Am 1. Juli hatten die Russen den Dnjestr überschritten, am 7. Juli
schlugen sie bei Faltschi und Husch in der Walachei das Lager auf.
Sieben Tage lang waren sie durch schattenlose, wasserlose Wüste gezogen.
Sieben Tage lang.
Die Sonne hatte gebrannt, vom Abend bis zum Morgen, erbarmungslos.
Hatte niedergesengt auf Mensch und Tier. Und kein Trunk, keine
Erquickung. Ringsum nur dürres, verbranntes Gras und heißer, stäubender
Sand. Er beizte die Lider, er bohrte sich in die Nasen, er fraß in
den Kehlen, dörrte den Schlund. Jeder Atemzug war Schmerz, stach und
peinigte. Zitternd, keuchend drängten die Scharen vorwärts. Dorthin, wo
die Ebene zu Ende schien, wo leichte Hügel sich hoben, wo hinter den
Hügeln Täler sich bargen, Täler mit grünen Matten und einem silbern
rauschenden Bach, einem Rinnsal, einer Quelle.
Die Nasenflügel bebten, die starrenden Augen brannten, die von Durst
gequälten Leiber beugten sich nach vorne, taumelnd hasteten, stampften
die Füße, die bleischweren, dampfenden Füße, klommen die Hügel hinan
und standen, wankend, mit brechenden Knien.
Ebene, neue Ebene breitete sich vor ihnen, braune, trockene Halme
raschelten boshaft, und große, bröckelnde Erdrisse grinsten höhnisch.
Seit sieben Tagen krochen sie von Ebene zu Ebene, seit sieben Tagen
schmachteten sie nach einer Neige Wasser.
Seit sieben langen Tagen.
Nun ging es nicht weiter.
Wo sie standen, warfen sich die Leute hin. Lagen. Müde.
In trotziger Müdigkeit.
Die Unteroffiziere kamen, sprachen zu, baten, wurden barsch, befahlen.
Keiner rührte sich. Stumpf ließen die Ermatteten den Schwall über sich
hinbrausen, kaum, daß eine Miene in ihrem Gesicht sich verzog, ein Lid
sich hob.
Achselzuckend ließen die Unteroffiziere von ihnen ab, ratlos, ungewiß,
was zu tun sei. Einer nur, ein großer, starker Sibirier, konnte sich
nicht halten, redete sich in Zorn, griff zur Knute, schlug auf die
Liegenden ein:
»Auf, ihr faulen Hunde! Auf!«
Ein Stoß traf ihn gegen das Kinn, ein zweiter gegen den Magen. Er
knickte in die Knie. Ein Dutzend über ihn her mit wildem Geschrei.
»Gebt's dem Satan! Tüchtig! Haut ihm die langen Zähne ins Maul, daß er
erstickt! Wir Hunde! Er selber Hund! Sohn von einem Hunde! Aas!«
Es regnete Hiebe auf den Sibirier. Immer mehr knäulten sich über dem zu
Boden Gezerrten, ihm eins auszuwischen.
»Brüder,« ein alter Soldat vom Ssemjenowschen Regiment drängte sich
vor, schob sich zwischen die Wütenden und ihr Opfer, »Brüder, schlagt
euren Bruder nicht.«
»Er hat uns geschlagen!«
»Brüder, schlug er euch, so schlug er, weil er selber geschlagen ist.
Brüder, wir sind alle geschlagen!« –
Und die Offiziere kamen, schrien und fluchten, ließen die blanke Waffe
sausen. Wunden klafften und Blut troff, aber die Schneiden wurden
stumpf an den harten Schädeln.
Ein General sprengt heran. Versuchte es mit Lockung:
»Kameraden! Einen Tag noch. Zwei. Und wir fassen die Türken, schmeißen
sie in die Sümpfe. Dann ist der Weg frei nach Konstantinopel. Einen Tag
noch, Kameraden!«
»Jetzt nennt er uns Kameraden,« grollte eine Stimme, »sonst heißt er
uns Schweine.«
Der General überhörte geflissentlich den Einruf, spornte sein Pferd:
»Vorwärts, Kameraden! Nach Konstantinopel!«
Sein Pferd bekam einen klatschenden Hieb auf das Hinterteil, daß es
stieg. Im selben Augenblick faßte eine Hand in die Zügel und zerrte es
herum:
»Wir wollen nicht nach Konstantinopel, wir wollen heim!«
»Heim! Wir wollen heim! Zu unsern Frauen! Zu unsern Kindern!«