Gutmachen. Das war, worauf auch das Volk vertraute. Katharina würde
das Land nicht in endlose Kriege stürzen, würde nicht um einer
vermeintlichen Mehrung willen Hunderttausende von Menschen opfern.
Frieden würde sein und die Werke des Friedens würden gedeihen. Ein
Aufatmen ging durch das ganze Reich.
Unbekümmert darum spannen die Gegner Katharinas ihre Ränke. Was
kümmerte sie das Volk. Außer zu ihrer Verherrlichung war es nichts
nütze. Mochte es sterben und verderben. Der mit Blut gedüngte Boden
trug um so reicher. Und die Ernte fiel ihnen zu.
Doch die Dolgoruckis gönnten den Golypins nicht den Platz bei Tische,
und diese waren den Trubetzkois nicht grün, und die wieder bemühten
sich, den Fürsten Repnin fernzuhalten. Der hetzte gegen die Apraxins
und trachtete, die Golowins und Golowkins auszuschließen. Keiner
gönnte dem andern einen Bissen, obwohl der Neid auf die »Ausländer«
ihren Hunger stachelte.
Das war die eine Partei.
Die andere bildete Menschikoff und sein Anhang. Ihr Ziel, eine
Regentschaft, die Katharina den Schein ließ, ihnen die Gewalt gab, sich
ohne Rücksicht auf ein Recht zu bereichern.
Gerüstet standen sie gegeneinander. Die Altrussen hatten den niederen
Klerus aufgestachelt, wider die »Fremdenherrschaft« zu wettern.
Menschikoff stützte sich auf seinen Einfluß bei den hauptstädtischen
Truppen.
Bassewitz, der im Hofstaate des Herzogs von Holstein in Petersburg
weilte, wußte beiden zu begegnen. Den Wühlereien der Altrussen brach
der Erzbischof Theophanes, den er gewonnen hatte und der sich mit
seinem ganzen Ansehen für Katharina einsetzte, die Spitze ab. Und
Menschikoffs Machenschaften wußte der ihm befreundete Buturlin, der
Oberbefehlshaber der Garden, geschickt zu vereiteln, doch so, daß der
Fürst des Glaubens blieb, die Mannschaften des preobraschenskischen
und des ssemjenowschen Regiments für sich zu haben. Die Kassen ließ
Bassewitz auf die Peter-Pauls-Festung schaffen. Er war auf alles
gefaßt und bereit, jedem Schlage, der sich gegen die bewunderte und
angebetete Frau richtete, zu begegnen. In jedem Lager hatte er Spürer
und Zuträger. Die wichtigste Nachricht brachte ihm Jaguschinski:
Katharina sollte gezwungen werden, die Herrschaft mit einem Adelsrate
zu teilen. Von dem Generalleutnant erfuhr er auch, daß Menschikoff an
die wachthabenden Truppen den Befehl hatte ergehen lassen, keinem, der
im Palast weilte, den Ausgang zu gestatten, und den als Herrscher zu
begrüßen, der sich an dem geöffneten Fenster des Beratungssaales zeigen
würde.
»Er sitzt davor,« Jaguschinski kniff zwinkernd die Lider ein, »und
wahrhaftig, ich möchte niemandem raten, sich dem Fenster zu nähern. Er
hat noch immer Bärenkräfte.« Mitleidig maß er die schmächtige Gestalt
des Grafen.
Bassewitz' bartlosen Knabenmund öffnete ein Lächeln. Aber er erwiderte
nichts. Er hatte es eilig. Bei dem Dank an den Polen glitt eine mit
Dukaten gefüllte kostbare Dose in dessen lange, ein wenig unsaubere
Finger: »Die Kaiserin wird sich Ihrer Freundschaftsdienste erinnern.«
Damit flog Bassewitz davon. Gleich einem Trompetenstoß schmetterte
seine helle Stimme in die Stille des Sterbezimmers.
»Menschikoff und die Bojaren haben sich versammelt! Es geht um Ew.
Majestät Rechte!«
Katharina hob kaum das tränenüberströmte Gesicht.