Ich habe sie doch vielleicht umgebracht. Warum sollte es auch unmöglich
sein? Ich habe doch einst sogar ein Kind umgebracht, ein kleines,
hübsches, unschuldiges Kind. Und damals glaubte ich doch sogar noch
an Gott, an die Hölle und ans Jüngste Gericht. Damals war ich ein
schwedischer Kürassier, bei den sakrischen deutschen Protestanten, und
wir brandschatzten ein katholisches Pfarrdorf. Ah, ich fühle wieder
die himmlische Mordlust, wie sich die Bauernweiber wehrten, die wir
ins Spinnhaus eingesperrt hatten. Und da spießte ich einfach der
Ungeberdigsten das schreiende Kind aus den Armen weg und schmiß es im
Bogen in den Dorfteich. Ich sehe noch deutlich die kleine Hand, die aus
dem sumpfigen Wasser herausstak, als wir nachher von den Weibern kamen;
ganz mit geronnenem Blut bedeckt, so stak sie zwischen den Binsen
heraus, wie eine dicke rote Tulpe. Ich habe aber kein Grauen davor; es
weiß ja keiner mehr, daß ich es tat. Ich darf mich nur nicht selber
verraten, wenn sie mich doch vielleicht vor Gericht stellen.
Wenn ich mich blos erinnern könnte, welche von Beiden ich umgebracht
habe. Doch nicht die Mutter meiner Kinder? Die hat mir ja immer
alles verziehen. Aber die Andre hat sich ja selbst umgebracht; deren
Hand kann doch nicht gegen mich zeugen. Jedenfalls muß ich zu der
Beerdigung gehen; sonst könnten die Leute Verdacht auf mich werfen.
Und ich muß ihr einen Strauß auf den Sarg legen, einen großen schweren
Tulpenstrauß, damit sie die Hand nicht herausstecken kann. Aber weiße
Tulpen müssen es sein; die roten riechen auf einmal so stark, es ist
der reine Leichengeruch. Warum sieht mich der Blumenhändler so an? mit
richtigen Totengräberaugen! -- Ich will auch weiße Tulpen nicht! die
sehen noch leichenhafter aus! -- Er lacht; ich verlasse eilig den Laden.
Auf der Straße ist so bleiches Licht, wie ich noch niemals erlebt habe.
Ich kann mich kaum schleppen in diesem Licht, so weltschwer hängt es
um meinen Kopf. Es geht auch kein Mensch auf der bleichen Straße, und
die Häuser sind wie aus Schatten gebaut. Wenn ich nicht wüßte, wo ich
bin, könnte ich an ein Geisterland glauben. Aber es macht mich schwach,
dieses Licht; es ist, als ob es mich auspressen möchte. Und ich will
und will mich nicht schwach machen lassen; keine Seele der Welt darf in
meine Seele. Dann muß ich mich aber bei Kräften halten, mein Körper ist
schon wie ausgehöhlt. Ach ja, ich werde wohl Hunger haben; ich habe ja
heute noch nichts gegessen.
Ich mache ein harmloses Gesicht und trete in einen Schlachterladen. Die
Schlachtersfrau blickt mich fragend an -- ganz still und fragend -- was
blickt sie nur! -- „Geben Sie mir dies kleine Stück Fleischwurst!“ sage
ich langsam mit ruhiger Stimme, als ob ich gar keinen Hunger hätte. Sie
blickt mich wieder wortlos an und legt das Stück Wurst auf ein weißes
Papier, reicht es mir über den Ladentisch. Ich will es nehmen und kann
mich nicht rühren: ich erkenne auf einmal, es ist keine Wurst: es ist
eine kleine Kinderhand, ganz mit geronnenem Blut überzogen. Ich starre
der Frau verstört in die Augen: es sind die Augen des Bauernweibes, dem
ich vor Zeiten Gewalt antat. Ich fasse mich endlich und tappe hinaus;
hinter mir her tönt ein dumpfes Lachen.
Ich tappe mich wie durch Nebel weiter und komme an eine
Frühstückshalle. Da sitzen wohl hundert essende Menschen hinter der
großen Fensterscheibe; da wird mich wohl keiner beobachten. Ich setze
mich ganz in den Schatten hinten und bestelle irgend ein rasches
Gericht. Es ist so laut in dem halbdunkeln Raum, daß ich kaum meine
eignen Worte verstehe. Das Schenkmädchen bringt mir frischen Hummer und
wünscht mir freundlich guten Appetit. Es freut mich auch wirklich, wie
gut er riecht; aber was steht sie und wartet noch! Ich darf mir aber
nichts anmerken lassen; vielleicht will sie blos ihr Geld bald haben.
