach. Am nächsten

Morgen fand der Bauer auf seinem Fensterstocke draußen einen toten,

übelriechenden Hasen. Er verscharrte ihn in seinen Düngerhaufen, aber

am nächsten Morgen lag er doch wieder auf demselben Fensterstocke. Er

verscharrte ihn zum zweiten und dritten Male, aber der Hase lag am

nächsten Morgen immer wieder auf dem alten Platze. Auf den Rat anderer

Leute vergrub ihn der Bauer endlich unter gewissen Förmlichkeiten auf

einem Kreuzwege, und der ihm vom wilden Jäger zugedachte Braten kam

nimmer wieder.

Wir finden im Erzgebirge für die Züge des wilden Jägers oder Wuotans

sowohl die Bezeichnung »wilde Jagd«, als auch »wütendes Heer.« Unser

Gebirge bildet die Grenzscheide zwischen Nord- und Süddeutschland,

und daher vermengen sich hier beide Namen, von denen der eine

(wilde Jagd) vorzugsweise Nord-, der andere (wütendes Heer) aber

Süddeutschland angehört. Wuotan ist übrigens in seinem Namen, welcher

den »stürmisch Schreitenden« bedeutet, mit dem Worte »Wut« verwandt.

Die Sagen von dem wilden Jäger lassen uns Umschreibungen von

Naturvorgängen erkennen. Der Sturmgott Wuotan ist der Sturm selbst;

sein Roß, Hut und wallender Mantel sind die Wolken, Wolken sind

ursprünglich vielleicht auch die von ihm gejagten Frauen. (S. die

Sagen von den Holzweibchen.)

Der Hase ist ein gespenstisches oder teuflisches Tier; in der Lausitz

glaubt man, daß die Hexen zuweilen in der Gestalt von Hasen durch das

Dorf laufen. Der Hase war den Asen geweiht. Das Hinwerfen eines Hasen

durch den wilden Jäger hat also eine mythische Bedeutung, ebenso wenn

anderwärts ähnliche Sagen erzählen, daß der wilde Jäger dem Rufenden

ein Pferdeviertel zugeworfen habe. In letztgenannter Überlieferung

findet sich vielleicht eine Erinnerung an die alten heidnischen

Opfermahlzeiten, bei denen das Pferdefleisch nicht fehlte.

18. Der graue Jäger auf dem Tossen.

(Mitgeteilt vom Lehrer R. Bachmann aus Markneukirchen.)

Auf dem Tossen, einem kahlen Landrücken bei Schönbach in Böhmen, jagt

allnächtlich der graue Jäger mit seinem Hunde. Als einst eine Frau aus

der sogenannten Hetaschen von Markneukirchen aus heimkehrte, gesellte

sich zu ihr der graue Jäger und begleitete sie bis nach Hause. Die Frau

erzählte dies ihrem Manne. Am andern Morgen lag ein Stück Hirschfleisch

auf dem äußern Fensterbrette. Der Mann stieß es hinab, und drei Tage

darauf war er eine Leiche. Seitdem hat man den grauen Jäger nie wieder

gesehen oder jagen gehört.

19. Der Waldschütz.

(Grohmann, Sagen aus Böhmen. S. 115.)

In Rodau, einem Dorfe bei Graslitz, erzählt man sich viel von dem

Waldschützen. Es soll dies ein Mann sein, der in dem nahegelegenen

Walde zu mitternächtlicher Stunde umgeht. Er schlägt dabei mit großer

Kraft und Gewalt an die Bäume und verursacht dadurch einen großen Lärm.

Zugleich setzt er dem Wilde nach, scheucht es auf und treibt es so

lange herum, bis ihn die Geisterstunde zurückruft. Dabei hört man, wie

er die Hunde hetzt. Deshalb nennen ihn die Leute den Waldschützen. Er

geht immer tiefer in den Wald und verliert sich endlich im Forste.

