D. J. M. Wunder! Hat auch ein kostbar Stück Geld gekostet. Aber was ich
eigentlich sagen wollte: kennen Sie auch alte Delfter Fayencen?
D. D. D. Einigermaßen; und nun soll ich wohl eingestehen, der Holländer
hab’s dem Chinesen nachmachen wollen und wegen seiner Rasse nicht
fertig gekrigt?
D. J. M. Ach was, Blech! Fayence ist natürlich kein Porzellan. Aber daß
er bei der Nachmacherei ganz was Anderes aus den Mustern gemacht hat,
was in seiner Art ebenso kostbar ist, und daß nachher, als die Delfter
Muster dann in Japan weiter nachgemacht wurden, ditto was Anderes draus
geworden ist -- was sagen Sie +dazu+, Sie deutscher Dichter?!
D. D. D. Darauf könnte ich erstens erwidern, daß es japanische
Ornamente genug gibt, die man für holländische oder chinesische
ansprechen würde, wenn man ihren örtlichen Ursprung nicht wüßte oder
aus Nebenumständen erriete. Wie man z. B. auch das Buch Ruth, wenn
es nicht in der Bibel stünde und hebräische Nomenklatur an sich
trüge, für ein wahres Schatzkästlein altdeutscher Treuherzigkeit,
Rechtschaffenheit und Innigkeit ausgeben dürfte. Und der im Schädelbau
sehr germanische Schiller könnte nach seinem gesamten Sprachbau viel
eher ein Landsmann von Racine, Rousseau und Victor Hugo sein, als
von Hans Sachs, Grimmelshausen und Heinrich v. Kleist. Überhaupt:
wenn man ohne Vorurteil nachprüft, beruht die ganze Beweismethode
der rassendogmatischen Kunstgeschichte auf dem bekannten Fehlschluß
~post propter~, oder sogar blos auf Tautologie. Eine konstant
gewordene Verbindung gewisser Eigenschaften benamst man „Rasse“, und
im Handumdrehn wird dann die Benamsung zur innersten Ursache dieser
Konstanz und womöglich auch noch der Eigenschaften; also etwa wie nach
Onkel Bräsig die große Armut der kleinen Leute von der großen Povertee
herkommt.
D. J. M. Dadurch wird aber die Konstanz doch bestätigt, die Tatsache
des Rassencharakters. Freilich gibts überall Ausnahmen; die beweisen
aber bekanntlich die Regel.
D. D. D. Wenn sie nicht etwa auf anderweite, minder bekannte Regeln
hinweisen! -- Und deswegen möchte ich zweitens einwenden: weil Fayence
„natürlich kein Porzellan“ ist, und weil der menschliche Kunstsinn aus
zweierlei Stoff natürlich auch zweierlei Formen entwickelt, deswegen
hat sich den Delfter Töpfermeistern trotz ihrer asiatischen Vorbilder
schließlich von selbst ein neuer Stil aufgedrängt. Aber nicht blos
deswegen allein, sondern jetzt will ich drittens gern zugeben: wenn ich
auch nicht an einen beständigen Volksgeist auf Grund einer Rassenseele
glaube, so doch an bestimmte zeitweilige Volksbedürfnisse, die sich
auf die verschiedensten Ursachen, ideelle wie materielle, zurückführen
lassen, z. B. moralische, religiöse, politische, ökonomische,
klimatische, territoriale. Es wird noch viel zu wenig beachtet, und
selbst Taine hat es nicht bis zu Ende gedacht, was Himmel und Erde,
Luft und Licht, Landschaft und Witterung, Arbeit und Müßiggang,
Reichtum und Armut, Freiheit und Knechtschaft aus der Menschenseele
machen. Man verpflanze ein paar Millionen Britten nach Spanien und
pferche sie in die katholische Kirche, und in 100 Jahren schon wird ihr
Rassecharakter bis zur Unkenntlichkeit verwandelt sein; die Assyrer,
Babylonier und Römer haben ja diese Art Politik an den Juden recht
gründlich praktiziert. Aber auch im Gebiet seiner Heimat verändert der
Mensch fortwährend den Erdboden, und der Boden rückwirkend ihn; wo
einst Urwald war, ist heut Gartenland, oder wo Gärten waren, Wüste.
Das geht freilich beträchtlich langsamer vor sich, als die seltene
plötzliche Volksübersiedlung in ein ganz neues Wohngebiet; und da auf
beständigem Heimatsboden auch die kulturelle Tradition beständiger
bleibt, daher scheint das jeweilige Volksbedürfnis den Zeitgenossen
so wunderbar urwüchsig, als stamme es von einem besondern, durchs
Blut vererbten Rasseninstinkt. So mag denn mancher Stil in der Tat,
obgleich auch er nur dem menschlichen Anpassungstrieb einiger weniger
Künstler entsprang, einem alten Volksbedürfnis entsprechen. Ich sage
absichtlich: mancher Stil, d. h. durchaus nicht all und jeder, der
nachträglich eine populäre oder nationale Geltung erlangt. Denn in dem
Kunstbedarf der Kulturnationen sind zwei sehr verschiedene Arten Kunst
begehrt; da ist einerseits die große Masse -- aber ich glaube, ich
langweile Sie!
