D. J. M. Alles was recht ist: Sie döppen mich wirklich gut.

D. D. D. Man weiß nämlich nachträglich nie so genau, was man bei jedem

Bleistiftstrich denkt. Ich habe Sie übrigens im Verdacht, Sie legen’s

drauf an, sich döppen zu lassen; dann wäre also +Ich+ der Gedöppte.

D. J. M. Ja, eigentlich gehts ja auf keine Kuhhaut, was einem beim

Malen so durch den Grips geht. Ich hab’s auch wahrhaftig schon immer

gesagt: ich pfeiff aufs Geschäft, ich bin Idealist!

D. D. D. Das ist wohl schließlich jeder Künstler, und sogar jeder

echte Kunsthandwerker, auch wenn er nicht so laut pfeifen kann. Und

das allein schon beweist zur Genüge, wie wenig im Grunde das Talent

mit einer bestimmten Rasse zu tun hat. Der Rasseninstinkt, wenn er

ehrlich ist, hat ja nicht das mindeste Interesse an irgend einem

Ideal, das über die Reinrassigkeit hinausgeht; das ist ihm ja gradezu

gefährlich. Selbst schon das nationale Ideal, das sich vielleicht noch

am ehesten auf primitive Instinkte stützt, muß seinem politischen

Wesen nach von Hause aus darauf bedacht sein, sich mit +mehreren+

Rassen abzufinden; denn es gibt kein einziges Staatsgebilde, dessen

Volkskörper nicht aus wenigstens zwei verschiedenen Stammvölkern

aufgebaut ist, aus Eroberern und Unterworfenen. Und nun gar die

humaneren Ideale; die entstehen doch eben aus der Sehnsucht, uns

über die rohen Zwangsgewalten der Naturinstinkte hinwegzusetzen,

und diese Sehnsucht stak schon im simpelsten Schnörkel, mit dem

der Urmensch an seinem Beilgriff oder am Rand seines Trinkgefäßes

den Zweck der Notdurft verkleidete. Wenn man also unsern höchsten

Kulturprodukten wirklich noch Rassenelemente als Formkräfte unterlegen

wollte, dann könnten es immer nur Mischungsverhältnisse sein, die

grade den harmonischen Stil in die originale Manier hineinbrächten.

Denn nur aus vielfachen Blutmischungen ließe sich allenfalls die

Zeugung jener komplizierten Temperamente erklären, die überhaupt das

Bedürfnis empfinden, die Dissonanzen, Kontraste und Konflikte ihres

persönlichen Seelenlebens um der Menschheit willen zu harmonisieren.

Das gilt sogar von dem populärsten, dem ökonomischen Idealismus,

den man heute speziell den sozialen nennt; auch dessen Formen und

Reformen sind ursprünglich immer nur Hirngespinnste von einigen

wenigen Menschenfreunden, die das Volk bekanntlich zu kreuzigen

pflegt, bevor es sie vergöttern lernt. Und wer hat denn die nationale

Idee, die von Bismarcks Gnaden realisiert und dann von seinen

Kreaturen zur patriotischen Phrase verpöbelt wurde, dem deutschen

Michel eingetrichtert? Etliche edle Brauseköpfe des europäischen

Völkerfrühlings, ein paar Poeten, Philosophen und Legislatoren, durch

den Tyrannen Bonaparte zu glühender Freiheitsliebe erregt, die von

den hohen Obrigkeiten so rasch wie möglich abgekühlt wurde, während

der sogenannte Volksgeist von selber kalte Füße krigte! Lesen Sie nur

nach, wie die Kleist und Arndt, die Fichte und Schleiermacher, die Jahn

und Görres ihre Hoffnungen auf Deutschland zu Grabe trugen, wie die

Scharnhorst und Gneisenau Undank ernteten, wie selbst der Freiherr vom

Stein und Blücher um den Sinn ihrer Taten betrogen wurden! Oder wenn

Sie noch mehr Beweise wünschen --

D. J. M. Nein, Gott soll schützen, ich schwitze schon! -- Und

überhaupt: ich bin nämlich fertig. Die Skizze ist wirklich gut

geworden. Wenn Sie erlauben, möcht ich jetzt einpacken.

Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3) · 第 80 / 272 题