Dieser Waldschütz hat endlich auch die Gewohnheit, die Leute in

diesem tiefen Walde irre zu führen. Eines Tages ging ein Holzhauer

aus dem Walde nach Hause. Er war noch nicht lange gegangen, als es

stockfinster wurde und er furchtbare Axtschläge in seiner Nähe vernahm.

Der Holzhauer ging herzhaft auf den Lärm los, weil er glaubte, daß

es Holzdiebe seien. Wie er aber auf den Platz kam, wo die Schläge

erschallten, sah er einen fremden Mann in Jägertracht, der an die

Bäume klopfte. Der Holzhauer fragte: »Wer bist Du?« »Ich bin der

Waldschütz!« sagte der Mann und klopfte weiter. Der Holzhauer folgte

dem Mann nach. Um Mitternacht waren sie schon tief in den Wald geraten,

da fühlte der Holzhauer plötzlich einen Axtschlag, daß er halbtot zu

Boden stürzte. Am anderen Morgen, als er aufwachte, standen einige

Leute bei ihm, die ihn gefunden hatten. -- In der Hochgart geschah

es, daß dieser Geist sich am Tage sehen ließ; dann ist er böswillig

und läßt niemanden ungeschoren. Ein armer Mann sah ihn und rief ihn

dreimal beim Namen: »Waldschütz, Waldschütz, Waldschütz!« Da drehte

sich derselbe um und sprach: »Für dein Necken sollst du hier in einen

Baumstumpf verwandelt so lange stehen, bis dich der Zufall erlöst.«

Augenblicklich ward der Mann zu einem Baumstumpf und wurzelte im Boden.

Seine Erlösung aber blieb nicht lange aus. Eines Tages waren Köhler in

der Nähe; einer derselben sah den Stock dastehen und dachte, er sei

gut, das Mittagsessen darauf einzunehmen. Er legte daher sein Brot

darauf, schnitt es mit dem Messer durch, so zwar, daß er auch noch in

den Stock schnitt, und hackte auch seine Hacke darin ein. In demselben

Augenblicke schrie es heftig auf, der Baumstumpf verschwand und der

verzauberte Mann stand erlöst vor den Augen der Köhler.

20. Reichbrod von Schrenkendorf als wilder Jäger.

(Sachsens Kirchengalerie, 2. B. S. 177.)

In der Mitte des 17. Jahrhunderts gehörte der Ort Klingenberg einem

Herrn Reichbrod von Schrenkendorf, der ein großer Jagdfreund gewesen zu

sein scheint, indem eine nach Colmnitz hin gelegene Waldwiese, genannt

»Reichbrods Wiese«, heute noch von den Landleuten ungern zur Nachtzeit

passiert wird, weil daselbst Reichbrod einen Jagdlärm treibt, als ob

wilde Schweine gehetzt würden.

21. Der Jäger ohne Kopf im Hofbusch bei Schlettau.

(Ziehnert, Sachsens Volkssagen. Anhang, No. 29.)

In dem Hofbusche bei Schlettau, durch den der Weg nach

Unter-Herrmannsdorf führt, läßt sich bei Nacht oft ein gespenstischer

Jäger ohne Kopf sehen. Er soll vor alter Zeit die Armen, welche sich

das dürre Reißholz sammelten, oft unbarmherzig mißhandelt haben und zur

Strafe nach seinem Tode nun umgehen müssen. Rechtliche Leute läßt er

ungeneckt, aber die Holzdiebe hat er schon oft in Todesangst gejagt und

bisweilen festgebannt, so daß sie Stunden lang an einer Stelle stehen

bleiben mußten.

22. Der Reiter ohne Kopf auf dem Ziegenberge bei Zwönitz.

(Nach der poetischen Bearbeitung von Ziehnert bei Gräße, Sagenschatz

des K. S. No. 572.)

Auf dem Ziegenberge bei Zwönitz soll sich ein Reiter ohne Kopf sehen

lassen, von dem sich das Volk folgendes erzählt:

Sagenbuch des Erzgebirges · 第 4 / 62 段