D. J. M. O bitte, wieso denn! Ich male ja. Und Ihr Mund sieht allemal
sehr forsch aus, wenn Sie sich so für die Menschheit aufregen. Sie
sollen mal sehn, Ihr Porträt wird gut.
D. D. D. Also einerseits, wollte ich sagen, die große Masse der
allgemeinen Gebrauchsgegenstände, vom kleinsten Topf bis zum ganzen
Wohnhaus: deren Formung unterliegt in der Tat mit ziemlicher
Dauerhaftigkeit der populären Tradition. Und weil hier die Form ganz
überwiegend von körperlichen Bedürfnissen abhängt, so mag dabei auch
die physische Rasse einigermaßen merklich mitwirken, wenigstens in
reinrassigen Völkern, oder wo vielleicht eine ältere Mischrasse noch
die Oberhand hat über jüngeres Mischvolk, wie z. B. in Rußland und
in Teilen von China. Ich freilich möchte auch das bezweifeln; denn
wenn wirklich irgend eine Art Formtrieb auf spezifischem Rassetalent
beruhte, dann wäre völlig unbegreiflich, wieso dieser Trieb in manchem
Volk abstirbt, trotzdem die Rasse im Volke noch fortlebt. Wie kurzlebig
war die Kultur der Hellenen, und doch gibt es heute noch griechische
Bauern genug, deren Körperbau ganz den antiken Typ hat!
D. J. M. Blos leider mit türkischem Blut verkleistert! Und schließlich
wird Jeder mal altersschwach.
D. D. D. Das sagt man ja freilich auch Völkern nach, und es würde
vielleicht sogar ganz vernünftig sein, wenn wirklich jeder Grieche von
heute schon als Greis aus dem Mutterleib käme. Aber dem Rassenelement
soll doch seelische Urkraft innewohnen; und seit wann werden Urkräfte
altersschwach? Der Kunsttrieb in einem Tizian ist erst zugleich mit
ihm selber gestorben! Er hat mit 99 Jahren gewiß nicht mehr wie als
Jüngling gemalt, aber gemalt hat er bis zuletzt.
D. J. M. Ja gewiß! Sehn Sie wohl! Was hab ich gesagt? Der war eben
nicht vermuselmanscht!
D. D. D. Na, wer weiß! Venedig lag nicht so weit von den Harems. Und er
soll ja, unter uns gesagt, ein halb Dutzend Gattinnen totgeliebt haben;
mehr dürfte wohl auch kein Türke leisten! -- Doch Spaß beiseite, und
Schutt auf die Griechen! Aber die Araber und die Perser, die noch bis
in die Renaissance hinein selbständige Kulturformen schufen und sich
seitdem nicht mehr so reichlich wie früher mit anderen Rassen gekreuzt
haben, sind heute gleichfalls barbarisiert. +Es sind wirtschaftlich
verlotterte Völker, infolge der Unzulänglichkeit ihrer humanen Ideale,
denn die rächt sich stets auch sozialpolitisch.+ Solche Völker
vermögen dann nicht einmal in den gewöhnlichsten Kunstgewerben ihre
stilistische Tradition auf alter Höhe zu erhalten, geschweige daß sie
die andre Art Kunst, die aus rein seelischen Bedürfnissen stammt,
noch irgendwie schöpferisch betreiben. Und nun die Hauptsache: diese
andre Art Kunst weist wiederum zwei durchaus verschiedene, zwar
sinnlich vielfach verbundene, aber geistig ganz gesonderte Spielarten
auf: die der Unterhaltung und die der Erhebung. Mag sein, daß die
+unterhaltenden+ Künste, die ja die eigentlich populären sind,
noch Rückschlüsse auf die Rasse erlauben, zwar kaum des Künstlers,
doch vielleicht seiner Kundschaft. Denn auch diese Künste wurzeln
noch halb im Gewerbe, vom Volkslied der alten Bänkelsänger bis zum
modernen Familienroman, vom Nationaltanz bis zur Salon-Akrobatik,
vom Rüpelspiel bis zum ehrsamen Rührstück, vom ungeschlachten
Jahrmarktsbild bis zum allerleckersten Eßzimmer-Stillleben. Sie hängen
direkt vom Bedürfnis des Alltags ab, sie betreiben den Zeitvertreib
als Geschäft, sie behandeln das sinnliche Leben als Selbstzweck, sie
müssen gemeinverständlich sein, sie zielen mit einfachsten geistigen
Reizen auf körperliche Erregungen, auf Augenweide und Ohrenschmaus,
auf Zwerchfell- und Tränendrüsenkitzel, auf Herz- und Nieren- und
Rückenmarksgruseln; also wird ihre Form wohl auch zum Teil von
denselben Naturkräften mitbestimmt, die dem menschlichen Körper den
groben Stempel einer beständigen Rasse aufdrücken.