6. Das Herdabild bei Zwickau.

(Köhler, Volksbrauch im Voigtlande. 1867, S. 447.)

Nach der Sage soll das Bild der Herda von Rügen in die Zwickauer Gegend

gebracht worden sein. In dem Schwanenteiche wusch man den Wagen der

Göttin, und es soll sich ihr Dienst daselbst noch lange erhalten haben.

Wie berichtet wird, befand sich auf einer Insel im Meer ein heiliger

Hain und in demselben stand ein mit Decken verhüllter Wagen, in

welchem die Erdgöttin Nerthus (Herda), von Priestern geleitet, von

Zeit zu Zeit ihren Umzug hielt. Wenn der von Kühen gezogene Wagen

mit der Göttin durch das Land fuhr, hörte aller Krieg auf und im

Frieden freuten sich die Sterblichen. War die Göttin wieder nach dem

heiligen Hain zurückgekehrt, dann wurde ihr Wagen und sie selbst in

einem See von Sklaven gewaschen, die dann das Wasser des Sees begrub.

7. Der heilige Hain bei Freiberg.

(Heinr. Gerlach, Kleine Chronik von Freiberg, S. 85.)

Auf der Höhe unweit des »schwarzen Teichs«, zwischen den Seitenthälern

der Mulde, welche von der Münz- und Waltersbach gebildet werden, soll

in jener Zeit, da die Sorben in der Gegend von Freiberg noch seßhaft

waren, ein heiliger Hain gestanden haben, in welchem ein Götzenbild

aufgestellt war. Man hat in der neuesten Zeit sowohl am Gehänge des

Münzbachthales, als auch in der untern Waltersbach zu Großschirma

Streitäxte gefunden.

8. Der heilige Hain in Weißbach bei Schneeberg.

(Mündlich.)

Auf der flachen Höhe südlich von der Kirche zu Weißbach, wo man vor

mehr als hundert Jahren noch die spärlichen Überreste eines Walles sah,

soll ehemals die Rommels- oder Rummelsburg gestanden haben. Andere aber

erzählen wieder, daß daselbst ein heiliger Hain der Sorben stand.

9. Das Hahnthor und der Hahnteich bei Frauenstein.

(Bahn, Das Amt, Schloß und Städtgen Frauenstein. 1748, S. 25.)

Wie die alten Heiden ihre Haine, Hahne oder Hagen und Gehege gehabt

und darinnen ihren Götzendienst verrichtet, so findet man auch bei

Frauenstein davon eine sattsame Spur vor dem Hainthor, das zwischen

dem Schloß- und Freibergischen Thor stehet. Allem Ansehen nach hat ihr

Götze auf dem Platze gestanden, wo jetzt die drei Linden stehen, welche

zum Andenken an den Abgott und zerstörten Hain gepflanzt worden sind.

Und weil die Heiden bei ihrem Götzendienst sich zu waschen und zu baden

pflegten, so ist nicht weit davon der Hainteich angelegt. Jetzo nennen

es die Frauensteiner das Hahnthor und den Hahnteich.

Haine waren bei den germanischen Völkern Orte, an denen sie ihren

Göttern opferten und Volksversammlungen und Gericht abhielten; es

waren heilige Plätze, und vielfach wurden an solchen Stellen später

christliche Kirchen errichtet. Zu solchen heiligen Hainen gehörte

jedenfalls auch das »Götzenbüschchen« bei Oelsa bei Dippoldiswalde.

Ob alle Plätze, welche heute noch den Namen Hain (oder Hahn) führen,

früher zu gottesdienstlichen Zwecken geheiligt waren, darf wohl als

sehr fraglich gelten. Von Grünhain meldet allerdings die Sage, daß

der nahe Spiegelwald in der Sorbenzeit zur Gottesverehrung gedient

habe (Schumann, Lex. v. Sachsen, 16 B. S. 567); vielleicht bezieht

sich diese Angabe besser auf einen heiligen Hain, der sich an dem

Platze befand, wo jetzt das genannte Städtchen steht.

