Die dunklen, flinken Augen der Finnin schossen böse Blitze zu ihrem
Herrn. Sie schob tückisch die breite, aufgeworfene Lippe vor: »Ich bin
nicht unsinnig.« Es klang wie das Knurren eines gereizten Hundes.
»Unsinnig nicht,« der Senator Apraxin hatte sie prüfend
beaugenscheinigt, »aber zu mager. Der Zar schwärmt dafür nicht. Warte
noch ein paar Jährchen, Dingelchen, vielleicht machst du dann dein
Glück. Vorerst muß uns eine andere den Dienst leisten.«
Naryschkin schmunzelte: »Die Frau des Dschentschiks Tschernitscheff
ist jung, sehr hübsch und,« er dehnte die Worte, »gefällig. Auch ist
sie ein dankbares Gemüt und bleibt alten Freunden treu. Bei Hofe ist
sie kaum bekannt. Wenn sie dem Zaren in geeigneter Weise vorgeführt
würde ...«
»Sie trägt sich zu französisch,« mäkelte Lapuchin.
»Um so besser. Diesem Reiz wird der Zar am ehesten erliegen,« entschied
der Großinquisitor.
Ein unterdrücktes Kichern erscholl.
»Was hast du?« Der Fürst bohrte der Finnin die Hacken in die Seiten,
daß sie ächzte.
»Ach, nichts, Väterchen, es entfuhr mir nur so.«
Er hob drohend die Faust: »Ich kenne dich, die Bosheit hat aus dir
gelacht.« –
* * * * *
Wenige Tage später gab die Admiralität dem Zaren vor seiner Ausreise
zum Heer ein Abschiedsfest. Es war ein üppiges Mahl. Ein Gericht
drängte das andere, und alle Arten von Wein und Branntwein wirbelten in
hirn- und sinnverwirrendem Wechsel durcheinander. Der Abend war schon
weit vorgerückt und noch stand das Hauptgericht aus. Sechs Grenadiere
trugen es auf einer eigens geflochtenen Unterlage aus Weidenruten
herein.
Eine riesige Pastete.
Die Kunst des französischen Koches hat das mächtige Gebäck mit allerlei
sinnigen Bildern verziert. Da waren die Zimmermannsaxt und der Kompas,
der Anker, flammende Herzen und schnäbelnde Tauben. Dies alles
aber bildet nur den Rahmen zu dem Mittelstück: einer überzuckerten
Darstellung von Leda und dem Schwan. Die Leda auf der Pastete war
jedoch keine Griechin. Und über dem göttergleichen Schwan schwebte die
Krone des heiligen Wladimir: der Zar befruchtete Rußland.
Peters weingerötetes Gesicht glühte: er war nicht abgeneigt, seinen
Russen den Willen zu tun. Mit einem einzigen Schnitt öffnete er die
Pastete.
Die beiden Hälften schlugen glatt auseinander.
Auf dem Boden hockte fast völlig nackt, mit gespreizten Beinen ein
Weib. Nur die Füße und die festen prallen Waden bis zur Mitte der
Schenkel waren mit dunkelvioletten Strümpfen bekleidet, und auf dem
modisch getürmten Haar schwankte ein zarter Blumenhut.
»Ah!« des Zaren Blicke flackerten über die lockende Erscheinung hin:
»Diese Füllung lasse ich mir gefallen.«
Die Hockende bog den Leib zurück, und mit einer leichten zeichnenden
Gebärde hauchte sie wollüstig: »Alles für den Zaren.«
Im selben Augenblick schwebte sie samt dem geflochtenen Tortenboden,
von Peter emporgehoben, über der Tafel.
Sechs Grenadiere hatten unter der Last geächzt. Peters Brust tat nicht
einen Atemzug mehr als sonst. Auf zwei Armen trug er hinaus, was zwölf
Arme Mühe gehabt hatten, hineinzuschleppen. Langsam trug er es. Schritt
um Schritt.
Ein Vorhang wich zur Seite. Ein Vorhang fiel zu.
Die Nachspeise hielt der Zar allein.
* * * * *
Durch den Kammerherrn Naryschkin kam die Kunde über die Vorgänge bei
der Galatafel zum Fürsten Wolchonski.
Afranisja hörte dem Bericht mit lüsterner Spannung zu. Ihr breiter Mund
verzog sich in lautlosem Grinsen.
Der Fürst las in ihrem Gesicht: »Du weißt etwas,« fuhr er auf sie ein
und zerrte sie an den Haaren.
Sie fauchte auf und suchte sich dem unsanften Griff zu entwinden: »Du
wirst es schon bald genug erfahren, Väterchen, denn es läßt sich nicht
verbergen. Die Generalmajorin Tschernitscheff trägt sich nicht nur
französisch, sie hat auch,« ihre Stimme überschlug sich kicksend, »die
französische Krankheit.«
Ein Fußtritt warf sie zu Boden:
»Bestie!«