Der Vorhang, der den hinteren Teil des Zeltes von dem Beratungsraum
trennte, rauschte auf.
Katharina.
Wie in einem Rahmen stand sie vor dem schweren buntflimmernden Teppich.
Niemand wendete sich ihr zu. Tiefer noch neigten sich die Nacken.
Langsam kam sie an den Tisch, stützte die Hände auf, blickte von einem
zum andern. Ihre Augen funkelten.
Leicht beugte sie sich vor.
»Seid Ihr nun fertig mit Eurer männlichen Kunst, ihr Männer? Weiß
euer Witz nicht weiter?« Ihre Stimme wurde hart: »Ihr versteht nur zu
siegen, wenn ihr den Gegner schlagen könnt.«
»Und noch eins verstehen wir, Gossudarina,« Menschikoff sprach, »wir
verstehen zu sterben.«
»Sterben,« Katharina hielt seinen Blick fest, »es wäre besser,
Alexander Danilowitsch, du sagtest, wir verstehen zu leben. Aber
das,« ihre Hand zog einen Kreis, der weit über die Gegenwärtigen
hinausdeutete, »versteht ihr Männer nicht. Ihr wißt ja auch nichts,«
tiefer Schmerz dunkelte ihre Worte, »vom langen Tragen und Reifen. Ihr
vernichtet in einer Stunde mehr Leben, als wir in Jahren unter Weh
gebären und großziehen. Wahrlich, ihr verdientet, daß ihr erleidet, was
ihr so oft über andere gebracht habt.«
»Unsinniges Geschwätz!« Peter war aufgesprungen, breit ihr gegenüber,
»wenn du nichts Besseres weißt, scher dich zum Teufel.«
Voll Hoheit richtete sich Katharina auf:
»Ich weiß Besseres. Ich habe versprochen, daß alle heimkommen, und ich
halte mein Versprechen.«
Der Zar faßte sich mit taumelnder Gebärde an die Stirn: »Willst du
stärker als mein Heer sein?«
»Ich bin es.«
»Was hast du vor?«
»Euch loszukaufen.« Sie zog die Schultern hoch, warf den Kopf in den
Nacken: »Von einem Manne.«
Der Ausruf schlug gleich einer Bombe ein. Alle fuhren von ihren Sitzen
auf, drängten zu ihr hin. Die Stimmen wirrten durcheinander:
»Der Großvezier hat den Sieg in der Hand, er ist nicht der Narr, sich
ihn abhandeln zu lassen! – Seine Furcht vor der seidnen Schnur ist
größer als seine Habgier! – Im ganzen Lager ist nicht so viel, wie wir
ihm wert sind!«
Katharina lächelte in den Sturm.
Aus ihren Haaren löste sie das funkelnde Diadem, ein Geschenk des Zaren
zur Einsegnung ihrer Verbindung, streifte den Schmuck vom Halse, die
Armbänder von den Handgelenken, die Ringe von den Fingern und warf die
funkelnde Pracht auf den Tisch.
»Gebt! Gebt!« Sie streckte die Hände aus.
Von allen Seiten flogen ihr die Schätze zu. Blitzende Agraffen,
kostbare Dosen, edelsteinbesetzte Dolche. Beutel und Börsen öffneten
sich und rollten ihr Gold auf den Haufen. Aus dem Lager wurde
herbeigeschafft, was nur von Wert war. Verzierte Zaumzeuge und
Wehrgehänge, getriebene Becher, silberne Steigbügel, goldene Sporen.
Ein Berg türmte sich vor ihr auf. Schimmernd, gleißend, lockend.
War er Lockung genug?
Zweifelnd wog Peter im Geiste die blinkende Pracht.
»Und wenn es Mehemed Baltadschi zu wenig ist?«
»Ich bringe es ihm,« sagte Katharina fest, überzeugt, ihrer Macht
bewußt.
Peters Blick ging über sie hin: ja, sie würde es zwingen und müßte sie
... Er dachte den Gedanken nicht zu Ende. Sein Herzschlag stockte. Sein
Mund Öffnete sich weit, doch kein Laut kam heraus, nur ein stöhnendes
Gurgeln. Er begriff plötzlich, was Katharina ihm war, daß er jeden
Preis zahlen konnte, nur diesen einen, nur sie nicht.
Sie verstand seine Not. Sacht trat sie zu ihm hin, faßte still seine
Hand.
Das gab ihm Sicherheit. Er kehrte den Kopf und blickte sie an, lange.
Da war nichts als eine Mutter, die ihren Kindern helfen wollte.
Langsam beugte er die Knie. Erschüttert. Neigte sich und küßte den Saum
ihres Kleides:
»Dein Herz, O, dein Herz!«