Am rechten Ufer des Brückenbaches bei Jöhstadt nennt man eine Waldung

»die alten Haine« oder »die alte Henne«. Im Nassauer Revier giebt es

einen »breiten Hain« und »Hainwiesen«, und in die obere Freiberger

Mulde ergießt sich das jedenfalls von dem breiten Haine und den

Hainwiesen kommende Hainwässerlein (Bahn, Frauenstein, S. 25). Ein

»hoher Hahn« oder Hain liegt in der Gegend der Morgenleite bei

Schwarzenberg. Durch den »großen und kleinen Hain« bei Sachsenburg

führen der Kirchsteig von Neudörfchen nach Seyfersbach und die

Straße von Mittweida nach Dresden; eine Waldung bei Geyer heißt der

»Hahnrück« (ursprünglich Hainrücken). Bei Oberlungwitz existierte

früher ein »oberes und unteres Hahnholz«; ersteres befand sich

an der Stelle des jetzigen Gottesackers zu Ernstthal (Gumprecht,

Lindenblätter von Oberlungwitz. 1863, S. 15.). Ein »Hainholz« ist

noch heute westlich vom Hüttengrunde bei Hohenstein auf den Karten

namhaft gemacht. Außerdem giebt es Ortschaften, deren Namen die Silbe

»Hain« enthalten, wie Stolzenhain, Altenhain u. a. Vom letzteren Orte

vermutet Bahn in seinen historischen Nachrichten von Frankenberg (S.

12.), daß daselbst von altersher ein starker Verkehr gewesen sei und

ein heidnischer Götzenhain gestanden haben müsse, welcher von ihm an

der Stelle gesucht wird, wo das Vorwerk steht.

Wenn Jacob Grimm (deutsche Mythologie, S. 45.) geneigt ist, die fast

überall in Deutschland erscheinende örtliche Benennung »heiliger

Wälder« auf das Heidentum zurückzuführen, so gilt dies vielleicht

auch von den Namen »heilige Wiese« und »heiliger Born«. Eine heilige

Wiese und ein heiliger Born liegen am untern Teile des Dorfes

Königswalde bei Werdau. (Göpfert, Gesch. des Pleißengrundes, S. 308.)

10. Der Taufstein bei Oberkrinitz.

(P. Wetzel im »Glückauf,« 1881, No. 7.)

Auf einer unbedeutenden Anhöhe beim Dorfe Oberkrinitz, die früher

einen schönen Buchenbestand trug, liegt ein unregelmäßig gestalteter

Granitblock, welcher auf der Oberfläche eine große und fünf kleinere

künstliche Vertiefungen zeigt. Von den letzteren gruppieren sich vier

um die große in der Mitte befindliche Vertiefung, welche die Form eines

Beckens hat, während die fünfte sich an der Rückseite des Steines

befindet. Nach dem Becken öffnen sich drei kleinere sitzähnliche

Aushöhlungen, und in eine von diesen mündet wieder ein noch kleinerer

Sitz. Die Sitze sind so groß, daß Kinder bis zu 10 Jahren bequem

darin Platz nehmen können, während der auf der Rückseite des Steines

befindliche Sitz einen etwas größern Umfang hat. Man nennt diesen

großen Granitblock in der Gegend allgemein den »Taufstein« und erzählt

sich von ihm folgendes: Als vor langer, langer Zeit das Christentum

sich auch in unserer Gegend Anhänger zu erwerben begann, konnte die

Verehrung des wahren Gottes nur im Geheimen geschehen, da sonst die

heidnischen Priester den Christen ein sicheres Verderben bereitet

hätten; besonders aber mußte die Taufe geheim gehalten werden. Deshalb

suchten die wenigen Christen einsame, tief im Walde versteckte Orte

auf, wo sie ungesehen und unbemerkt die heilige Taufe vollziehen

konnten. Zu diesem Behufe wählten sich nun die Glaubensgenossen große,

auf bewaldeten Anhöhen liegende Steine aus und arbeiteten in dieselben

ein Becken zur Aufnahme des Wassers, drei Sitze für die drei Taufpaten

und einen für den Täufling hinein. Der Taufstein bei Oberkrinitz

soll nun von unsichtbaren Mächten beschützt werden, und niemand hat

das Becken vollständig ohne Wasser gesehen. Ein alter Mann erzählte,

er habe einmal eines Abends als junger Bursche mit seinen Freunden

das Wasser gänzlich ausgeschöpft, doch als sie am nächsten Morgen

nachgesehen, sei eine größere Menge Wassers in dem Becken zu finden

gewesen als vorher, obgleich es die ganze Nacht nicht geregnet hatte.

