Verzeih mir, Anne -- ich hab dich zu spät erkannt -- --

+Anne+

Und wenn’s noch Zeit wär, Herr Christian -- die andere Sorge auch los

zu werden --?

+Christian+

(sich aufraffend, rauh)

Was soll das! Laß das! Ich sagte: zu spät!

+Anne+

(seine Linke mit beiden Händen ergreifend)

Ich hab geschwiegen so viele Jahr lang, ich werd schweigen darüber bis

ans Grab: sprechen Sie aus, was Ihnen das Herz abdrückt!

+Christian+

Sei vernünftig, Anne, reg mich nicht auf! (_Lächelnd_) Du weißt, das

verträgt der Geheimrat nicht.

+Anne+

Ich bitt Sie, Herr Christian, liebster Herr: spotten Sie nicht, ich

fleh Sie an! (_Zu ihm hinknieend_) Ich hab noch nie vor einem Menschen

gekniet -- ich beschwör Sie bei Ihrer Qual -- (_mit beiden Händen nach

dem Porträt weisend_) bei den Augen, die Sie verfolgen --: nehmen Sie

nicht das Geheimnis mit hinüber!

+Christian+

Steh auf! du beschämst mich! Ich d-dulde das nicht! Der Justus hat dich

ganz wirr gemacht! Steh auf, sag ich dir, du machst mich zuschanden!

Willst du mir +noch+ einen Schlaganfall einjagen?

+Anne+

Ich will Ihrer armen Seele beistehn! Die macht’s ja nur, daß der Körper

büßt!

+Christian+

(wild seine Linke gen Himmel spreizend)

Ist denn selbst die Barmherzigkeit eine Furie?! -- (_Die Hand auf

Annens Kopf senkend, sanft_) Was weißt du von meiner Buße, du Engel.

Steh auf, du überhebst dich vor Demut. (_Die Hand an seine Stirn

legend_) In dies Geheimfach dringt nur der Tod. (_Draußen elektrisches

Klingelzeichen, während Anne sich erhebt_) -- Geh, öffne; (_matt ihre

Hand ergreifend_) du hast mir wohlgetan --

+Anne+

(küßt seine Stirn, dann mit traumhaftem Ausdruck)

Denn uns ist heute der Heiland erschienen -- (_legt beglückt ihre Hände

vor die Brust und geht so leise nickend hinaus_) -- --

+Christian+

(wendet sich langsam nach dem Porträt um)

Verfolgst du mich wirklich noch?! -- (_Wendet sich langsam zurück,

schließt die Augen; dann mit verklärtem Gesicht_) Bald nicht mehr -- --

(_Die Tür geht auf, Anne läßt den Minister und den Oberbürgermeister

eintreten_) --

+Der Minister+

(mit einer Verbeugung, der sich der Bürgermeister anschließt,

während Anne Holz in den Kamin legt)

Guten Tag, Herr Geheimer Rat; es tut mir leid, Sie stören zu müssen.

+Christian Wach+

Nicht im geringsten, Euer Excellenz. Wollen Sie nur entschuldigen, daß

mein Zustand mir nicht erlaubt, den Herren geziemend entgegenzukommen.

Darf ich bitten, Platz zu nehmen.

+Minister+

(während Anne hinausgeht)

Die Ehrerbietung erfordert zunächst, meinen Auftrag stehend zu

erstatten. Auf Befehl Seiner Königlichen Hoheit, unsers gnädigsten

Landesherrn, habe ich Ihnen, Herr Geheimer Rat, die persönliche

Eröffnung zu machen: So sehr die Gesinnung zu würdigen ist, aus der Sie

Ihre Namensverknüpfung mit dem von Ihnen gestifteten radioklinischen

Institut ablehnen, kann doch des guten Beispiels wegen ein solches

Geschenk nicht angenommen werden, ohne es durch ein rühmliches Zeichen

der allgemeinen Erkenntlichkeit zu erwidern. Seine Königliche Hoheit

haben daher geruht, in der Annahme, daß es Ihnen eine Weihnachtsfreude

bereiten wird, Sie in den Adelsstand zu erheben; die Urkunde folgt

heute Nachmittag. (_Sich auf den Stuhl links des Tisches setzend, mit

lächelnder Unamtlichkeit_) Ich erlaube mir, Herr von Wach, Ihnen ohne

Phrase zu sagen, daß ich Ihren Dank richtig ausrichten werde.

+Christian von Wach+

Es liegt meinem Selbstgefühl fern, Excellenz, mich gegen ein gütiges

Wort zu wehren -- (_sie reichen einander unwillkürlich die Hand_).

+Der Bürgermeister+

(ist stehen geblieben, räuspert sich)

Ich bin nicht blos erschienen, Herr Geheimrat von Wach, um Ihnen

meinen aufrichtigen Glückwunsch zu der soeben vernommenen hohen

Auszeichnung darzubringen; ich stehe hier zugleich in Vertretung der

behördlichen Körperschaften unserer Haupt- und Residenzstadt, die

auf mein sachliches Betreiben, trotz der persönlichen Widerstände

gewisser starrköpfiger Mitbürger, den weitherzigen Beschluß gefaßt

haben, zur dauernden Erinnerung an die gemeinnützige Betätigung Ihrer

unentwegten Menschenliebe ein bedeutsames Merkmal zu errichten, sowohl

um Ihnen selbst im Gedächtnis künftiger Zeiten und Geschlechter

Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, als auch um andere Menschenfreunde

zu gleicher Betätigung anzuleiten. In diesem überpersönlichen Sinne,

hochzuverehrender Herr Geheimrat, soll Ihr in Öl gemaltes Porträt,

und zwar von der Hand des bewährten Direktors unserer Kunstakademie,

in unserem Rathause aufgehängt werden; und in Rücksicht auf Ihre so

werte Gesundheit, deren baldige Wiederherstellung jeder Wohlgesinnte

wünschen muß, bitte ich Sie, ihm mitzuteilen, zu welchen Stunden Sie

ihm in der Festwoche die leider aus künstlerischen Gründen unumgänglich

erforderlichen Modellsitzungen gewähren wollen.

+Christian von Wach+

Sie dürfen überzeugt sein, Herr Oberbürgermeister, daß ich Ihren

„weitherzigen Beschluß“ im vollen Umfang zu schätzen weiß, sowohl die

überpersönliche Gerechtigkeit wie die persönlichen Widerstände. Ich

meinesteils würde zwar am liebsten ebenso starrköpfigen Widerstand

leisten; aber da ich nicht mehr kräftig genug zu dieser (_absichtlich_)

Betäterätätigung bin, so bitte ich dem Herrn Akademiedirektor mit einem

verbindlichen Gruß zu bestellen, daß er seine Staffelei wohl bald vor

meiner L-Leiche wird aufschlagen können.

+Bürgermeister+

Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3) · 第 120 / 272 题