Er stöhnte: »Es ist unmöglich, unmöglich!«

»Wir müssen wagen, es möglich zu machen, weil wir ohne sie nichts wagen

können,« bestand Katharina.

Peters Gesicht verzerrte sich jäh, unmenschlich:

»Ich wollte, die Türken kämen und erschlügen uns alle!«

Das Schicksal nahm ihn beim Wort.

Die Türken kamen.

Vorgeschobene Streiftruppen hatten sie gesichtet.

Das wirkte gleich einer Peitsche.

Den Müdesten trieb ihr Schlag auf, dem Heimatsüchtigsten. Wer sich

nicht wehrte, dem halfen die Türken zur Heimkehr, aber zu einer, die er

sich nicht gewünscht hatte.

Das Schanzzeug flog von den Wagen. Fiebernde Hände schwangen Hacken und

Spaten, hieben und stachen wider den mürben Sand, türmten den haltlos

rinnenden, stampften Wall und Sicherung aus dem Boden.

Die Nacht kam. Die erste kühle, nach sieben glühenden. Von den Sümpfen,

die die Lagernden vom Pruth trennten, stiegen feuchte Dünste. Zogen und

sanken. Schauerten Frost in das erschlaffte Gebein. Der Morgen hauchte

wie Eis. Und dann stieg die Sonne.

Groß und rot und böse.

Und flammte.

Und fern aus der Ebene flammte es zurück. Breit und golden.

Der Halbmond.

Die Türken waren da.

Die Türken.

Hornruf und das Schlachtgeschrei der Janitscharen.

Klingend das Spiel und brausend wie ein Atem:

»Allah il Allah!«

Wie das Wetter warfen sich die türkischen Scharen auf die moldauischen

Hilfsvölker, jagten sie in die Sümpfe, fegten sich die Bahn frei zu den

Russen.

Die standen und warteten. Auf den Angriff.

Er blieb aus.

Stunde um Stunde warteten sie in zermürbender Pein. Bis zur Nacht.

Eine schlimme Nacht, eine üble Nacht.

Grell blinkten die Sterne, schadenfreudig, tanzten über dem Russenheer

und lachten.

Lachten.

Schatten zogen durch die Steppe heran. Im Rücken der Russen. Sammelten

sich, schlossen sich zusammen.

Dumpf ratterte und dröhnte es durchs Türkenlager, wälzte sich mit

plumpen Füßen auf jede Anhöhe, streckte und reckte sich und sperrte das

bläkende Maul gegen die Eingekreisten.

Eine schlimme Nacht, eine üble Nacht.

Kein Schlaf. In keinem Auge.

Jeder wachte.

In dem großen Zelte, das für Peter und Katharina aufgeschlagen worden

war, waren in dem großen Hauptraum der Zar und seine Generäle zum

Kriegsrat versammelt. Der Vorhang am Eingang wehte auf und nieder, als

zerre ein Wirbelsturm an ihm.

Bote auf Bote stürzte herein, hinaus.

Jeder, der ging, nahm eine Hoffnung mit. Jeder der kam, brachte sie

erschlagen zurück.

Über die mächtigen Karten, die auf dem riesigen Tisch gebreitet waren,

liefen die Blicke. Des Zaren, Menschikoffs, Scheremetjefs, Dolgoruckis

und all der hohen Generäle.

Liefen und suchten nach einem Auswege.

Und fanden keinen.

Hüben die Sümpfe, drüben die Steppe, vor ihnen die Türken. Und hinter

ihnen – hinter ihnen – –

[Illustration: Kaiserin Katharina I. von Rußland

Ein livländisch Herz: Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman · 第 63 / 98 题