Ich bezahle; sie bleibt noch immer stehen. Es wird mir schwer, sie
nicht anzuschreien; aber ich nicke ihr ruhig zu und greife rasch nach
dem Hummerteller. Ich will mir sacht eine Schere abbrechen; aber was
ist das, was ist das nur?! Ich fühle mich bis in die Lippen erbleichen:
es ist eine kleine rote Hand, und ein Leichengeruch schlägt mir
entgegen. Und alle Menschen blicken mich an, wohl hundert menschliche
Augenpaare blicken mich unabwendbar an. Und alle sitzen so still wie
Geister; kein Laut ist mehr in dem halbdunkeln Raum. Ich taste mich
mühsam zur Tür und ins Freie; ein brausendes Lachen schallt mir nach.
Wo kann ich nur etwas zu essen bekommen! Wenn ich noch lange so
schweigsam herumgehe, werde ich ohnmächtig vor Hunger. Es ist nicht,
weil mein Geheimnis mich würgt; nur, es stachelt mich immer stärker,
mir die herrlichsten Speisen auszumalen. Halt, ich werde mal wieder
den Maler besuchen, der immer so köstliche Späße macht; der wird mich
auf andre Gedanken bringen. Ich sehe, er malt an einem Fruchtstück;
eine große goldgelbe Ananas steht auf der malachitgrünen Schüssel, ein
paar rote Tomaten liegen daneben. „Darf ich mir eine Tomate nehmen?“
frage ich ihn ganz unbefangen; „Tomaten sind mein Leibgericht.“ Er
malt schweigend weiter; was schweigt er nur? -- „Machen Sie doch
nicht solche Späße!“ stammle ich plötzlich und sehe entsetzt: er
malt eine rote Kinderhand. „Lachen Sie nicht!“ beherrsche ich mich;
„Tomaten sind wirklich mein Leibgericht!“ -- Er lacht aber garnicht, er
lächelt nur -- er blickt mir nur sonderbar in die Augen und sagt mit
teilnahmvoller Stimme: „Sie haben sich wohl in der Tür geirrt, die Tür
zum Gerichtssaal ist nebenan.“
Ich bin einen Augenblick wie im Traum; ich fühle nur wieder wie durch
Nebel, daß der Maler sanft den Arm um mich legt und meine tappenden
Schritte leitet und die Tür des Saales hinter mir schließt. Ich möchte
aufwachen aus diesem Traum; ich glaube mich doch genau zu erinnern, daß
ich in Wirklichkeit Niemand umgebracht habe, weder die Eine noch die
Andre; aber ist das auch wirklich die Wirklichkeit? Ich bin ja schon
öfters im Traum erwacht, und dann wars trotzdem nur wieder geträumt.
Ich will mich lieber zusammennehmen, daß ich nichts von meinem
Geheimnis verrate; mit keinem Wörtchen, mit keiner Miene. Ich sehe mir
meine Richter an.
Ob ich vor einem Vehmgericht stehe? Regungslos sitzen sie mir
gegenüber, elf schwarzvermummte stille Gestalten, mit Augenlöchern
in den Kapuzen. Es funkeln aber nicht Augen darin; es schauen mich
aus den schwarzen Masken nur lauter noch schwärzere Löcher an. Ob es
vielleicht lauter Schatten sind, die in den hohlen Gewändern sitzen?
Ob es vielleicht doch Geister gibt? Denn in der Mitte sitzt Einer
ohne Maske, mit geschlossenen Augen wie ein Toter, mit silberweißem
Haupthaar und Bart, und mit ewig gebieterischer Stirn; vor dieser
Stirn hat mir oftmals gebangt. Ich weiß nicht, ists meines Vaters
Stirn? Ich weiß nicht, ists eines Gottes Stirn? Wenn lauter Geister
da vor mir sind, muß dann nicht auch ein Obergeist sein?! Könnte ich
nur seine Augen sehn! Vielleicht sind es doch meines Vaters Augen;
meines Vaters herrliche stahlblaue Augen, die mich oftmals so hart und
zornig anstrahlten, und doch so glutweich im hellsten Zorn, und dann so
spöttisch verzeihungswarm. Aber er sitzt da so starr und kalt jetzt,
als werde er die geschlossenen Augen nie wieder zu seinem Sohn hin
öffnen; es sei denn, ich öffne ihm mein Gewissen. Sie sitzen alle so
starr und kalt, als wollten sie ewig darauf warten. Ich fühle, ich muß
wohl endlich sprechen.
