Vierter Traum

Aber ich muß doch zu ihrer Beerdigung gehen. Oder wenigstens ihre

Gräber besuchen. Denn beerdigt sind sie wohl nun schon lange; ich war

ja bei ihrer Feuerbestattung. Könnte ich nur die richtige Grabkammer

finden! ich muß mich hier unten verlaufen haben. Wo mag das

Urnengewölbe denn sein! hier sind ja nur lauter Schädelkammern. Und

die Gänge dazwischen so schlecht beleuchtet, daß man jeden Sinn für

Richtung verliert. Wenn ich zurück auf den oberen Friedhof komme, werde

ich den Verwaltungsrat anregen, bessere Wegweiser einzurichten. Aber

wie komme ich endlich hinauf! Ich erinnere mich, gelesen zu haben, es

sollen schon Leute umgekommen sein in diesen verwirrenden Katakomben.

Woher nur das Licht in den Schädelkammern kommt? Es ist nicht

elektrisch angelegt; es wird wohl eine Art Oberlicht sein. Darum

flimmern wohl auch die Gänge dazwischen so unterirdisch dumpf und trüb.

Ich werde jetzt nicht mehr nach rechts noch links blicken, sondern

immer den Gang gradaus verfolgen, nach der sonderbar hellen Öffnung da

vorn. Sie steht wie ein weißes Rechteck im Düstern; da muß eine Tür ins

Freie sein. Sie scheint auch allmählich noch heller zu werden; beinahe

blendet sie mich schon. Das Weiße kann aber kein Luftweiß sein; es

steht wie aus Stein so unbewegt. Es grenzt sich so grell ab, ich muß

meine Augen schließen. Ich gehe aber doch grad drauflos; ich spüre, wie

ich hindurchschreite. Es atmet sich auf einmal viel leichter; es muß

also doch eine Luftöffnung sein. Ich schlage die Augen auf und sehe:

hoch über mir blaut der freie Himmel.

Ich seh es und seh es: hoch über mir -- und über vier hohen weißblanken

Mauern, die senkrecht um mich emporsteigen. Soll ich denn wirklich

nie wieder herausfinden aus diesem sinnlosen Labyrinth? Ich will aber

nicht die Fassung verlieren. Ich weiß ja seit lange aus Erfahrung:

ich muß nur an meinen Körper denken, dann kommt auch die Seele wieder

zu Sinnen. Ich werde mir also den Raum erst betrachten, ob er nicht

doch eine Auffahrt hat. Er hat vier glatte kristallblanke Wände, aus

lauter quadratischen Feldern gebildet. In der Mitte jedes Feldes ein

Goldstern, entzückend in den Kristall eingeschliffen; aber nirgends

ein Halt, um hinaufzukommen. Es ist ein weiter leerer Saal; es scheint

nichts als eine Art Luftschacht zu sein. Aber sieh, er hat ja noch eine

Tür: grad gegenüber der andern Tür, durch die ich hereingekommen bin.

Und da ist ja ein Handgriff an der Kante, in den eine Schnur aus den

Gängen her mündet; das soll gewiß eine Richtschnur sein. Ich fasse die

Schnur, um weiterzugehen, mit einem letzten Blick zurück.

Aber was +ist+ das? bin ich denn wirklich von Sinnen? Auch an

der andern Tür drüben ist solch ein Handgriff, in den eine solche

Richtschnur mündet. Die muß ich vorhin in den halbdunkeln Gängen beim

Suchen übersehen haben. Aber die Türen sind völlig gleichgeformt, und

ich habe mich in dem leeren Saal fortwährend um mich selbst gedreht;

durch welche Tür bin ich nun gekommen? -- Ich betaste die Schnur und

betaste mich selbst; es ist alles vollkommen körperlich. Ich kann also

ruhig weitergehn; wenn ich vorsichtig suche, wird sich schon zeigen, ob

es die richtige Richtung ist. Ich taste mich immer die Schnur entlang,

von Zeit zu Zeit einen Handgriff streifend; ich komme wieder an lauter

Schädelkammern. Hier sieht das Licht aber bleicher aus; und der Gang

scheint allmählich tiefer zu sinken. Dies Licht kann nicht von oben her

kommen; es scheint aus dem Erdinnern aufgefangen. Die Schädel gleißen

alle so weißblank wie die Kristallquadrate des leeren Saales vorhin,

und doch ist ringsherum tiefer Schatten. Und in all diesen Schädeln

haben einst Welten gespukt -- mit Goldsternen drin und blauen Himmeln

-- und vielleicht auch mit einem ewigen Gott; ich fühle eine irrsinnige

Lust, in diesen Schädeln nach Gott zu suchen. Ich lasse aber die Schnur

nicht los; ich will nicht wieder die Richtung verlieren.

Jetzt kommen auch Kammern mit Tierschädeln; sie schimmern ebenso

erdinnerlich. Was regt sich da auf einmal im Schatten? Ist es denn

möglich, mein alter Getreuer?! Komm her, mein Teckel, was suchst du

denn! Was blickst du mich so innerlich an? Jawohl, ich habe dich

umgebracht; aber was hast du auch immer geknurrt, wenn die tote Dame

mich küssen wollte! Da hab ich dich doch vergiften müssen! -- Er blickt

mich nur immer seelenvoll an, mit demselben Blick noch, den er mir

zuwarf, als er im Todeskampf vor mir lag; ganz ohne Vorwurf, ganz treu

ergeben. Aber was will er denn noch, er lebt doch noch! Er will mich

wohl in die Kammern locken? Ich nehme die Richtschnur fester zur Hand

und erinnere mich an meinen Körper; ich werde einfach weiterschreiten,

der Hund ist gewiß nichts als ein Spuk.

