Fürst Menschikoff schien fester als je in der Gunst des Zaren zu
stehen. Sein geschicktes Eingreifen in der Schlacht bei Pultawa
hatte ihm den Herzogstitel von Ingermanland eingetragen, und nun
war er gar vor kurzem zum Erzieher des Zarewitsch ernannt worden.
Gegen die Übernahme dieses Amtes hatte der Fürst sich vergeblich zu
sträuben versucht. »Ich weiß,« hatte der Zar ihm auf seine Einwendungen
erwidert, »daß es keine leichte Aufgabe ist, die deiner wartet, aber
ich wäre ein schlechter Freund meiner Freunde, wenn ich ihnen nicht
immer neue Möglichkeiten gäbe, ihre Freundschaft zu bewähren.« Es
hatte scherzend geklungen, und der Fürst hatte auch dazu wie zu einem
Scherze gelacht. Erst als sich ergab, daß der Zar bei seiner Absicht
beharrte, hatte sich ihm die unangenehme Empfindung aufgedrängt, daß
dahinter etwas wie eine Prüfung stecke, und auch jene Äußerung dünkte
ihm nunmehr nicht harmlos, sondern von hinterhältigem Hohne.
Der Zar hatte in der Tat eine Probe vor. Die Übertragung des
Erzieheramtes an den selbstbewußten Fürsten war wohl berechnet.
Peter wußte genau, wie sehr sein vom Geschick und von ihm verwöhnter
Günstling den unfähigen Thronfolger verachtete. Er ermaß mit
Vorbedacht die Kränkung, die für jenen, der sich gut genug für einen
Herrscherthron dünkte, darin lag, daß er bestimmt wurde, mit seinen
Fähigkeiten den Mängeln offenbaren Ungenügens abzuhelfen. Was wie eine
Ehrung aussah, mußte als Demütigung wirken. Und sollte es. Übermut
sollte gedämpft, hochfliegende Hoffnungen beschnitten werden. Es war
ein gefährliches Experiment. Und der, dessen er sich dazu bediente,
war sein Sohn. – Peter blickte finster, seine Lippen preßten sich hart
zusammen. In seinem Herzen sprach keine Stimme für den Erben seines
Blutes.
War dessen Dasein schon zuvor voll Leid gewesen, jetzt wurde es ihm
zur Qual gemacht. Es war, als habe Menschikoff die geheimsten Wünsche
seines Herrn erraten und beeile sich, sie der Erfüllung zu nähern, so
sehr zielte seine Erziehung darauf ab, zu zerstören. Zu allem, was
dem Prinzen widrig war, zwang er ihn. Von seinen stillen Studien riß
er ihn fort zu wüsten Gelagen, schleppte den Scheuen und Schüchternen
in die Gesellschaft ausgepichteter Trinker und verbuhlter Weiber. Mit
gesenkten Lidern saß der Unglückliche auf seinem Stuhle. Er wollte
nicht sehen, wollte selbst nicht mit den Blicken teilhaben an der Sünde
um ihn her, und konnte doch nicht hindern, daß das verliebte Kosen,
die lüsternen Seufzer und das Stöhnen der Wollust an sein Ohr drangen.
Verzweifelt rang er die schmalen Finger zu heißem Gebet ineinander.
Vergebens. Ein seufzender Flüsterlaut in seiner Nähe, ein zärtliches
Ächzen verwirrte ihm die Gedanken. Wider seinen Willen kamen seine
Sinne ins Sieden. Glühendheiß stieg es in ihm auf. Ungewohnte Begierden
begannen sich in ihm zu regen. Er erschrak. Zitternd suchte sein Blick
den Mentor. Der bot den Becher: »Brand muß gelöscht werden!« Und an
seiner andern Seite lockte ein Frauenmund: »Brand muß gelöscht werden!«
Er erbebte, als habe er das Gesicht der Meduse geschaut und griff
nach dem Pokal. Doch der gepfefferte Wein brannte wie Feuer in der
Kehle und die schwählende Not in seinem Leibe stieg. Ratlos, hilflos,
ein wehes Zucken um den schmalen Mund, Tränen in den Augen sank er
in die ausgebreiteten Arme des Weibes. Zuflucht suchte er und fand
Begierde. Entsetzt wendete er sich ab. Da warf ihn der Ekel nieder.
In Strömen brach es aus seinem Munde, ohne Aufhören, wie wenn er sich
selber ausspeien wollte. Über und über besudelt, wand er sich am
Boden, leichenblaß, mit stierem Blick und flatternden Lippen. Und sein
Erzieher stand über ihm und stieß mit dem Fuß nach ihm: »Eines Zaren
Sohn!«
Das war Menschikoffs Rache für das unerbetene Amt. Und Tag für Tag
kühlte er sein Mütchen neu an dem Gehaßten. Der geringste Widerspruch,
ja auch nur der zaghafteste Versuch eines Einwandes gegen seine
willkürlichen Anordnungen trugen dem Prinzen die schmählichsten Strafen
ein. Mehr als einmal brannten auf dessen Wangen breite Striemen von
den Fingern des Fürsten, der Ungehaltene warf den bestürzten Zögling
zu Boden, schleifte ihn an den Haaren durch das Zimmer und stieß ihn
mit dem Kopfe gegen die Wand. Es war kaum möglich, noch eine Steigerung
der Plagen zu ersinnen, die dem Ärmsten das Leben verbitterten.
