Wir gingen die Wurzeltreppe des Hügels hinab, zehn zwölf Mann; oben
lag die Försterei in tiefem Schnee. Die klare Kälte machte alle stumm;
der Schnee verschluckte das Geräusch der Schritte. Die Teckel hielten
sich, vor Frost humpelnd, sorgsam hinter uns im festgetretenen Wege. In
dem rauhen Reif der Birkenreiser fingerte die Morgensonne; die starren
Nadelbärte der Kiefernschonung sträubten sich aus ihren weißen Pelzen.
Es sollte ein Dachs gegraben werden. Ich weiß nicht, wieso dabei schon
wieder: mir kam der liebe Gott in Sinn.
Die Hunde gaben plötzlich Laut; Rädergeklapper kam. Um die Ecke aus
einem Schleifweg bog die alte Semmelfrau vom Dorf drüben her, auf ihrem
Köterkarren hockend; ein schußscheuer Jagdhund zog ihn, der einem
Nachbarförster aus der Art geschlagen war. Unsre Teckel, keifend,
auf ihn los. Der Hochbeinige weiß nicht, was er dazu sagen soll;
den Schwanz eingeklemmt, setzt er sich in Trab. Die Kleinen blaffen
lustiger. Er begreift; und hussa, alle Schwänze hoch, stiebt die wilde
Jagd, schneeumspritzt, bellend und belfernd den Weg hinunter, die
falsche Richtung für die gute alte Frau, die schimpfend und jammernd
auf dem stuckernden Wagen sitzt, mit beiden Armen ihre Semmelkiepe
umklammernd. Wir, lachend, hinterdrein mit langen Sätzen; am Bahndamm
unten holen wir sie endlich ein. Die Teckel drücken sich beschämt zu
ihren Herren; wir lohnen die Alte ab. Und ich denke wieder an den
lieben Gott.
Schwitzend schreiten wir weiter. Der Schnee fängt an zu blenden und den
Augen weh zu tun; die Bahnschienen flimmern. Von der andern Seite her
taucht funkelnd ein Flintenlauf über den Damm, eine wohlbekannte Mütze
aus Otterfell. „Der Nachbarförster“, sagt jemand scheu; Einer wird
bleich wie der Schnee. Jetzt steht der Alte oben, straff, im grünen
Galastaat, die nackte rote Faust auf der Krone des Hirschfängers. Sein
grauer Kinnbart perlt von Eis, die große Hakennase wirft einen Schatten
über die Backenfurchen bis zum Ohr; suchend brennen seine stahlblauen
Augen. „Komm her!“ ruft er heiser. Der Bleichgewordene gehorcht. Nun
stehn sie mitten auf dem Damm, im stechenden Licht. „Zieh den Handschuh
ab!“ hör ich mit Grauen, fühlend, wie sich der Alte beherrscht. „Wo
hast du den Ring?“ fragt er drohend. Keine Antwort. Der Alte zittert.
Seine Finger spannen sich um den Hirschfängergriff. Ein Ruck: die
Schneide blitzt. Bis zur Hälfte; hohnlachend stößt er sie zurück. Mit
unsäglicher Verachtung speit er in den Schnee, zum Gehn gewendet.
„Vater!“ schreie ich auf, in die Kniee stürzend. Er geht.
Ein Krampf schüttelt mich. Meine starren Augäpfel sehen mich zucken; in
weiter Ferne. Sausend peitschen schwere spitze Büschel, Kiefernzacken,
gegen meine Stirne. Sie verwandeln sich. Stecheichenzweige rauschen
um mich her; ich sehe, wie die roten Beeren lange Kurven durch mein
graues Atemnetz reißen. Aber eine weiche Hand legt mir immer wieder,
schmeichelnd, ihre Finger durch die Haare. Die gepreßten Zähne
lösen sich; ich glaube, ich werde ein Anderer. Der liegt zu ihren
Füßen, den Kopf in ihren Schooß gedrückt. „Lebst du denn noch?“
fragt er verwundert. Sie läßt sich in den Lehnstuhl gleiten; das
ferne Rot des Frühlingsabends vergoldet ihre hellbraunen Flechten.
Neben ihr, auf meinem Schreibtisch, steht ein zartes venezianisches
Kelchglas, purpurzart, ein Lilienkelch, golddurchrieselt, und ein
meergrün schillerndes Schlänglein ringelt sich darum empor. Ein
Stecheichenblatt starrt aus dem Kelch, und eine wachsbleiche Hyazinthe.
Die hat sie mir eben gebracht; die üppige Blüte berauscht mich.
