Peter starb. Es war ein schweres Sterben. Ein Sterben im Stehen. Er
lag nicht. Zu viel Kraft war noch in ihm. Sie wollte sich nicht legen.
Wütend griff sie um sich, zerbrach den jungen Kammerherrn Moens de la
Croix, weil Katharina seiner frühlingshaften Schwärmerei die Sonne
ihres Lächelns gegönnt hatte, und hetzte sich in mißtrauischer Eile von
einer Grenze des weitgewordenen Reiches zur andern. Von Petersburg nach
Astrachan, von Asow nach Moskau, von Riga und Reval nach den Bädern von
Olonetz. Und vom Morgen bis zum Abend und manche Nacht hindurch zwang
sie den versagenden Körper, geschäftig zu sein. Botschaften, Empfänge,
Besichtigungen. Der Ausbau Kronstadts, die Arbeiten am Ladogakanal,
die Verlobung der Prinzessin Anna mit dem Herzog von Holstein, die
Förderung der geplanten Verbindung Elisabeths mit dem Herzoge von
Chartres und das ständige diplomatische Ränkespiel mit den europäischen
Mächten hielten Peter in Atem. Nur auf kurze Stunden warfen ihn die
bohrenden Schmerzen in seinem Innern nieder. Noch fiebernd, fuhr er
empor, und das Hetzen und Jagen begann aufs neue.
Vor Lachta war ein Schiff gestrandet. Die Mannschaft bekam es nicht
flott. Er gewahrte es. Sofort mußte seine Fregatte, in der er von Reval
gekommen war, beidrehen. Er sandte Hilfe, half schließlich selber.
Sechs Stunden lang stand er im eisigen Wasser. Das Schiff wurde frei.
Er mußte an Bord getragen werden. Ohne Besinnung, geschüttelt von
Frost- und Hitzeschauern, kam er in Petersburg an.
Noch einmal erhob er sich, wankte in sein Arbeitszimmer, den
Weltreisenden Bering zu empfangen. Gier, die nicht genug an Ländern
und Völkern einschlingen konnte, stürzte sich über die Karten, auf
denen der Schwede ihm die Richtung seiner geplanten Fahrt ins Eismeer
wies. Jede Unterstützung sagte er ihm zu. Jede. Die knochendürren
fiebrigen Finger bogen sich über den leeren weißen Flecken, die auf
den Plänen die unbekannten Gebiete anzeigten: das alles würde ihm
gehören. Ihm, mit allen Schätzen! – Nimmersatt brannte der Wille aus
dem verzehrten Gesicht.
Es war sein letztes Flammenzeichen.
Jäh sank die Glut zur Asche. Furcht und Bangnis deckten sie zu.
Beten mußte um ihn sein und Fürbitte. Priester kamen und gingen. Einmal
ums andere nahm er das heilige Mahl, küßte die heiligen Bilder, empfing
die Ölung und den Segen.
Angstvoll irrten seine Gedanken durch sein Dasein. Suchten den Wert,
der es wog, und fanden ihn nicht. Weit, so weit sein Reich, groß, so
groß seine Macht, und nichts, das ihn aus der Verzweiflung rettete, das
ihm das Grauen vom Herzen wälzte.
Seine Blicke taumelten über die Menschen, die sein Lager umstanden. In
jeder Miene las er die Abwendung, jeder Fuß schien schon gehoben, um
fortzueilen: was kümmerte er sie noch? Lauernd spähten sie nach dem
neuen Herrn aus.
Er stöhnte laut.
Ärzte neigten sich über ihn, eiliger murmelten die Lippen der Popen.
Von niemandem kam Trost. Nur Worte. Worte.
Er biß die Zähne zusammen.
Die Wasser der Verschuldung stiegen.
Ein fader süßlicher Geschmack war auf seiner Zunge. Ekel, widrig, faul.
Blut. Alles Blut, das er vergossen hatte, in seinem Munde.
Er würgte. Erstickung befiel ihn.
Schreiend schlug er um sich.
Der Gesang der Priester verwirrte sich, überrascht zögerten die Ärzte,
zuzugreifen.
