Aber ich muß doch zu ihrer Beerdigung gehen. Oder wenigstens ihre
Gräber besuchen. Denn beerdigt sind sie wohl nun schon lange; ich war
ja bei ihrer Feuerbestattung. Könnte ich nur die richtige Grabkammer
finden! ich muß mich hier unten verlaufen haben. Wo mag das
Urnengewölbe denn sein! hier sind ja nur lauter Schädelkammern. Und
die Gänge dazwischen so schlecht beleuchtet, daß man jeden Sinn für
Richtung verliert. Wenn ich zurück auf den oberen Friedhof komme, werde
ich den Verwaltungsrat anregen, bessere Wegweiser einzurichten. Aber
wie komme ich endlich hinauf! Ich erinnere mich, gelesen zu haben, es
sollen schon Leute umgekommen sein in diesen verwirrenden Katakomben.
Woher nur das Licht in den Schädelkammern kommt? Es ist nicht
elektrisch angelegt; es wird wohl eine Art Oberlicht sein. Darum
flimmern wohl auch die Gänge dazwischen so unterirdisch dumpf und trüb.
Ich werde jetzt nicht mehr nach rechts noch links blicken, sondern
immer den Gang gradaus verfolgen, nach der sonderbar hellen Öffnung da
vorn. Sie steht wie ein weißes Rechteck im Düstern; da muß eine Tür ins
Freie sein. Sie scheint auch allmählich noch heller zu werden; beinahe
blendet sie mich schon. Das Weiße kann aber kein Luftweiß sein; es
steht wie aus Stein so unbewegt. Es grenzt sich so grell ab, ich muß
meine Augen schließen. Ich gehe aber doch grad drauflos; ich spüre, wie
ich hindurchschreite. Es atmet sich auf einmal viel leichter; es muß
also doch eine Luftöffnung sein. Ich schlage die Augen auf und sehe:
hoch über mir blaut der freie Himmel.
Ich seh es und seh es: hoch über mir -- und über vier hohen weißblanken
Mauern, die senkrecht um mich emporsteigen. Soll ich denn wirklich
nie wieder herausfinden aus diesem sinnlosen Labyrinth? Ich will aber
nicht die Fassung verlieren. Ich weiß ja seit lange aus Erfahrung:
ich muß nur an meinen Körper denken, dann kommt auch die Seele wieder
zu Sinnen. Ich werde mir also den Raum erst betrachten, ob er nicht
doch eine Auffahrt hat. Er hat vier glatte kristallblanke Wände, aus
lauter quadratischen Feldern gebildet. In der Mitte jedes Feldes ein
Goldstern, entzückend in den Kristall eingeschliffen; aber nirgends
ein Halt, um hinaufzukommen. Es ist ein weiter leerer Saal; es scheint
nichts als eine Art Luftschacht zu sein. Aber sieh, er hat ja noch eine
Tür: grad gegenüber der andern Tür, durch die ich hereingekommen bin.
Und da ist ja ein Handgriff an der Kante, in den eine Schnur aus den
Gängen her mündet; das soll gewiß eine Richtschnur sein. Ich fasse die
Schnur, um weiterzugehen, mit einem letzten Blick zurück.
Aber was +ist+ das? bin ich denn wirklich von Sinnen? Auch an
der andern Tür drüben ist solch ein Handgriff, in den eine solche
Richtschnur mündet. Die muß ich vorhin in den halbdunkeln Gängen beim
Suchen übersehen haben. Aber die Türen sind völlig gleichgeformt, und
ich habe mich in dem leeren Saal fortwährend um mich selbst gedreht;
durch welche Tür bin ich nun gekommen? -- Ich betaste die Schnur und
betaste mich selbst; es ist alles vollkommen körperlich. Ich kann also
ruhig weitergehn; wenn ich vorsichtig suche, wird sich schon zeigen, ob
es die richtige Richtung ist. Ich taste mich immer die Schnur entlang,
von Zeit zu Zeit einen Handgriff streifend; ich komme wieder an lauter
Schädelkammern. Hier sieht das Licht aber bleicher aus; und der Gang
scheint allmählich tiefer zu sinken. Dies Licht kann nicht von oben her
kommen; es scheint aus dem Erdinnern aufgefangen. Die Schädel gleißen
alle so weißblank wie die Kristallquadrate des leeren Saales vorhin,
und doch ist ringsherum tiefer Schatten. Und in all diesen Schädeln
haben einst Welten gespukt -- mit Goldsternen drin und blauen Himmeln
-- und vielleicht auch mit einem ewigen Gott; ich fühle eine irrsinnige
Lust, in diesen Schädeln nach Gott zu suchen. Ich lasse aber die Schnur
nicht los; ich will nicht wieder die Richtung verlieren.