„Gieb mir den Ring!“ schmeichelt sie. „Ich kann nicht“, fleht er
mühsam; und ich höre ihn mit beklommener Stimme die Geschichte
des Ringes erzählen. Den hat der Urgroßvater seines Vaters, der
Husarenwachtmeister, nach der Schlacht bei Torgau, für seine Tapferkeit
und lange Treue, aus des alten Ziethens eigner Hand empfangen;
vielleicht sogar vom großen Friedrich selbst. Er betrachtet das
eingepreßte Eisenbild des Königs in dem dünnen goldenen Reifen: „und
immer der Älteste erbt ihn.“ Ich höre seine Worte wie im Traum; es ist,
als ob ich sie in einem Buche lese. „Gieb mir den Ring!“ schmeichelt
sie. Er kämpft mit sich. „Hast du Gewissensbisse?“ flüstert sie; „Du
--?“
Was! Will sie mich verspotten? Ich presse drohend meine Zähne an die
Knöchel ihrer Hand. Sie nimmt sie lächelnd vom Knie, hält mir die
Hyazinthe an die Lippen. Ich schlürfe den Geruch und erinnere mich; „du
hast ihn ja schon“, entgegne ich und blicke auf ihre Finger nieder.
„Den andern noch“, schmeichelt sie; „den Ring der +Andren+!“ Ihre
grauen Augen werden immer bestrickender.
Ich fühle ein heftiges Zittern; am liebsten möcht ich sie wieder
erwürgen. Dann könnte ich wieder der Andren treu sein, die meine
Kinder geboren hat. Meine Blicke heften sich herzverwirrt auf den
Rubin an meiner Linken; er perlt wie Blut aus einer frischen Wunde.
„Gewissen ist der Spuk des toten Gottes“, spricht sie auf einmal meine
Gedanken aus, mir ins Ohr. Ich weiß nicht, ob sie es höhnisch meint.
Ich wills ihr erklären; sie erhebt sich. „Du bist zu gut,“ haucht sie
gespenstisch -- „nur gute Menschen haben ein schlechtes Gewissen; --
ich hatte nie eins“ -- und streift mir den Ring ab. Ich will es ihr
wehren; sie entschwebt. Ich will ihr nachstürzen, vergebens; meine
Kniee winden sich gebannt am Boden. Ich suche das Wort, das mich frei
macht.
Ich stammle Verse, lange flehende Zeilen; sie verliert sich immer
ferner in die Nacht. Ich sehe sie geisterbleich verschwinden; nur der
Rubin glüht noch wie Blut im Mondlicht. Nein, wie ein Wundmal; der tote
Freund! mit seiner Geige schwebt er herbei. Zu meinen Versen beginnt er
zu spielen: ferne flehende Töne: von einer Seele, die ihm untreu ward.
Die runde Wunde seiner Stirne tut sich auf; Blutstropfen perlen aus der
kleinen Öffnung, bei jedem Bogenstrich, die bleiche Schläfe nieder,
in den Schnee. Immer näher schwebt die rote Spur; die geschlossenen
Augenlider zucken, bleicher als sein Sterbehemd, und ich suche das
Wort, das Wort -- in unsrer Kindheit wußten wir’s.
Er schlägt die Augen auf, der Geigenbogen stockt, ein Schrecken schlägt
mich: das sind nicht seine Augen! das ist die „Andre“! -- Meine Blicke
erlahmen, mein Mund versagt; meine Finger krümmen sich, ihr Gewand zu
betasten -- hilf mir! das Wort! -- Sie weist auf meinen starren Körper:
lange Ketten Verse, wie Spruchbänder, umschnüren meine gezerrte Kehle.
Ich lese und lese, mir graut:
Schwere Ringe ... wirb ... ich werbe ...
leere Schlinge ... deine Meinung --
dunkle Kammer ... uralt Erbe ...
Irrtum ... Jammer ... wird Erscheinung --
Wer sprengt die Ketten?! Die Tür springt auf. Lichtschein wie
Nadelstiche prallt mir entgegen. Auf der Schwelle steht meine Mutter;
mit unsäglichem Kummer blickt sie mich an. Meine Arme mühn sich nach
ihr; vergebens. „Sünde an der Mutter deiner Kinder?!“ ringt es sich
von ihren Lippen. Mutter! will ich sie anflehn; sie wehrt mir. „Das
ist Sünde an Gott!“ flüstert sie weiter. +Gott+! ringt sich’s von
+meinen+ Lippen, laut, das Wort... ich bin wach.
Durch die dunkle Stube lag ein schmaler Streifen Mondlicht grell bis
auf mein Bett; er zuckte. Ich sah zum Fenster; da war kein Spalt. Ich
wandte den Blick ab; der Streifen glitt mit. Ich weiß nicht, was für
ein Licht so zuckte.
Wenn dich zwischen Schlaf und Schlaf
um Mitternacht
dein rasend klopfendes Herz
aus deinen Träumen jagt
-- furchtsam stockt dein Atem --
und sich durch dein finstres Zimmer
weiße Schatten vor dir flüchten:
kennst du dieses Grauen? --
Wenn dann aus dem toten Raum
mit starren Augen
ein geliebtes Gesicht
lautlos dir entgegenscheint
und leben möchte:
kennst du dieses Grauen? --
Mit eignen Händen
willst du nach dir greifen
und dich erwürgen
für eine Schuld ...