Da raffte sich die Kurfürstin auf und mahnte: »Haltung, Kind!«

Charlotte stützte sich schwer auf ihren Arm: »Verzeih,« ihr

hilfeheischender Blick suchte in dem Gesicht ihres Verlobten nach einem

letzten Trost, »daß ich dich erschreckt habe.«

Er zuckte zusammen: »Du mußt Geduld mit mir haben,« murmelte er tonlos,

»ich bin es nicht gewöhnt, einem andern Stütze zu sein. Aber ich werde

es lernen,« er atmete tief, »ich muß es lernen. Denn sonst,« er stockte

und sagte es dann doch, »bin ich verloren.«

* * * * *

Afranisja hatte schlechte Tage. Ihre neue Herrin, der der alte Fürst

Wolchonski zum Lohn für ihre kleinen freundschaftlichen Opfer die zu

vielem geschickte und zu allem bereite Dienerin abgetreten hatte, war

unzufrieden. Nicht mit der Finnin, sondern mit dem Lauf der Dinge im

allgemeinen und im besonderen.

Es war der Gräfin Barbara nicht zu verdenken. Noch immer nicht hatte

sie mit ihrem schlau ausgelegten Netz den entscheidenden Zug tun

können. Ja, schlimmer als das, der Fisch, auf den sie es hauptsächlich

abgesehen hatte, drohte, ihr durch die Maschen zu entschlüpfen.

»Sie und wieder sie,« zischte sie ingrimmig. »Wüßte ich nicht, daß sie

von meinen Plänen keine Ahnung hat, ich müßte vermuten, alles sei ihr

offenbar. So überlegen begegnet sie mir. Ah,« sie preßte die Faust

wider die Zähne, »wenn ich sie unter die Füße bekomme.«

»Du würdest nicht über sie triumphieren, Herrin. Sie ist Livländerin.

Die sind zäh.«

»Boshaftes Ding!« Afranisja erhielt einen leichten Schlag, der jedoch

mehr einer Liebkosung als einer Strafe glich. »Was willst du damit

sagen?«

Die Finnin duckte sich. Ihre dunklen Augen schillerten die Gräfin an:

»Es gibt nur eine Rasse, die es mit ihnen aufnimmt: Die Finnen!«

»Sieh an, da hinaus willst du! Gib dir keine Mühe, das livländische

Herz schlägst du nicht aus dem Felde.«

Afranisja wiegte zweifelnd die Schultern.

»Nicht einmal die bleichsüchtige Deutsche, solange sie ihre Hand über

sie hält,« setzte die Gräfin ärgerlich hinzu.

Neugierig beugte sich die Dienerin ihr näher: »Ach ja, wie war's bei

dem Empfang, Herrin, du hast noch gar nichts erzählt.«

Ein hartes Lachen antwortete dieser Frage: »Wie es war? O, die liebe

Familie schwimmt in Glück und Seligkeit. Diese Frau führt sie alle an

der Nase herum. Sie macht aus dem Peter wahrhaftig einen Peter. Er ist

Wachs in ihrer Hand. Die blonde Zimperliese heult sich an ihrem Busen

aus, und der Jämmerling von Zarewitsch verschlingt sie anbetend mit

den Blicken. Er, der sonst die Augen nicht aufzuschlagen wagt. Und

warum? Weil es der gnädigsten Frau Stiefmutter beliebte, eine ehrliche

Aufwallung seines Vaters in eine Rührszene umzuwandeln. O, dieses Weib!«

Die Gräfin war aufgesprungen und ging mit ihren stampfenden

Männerschritten im Zimmer auf und ab. Ihre Nasenflügel bebten.

»Ja, sie versteht es, die Allerweltsmutter zu spielen,« schürte die

Finnin die gehässige Erbitterung. »Wo du hinhörst, Herrin, sprechen die

Leute vom Mütterchen Katharina.«

»Ein schönes Mütterchen. Sie bemuttert sie alle, von dem fetten Ekel

Jaguschinski bis zu dem jüngsten Pagen, dem Moens de la Croix. Alle.

