D. J. M. Na, was Andres hab ich doch niemals behauptet!

D. D. D. Nun aber die freieren, reineren Künste, die ich vorhin die

+erhebenden+ nannte, weil sie höher hinauswollen als das sinnliche

Dasein: was hat der Volkskörper damit zu schaffen? Er dient ihnen

höchstens als Mittel zum Zweck; hier herrscht ganz und gar nur die

Schöpfermacht der begeisterten und begeisternden Seele. Diese Künstler

bewerben sich nicht um Volksgunst, sie betreiben das innere Wachstum

der Menschheit. Da will der Geist die Nerven des Leibes nicht blos

mit flüchtigen Reizen liebkosen, sondern innigst mit seinem Liebreiz

befruchten, bis in die feinsten Gehirnzellenfasern, die kein Vivisektor

je auskennen wird, weil immer noch welche nachwachsen werden. Da

empfängt die Form kaum noch indirekt von der populären Tradition ihren

Stil; denn das durch und durch Maßgebende ist da eben die befreiende

Leidenschaft, die neues Menschentum schaffen will, dieselbe göttliche

Leidenschaft, aus der auch die religiösen Visionen, die sozialen und

nationalen Phantome, kurz alle Ideale entspringen. Sie tritt immer

zuerst nur im Einzelgeist auf, ist nie und nirgends dem Volk gleich

willkommen, muß überall erst im Kampf mit der Welt ihre rätselhafte

Kraft erweisen, die an jedem Widerstand wächst und reift. Ja, sie

stammt sogar aus dem Widerstand: aus dem Zwiespalt zwischen Mensch und

Natur, den die Kultur überbrücken möchte, und der sich im schaffenden

Einzelgeist als Konflikt mit den Masseninstinkten auftut. Oder meinen

Sie etwa, daß Ihre Judith, an der Sie sich Jahrelang abgequält haben,

sofort begeisterten Zuspruch fände, wenn Ihr verehrliches Publikum aus

lauter koscheren Juden bestünde?

D. J. M. Gott der Gerechte! Dann doch schon lieber aus lauter

gemischten ollen Hellenen.

D. D. D. Ja, die hättens Ihnen erst recht gesteckt; den Phidias

wenigstens haben sie wegen Gottlosigkeit aus Athen weggegrault, und

der Äschylos wurde so kujoniert, daß er ebenfalls ausgewandert ist.

Die deutschen Schulmeister sind zwar der gütigen Meinung, daß jeder

Spießbürger von Athen ein Zeitgenosse des Perikles war und begeistert

in die Tragödie ging; er ging aber hin, weil’s Staatspflicht war,

weil ihm das Eintrittsgeld ausgezahlt wurde, weil er den berühmten

Obolus krigte, durch den ein paar raffinierte Patrizier die primitive

Kirmeßbühne zur sozialpolitischen Anstalt entwickelten. Begeistert

war man vielleicht für den Chortanz, für die bachantische Satyrposse,

für die religiösen Prozessionen, und was sonst noch an festlichem

Schaugepränge mit dem Drama seit Alters zusammenhing. Begeistert war

man für alle Gymnastik, wie mans heute für Zirkus und Variété ist,

oder in Spanien fürs Stiergefecht. Das Volk begeistert sich immer blos

für ~panis et circenses~ von selbst; das war im antiken Athen und

Rom ganz wie im modernen Paris und Madrid. Die Plebs will sich einfach

delektieren; zwar möglichst variabel, doch immer simpel. Das Erhabene,

wenn es nicht altersgrau war, beschmiß der athenische Bildungspöbel

mit genau solchem kritischen Schnodderwitz, wie heute der berlinische;

Beweis die Aristophanische Posse, die diesen Witz mit genialer

Selbstironie in die poetische Sphäre erhob. Die Kunst des geläuterten

Menschengeistes, die sich aus instinktiven Konflikten zu ästhetischen

Harmonieen hinaufringt, liegt ursprünglich stets nur im Bedürfnis

komplizierter Persönlichkeiten, schon dem Wesen der Motive nach; sie

wird überall erst durch die Liebhaber dem Volksgeschmack allmählich

vermittelt, und mit gründlichem Erfolg nur dann, wenn die Vermittler

zur herrschenden Klasse gehören oder sonstwie in Amt und Würden

sitzen, z. B. auf dem Schulmeisterthron. An Ihrer Judith hat sichs ja

deutlich gezeigt; wer sieht denn da heute das geistige Pathos hinter

der sinnlichen Attitüde? Selbst der gebildete Durchschnittskenner hat

einstweilen noch keine leise Ahnung von dem allgemein menschlichen Wert

dieser Geste; er besieht sich den naturalistischen Akt.

D. J. M. Ist mir ja ungemein schmeichelhaft alles; aber eigentlich

muß ich ehrlich bekennen, ich hatte selber noch keine Ahnung davon.

Ich denke beim Malen an nichts Allgemeines, ich will immer was ganz

Besonderes machen. Sie sehn doch, ich zeichne hier Ihre Visage, und Sie

reden das Blaue vom Himmel herunter. Kommt mir ja alles sehr gottvoll

vor, und mein sogenannter Menschengeist denkt sich ja auch allerlei

dabei; aber bilden Sie sich nun faktisch ein, davon soll was auf Ihr

Porträt abfärben? Ich sage Ihnen, +die+ Sorte Geist hat mir noch

keinen Bleistiftstrich machen helfen!

D. D. D. Sie scheinen das sehr genau zu wissen. Aber Ihre Kohlenskizze

da würde doch vielleicht etwas anders ausfallen, wenn ich hier stumm

wie ein Fakir säße oder tragische Verse deklamierte.

Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3) · 第 79 / 272 题