Menschikoffs zornige Gereiztheit hatte es fertig gebracht. Es war das
Schlimmste, was er dem Prinzen antun konnte. Er hatte ihm angekündigt,
er müsse sich bereit halten, zur Armee zu gehen. Und da der Prinz diese
Anordnung mit einem stundenlangen Weinkrampf beantwortet hatte, war sie
dahin verschärft worden, daß er an den Kampfhandlungen an der Front
teilzunehmen habe.
Alexei war der Verzweiflung nahe: töten, seine Hand sollte töten? Er
starrte auf seine Finger, er streckte, er krümmte sie. Sie kamen ihm
vor wie Ungeheuer, denen ein Übermächtiger befehlen konnte, sich wider
ihn zu empören. Würden sie tun, was jener Schreckliche forderte?
Er prüfte sie aufmerksam, er beobachtete sie, wenn sie scheinbar
ruhten, und er belauerte ihr Bewegen, ihr Spielen. Und je mehr er sich
mit ihnen beschäftigte, um so stärker wurde in ihm die Angst, sie
könnten sich ohne seinen Willen, gegen seinen Willen zu Abscheulichem
gebrauchen lassen. Seine Rechte wurde ihm ein Gegenstand der Furcht
und des Abscheus. Das war die Hand, die die Waffe führte, die dem
Nebenmenschen nach dem Leben trachtete. Er vergaß, daß dieselbe Hand
es ist, die die Feder führt, die Wohltaten reicht. Er gewahrte nur
noch ihre blutigen Absichten. Ein Schauder überlief ihn, wenn er seine
Rechte ansah, er begann die Fürchterliche zu hassen. War sie nicht
da in ihrer schauerlichen Lüsternheit des Nehmens, so konnte keiner
ihn zwingen, Böses zu tun wider seinen Willen. Wenn er sich ihrer
entledigte. – –
Der Gedanke nistete in ihm.
Er saß und sann.
Vor ihm auf dem Tische lag ein geladenes Terzerol. Menschikoff hatte
es dort hingelegt. Recht auffällig. Um den Prinzen zu entsetzen. Der
Anblick hatte ihn auch beinahe umgeworfen. Auf wankenden Knien war er
näher geschlichen, das Mordwerkzeug mit einem Tuche zu bedecken. Da
war es ihm durch den Kopf geschossen: ein Griff, ein Druck und du bist
frei! – Totenblaß hatte er an der Wand gelehnt, den Blick wie gebannt
auf den spiegelblank geputzten Lauf der Waffe gerichtet: frei? War Tod
Freiheit? Überwindung war Freiheit! Er wollte das Zeichen des Kreuzes
machen, doch die Rechte hing ihm wie gelähmt herab. Er schlug es mit
der Linken. Spähend forschten seine Augen nach der andern Seite:
hatte sich dort der Teufel festgesetzt? Die eben noch so leblosen
Finger zuckten: es gelüstete sie, das tötende Spielzeug zu betasten.
In seltsamer Neugier über sich selber gab er ihnen nach. Wie mochte es
sich anfühlen? Vorsichtig fingerte seine Rechte daran herum. Es war
glatt und kühl. Wie die Hände einer Mutter, die sie um die schmerzende
Stirn ihres Kindes legt. Leise nahm die Hand die Waffe auf, wog sie.
Dabei drehte sie sich, drohte zu fallen. Hastig packte er zu, bekam den
Kolben zu fassen, und wie von magischer Gewalt berührt, spannten sich
die Sehnen. Ächzend sank der Zarewitsch auf einen Sitz: das Unheil war
geschehen. Der Böse hatte Macht über seine Hand. Sie war bereit, zu
töten.
Weh ihm! Große Tropfen rannen aus seinen Augen: er würde zum Mörder
werden. Zum Mörder! Mußte er das dulden?
So dein Auge dich ärgert, reiße es aus und wirf es von dir! Und so
deine Hand ...
Er dachte nicht weiter. Mit einem Ruck entwand seine Linke der Rechten
die Waffe und drückte ab.
Blitz, Rauch und Knall.
Etwas Hartes schlug den Arm beiseite. Warm rieselte das Blut aus dem
zerschmetterten Gelenk. In dicken Tropfen färbte es den Teppich.
Der Zarewitsch sah staunend auf das ungehemmte Quellen. Das floß und
floß.
Jäh zuckte es ihm durch den Sinn: Wer Menschenblut vergießt ...