Schon oft hätten die Steinmetzen sich an den Stein gemacht, um ihn zu

zerschlagen und zu verarbeiten, aber der »Uhâmel« (Unheimel?), mit dem

in der Gegend auch die Mütter ihren Kindern drohen, um sie zur Ruhe

zu bringen, habe sie stets auf den Arm geschlagen, so daß sie von der

Arbeit hätten abstehen müssen. Der Taufstein werde deshalb jetzt von

ihnen in Ruhe gelassen. Noch wird erzählt, daß in dem Wasserbecken Geld

liege.

Nach einer von Karl Morgenroth novellistisch bearbeiteten Sage

(Nachrichtsblatt für Kirchberg und Umgegend 1869, No. 12 und 14)

drangen einst die siegreichen Deutschen in ein verlassenes sorbisches

Dorf ein, in welchem sie nur den heidnischen Oberpriester, einen

silberhaarigen Greis, antrafen. Derselbe rief bei ihrem Eindringen den

Zorn der Götter auf die verhaßten Deutschen herab und empfing dafür

alsbald den tötlichen Schwertstreich. Sein Enkel aber, welcher in der

Hütte vergeblich auf ihn harrte, wurde von einem Deutschen an Sohnes

statt angenommen, um zunächst getauft zu werden und in der Taufe statt

seines Heidennamens Scop den christlichen Namen Johannes zu erhalten.

Der junge Sorbe Johannes wurde später Priester und als solcher zog es

ihn vorzugsweise zu seinen Stammesgenossen hin, denen er das Evangelium

predigte. Auf seinen Wanderungen durch den Miriquidi forschte er nach

den ehemaligen Bewohnern seines Heimatortes, ohne sie zu finden. Dabei

wurde er selbst alt, und als er nun, ein Greis geworden, eines Tages an

den Platz kam, wo der Taufstein liegt, lehnte er sein Haupt ermüdet an

den Stein, welcher damals von einer alten Eiche beschattet wurde. Bald

schlief er ein, und im Traume verkündete ihm Gott, daß er in der Nähe

der Gesuchten sei, und alle zum Christentume bekehren würde. Als nun

der Morgen anbrach, baute sich Johannes eine Hütte neben dem Steine und

stellte in derselben ein einfaches Kreuz auf. Eines Tages trat aus dem

Walde, welcher seine Wohnung umschloß, ein junger Sorbe, der zwar in

seinem Schrecken, hier jemanden anzutreffen, schnell umkehren wollte,

aber durch die Freundlichkeit, mit welcher Johannes in seiner eigenen

Sprache zu ihm redete, bewogen ward, zu bleiben. Es war der Sohn eines

sorbischen Priesters, den Feinde des letzteren verfolgt hatten. Als sie

aber gesehen, daß der Flüchtling durch den Sumpf und auf den Hügel,

auf welchem sich noch heute der Taufstein befindet, eilte, da ließen

sie ab, denn dieser Platz war als Sitz böser Geister gefürchtet. Von

seinem Schützlinge, welcher Tage und Wochen lang bei Johannes blieb,

erfuhr nun letzterer, daß in der Nähe eine slavische Ansiedelung und

ein Götterhain sei und daß sich der junge Sorbe ebenfalls Scop nannte.

Es stellte sich heraus, daß beide mit einander verwandt waren. Zuletzt

sprach der junge Scop das dringende Verlangen aus, ebenfalls Christ zu

werden und die Taufe von Johannes zu empfangen. Der Tag, an welchem

die heilige Handlung geschehen sollte, war da, aber das Wasser fehlte,

denn reines Wasser sollte es sein, und der umgebende Sumpf bot nur

übelriechendes dar. Die Eiche, unter welcher der Stein lag, war noch

vom vortägigen Regen naß und ein scharfer Wind ließ das Regenwasser auf

den Stein fallen, der oben eine Vertiefung hatte, also ein Naturbecken

war; somit war auch Taufwasser vorhanden. Freudig bewegt sagte der

Täufling: »Hier ist Wasser, taufe mich!« und Johannes that es im

Glauben, daß dies nicht der letzte seines Ortes sei, den er taufe.

So geschah es auch. Johannes begleitete seinen Schützling bis zur

Hütte des heidnischen Priesters und war später oft ein Gast daselbst.