Meine Herren Richter! beginne ich unverzagt: ich habe wirklich ein
reines Gewissen. Denn gesetzt auch, ich hätte sie umgebracht, so hatten
doch beide sich selbst umgebracht. Denn die Eine, die wirklich sich
selbst umgebracht hat, die hat sich auch selbst dazu gebracht. Denn da
sie kein Gewissen gehabt hat, so hat sie mir mein Gewissen genommen und
hat es dann nicht ertragen können. Denn die Andre, der mein Gewissen
gehörte, und die mir drum immer alles verzieh -- denn sonst hätte ich
mir’s nicht wegnehmen lassen --: die hat das nicht länger verzeihen
können. Denn da ich kein Gewissen mehr hatte, und wenn sie deswegen
-- was ich nicht weiß -- vor Gram zu Grunde gegangen ist, so ist auch
sie im Grunde von selbst und an sich selbst zu Grunde gegangen. Denn
wenn ich es auch gewollt haben sollte, so hat es, meine Herren Richter,
doch im Grunde ein Anderer gewollt. Denn wenn ich jetzt hier vor Ihnen
stehe -- und wenn, wie ich sehe, mein Vater jetzt Gott ist -- so bin
ich im Grunde der Sohn meines Vaters, und mein Wille ist Gottes Wille
gewesen. Wenn also ich, meine Herren Richter -- nein, nicht ich, wenn
ich Gottes Sohn bin --: wenn also Gott, meine Herren Richter, Eine
von Beiden umgebracht hat -- nein, die Andre -- nein, Beide -- nein,
+alle+ Andern -- --
Ich stocke plötzlich und kann nur noch stottern; ich merke, ich habe
mich verwirrt. Ich suche im Blick meiner Richter zu lesen und sehe nur
lauter schwarze Löcher. Ich blicke hilflos den Einen an, der herrlich
in ihrer Mitte sitzt, und erbange vor seiner klaren Stirn; mich befällt
auf einmal dumpf ein Erinnern, als ob ich seit unvordenklichen Zeiten
unzählige Seelen umgebracht habe. Und da endlich tut Gott mir die
Augen auf: meines Vaters strahlende blaue Augen tut er aus ewiger
Ruhe auf und fragt meine Seele: „bekennst du dich schuldig?“ -- Ich
höre mein Herz in seiner Stimme und sehe mein Leben in seinen Augen.
Ich weiß, ich brauche nur +Nein+ zu sagen, dann bin ich auf ewig
freigesprochen. Ich fühle das Nein schon auf den Lippen; ich brauche
nur den Mund aufzutun, dann bin ich von all der Mühsal erlöst. Und ich
tue ihn auf und -- sage „ja“.
Ein Schrecken befällt mich wie ein Schlag. Ich fühle betäubt mein
Bewußtsein schwinden; mir ist, ich stürze endlos hinab, durch dunkle,
bodenlose Räume. Oder stürze ich endlos empor? Ich höre von oben her
singende Stimmen; sind’s Menschenstimmen? sind’s Geisterstimmen?
Sie singen mich wieder zur Besinnung -- von fern her singen zwei
Frauenstimmen --: Von wannen, von wannen? -- von wannen dein Träumen!
-- befreie dich, Seele -- von Zeiten, von Räumen! -- sie verklingen.
Ich schlage mühsam die Augen auf; ich sehe mich durch ein Bogentor
schreiten.
Es ist noch immer so weltschweres Licht, wie ich noch niemals erlebt
habe; ein totengelbes Abendlicht. Nur vor mir her, da schreitet ein
Mann in richterlichem schwarzem Talar, auf dessen Schritte ich horchen
muß, dann wird das schwere Licht mir leichter. Sie tönen mir seltsam
vertraut, diese Schritte; ich muß sie schon öfters vernommen haben und
ihnen so Schritt für Schritt gefolgt sein, wie ich jetzt ihnen Schritt
zu halten suche unter der dröhnenden Bogenhalle. Ist es mein Vater?
mein Herz sagt nein. Und da höre ich hinter mir noch solche Schritte;
nur ungewissere, haltlosere. Ich wende mich und stehe erstaunt; und
auch der Mann vor mir wendet sich. Ich sehe, hinter mir geht der
Jüngling, der ich vor Jahren gewesen bin; ich sehe, vor mir steht der
Mann, der ich in Zukunft sein werde. Er winkt mir kurz, und es weht
sein Talar, und wir schreiten im Gleichschritt zum Tor hinaus. Und es
weht sein Talar, und mit lautlosem Schritt schreitet der Mann aus sich
selbst heraus und entschwindet meinem gebannten Blick. Denn mein Blick
hängt an einem väterlichen, ewig gebieterischen Greis, der an Stelle
Jenes verblieben ist, und der mir weiterzufolgen winkt. So kommen wir
an ein Hafenwasser.
Wohl unabsehbar dehnt sich das Wasser unter dem totengelben Himmel.
