XVI.

Am 1. Juli hatten die Russen den Dnjestr überschritten, am 7. Juli

schlugen sie bei Faltschi und Husch in der Walachei das Lager auf.

Sieben Tage lang waren sie durch schattenlose, wasserlose Wüste gezogen.

Sieben Tage lang.

Die Sonne hatte gebrannt, vom Abend bis zum Morgen, erbarmungslos.

Hatte niedergesengt auf Mensch und Tier. Und kein Trunk, keine

Erquickung. Ringsum nur dürres, verbranntes Gras und heißer, stäubender

Sand. Er beizte die Lider, er bohrte sich in die Nasen, er fraß in

den Kehlen, dörrte den Schlund. Jeder Atemzug war Schmerz, stach und

peinigte. Zitternd, keuchend drängten die Scharen vorwärts. Dorthin, wo

die Ebene zu Ende schien, wo leichte Hügel sich hoben, wo hinter den

Hügeln Täler sich bargen, Täler mit grünen Matten und einem silbern

rauschenden Bach, einem Rinnsal, einer Quelle.

Die Nasenflügel bebten, die starrenden Augen brannten, die von Durst

gequälten Leiber beugten sich nach vorne, taumelnd hasteten, stampften

die Füße, die bleischweren, dampfenden Füße, klommen die Hügel hinan

und standen, wankend, mit brechenden Knien.

Ebene, neue Ebene breitete sich vor ihnen, braune, trockene Halme

raschelten boshaft, und große, bröckelnde Erdrisse grinsten höhnisch.

Seit sieben Tagen krochen sie von Ebene zu Ebene, seit sieben Tagen

schmachteten sie nach einer Neige Wasser.

Seit sieben langen Tagen.

Nun ging es nicht weiter.

Wo sie standen, warfen sich die Leute hin. Lagen. Müde.

In trotziger Müdigkeit.

Die Unteroffiziere kamen, sprachen zu, baten, wurden barsch, befahlen.

Keiner rührte sich. Stumpf ließen die Ermatteten den Schwall über sich

hinbrausen, kaum, daß eine Miene in ihrem Gesicht sich verzog, ein Lid

sich hob.

Achselzuckend ließen die Unteroffiziere von ihnen ab, ratlos, ungewiß,

was zu tun sei. Einer nur, ein großer, starker Sibirier, konnte sich

nicht halten, redete sich in Zorn, griff zur Knute, schlug auf die

Liegenden ein:

»Auf, ihr faulen Hunde! Auf!«

Ein Stoß traf ihn gegen das Kinn, ein zweiter gegen den Magen. Er

knickte in die Knie. Ein Dutzend über ihn her mit wildem Geschrei.

»Gebt's dem Satan! Tüchtig! Haut ihm die langen Zähne ins Maul, daß er

erstickt! Wir Hunde! Er selber Hund! Sohn von einem Hunde! Aas!«

Es regnete Hiebe auf den Sibirier. Immer mehr knäulten sich über dem zu

Boden Gezerrten, ihm eins auszuwischen.

»Brüder,« ein alter Soldat vom Ssemjenowschen Regiment drängte sich

vor, schob sich zwischen die Wütenden und ihr Opfer, »Brüder, schlagt

euren Bruder nicht.«

»Er hat uns geschlagen!«

»Brüder, schlug er euch, so schlug er, weil er selber geschlagen ist.

Brüder, wir sind alle geschlagen!« –

Und die Offiziere kamen, schrien und fluchten, ließen die blanke Waffe

sausen. Wunden klafften und Blut troff, aber die Schneiden wurden

stumpf an den harten Schädeln.

Ein General sprengt heran. Versuchte es mit Lockung:

»Kameraden! Einen Tag noch. Zwei. Und wir fassen die Türken, schmeißen

sie in die Sümpfe. Dann ist der Weg frei nach Konstantinopel. Einen Tag

noch, Kameraden!«

»Jetzt nennt er uns Kameraden,« grollte eine Stimme, »sonst heißt er

uns Schweine.«

Der General überhörte geflissentlich den Einruf, spornte sein Pferd:

»Vorwärts, Kameraden! Nach Konstantinopel!«

Sein Pferd bekam einen klatschenden Hieb auf das Hinterteil, daß es

stieg. Im selben Augenblick faßte eine Hand in die Zügel und zerrte es

herum:

»Wir wollen nicht nach Konstantinopel, wir wollen heim!«

»Heim! Wir wollen heim! Zu unsern Frauen! Zu unsern Kindern!«

Ein livländisch Herz: Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman · 第 61 / 98 题