Endlich wurde der alte Priester Scop selbst den Lehren des Christentums

zugänglich, so daß er sich an demselben Orte taufen ließ, an welchem

sein Sohn die Taufe empfangen hatte. Da nun die übrigen Sorben der

Ansiedelung sahen, daß kein Opferrauch mehr aus dem Götterhaine

aufstieg, verwunderten sie sich und forschten nach der Ursache. Nachdem

sie dieselbe erfahren, wurden sie anfangs mit Zorn und Angst, später

aber, als sie vernahmen, wie glücklich ihr früherer Priester und dessen

Sohn geworden waren, mit Sehnsucht nach dem neuen Glauben erfüllt. So

zog denn eines Tages eine große Menge Sorben hinaus nach dem Steine und

empfing dort die Taufe. Die alten Widersacher des früheren Priesters

Scop aber waren zurückgeblieben und zündeten unterdeß die Hütten der

jungen Christen an. Johannes wehrte ihnen, dafür Rache zu nehmen; sie

ließen vielmehr die Heiden, welche sich 2 Stunden abwärts im Thale

ansiedelten und den neuen Ort wie den alten nannten, ruhig abziehen. Da

geschah es jedoch ein Jahr später, daß Blitze auf Blitze niederfuhren

und das Heidendorf in Asche legten. Die christlichen Stammesgenossen

im obern Dorfe kamen helfend herbei und von dieser Liebe, welche

Böses mit Gutem vergalt, wurden die Heiden erwärmt und ebenfalls für

das Christentum gewonnen. Auch sie wurden an dem Taufsteine in den

Christenbund aufgenommen. Aus den beiden sorbischen Ansiedelungen

erwuchsen aber die Dörfer Ober- und Niederkrinitz.

Obschon unsere Sagen bestimmt von einem Taufsteine sprechen und die

in ihm vorhandene größere Vertiefung als Taufbecken bezeichnen, so

glaube ich doch, daß der Krinitzer Granitblock ein alter Opferstein

ist und habe ich deshalb die sich mit ihm verknüpfenden Sagen dem

ersten Abschnitte des Sagenbuchs angereiht. Bestimmend ist für

mich seine offenbare Ähnlichkeit mit Blöcken im Fichtelgebirge,

in Schlesien und andern Landesteilen, welche von den meisten

Archäologen für Opfersteine angesehen, aber von dem Volke nicht immer

als solche, sondern auch als Richter- und Teufelssitze, Teufels-

und Hexenschüsseln u. s. w. bezeichnet werden. In den Schüsseln

sammelten die Priester das Blut der geschlachteten Tiere und zum

Opfer bestimmten Kriegsgefangenen, um dann vielleicht ihre Hände

hinein zu tauchen und das umstehende Volk damit zu besprengen.

Obschon ~Dr.~ H. Gruner (Opfersteine Deutschlands, Leipzig, 1881) die

schüssel- und muldenartigen Vertiefungen als durch Einwirkung von

Frost und Atmosphärilien, Gletscherthätigkeit oder Wasserstrahlen

entstanden erklärt, würde doch ihre spätere Benutzung zu Opferzwecken

damit nicht ausgeschlossen sein; schreibt doch ~Dr.~ Gruner (S. 7)

selbst: »Daß viele Steine zu solchem Zwecke gedient haben, soll nicht

bestritten werden.« Unsere zweite Sage vom Krinitzer Taufsteine faßt

übrigens die Hauptvertiefung ebenfalls als ein Naturbecken auf.

Ganz unwahrscheinlich klingt in der zuerst mitgeteilten Sage die

Deutung der übrigen Vertiefungen als Sitze für den Täufling und die

Taufpaten. Die Täuflinge stiegen in der ersten christlichen Zeit

wohl durchgängig ins Wasser und wurden untergetaucht, später, vom 8.

Jahrhundert an, trat das Begießen und Besprengen an die Stelle des

Untertauchens, obschon sich in der lateinischen Kirche das letztere

teilweise noch bis ins 13. Jahrhundert erhalten hat. (Hauff, Bibl.

Real- und Verbal-Concordanz, II. S. 748.) Es wäre dabei allerdings

immer möglich, daß man am Krinitzer Taufsteine aus dem mittelsten

Becken das Wasser geschöpft und damit den Täufling besprengt habe.

Daraus aber, daß eine der Vertiefungen als Sitz für den Täufling

bezeichnet wird, ergiebt sich, daß der Taufstein bei Erwachsenen

benutzt wurde. Wozu dienten dann aber die andern Sitze, da ja wohl

bei der Taufe von Erwachsenen keine Paten nötig waren? Es kann

nämlich angenommen werden, daß die Wahl von Paten zugleich mit der

Kindertaufe gegen Ende des zweiten Jahrhunderts in der christlichen

Kirche Gebrauch wurde.

