Nach zeitgenössischen Darstellungen]

Der alte Seefahrer ließ sich nicht bitten, zu berichten: von Rotterdam

aus hatte er seinen Kutter gesteuert, durch den Kanal, hinunter nach

Spanien, vorüber an Teneriffa, ums Kap der guten Hoffnung. Indien

lockte. Da taucht abseits die Insel auf, unweit der afrikanischen

Küste. Ein üppiges Land. Reich an Schätzen. Schöne Frauen. Seltene Erze.

»Das Volk weiß nicht wohin mit seinem Überfluß.«

Gebannt hing der Lotse an den Lippen des Erzählers:

»Wenn ich eine Flotte ausrüstete ...« Wie im Traum kam es aus schwerer

Brust.

Der Holländer hieb auf den Tisch, daß es dröhnte:

»Ihr eine Flotte, Mann?«

Der Lotse riß sich aus seiner Benommenheit, ein purpurner Schein

dunkelte die gebräunten Wangen:

»Selbstverständlich, der Zar. Aber Ihr müßt wissen, Kapitän,« er

tupfte dem andern auf den Arm, »der Zar und ich sind so gut Freund

miteinander, daß ich manchmal beinahe glaube, wir sind ein und

derselbe.«

»Herr, das wäre ein Spaß,« brummte der Alte. In seine Unbefangenheit

fiel nicht der leiseste Dämmer einer Ahnung. »Und Ihr meint, Euer Zar

würde eine Expedition ausschicken?« Die Abenteurerlust blitzte ihm aus

den Augen. »Es wird ihm zu weit sein,« zweifelnd wiegt er den Kopf,

»hinter Afrika.«

Mit ihren schönen, festen Händen strich Katharina das Tischtuch vor

sich glatt: »Für den Zaren ist nichts zu weit. Die Armenier bitten

um seinen Schutz, der Hospodar der Walachei sucht Anschluß an ihn,

die Serben schicken Boten, die Söhne der Schwarzen Berge wenden sich

um Hilfe an ihn, die Griechen hoffen, daß er das oströmische Reich

erneuere ...«

Sie brach ab. Die Tür hatte sich geöffnet, auf der Schwelle stand der

Kammerherr Jaguschinski. Das lasche, gedunsene Gesicht war gerötet.

»Ew. Majestät ...«

Der Holländer sprang auf, polternd stürzte sein Stuhl: »Der Zar, ich

war beim Zaren zu Gast?«

Er mußte sich am Tische halten. Die Überraschung war ihm in die Knie

gefahren.

»... vom Khan der Kalmücken ist eine Gesandtschaft eingetroffen,«

beendete Jaguschinski, der an dergleichen Vorfälle gewöhnt war, seine

Meldung. »Sie bieten einen Freundschaftsvertrag an. Der Khan öffnet uns

die Grenzen seiner Länder und damit den nächsten Weg nach China.«

»Da hört Ihr's,« Katharina rüttelte den Holländer, der immer noch nicht

völlig Herr seiner Verblüffung geworden war, an der Schulter: »die

Straße nach China tut sich auf, und Madagaskar sollte uns zu weit sein?

– Nichts ist zu weit, was unser Wille ergreift!«

In Peters Augen leuchtete es auf: »Kamerad,« sagte er und preßte ihre

Hand mit festem Druck: »Kamerad!«

* * * * *

Jaguschinski hatte den Gast mit nach Petersburg genommen, ihn, wie es

der Zar befohlen hatte, durch ein Gelage in der Admiralität zu feiern.

Peter und Katharina waren allein.

Es ging zum Abend. Linde Wärme lag über dem sanft zur Bucht sich

senkenden Strande. In kleinen Wellen spielte die See mit dem weißen

Sande.

Wie es einem Lotsen und seinem Weibe nach vollbrachtem Tagwerk ziemt,

saßen der Zar und Katharina auf der Bank vor dem Hause. Katharina, die

nie müßig blieb, mit einer Knüpfarbeit beschäftigt. Um sie her in dem

kleinen Garten dufteten Levkojen und Balsaminen. Ein milder, würziger

Geruch zog durch die leicht bewegte Luft.

