Katharina richtete sich hoch auf vor ihm: »Ich stehe für dieses Kind.«

Er sah sie an, fragend, forschend. Und hatte sich wieder gefunden:

»Wahrlich, du sollst es, und niemand soll dir dieses Recht bestreiten

dürfen.« – –

Vier Jahre waren seitdem vergangen. Zu dem Titel eines moskowitischen

Zaren hatte Peter den eines Kaisers von Rußland gefügt. Und nun sollte

die, die solange nur sein Leben geteilt hatte, auch seine Würde mit ihm

teilen.

Bereits vor Wochen war der Hof von Petersburg nach Moskau übergesiedelt

und hatte im Kreml Wohnung genommen. In den stickigen Dunst, der die

langverschlossenen engen Gemächer, die düsteren Säle füllte, drang

endlich einmal ein frischer Luftzug. Die schweren schwülen Schwaden,

die gleich giftigem Brodem in den Räumen gehangen hatten, wurden

hinausgeweht. Eine neue Welt begann sich zu entfalten. Schimmernde

Seiden, prunkende Brokate spannten sich über die Wände. Alle Winkel

erhellten sich, jede Düsternis schwand. Und durch die weit gewordenen

Gänge raschelten die Schleppen und girrte verliebtes Lachen.

Und in der Krönungskathedrale ein Rausch von Gold und Rot. Rot rann es

von den Wänden. Rot brannte die Bekleidung der Estraden des Adels und

der Gesandten der fremden Mächte. Rot glühte der Teppich zwischen dem

Gestühl des Zaren und seiner Gattin und der Türe zum Allerheiligsten.

Und über dem Rot ein Funkeln und Flirren von Gold. Ein Strom von

Gold. Sturzbäche von Gold. Goldene Baldachine an goldenen Schnüren,

goldene Ampeln schwingend an goldenen Ketten, und die goldenen Pfeiler

strahlend im goldenen Lichte der golden leuchtenden Kuppel.

Es war am Vorabend der Feier.

Fernab von dem fieberhaften Hasten zur letzten Vollendung des

Schmuckes, in den Gemächern Katharinas.

Sie hatte die Ehrendamen frühzeitig entlassen.

Sie wollte allein sein.

Sie war allein.

In dem Ankleidezimmer, geradeüber von dem in einer Nische angebrachten

mächtigen dreiteiligen Spiegel, der aus vielen kleinen Stücken

künstlich zusammengefügt war, war das Prachtkleid des kommenden Tages

aufgestellt. Und daneben auf rotsamtnem Kissen, wie sie es befohlen

hatte, lag die edelsteinübersäte Krone.

Wie ein eigenes fremdes Wesen stand das Staatsgewand da. Die goldenen

Flitter, mit denen es dicht an dicht besetzt war, ließen in den dunklen

Spiegelwänden kurze Blitze aufzucken. Ein hartes Leuchten kam und ging,

der Schein einer fernen, kühlen, selbstisch gepanzerten Hoheit.

Ein Licht brach in das Dunkel. Die Tür hatte sich geöffnet. Den

Armleuchter in der erhobenen Rechten, trat Katharina näher. Sie hatte

keinen Schlaf finden können. Mit ihren weichen geschmeidigen Bewegungen

glitt sie von Wand zu Wand, entzündete die Kerzen. Helle durchströmte

den Raum.

Stärker sprühte der prunkende Flimmer über der weißen Seide. Aber sein

Schimmern war nicht mehr eng und abgezirkt, es verfloß mit dem weichen

alles erfüllenden Glanze und sammelte sich wieder aus ihm zu reicherer

erhöhter Schönheit.

Katharinas Busen bebte unter dem feinen Batist ihres Hemdes. Ihre

Nasenflügel zitterten erregt. Sie neigte sich über das bauschende

Gebilde, hockte neben ihm nieder und lehnte den Kopf in seine weiten

Falten. Gold floß zu Gold. In warmem Rieseln. Und löste die Starrheit

des festgebannten, durchglühte, durchflutete es mit seinem Leben.

Knisternd schmiegte sich der steife Prunk an den üppigen, atmenden Leib.

Eine jauchzende Trunkenheit ergriff sie, eine überquellende zärtliche

Trunkenheit.

Sie tastete mit leisem Lachen in das Gefunkel, zog es um sich her, warf

sich hinein wie in eine rasche rauschende Flut. Die goldenen Sterne

sprangen, schwangen leichte Bogen und senkten sich kreiselnd. Goldener

Staub rührte ihren Nacken, spielte um die weißen vollen Glieder,

küßte ihr Arme, Hand und Fuß im Tanz. Wirbelnd fiel er zu Boden, lag,

verwirrt, verirrt, nutzloser Tand.

Ihre kindhafte Heiterkeit wandelte sich in Ernst.

Was da verloren im Unrat verkam, war die Löhnung dreier Grenadiere!

Sie schnellte auf ihre Füße.

Stand schweigend:

Wirken und schaffen!

Sie schüttelte die Haare, wand sie auf über den geschwinden Fingern,

türmte sie hoch. Bog sich in die wogende Pracht, zog sie um sich

zusammen, trug sie mit ihren breiten, geschwungenen Hüften, ihren

festen Schultern.

Trug sie.

Stark und stolz.

Und langte nach der Krone. Langsam, bedacht, ohne Eile.

Nahm sie an sich und hob sie über sich auf. Hoch über sich hinauf.

Schwebend war sie über ihr.

Hing über ihr.

Ein Traum.

Und senkte sich. Zögernd. Wie Träume Wirklichkeit werden.

Und schwebte und hing.

Stirn und Augen hingewendet, dem Unwirklichen zu, beschworen ihre

Blicke es dem Willen.

Er erfaßte, er hielt es, es hatte Gestalt.

Die Krone ruhte auf ihrem Haupte. Als sei sie ihr von Ewigkeiten her

bestimmt gewesen.

Sie kehrte sich ihrem Spiegelbilde zu. Und sah.

Da war ein Mensch. Reif. In der Fülle der Jahre. Ein Mensch,

emporgestiegen aus Enge, Armut und Niedrigkeit und nun gekleidet in den

Prunk der Macht und gekrönt mit dem Glanze der Herrschaft.

Sie breitete die Arme weit und schloß sie. Über ihrem Herzen.

Fest, ganz fest.

Ein livländisch Herz: Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman · 第 90 / 98 题