Mir erscheint es darum wahrscheinlicher, in unserm Taufsteine einen

heidnischen, entweder germanischen oder slavischen Opferstein zu

erblicken, und zwar auch in Berücksichtigung der Sage von dem

dämonischen »Uhâmel,« welcher ihn gegen Steinmetzen schützen soll.

Von spukhaften Gestalten, welche alte Opfersteine schützen, erzählen

auch andere Sagen. So befindet sich bei Mukwar auf einem Hügel ein

Stein, von dem man sagt, daß auf demselben einst geopfert worden ist.

Als denselben einst ein Arbeiter zerschlagen wollte, sah er auf ihm

eine Gestalt in langem, weißem Gewande sitzen. Vor Schrecken lief er

davon und seit der Zeit hat niemand mehr Hand an den Stein zu legen

gewagt. (Veckenstedt, Wendische Sagen und Märchen. Graz, 1880, S.

431.)

II.

Spukgeister- und Gespenstersagen.

Spukgeister und Gespenster sind nach Otto Henne-Am-Rhyn (die deutsche

Volkssage) die Schatten der Götter; Götter werden zu Gespenstern, d. h.

zu geisterhaftem täuschenden Trug (Jacob Grimm, deutsche Myth. 1835, S.

512), zu Phantomen, welche Menschen verlocken. Aber ebenso werden auch

Menschen, deren Seelen nach der Sage häufig zur Strafe für begangenes

Unrecht nicht der Seligkeit teilhaftig wurden, zu Gespenstern, und sie

müssen nun zwischen Himmel und Erde schweben oder auch wohl zu den

Stätten wiederkehren, an denen sie einst auf Erden wandelten.

Daß die alten heidnischen Götter zu gespenstischen Wesen wurden,

erklärt sich aus der Zähigkeit, mit welcher unsere Vorfahren noch

lange die Erinnerung an jene Göttergestalten bewahrten, obschon diese

Erinnerung nach und nach in soweit verblaßte, als die ursprünglichen

Züge sich verwischten und die Begriffe finsterer und abschreckender

Gewalten an ihre Stelle traten. (Grimm a. a. O., S. 515.)

Als Beweis hierfür ist an erster Stelle +Wuotan+ (Wodan) oder +Odhin+,

der Herr des Himmels, und somit der Sterne, Wolken und Stürme zu

nennen. Begleitet von den Walkyren, den Schlachtjungfrauen, und den

in der Schlacht gefallenen Helden, ritt er auf seinem weißen Rosse

Sleipnir dahin. Kampf gegen Menschen und Tiere ist die Tugend der

Helden und darum ziehen letztere auch durch die Wälder, um zu jagen,

und vor ihnen flüchtet das gehetzte Wild; als Geister ziehen sie jetzt

durch die Lüfte. (Zapf, Sagenkreis des Fichtelgebirges, S. 2.)

Wuotans Zug ist in der Volkssage zum wilden Heer, der Gott selbst aber

zum wilden Jäger geworden. Begründet wird diese Annahme in erster

Linie durch skandinavische Sagen und Redensarten; so glaubt z. B.

der schwedische Bauer im Sturmesgeheul des Gottes Jagd mit Rossen

und Wagen zu vernehmen, und in Schonen nennt man ein nächtliches

Geräusch »Odens Jagd«. Ähnlich sagt man in Mecklenburg und Pommern, daß

»Wode jage«, und in Schwaben wird das wilde Heer zum »Wuetes«- oder

»Wuotes«-, in Mittel- und Süddeutschland aber zum »wütenden Heere«.

Und wenn nach einer unserer Sagen der wilde Jäger bei Schönlinde mit

»hölzernen Hunden,« d. h. jedenfalls »Holzhunden« oder Wölfen jagt,

so verweisen auch letztere auf Odhins Wölfe Geri und Freki, die er

nach dem nordgermanischen Mythus täglich füttert. So reicht die Sage

vom wilden Jäger und der wilden Jagd bis in das germanische Heidentum

zurück. Sie verknüpft sich jedoch nicht nur mit dem Sturmgott Wuotan,

sondern auch mit anderen Göttern, selbst Göttinnen und Helden. In

Schwaben wurde noch im 16. Jahrhundert an die Spitze der wilden

Jagd ein Gespenst mit Namen Berchtold, die männliche Gestaltung der

Berahta gesetzt, und so mochten auch heidnische Göttinnen, besonders

die genannte Berahta und Holda, welche einst feierlich durch das Land

zogen, später nach dem Volksglauben auch das wilde Heer zu bestimmten

Zeiten anführen. Wenn Frau Holda an der Spitze ihres Geisterheeres

dahinzog, versah Eckhart mit dem weißen Stabe das Amt eines Herolds.