Das Meer lag spiegelnd in der sich neigenden Sonne. Weit und

grenzenlos. Nur gegen Osten blitzte ab und zu ein helles Segel auf:

heimkehrende Fischer, die in die Newa einliefen. Vom Strande herauf

tönte das Jauchzen von Kinderstimmen, schwarze Pünktchen rannten und

purzelten durcheinander und rappelten sich wieder auf die spieleifrigen

Beine. Sonst Stille.

Leise klirrten die Nadeln unter Katharinas geschäftigen Fingern.

»Muder!« Peter umfaßte die Emsige und lehnte sich an sie. »Muder,«

liebkosend strich er über den fraulich gewölbten Leib.

Wie in Abwehr richtete sich Katharina steif auf. »Dich freut das

Wachsen.« Ihre Stimme klang herbe.

»Dich nicht?«

»Du denkst nur an dich. Ich muß an das Werdende denken. Immer und

immer. Wozu wird es?«

Der Zar wies hinüber, woher die Stimmen ihrer Kinder Anna und Elisabeth

tönten, die mit der Prinzessin Maria, der Tochter Menschikoffs und

seiner Gattin Darja sich tummelten: »Sie vergnügen sich.«

»So scheint es.«

»Ist es anders?«

Die vollen Schultern Katharinas hoben sich zuckend: »Lisenka ist noch

ein Rotznäschen, das nichts versteht. Aber Anja kommt oft mit roten

Augen heim. Das Mariechen deines Herzbruders ist ein kleiner gehässiger

Balg.«

»Kinderzank. Das ist wie Aprilwetter.«

Katharina warf den Kopf in den Nacken. Der feste Blick ihrer grünen

Augen faßte Peter: »Es sind deine Kinder, gegen die sie ihr Gift

spritzt.«

Vom Strande her klangen schrille Aufschreie, vier Füßchen trabten eilig

gegen das Haus.

»Väterchen! Väterchen, liebes!« Atemlos klammerte sich die vierjährige

Anna an Peters Knie. Dicke Tränen liefen über ihre Wangen. Die

zweijährige Elisabeth bildete heulend die Begleitung.

»Was haben meine Eingeweidchen?« Der Zar zog die Kinder auf seinen

Schoß. »Wer tut meinen Würmlein was?«

Schluchzend, stockend brachte Anna eine ärgerliche Geschichte heraus.

Sie hatten friedlich zu dritt mit der Prinzessin Marie gespielt, dann

hatte es Streit gesetzt, und als Anna mit ihrem Väterchen, dem Zaren,

gedroht hatte, hatte die kratzbürstige kleine Menschikoff nach ihr

geschlagen und sie »frechen Bankert« geheißen.

»Bankert hat sie gesagt, Väterchen, Bankert? Was ist das?«

Die Knüpfarbeit Katharinas rollte zu Boden. Ihr Busen flog. Doch sie

zwang den Sturm:

»Das ist Gräfin Barbaras Schule. Sie haßt mich, weil ich mich nicht

zu ihrem Werkzeug gemacht habe. Nun möchte sie ihre Schuhe an mir

abputzen. Darf sie das?« Der Ton der Frage machte sie zur Forderung.

Der Zar fühlte, was auf dem Spiele stand. Sein Antlitz war tiefernst,

er legte die Rechte wie zum Schwur auf die Häupter der Kinder: »Bei

Gott, sie wird dir die Schleppe tragen.« – – –

Ein halbes Jahr danach luden der Kammerherr Jaguschinski und der

Admiralitätschef Kikin zur kirchlichen Einsegnung der Ehe des Zaren mit

Katharina Alexejewna.

Die Zeremonie fand in der Kapelle des Palastes Menschikoff statt.

Prinzessin Natalie, die Witwe des Zaren Iwan, der Vizeadmiral Cruys und

ein Konteradmiral waren die Trauzeugen.

Abends war großer Empfang bei Hofe und Galatafel. Zum ersten Male übten

die der Zarin zugeteilten Ehrendamen ihr Amt. Es waren die Fürstin

Galizin und die Gräfin Barbara Arsenieff.

Ein livländisch Herz: Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman · 第 53 / 98 题