Seine Stimme versank in dem tobenden Geschrei:
»Heim! Heim! Wir wollen heim!«
Wie eine Springflut stieg das Geschrei an, brauste und brandete.
Peter trat in die Tür des Reisewagens, der ihm und Katharina, die ihn
begleitete, zur Wohnung diente, horchte auf das schwellende Schallen.
Schon eilte der General herbei, saß ab, erstattete Bericht.
Leichenblaß wurde Peter, die Erregung machte ihn zittern, riß seinen
Kopf in heftigem Zucken zur Schulter: »Bande,« zischte er, »Bande!«,
und packte seinen Stock fester.
Vergeblich. Er beschwor den Sturm nicht. An allen Gliedern bebend,
kehrte er zurück, warf sich auf die breiten Polster des Wagens, biß in
die Kissen, schäumte:
»Undankbares Volk!«
»Es ist nicht undankbar,« Katharina umfing den rüttelnden Leib, bettete
seinen Kopf in ihren Schoß, strich ihm über Stirn und Haar, »es
versteht nur deine Ziele nicht. Dem Bauern ist sein Dorf der Himmel,
dem Städter seine Stadt, alle Fremde ist ihnen Grauen und Elend. Sie
ergreift nicht, was dich erschüttert, und was dich über alle Grenzen
reißt, bewegt sie kaum. Du kannst sie wohl aufrühren und für eine Weile
aus ihrem Gleichgewicht bringen, aber dann ist ihr Drang zur Beharrung
stärker als die Kraft deines Treibens. Der Strom strebt in sein altes
Bett zurück, und nichts vermag ihn aufzuhalten.«
Peter hatte die Augen geschlossen. Still lag er an ihrer Brust. Leise
flatterten seine Lippen:
»Er muß aufgehalten werden. Er darf mir jetzt nicht versagen. Jetzt
nicht. Es ist unser aller Verderben.«
Katharina sann. Eine starke Falte grub sich zwischen ihre Brauen:
»Ich werde mit ihnen reden.«
Sie ging.
Wo sie sich sehen ließ, wurde sie umringt. Und ehe sie noch zum
Sprechen kam, war ihre Absicht verschlungen von der flehenden Bitte:
»Mutter! Mütterchen! Hilf du. Dich hört der Zar. Sage du ihm:
wir wollen heim! Heim, Mütterchen!« Und tausend Augen bettelten,
abertausend Hände streckten sich in dem einzigen Wunsch: Heim, heim!
Auf Schritt und Tritt liefen sie ihr zur Seite, eilten ihr nach, und
immer nur das eine klang an ihr Ohr, immer nur das eine aus all dem
Klagen:
»Unsere Frauen kennen den Mann nicht mehr! Die Kinder vergessen den
Vater! Das Vieh verdirbt! Der Acker verkommt! Alles geht zugrunde! Wir
alle gehen zugrunde!«
Der Jammer droht sie zu überwältigen. Sie gab sich einen Ruck:
»Auch meine Kinder rufen nach mir, und ich verlasse meinen Platz doch
nicht.«
Ein ausgemergelter Graubart trat vor sie hin, ganz dicht:
»Bist ein tapferes Weib, Mütterchen, ist keiner der's anders sagt. Aber
es ist zweierlei: tapfer zu sein als Herr nach seinem Willen und tapfer
sein zu müssen, weil's ein anderer befiehlt. Wir brauchen uns nicht zu
schämen, wir haben bewiesen, daß wir tapfer sind. Nun ist's genug. Nun
wollen wir wieder zu den Unsern, wie die andern zu den Ihren wollen.
Jeder in sein Land. Die Ernte wartet auf uns, die Erde braucht uns. Wir
wollen heim.«
»Ihr werdet heimkommen, nur ...«
Der alte Soldat schnitt ihr hart die Rede ab: »Kein Wenn und Aber,
Mütterchen. Wir wollen heim. Erlaubt's der Zar nicht, so gehen wir ohne
seine Erlaubnis.«
»Ihr werdet heimkommen.«
»Alle?« der Graubart war mißtrauisch.
»Alle!«
Sie trat vor Peter mit der Forderung, ihr Versprechen wahr zu machen.