Viele große Schiffe lagern darauf, mit hohen reichbewimpelten Masten;
aber das Gelbe lastet so nachtschwer, daß keine Farben mehr dämmern
können. Alles, die Schiffe, die Wimpel, das Wasser, scheint alles so
schwarz aus Schatten geschaffen wie der Talar meines greisen Führers;
nur sein weißes Haar schimmert silbern im Zwielicht. Was sind das
für Schiffe? frage ich zweifelnd. „Wirkliche Schiffe“ -- entgegnet
er tonlos und weist auf ein Dock am westlichen Himmel. Kein Laut von
Arbeit kommt aus den Werften her; der ganze Hafen scheint ausgestorben.
Die schwarzen Stützpfosten um die Hellingen ragen starr am Horizont
entlang wie ein auferstandener kahler Hain von ursintflutlichen
Riesenstauden. Nur aus dem westlichen Saum des Haines taucht
klumpenhaft etwas Graues hoch und regt sich in der schweren Stille; es
regt sich wie das felsengraue, urschwere Haupt eines Elefanten. Ists
eines spukhaften Götzen Haupt? ists eines Gottes heiliger Scheitel?
Mein Führer aber winkt mir zu schauen.
Und was wie ein Haupt war, beginnt zu erglänzen, und entsteigt dem
schwarz aufstarrenden Hain, und ist ein großer glanzvoller Mond. Er
glänzt nicht so fahl wie ein nächtlicher Mond, er glänzt nicht so
grell wie die tägliche Sonne; er glänzt wie ein Tautropfen in der
Frühe, und alle Farben klären sich auf. Und nun wendet mein Führer sein
greises Antlitz blauäugig nach dem östlichen Himmel, und mit langsam
gebieterischer Hand entwinkt er der verklärten Nacht einen zweiten
solchen glanzvollen Mond. „Wisse, du sollst an Geistermacht glauben“
-- haucht er mir in mein schauerndes Herz und entschwebt dem einen der
Monde zu. Bin ich erblindet von seinem Anhauch? ich sehe auf einmal nur
lauter Licht. Ich fühle nur blindlings ein leuchtendes Schweben ins
grenzenlose Blaue hinein. Ich ahne dunkel, ich selbst bin der Greis; er
ist wohl dem andern Mond zugeschwebt? Ich schwebe mit ausgebreiteten
Armen und raumentrückten Augen gleich ihm.
Das Leuchten wird immer feuriger; ich atme entzückt die zarte Glut. Ich
höre von oben her singende Stimmen, zweistimmig aus unsichtbarer Ferne.
Sind’s wieder die Seelen der Geistinnen beide? erwarten sie mich auf
den strahlenden Monden? Sie singen mich weiter und weiter hinauf: Ins
Weite, Seele -- von wannen dein Träumen! -- erwache ins Freie -- von
Zeiten, von Räumen! -- sie nahen mir. Sie nahen wie schüchterne Lüfte
so lind; sie küssen mir meine entbreiteten Hände. In meinen Handflächen
ruhn ihre Lippen, mein Herzblut strömt ihren Küssen zu. Sie küssen
immer herzinniger, und andere Geistinnen singen von oben. Wollen Sie
mir mein Leben ausküssen? „befreie dich, Seele“, singen sie. Leben sie
nur, wenn Ich sie belebe? „erwache, Seele“, verklingen sie. Ich raffe
all meine Herzkraft zusammen; ein leeres Grausen stöhnt aus mir auf.
Ich will mich den tötlichen Küssen entwinden; wie ein Gekreuzigter
schwebe ich machtlos. Ich krümme mit letzter Gewalt meine Finger, und
während ein herzzerreißender Klageschrei mir die glanzgebadeten Augen
aufreißt, höre ich, daß es mein eigener Schrei ist, von dem ich unter
Tränen erwacht bin.
Ich lag wirklich wie ein Gekreuzigter da, mit ausgebreiteten Armen
im Dunkeln, die Handflächen über den Bettrand gestreckt, rechts und
links in die schwarze Luft. Ich schob meine halb erstarrten Glieder
langsam in eine andere Lage und machte die Augen wieder zu; die ruhige
Finsternis tat mir wohl nach der tollen Seelenfeuersbrunst. Ich nahm
mir vor: wenn ich wieder so träumte, sofort an meinen Körper zu denken.
Befreie dich, Seele,
von Zeiten, von Räumen,
erwache ins Weite,
von wannen dein Träumen;
von wannen, von wannen? --
Von Räumen, von Zeiten,
die ewig bleiben,
erwache, Seele,
du kannst sie vertreiben,
von dannen, von dannen,
ins Weite all dein Träumen bannen! --