Neben Eckhart war nach dem Volksglauben auch Dietrich von Bern ein

zweiter Held des gespenstischen Zuges, (Grimm, a. a. O., S. 522--524),

wenigstens heißt im Bereiche des Erzgebirges (bei Schönlinde) der wilde

Jäger noch »Banditterch,« ebenso wie er in einer oberlausitzischen Sage

(Haupt, Sagenbuch der Lausitz, No. 138) »Pan«, d. h. Herr »Dietrich«

heißt, der einst ein Raubritter war, welcher wegen seiner Frevel zum

wilden Jäger wurde. Der Übertragung der Sagen von Wuotan als wilden

Jäger auf die historische Person Dietrichs von Bern wird auch von W.

Mannhardt (die Götter der deutschen und nordischen Völker, S. 119)

gedacht. Der Gotenkönig Theodorich, welcher in der Sage als Dietrich

von Bern fortlebt, soll, -- so ging schon im 12. Jahrhundert die Rede,

-- lebend auf einem Rosse ins Totenreich geritten sein. In Westfalen

und Niedersachsen wird dagegen der wilde Jäger auf die historische

Person eines braunschweigischen Oberjägermeisters namens Hackelbärend

oder Hackelberg bezogen, der zur Strafe für sein eifriges Jagen als

wilder Jäger spuken soll. Hackelbärend, d. h. Mantelträger, ist jedoch,

wie Jacob Grimm vermutet, ein Beiname des Wuotan, denn des Gottes

Schultern umhüllte ein weiter schwarzer Mantel, wenn er auf seinem

Rosse dahinbrauste. (Grimm a. a. O., S. 517. Mannhardt, die Götter der

deutschen und nordischen Völker, S. 108.)

Nach einer erzgebirgischen Sage (aus Karlsfeld) besteht das Gefolge

des wilden Jägers aus den Seelen von Jägern, welche im Leben Übles

gethan haben; ähnlich spricht auch der Volksmund in Böhmen (Grohmann,

Sagenbuch aus Böhmen und Mähren I., S. 74), daß dem wilden Jäger die

Seelen der Verdammten in Gestalt von glühenden Hühnern folgen, und

eine norwegische Sage erzählt, daß diejenigen Seelen, welche nicht

so viel Gutes thun, daß sie den Himmel, und nicht so viel Böses, daß

sie die Hölle verdienen, wie Trunkenbolde und Spötter zur Strafe

bis ans Ende der Welt umreiten sollen. (Grimm, a. a. O., S. 525.)

Neben denen, die ihre Christenpflicht vergessen haben, sollen auch

die ungetauft gestorbenen Kinder und die eines gewaltsamen Todes

Umgekommenen zum Gefolge des wilden Jägers gehören, da diese nach einem

engherzigen christlichen Dogma vom Himmel verschmäht, dem heidnischen

Gotte zufallen. (Henne-Am Rhyn, a. a. O., S. 530.) Wie bei uns im

Erzgebirge hörte man auch in der Lausitz beim Durchziehen der wilden

Jagd das Anschlagen wie von »Dachshunden« (Haupt a. a. O., N. 39.), und

diejenigen, welche den wilden Jäger anriefen, erhielten bei uns wie in

der Lausitz und im Harz ein Stück übelriechendes Aas. (Haupt a. a. O.,

No. 144. Veckenstedt, Wendische Sagen, S. 43, 44, 50. Gillwald, der

Harz in Geschichte und Sage, S. 21.) So hören wir dieselben Sagenklänge

in den verschiedensten Gegenden unseres Vaterlandes; überall ist

das Schattenbild des germanischen Gottes in seinen wesentlichen

Eigenschaften gleich; denn er zieht wiederholt dieselbe Straße, führt

die Wanderer in der Nachtzeit irre und ist erzürnt, wenn man sein Huh,

Huh! oder das Gekläff seiner Hunde nachahmt. Daher gilt auch heute das

Gebot, sich bei seinem Nahen nieder auf die Erde zu werfen und ihn

nicht anzurufen, wie dies auch eine durch den Kult gebotene Forderung

an unsere heidnischen Vorfahren war, wenn Gott Wuotan im Sturme durch

die Wipfel der Bäume brauste.

Sagenbuch des Erzgebirges · 第 3 / 62 段