Im Schloß zu Torgau war zur Hochzeit des Zarewitsch Alexei mit der
Prinzessin Charlotte von Braunschweig und Lüneburg gerüstet. Die
Kurfürstin von Sachsen hatte es sich nicht nehmen lassen, ihrem
Patenkinde diesen feierlichen Tag auszurichten. Bis ins kleinste
hatte sie die Vorbereitungen überwacht und ihre mütterliche Sorgfalt
ebensosehr der Rangordnung bei Tische wie dem Predigttexte des
Schloßgeistlichen und dem Brautkleide der Prinzessin zugewendet. »Der
Tag«, sagte sie dem Schloßprediger D. Eckardt, »soll ihr gut in der
Erinnerung bleiben, mag es nachher kommen, wie es will.« Sie seufzte.
Mit mildem Tadel verwies der Geistliche diese schwächlichen
Befürchtungen: »Wir Menschen sollen nicht zagen, wo Gott der Herr so
sichtbarlich seinen Willen gezeigt hat.«
»Lieber Doktor,« die Kurfürstin seufzte stärker, »Er nimmt das Gebaren
eines sinnlosen Tieres für ein Zeichen des Himmels, ich vermag darin
nichts zu sehen, als die Angst des armen Geschöpfes, das sich verflogen
hatte.«
Jetzt war das Seufzen an den Schloßprediger gekommen: über den
hartnäckigen Unglauben seiner kurfürstlichen Herrin. Aber er
unterdrückte es und erwiderte so sanft, wie es ihm in diesem
Augenblicke möglich war: »Hat nicht der Herr durch eine Taube dem Noah
das Aufhören der Sintflut verkündet? Und war es nicht eine Taube, die
bei der Taufe im Jordan herniederstieg?«
Die Kurfürstin konnte nicht umhin, dies zu bejahen, jedoch meinte
sie, es seien sozusagen himmlische Tauben gewesen, während die im
Braunschweiger Schloß verflogene sich sehr irdisch benommen habe,
hatte sie doch auf dem Erdglobus in Herzog Albrechts Zimmer nicht
nur Fußspuren in den Gegenden der Tatarei, sondern auch noch andere
deutliche Merkmale ihrer Bedrängnis hinterlassen.
Nun wurde D. Eckardt doch ungeduldig. Er hatte auf dieses Ereignis
ein langes Hochzeitscarmen gedichtet und war nicht der Mann, sich
von der Zweifelsucht der Kurfürstin um den Witz seines mühevollen
Verseschmiedens bringen zu lassen. »Wer das Walten Gottes nicht im Tun
des niedersten Wurmes erkennt, den werden eine Legion Engel nicht von
des Herrn Allmacht und Weisheit überzeugen,« erinnerte er mit Strenge,
kehrte seine Würde als geistlicher Berater heraus und hielt die
Kurfürstin ernstlich an, das ohnedies durch die bevorstehende Trennung
von Heimat und Freunden bange Gemüt der Prinzessin durch die Äußerung
eigener Bedenklichkeiten nicht noch stärker zu verstören: »Eines
solchen unchristlichen Verhaltens werden sich Ew. Kurfürstliche Gnaden
nicht schuldig machen wollen.«
»Nein,« sagte die Kurfürstin bestimmt und völlig überwunden. Es gab
für sie nichts Ruchloseres als unchristliches Tun. Dabei konnte sie
es freilich nicht hindern, daß ihr zuweilen der ketzerische Gedanke
aufstieg, es ginge jenen, die sich wie ihr Gemahl August über jede
von Sitte und Gesetz gezogene Schranke hinwegsetzten, weit besser auf
dieser Erde, als denen, die sich mühten, alle Gebote zu halten. Für sie
hatte die Welt nur Demütigung über Demütigung, und die andern feierte
und bewunderte sie als die Starken. Dennoch hätte die Kurfürstin nicht
mit den prahlerischen Verächtern der Tugend tauschen mögen. Aus ihrem
Leide wuchs ihr Stolz.
