Die Wohltat der völligen Entrückung blieb ihm nicht lange gegönnt.
Das Getöse des Schusses hatte die Dienerschaft und deren Geschrei den
Fürsten herbeigerufen.
Er stieß die Lamentierenden, die sich mit Essigäther und feuchten
Schwämmen um die Erweckung des Prinzen bemühten, beiseite und
brachte die vor ihrer Tat geflüchtete Seele mit rauher Faust in die
Wirklichkeit zurück. Er fragte nicht lange um das Wie und Warum des
Geschehens. Ihm war es klar.
Wütend zerrte er den noch halb Bewußtlosen empor:
»Feigling, jämmerlicher Feigling.« In Alexei bäumte sich etwas gegen
diese Schmähung, der schmerzhaft verzogene Mund preßte heraus:
»Ich bin nicht feige.«
Eisiger Spott antwortete ihm: »Du hast recht, du bist schlimmer als
das, du bist ein Vaterlandsverräter.«
Der Zarewitsch zuckte wie unter einem Schlage zusammen:
»Vaterlandsverräter!« Der schwächlich Schwankende richtete sich steil
auf, die umflorten Augen blickten plötzlich klar: »Den Namen gebt dem,
den ihr meinen Vater nennt. Wie er meine Mutter verraten hat, verrät er
Rußland. Um des Fremden willen. An die Fremden. – Ich hasse ihn. O, ich
hasse ihn!«
»Natter!« Menschikoffs Finger krallten nach seinem Halse.
Ein hagerer Arm, eine eckige Schulter schoben sich zwischen ihn und den
Bedrohten. Ein bärtig überschatteter Mund rief warnend seinen Namen.
Es war Gräfin Barbara.
Unwillig kehrte der Fürst sich ab: »Giftiges Gewürm soll man
vernichten, wo man es findet. Ich danke es dir nicht, daß du mich
daran gehindert hast. Und ob Er es dir danken wird oder,« ein
verächtlicher Blick streifte Alexei, »jener ...« Achselzuckend ging er
hinaus.
»Du wirst es mir danken.« Barbara Arsenieff murmelte es ihm nach,
während sie sich mit sicherer Sachlichkeit um die Wunde des Zarewitsch
bemühte.
Über die dunklen klebrigen Krusten der Schußöffnung sickerte noch immer
ein fadendünnes rotes Gerinnsel. Aus einem der Schränke nahm sie ein
kleines leinenes Tuch, zerriß es rasch in kurze flockige Streifen und
preßte sie auf die Wundränder. Ein zweites Tuch kam dicht darüber.
Die ruhige Selbstverständlichkeit, mit der sie sich um ihn bemühte,
versetzte Alexei geradezu in Bestürzung. Noch nie hatte sich jemand in
Fürsorge seiner angenommen, etwas zu seinen Gunsten getan. Jeder, der
sich ihm genähert hatte, wollte etwas von ihm, im Guten oder Üblen,
hatte ihm geschmeichelt oder ihn mißhandelt, aber jedem war er der
Zarewitsch gewesen, keinem der nach einer teilnehmenden Seele hungernde
Mensch. In seinem Gesicht arbeitete es.
Gräfin Barbara hatte angestrengt acht auf sein Mienenspiel. Es war
nicht schwer zu erraten, was in ihm vorging.
Sich tiefer über den Verband bückend, als wolle sie ihn auf seinen Sitz
prüfen, flüsterte sie geheimnisvoll:
»Die Mutter grüßt dich, Alexei Petrowitsch.«
Eine Blutwelle dunkelte das blasse Antlitz des Zarewitsch, sein
Herzschlag stockte: »Meine Mutter,« stammelte er, »meine Mutter? Sie
hat nie nach mir gefragt.«
»Jeden Tag fragt sie nach ihrem Sohne, aber alle Boten, die ihr Herz
sandte, waren unverläßlich. Ihr Ruf hat das Ohr, für das er bestimmt
war, nicht erreicht.«
»Jetzt ruft mich meine Mutter, gerade jetzt.« Alexei war noch
immer fassungslos. Gleich einem Wunder war ihm dieser Gruß von der
Mutter. Die tiefe Angst über die rasche Tat, die ihn überfallen und
niedergeworfen hatte, war beschwichtigt: seine Mutter hatte ihn
gerufen! Eine Rechtfertigung war es ihm.
Gräfin Barbara hatte sein Gesicht nicht aus den Augen gelassen. Sie war
zufrieden mit dem, was ihre Worte ausgelöst hatten. Nun unterstrich sie
sie noch:
»Die Mutter sehnt sich nach ihrem Kinde.«
Sie wußte nicht, ob Eudoxia Lapuchin sich sehnte, nicht, ob sie sich
nach ihrem Kinde sehnte. Vielleicht hatte die Nonne Helena in der
Klosterhaft längst vergessen, daß sie einmal Zarin war, frei war,
einen Gatten gehabt hatte und einen Sohn. Sie wußte nichts von der
Verstoßenen, als daß sie lebte. Aber sie wußte, daß in dem Herzen des
einsamen Jünglings vor ihr eine ewig unterdrückte Sehnsucht nach der
Mutter brannte. Und wer es verstand, diese Sehnsucht klug zu nähren,
zu schüren, der konnte den Sohn in Empörung wider den Vater treiben,
er konnte das Mitgefühl einer glücklicheren Nebenbuhlerin für den
Unglücklichen wachrufen, ihr Geschick mit ihm verknüpfen und, wenn
er ihn im rechten Augenblicke fallen ließ, sie stürzen und sich den
Dank des vom Verrate der Seinen bedrohten Herrschers erwerben. – Ein
hartes Lächeln zog ihre bärtige Oberlippe über die festen starken Zähne
zurück: »Eine Seele sehnt sich.«
Die erschreckende Verwandlung ihrer Züge entging dem Zarewitsch, er
hörte nur das heiße Verlangen in ihrer Stimme, in der Stimme der Botin
seiner Mutter. Ein Tränenschwall brach aus seinen Augen, und mit einem
wilden Aufschluchzen sank sein Oberkörper vornüber in den Schoß der
Gräfin.