Jetzt kommen auch Kammern mit Tierschädeln; sie schimmern ebenso
erdinnerlich. Was regt sich da auf einmal im Schatten? Ist es denn
möglich, mein alter Getreuer?! Komm her, mein Teckel, was suchst du
denn! Was blickst du mich so innerlich an? Jawohl, ich habe dich
umgebracht; aber was hast du auch immer geknurrt, wenn die tote Dame
mich küssen wollte! Da hab ich dich doch vergiften müssen! -- Er blickt
mich nur immer seelenvoll an, mit demselben Blick noch, den er mir
zuwarf, als er im Todeskampf vor mir lag; ganz ohne Vorwurf, ganz treu
ergeben. Aber was will er denn noch, er lebt doch noch! Er will mich
wohl in die Kammern locken? Ich nehme die Richtschnur fester zur Hand
und erinnere mich an meinen Körper; ich werde einfach weiterschreiten,
der Hund ist gewiß nichts als ein Spuk.
Nein, er folgt mir; ich höre ihn hinter mir. Ich bleibe stehen; da
steht er auch still. Ich drehe mich um; da legt er sich. Ich locke
ihn nochmals; er rührt sich nicht. Er blickt mich nur immer inständig
an mit seinen unendlich treuen Augen; und, kaum beginne ich wieder
zu schreiten, folgt er mir wieder Schritt für Schritt. Ich höre
seine leisen Zehen; ich spüre, wie sein Blick an mir hängt. Ganz
ohne Rachsucht, ganz voller Liebe; als ob der liebe Gott mir folgt.
Wie dieser Gottblick mich hinterrücks martert! Wenn er noch lange so
anhänglich bleibt, bringe ich ihn zum zweiten Mal um! Aber ich darf
doch die Richtschnur nicht loslassen; ich komme sonst schließlich
selbst noch um, in diesem wahnwitzigen Labyrinth. Halt: schimmert da
vorn nicht wieder ein Lichtloch? das ist wohl endlich die Urnenhalle.
Jawohl, das Viereck wird immer heller; und die Schnur scheint grad
draufhin zu leiten. Wenn ich nur rascher vorwärts käme; wie Grabeslast
ist der Blick hinter mir! Ich zwinge meine Füße zu rennen. Ich keuche
der leuchtenden Halle entgegen. Ich achte nicht den Schmerz meiner
Augen. Ich taumle fast in dem blendenden Viereck; hindurch! und pralle
entsetzt zurück: ich stehe abermals in dem Kristallsaal, den offenen
Himmel über mir --: ich bin im Kreise herumgeirrt.
Und was stöhnt da, was rührt sich neben mir? Durch die Tür kommt der
Teckel mir nachgeschlichen! Ich sehe jetzt deutlich, es ist nur ein
Schatten; ein Schatten mit gottergebenen Augen. Ich stürze in rasendem
Haß auf ihn los; ich werde den Spuk nun endlich zerreißen! Mit beiden
Händen packe ich ihn, am Genick, am Kreuz, und zerre und zerre. Er
windet sich unter meinem Griff; wie Kautschuk spannt er sich hin und
her. Ich spüre verzweifelt, wie er mich lähmt: wie er nachgiebig meine
Arme entmannt. Ich fühle bis innerst in Leib und Seele: wenn ich dies
Gespenst nicht bewältigen kann, bin ich machtlos für Zeit und Ewigkeit.
Ich spanne all meine Nervenkraft an; und wenn mir Gehirn und Adern
zerbersten! Und ein Ruck, ein leises ersterbendes Winseln: o Wonne,
ich habe den Schemen zerrissen! Mit einem letzten hingebenden Blick
zerfließt er in die leere Luft.
Ich stehe und zittre am ganzen Körper, vor Glück und Ermattung und
neuer Verzweiflung. Ich starre hinauf in den blauen Himmel: ist
kein Entrinnen aus diesem kristallenen Grab? -- Ich betaste meine
erschöpften Glieder -- warum muß ich nur immer an meinen Körper
denken! -- Es ist doch garnicht mehr nötig jetzt; wer hat mir das
eigentlich eingeredet? -- Wie schön könnt ich schlafen in diesem
lautlosen Schacht. Ich bin so müde, ich höre mein Seelenspiel klingen.