Und mit den Weibern ist es nicht anders. Die Galizin ist wie närrisch

und schwärmt von ihrer Güte. Güte, es ist alles Berechnung. Oder ist

es das etwa nicht, wenn sie andauernd diesem traurigen Gesellen Alexei

beisteht? Paß nur auf, sobald sie dem Zaren mit einem Sohn aufwarten

kann, kümmert sie sich nicht mehr um den jetzt so geflissentlich

Beschützten. O, sie ist schlau. Jetzt streichelt sie noch mit

Samtpfötchen, ist die Milde, die Versöhnende, laß sie nur erst ihr Ziel

erreicht haben ...« Hochaufatmend blieb die Gräfin stehen. »Du hättest

sie sehen sollen, wie sie sich wieder gebärdete.«

Erwartungsgierig sah die Finnin zu ihr auf.

»Es war schon spät. Der Zar hatte wie stets zum Schluß der Tafel das

Gemisch befohlen. Es war kräftig Branntwein dazwischen. Er reichte

es wie gewöhnlich selbst herum. Wie er der Deutschen die Schale

gibt, weicht sie zurück und fällt beinahe in Ohnmacht. Der Zar war

gut gelaunt. Er scherzte noch: ›Dem Zuckerpüppchen ist unser Wein zu

stark?‹ Die Prinzessin schüttelte sich vor Widerwillen: ›Ich trinke

keinen Schnaps!‹ ›Hoho!‹ der Zar wird ungemütlich, ›du trinkst keinen?

Du wirst ihn trinken, meine Tochter. Ein guter Russe muß einen Schnaps

vertragen, und ich hoffe, du willst eine gute Russin sein!‹ Das fade

Dämchen schweigt, aber sie rührt keine Hand, ihm Bescheid zu tun. Er

wird brandrot und fragt den Zarewitsch brüllend: ›Pariert deine Frau

immer so schlecht?‹ Und der, der sich nie getraut zu widersprechen,

entgegnet zwar stotternd, aber entgegnet doch: ›Ich zwinge Charlotte

zu nichts, was ihr widerstrebt!‹ Der Zar ist außer sich, seine Augen

rollen, jeder erwartet, in der nächsten Sekunde den Becher dem Dreisten

an den Schädel fliegen zu sehen. Da beugt sich die Livländerin näher

zur Schulter des Zaren: ›Du wünschtest ihn als Mann zu sehen. Er

steht für seine Frau wie ein Mann!‹ Der Zar stutzt, dann nickt er:

›Du hast recht. Wie immer!‹ Er drückt dem Prinzen die Hand: ›Du hast

brav gehandelt, mein Sohn‹, tätschelt der Prinzessin die Wange:

›Mein Töchterchen wird sich das Zieren abgewöhnen!‹ – Sie zieht die

Zitternde an sich: ›Du mußt ihr Zeit gönnen.‹ – Und er erwidert

völlig besänftigt: ›Was meine Katharina bittet, ist gewährt.‹ – Die

liebe Familie ist einig. Und die ganze Hofgesellschaft strahlt in

höchster Beglückung und ist hingerissen von dem erbaulichen Bilde.«

Sie schüttelte sich: »Wie ein Aktschluß aus einem sentimentalen

französischen Schmarren. Widerlich!«

»Und es gibt nichts, was die Zärtlichen trennt?«

Die Gräfin zuckte die Achseln: »Nichts außer dem lutherischen

Widerglauben der Prinzessin. Doch das gilt vor dem Zaren nicht.«

»Um so mehr vor dem Zarewitsch.«

»Er hat, scheint's, seine Abneigung gegen die Ketzer überwunden.«

»So muß man sie ihm schärfen!«

»Du?«

Afranisja lächelte verschmitzt: »Es ist mein sehnlichster Wunsch, der

rechtgläubigen Kirche anzugehören.«

»Schlange,« die Gräfin rüttelte sie an den Schultern, »ist das dein

Gift?«

Ein livländisch Herz: Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman · 第 70 / 98 题