»Es ist unser Ruhm, getreu zu sein!«
Die Prinzessin Charlotte neigte den bräutlich geschmückten Scheitel
vor der Kurfürstin, die ihr diesen Wahrspruch wie einen Segen mit auf
den neuen Lebensweg gab. Das leise Rot der Erwartung auf ihren Wangen
vertiefte sich, als sie erwiderte:
»Es wird mir nicht schwer fallen, getreu zu sein. Ich liebe ihn.«
»Liebe!« Die Kurfürstin drückte die schmale gelbliche Hand fest auf
ihren gepreßt sich hebenden Busen. Der Seufzer, der ihr entfliehen
wollte, durfte die Ohren der Prinzessin nicht erreichen. Doch sie
konnte sich die Warnung nicht versagen:
»Liebe ist rasch verraten und schnell enttäuscht. Immer gehört uns der
Geliebte nur in dem einen einzigen Augenblick seiner Liebe, und er
ist unserer Liebe verloren, wenn unsere Treue nicht mit ihm geht, auf
welchen Wegen er auch wandelt.«
Charlotte kannte, so jung sie war, die Schmerzen, aus denen der
Kurfürstin diese Erkenntnis kam: ein Schicksal sprach. Sollte es auch
das ihre sein? – Eiseskälte hauchte sie an. Die Fremde, in die ihre
Straße führt, die ihr so wesensfern und ihm so nahe war. Würde sie ihn
ihr lassen? – Die Knie wankten ihr, sie mußte sich setzen.
»Kind,« die Kurfürstin erschrak: nun hatte sie doch aufgerührt, was
besser geschlafen hätte, »du fürchtest dich?«
In den Augen der Prinzessin standen Tränen, sie barg ihren Kopf an
der Brust ihrer Patin: »Ich werde ganz allein dort sein, niemandem
erwünscht, von vielen gehaßt und, ich fühle es, sie werden ihn mir
abwendig machen.«
»Lottl!« Die Kurfürstin war ganz außer sich über das Unheil, das sie
angerichtet hatte, »so etwas darfst du nicht denken. Bist du nicht dem
Zaren willkommen? Er erhofft von dir, daß du das Herz seines Sohnes
ihm geneigt machen wirst. Und,« sie suchte alle Gründe, die Verzagte
aufzurichten, zusammen, »hat dir nicht seine Gemahlin freundlich
schreiben lassen, daß sie dich wie ihre eigene Tochter halten wolle.«
Die Prinzessin schwieg. Aber ihre Mienen besagten deutlich, daß sie
sich vor dieser Frau noch mehr bangte wie vor dem Zaren.
Innerlich teilte die Kurfürstin ihre Befürchtungen: sie hatte manche
schlimme Erfahrungen mit den durch Geist und Laune eines fürstlichen
Verliebten Emporgekommenen gemacht. Laut aber trug sie zusammen, was zu
Katharinas Gunsten zeugte: die Retterin vom Pruth galt viel beim Zaren.
Es wäre ihr ein leichtes gewesen, den Zwiespalt zwischen ihm und seinem
Sohne zu erweitern. Sie aber hatte ihren ganzen Einfluß aufgewendet,
ein erträgliches Nebeneinander anzubahnen. Die Erlaubnis zur Reise nach
Deutschland verdankte der Prinz ihrer Befürwortung, sie war dem Plane
seiner Verbindung mit Charlotte von Anfang an geneigt gewesen. Der
Prinz hielt viel von ihr.
»Wenn er von ihr spricht, wird der Schweigsame ordentlich lebendig.«
»Hast du es auch bemerkt?« Die Züge Charlottens waren gespannt.
»Ja.« Eine ziemliche Verwirrung hatte sich der Kurfürstin bemächtigt:
war denn jedes ihrer Worte bestimmt, die Ärmste zu verwunden? Sie
suchte nach einer harmlosen Erklärung für des Prinzen Verhalten, das
ihr Charlottens Frage in ein neues auffallendes Licht gerückt hatte:
»Ich glaube,« sagte sie unsicher, »er bewundert ...«
Die hellen Augen der Prinzessin weiteten sich geängstigt:
»Bewunderung ...«
Sie verstummte.
Der Huissier vor der Tür hatte seinen Stab aufgestoßen. Die Flügel
sprangen auf. Der Zarewitsch erschien mit den Herren seines Gefolges,
die Braut einzuholen.
Charlotte war aufgesprungen. Sie stand schwankend. Ein jäh
ausbrechendes Schluchzen warf sie an des Prinzen Brust:
»Du darfst mich nicht verlassen!«
Alexei war fassungslos. Bleich, bebend, mit schlaff herabhängenden
Armen blickte er verstört auf die Weinende: was war das? Was wollte
sie? Schutz bei ihm? Sie sollte ihm Schutz sein. Vor dem Vater. – Er
senkte die Stirn und nagte gepeinigt an der Unterlippe.
Der Kurfürstin gab es einen Stich ins Herz: welch übler Anfang.
Der Prinz schwieg und schwieg. Die Stille wurde beklemmend.