Es rauschen wohl Flügel oben im Blauen? Nein, ich glaube nicht; es
ist nichts zu sehen. Doch: eine weiße Feder schwebt nieder. Wie eine
Schneeflocke kommt sie gewirbelt. Noch eine, noch eine, Flaum auf
Flaum; grad in die Mitte des Saals herab. Immer mehr, immer mehr, weiße
Flaumfederflocken; der ganze Boden liegt schon bedeckt. Ich muß zurück
an die Wandfläche treten; es ist schon ein Hügel, es wird ein Berg. O
Seligkeit, das ist ja die Rettung: der Berg wächst immer höher hinauf!
Schon steht er fast so hoch wie der Schachtrand, und immer dichter
häuft sich das Flockengewimmel. Ich springe mit beiden Füßen hinein;
ich versinke in dem bettweichen Schwall. Aber er ballt sich unter mir;
ich stampfe und stampfe, und es glückt. Ich stampfe mich höher und
höher hinan; es ist, als federn mich Bälle empor. Ich kann kaum sehen,
so stiebt es um mich; und brennender Schweiß verschließt mir die Augen.
Da: ein frischer Lufthauch kühlt mir die Stirn: ich fühle entzückt,
ich bin oben, oben! Meine Augen wagen wieder zu blinzeln, durch die
feuchten, flaumverschleierten Wimpern. Kein Federchen stiebt mehr,
der Himmel blaut; es ist eine überirdische Stille. Ich stehe auf
steilem, schwankendem Gipfel; tief unter mir klafft der weiße Abgrund
des labyrinthischen Schachtes herauf. O Seele, Seele, wie komm ich
hinüber?! Sieh: rings um den Schacht, wie ein Garten Eden, liegt der
blühende frühlingsgrüne Friedhof! -- Und die Seele erklingt: Ich
seh es, o Geist! Ich seh es durch Tränen, o göttlicher Geist, durch
regenbogenfarbene Tränen! Ja, dein Gipfel schwankt, und ein Wind kommt
gebraust, und du Schwankender weinst und ich breite die Arme: wenn du
jetzt, o Gottgeist, mich Seele erhörst, will ich deiner Kraft trauen
ewiglich! --
Horch: braust nicht der Wind beflügelnd, o Seele? und der Gipfel löst
sich und schwebt und wird Wolke! Sieh, mit beiden Armen umspanne ich
sie und schwebe über den Abgrund dahin. O, wie weich sichs fliegt in
dem leichten Flaum: ich fühle nicht Höhen, nicht Tiefen mehr. Ich fühle
nur, wie mich die Windwolke schaukelt und mir süß alle Kräfte stachelt
und kitzelt. Will sie mir etwa mein Leben wegschaukeln? Dann wisse,
Seele: mein Körper lacht! Ich kann sie loslassen, wenn ich will; ich
bin ja befiedert über und über! Ich kann mit dir fliegen, wohin ich
will; ich brauche ja nur den Flaum wegzublasen! Ich blase und blase;
was ist denn das? ich blase mir ja in die eigne Nase! Ich mache wohl
selbst den Wind, der so kitzelt? Ich niese, ich lache -- lache --
erwache.
Ich lag noch immer im dunkeln Bett, und ich hielt mein Kopfkissen in
den Armen. Ich fühlte, daß eine kleine Feder aus dem zerknüllten Kissen
herausstak; sie berührte noch meine Nasenspitze. Ich entfernte die
Feder und legte das Kissen glatt; ein Stündchen hoffte ich doch noch zu
schlafen. Der Morgen schien zwar bereits zu grauen; aber ich war noch
müde genug.
Wenn über unsern tiefsten Verzweiflungen,
wo wir vor lauter geöffneten Not-Türen
nicht aus noch ein zu finden wissen,
stets eines Gottes Blick wachte --
Wenn unter unsern höchsten Entzückungen,
wo wir verstummend vor Triumph
mit zitterndem Fußtritt
jede Gefahr zerstampft zu haben meinen,
stets eines Gottes Ohr weilte --
Wenn zwischen unsern erhabensten Gleichgiltigkeiten,
wo wir mit Adlerruhe
alle Verfolgung
Todes wie Lebens
in leere Luft verflogen wähnen,
stets eines Gottes herzliche Teilnahme schwebte --
ich glaube, er würde vor Lachen sterben ...