Da kam eine Hand. Eine ruhige, sichere Hand. Katharina barg seinen Kopf
an ihrer Brust, zog den ungebärdig zuckenden Leib in ihre Arme.
Er wurde still.
Wie ein Kind lag der Mächtige in der Umhegung der Liebe.
»Ich glaube – ich hoffe –«
Lallend zerbrachen die Laute.
Es war vorbei.
* * * * *
»Er ist tot!« Halb ohnmächtig sank Schafirof im Arbeitszimmer des
Kanzleirats Ostermann, zu dem er in voller Bestürzung geeilt war, auf
einen Stuhl. Die Knie schlotterten ihm und die Kiefer schlugen ihm
klappend gegeneinander.
Von seiner hageren Höhe herab maß Ostermann den Kleinen spöttisch:
»Hatten Ew. Exzellenz erwartet, das Schicksal werde uns zu Gefallen den
Kaiser ewig am Leben lassen?«
»Nein, ach nein,« der Kanzler weinte fast, »aber warum mußte er jetzt
sterben? Gerade jetzt? Zu so ungelegener Zeit?«
»Dem, der sich überflüssig fühlt,« erwiderte der Westfale höhnend, »und
der sich nicht zu helfen weiß, ist jede Zeit ungelegen.«
Schafirof entging die Bosheit, so sehr bedrückte ihn die Angst: »Sie
wird mich nach Sibirien schicken,« jammerte er, »sie haßt mich. Lieber
Freund,« er haschte nach Ostermanns Hand, »lege er ein gutes Wort für
mich ein.«
Die faunischen Lippen des Kanzleirats verzogen sich zu einem Grinsen.
Doch er wußte es vorsichtig hinter einer bedientenhaften Verneigung
zu verstecken: »Ew. Exzellenz, es ist an mir, um gütige Verwendung
zu bitten, daß ich in meinem Amte bleibe.« Seine Stimme triefte von
Ergebenheit. Aber gerade das gab seiner Weigerung den Stachel.
»Ostermann,« Schafirof erhob sich. Er mußte sich an der Lehne des
Stuhles halten. Die Füße wollten ihn nicht tragen: »Er weiß recht gut,
daß er unentbehrlich ist, und daß jeder, wer es auch sei, der an die
Regierung kommt, ihn braucht. Notwendig braucht. Ich bin ihm oft zu
Gefallen gewesen. Ich hätte eine andere Antwort erwartet. Doch so ist
es: dem gestürzten Esel gibt jeder einen Schlag.«
In den säuerlichen Mienen des Kanzleirats zuckte und arbeitete es. Er
hatte Mühe, sich das Lachen über diese nach seiner Meinung durchaus
zutreffende Selbsteinschätzung des Kanzlers zu verbeißen. Doch seine
Klugheit warnte ihn. Der um seinen Sturz Besorgte war noch nicht
gestürzt. Es konnte auch anders kommen, als der Furchtsame wähnte. Sein
faltenreiches Gesicht nahm einen gekränkten Ausdruck an: »Ew. Exzellenz
belieben, meine aufrichtigste Ergebenheit zu verkennen.« Er schlug
den roten Schlafrock, von dem er sich nur selten trennte, dichter um
sich, beugte sich zu Schafirofs Ohr und flüsterte: »Niemand weiß, wem
in den nächsten Stunden die Herrschaft zufallen wird. Noch ist nichts
verloren, wenn wir nicht den Kopf verlieren.«
Der Kanzler rang verzweifelt die Hände: »Gegen sie kommt keiner auf.
Das Heer ist für sie, das Volk ist für sie ...«
»Und wir sind für sie!«
»Ich?!« Schafirof war entsetzt: »Ich soll mein eigenes Todesurteil
schreiben?«
»Die Kaiserin ist nicht kleinlich. Stehen Ew. Exzellenz ihr jetzt zur
Seite, so wird sie bereitwillig den üblen Schachzug nach der Flucht des
Zarewitsch vergessen.«
»Sie geben mir Hoffnung?«