+Christian+
Laß mich erst ausreden, bitte. Du kannst damit machen, was du willst;
kannst den Plunder verschenken, an wen du willst, meinethalben an den
verkommensten Strolch. Nur die eine Bedingung ist dir gestellt: keinen
Pfennig mehr darfst du für irgend eine dieser öffentlichen A-Anstalten
stiften, die unter der Maske des Samariterdienstes eine Gesellschaft
von Pharisäern züchten. Denn daß du’s nur weißt, liebe alte Anne:
ich will dich nicht in Versuchung führen, ob deine Barmherzigkeit
+auch+ am Ende in die allgemeine Herzlosigkeit umschlägt, die sich
M-Menschenfreundlichkeit nennt. Selbst das größte Gefühl wird klein,
wenn es sich aufputzt mit großen Begriffen; ein bißchen Güte von Mensch
zu Mensch ist besser als alle Liebe zur Menschheit.
+Anne+
Das sagen Sie blos wieder, um sich zu quälen. Der gute Wille ist
allzeit heilig.
+Christian+
Wenn du also einverstanden bist, dann liegt es auch in deiner Hand,
das Vermächtnis an Justus größer zu machen. Ich möchte mit ihm nicht
darüber sprechen, und ich bitte auch dich inständig, es nicht vor
meinem T-Tode zu tun; er denkt sonst, ich wolle ihn bestechen, und
das würde die Versöhnung erschweren, die ich noch von ihm zu erlangen
hoffe. Also nicht wahr, du schweigst darüber!
+Anne+
Ja gewiß, Herr Christian, gern.
+Christian+
Du kannst dir ja immer überlegen, ob es vielleicht ein christliches
Werk ist, ihm mehr als die drei Millionen zu geben, die er vor Jahren
von mir verlangt hat; meinethalben das Doppelte.
+Anne+
Was ist da groß zu überlegen? Was braucht ein einzelner Mensch soviel
Geld? Es lädt ihm blos Ängste auf die Seele. Sie, Herr Christian,
hätten’s auch leichter gehabt, wär nit die große Erbschaft gewesen.
+Christian+
(lächelnd)
Du fühlst dich wohl nicht als „einzelner Mensch“?
+Anne+
(lachend)
O, ich leichte Person! bei mir bleibt’s nit lang! Hier in der Näh gibts
’ne ganze Straße, da konnt man in einer Nacht die Millionen los werden,
damit das geschminkte Elend mal ein rechtschaffen Christfest feiern
kann.
+Christian+
Du hast’s ja gut vor; gib nur Acht, daß dir die Lichter nicht den Baum
verbrennen. Glaub mir: was der Mensch auch tun mag aus Mitleid, es ist
nie genug und immer zuviel. Du wirst vielleicht noch zufrieden sein,
daß du dem Justus die Sorge aufpacken kannst, wie man das Geld am
besten los wird.
+Anne+
Davor ist mir nit bang, dafür sorgt unser Herrgott; ist eitel Dunst
um jegliche Guttat, die seine Welt verbessern will. Einfach wohltun,
soviel man kann, aus +Freud+ am Wohltun, mehr kann man nit. Was
würd denn der stolze Herr Justus sagen, wollt ich vor ihn hintreten und
ihm was schenken? Nein, das geht nit; dem kann ich das nicht antun.
+Christian+
(langsam nach ihrer Hand tastend)