Nein, er folgt mir; ich höre ihn hinter mir. Ich bleibe stehen; da

steht er auch still. Ich drehe mich um; da legt er sich. Ich locke

ihn nochmals; er rührt sich nicht. Er blickt mich nur immer inständig

an mit seinen unendlich treuen Augen; und, kaum beginne ich wieder

zu schreiten, folgt er mir wieder Schritt für Schritt. Ich höre

seine leisen Zehen; ich spüre, wie sein Blick an mir hängt. Ganz

ohne Rachsucht, ganz voller Liebe; als ob der liebe Gott mir folgt.

Wie dieser Gottblick mich hinterrücks martert! Wenn er noch lange so

anhänglich bleibt, bringe ich ihn zum zweiten Mal um! Aber ich darf

doch die Richtschnur nicht loslassen; ich komme sonst schließlich

selbst noch um, in diesem wahnwitzigen Labyrinth. Halt: schimmert da

vorn nicht wieder ein Lichtloch? das ist wohl endlich die Urnenhalle.

Jawohl, das Viereck wird immer heller; und die Schnur scheint grad

draufhin zu leiten. Wenn ich nur rascher vorwärts käme; wie Grabeslast

ist der Blick hinter mir! Ich zwinge meine Füße zu rennen. Ich keuche

der leuchtenden Halle entgegen. Ich achte nicht den Schmerz meiner

Augen. Ich taumle fast in dem blendenden Viereck; hindurch! und pralle

entsetzt zurück: ich stehe abermals in dem Kristallsaal, den offenen

Himmel über mir --: ich bin im Kreise herumgeirrt.

Und was stöhnt da, was rührt sich neben mir? Durch die Tür kommt der

Teckel mir nachgeschlichen! Ich sehe jetzt deutlich, es ist nur ein

Schatten; ein Schatten mit gottergebenen Augen. Ich stürze in rasendem

Haß auf ihn los; ich werde den Spuk nun endlich zerreißen! Mit beiden

Händen packe ich ihn, am Genick, am Kreuz, und zerre und zerre. Er

windet sich unter meinem Griff; wie Kautschuk spannt er sich hin und

her. Ich spüre verzweifelt, wie er mich lähmt: wie er nachgiebig meine

Arme entmannt. Ich fühle bis innerst in Leib und Seele: wenn ich dies

Gespenst nicht bewältigen kann, bin ich machtlos für Zeit und Ewigkeit.

Ich spanne all meine Nervenkraft an; und wenn mir Gehirn und Adern

zerbersten! Und ein Ruck, ein leises ersterbendes Winseln: o Wonne,

ich habe den Schemen zerrissen! Mit einem letzten hingebenden Blick

zerfließt er in die leere Luft.

Ich stehe und zittre am ganzen Körper, vor Glück und Ermattung und

neuer Verzweiflung. Ich starre hinauf in den blauen Himmel: ist

kein Entrinnen aus diesem kristallenen Grab? -- Ich betaste meine

erschöpften Glieder -- warum muß ich nur immer an meinen Körper

denken! -- Es ist doch garnicht mehr nötig jetzt; wer hat mir das

eigentlich eingeredet? -- Wie schön könnt ich schlafen in diesem

lautlosen Schacht. Ich bin so müde, ich höre mein Seelenspiel klingen.

Es rauschen wohl Flügel oben im Blauen? Nein, ich glaube nicht; es

ist nichts zu sehen. Doch: eine weiße Feder schwebt nieder. Wie eine

Schneeflocke kommt sie gewirbelt. Noch eine, noch eine, Flaum auf

Flaum; grad in die Mitte des Saals herab. Immer mehr, immer mehr, weiße

Flaumfederflocken; der ganze Boden liegt schon bedeckt. Ich muß zurück

an die Wandfläche treten; es ist schon ein Hügel, es wird ein Berg. O

Seligkeit, das ist ja die Rettung: der Berg wächst immer höher hinauf!

Schon steht er fast so hoch wie der Schachtrand, und immer dichter

häuft sich das Flockengewimmel. Ich springe mit beiden Füßen hinein;

ich versinke in dem bettweichen Schwall. Aber er ballt sich unter mir;

ich stampfe und stampfe, und es glückt. Ich stampfe mich höher und

höher hinan; es ist, als federn mich Bälle empor. Ich kann kaum sehen,

so stiebt es um mich; und brennender Schweiß verschließt mir die Augen.

Da: ein frischer Lufthauch kühlt mir die Stirn: ich fühle entzückt,

ich bin oben, oben! Meine Augen wagen wieder zu blinzeln, durch die

feuchten, flaumverschleierten Wimpern. Kein Federchen stiebt mehr,

der Himmel blaut; es ist eine überirdische Stille. Ich stehe auf

steilem, schwankendem Gipfel; tief unter mir klafft der weiße Abgrund

des labyrinthischen Schachtes herauf. O Seele, Seele, wie komm ich

hinüber?! Sieh: rings um den Schacht, wie ein Garten Eden, liegt der

blühende frühlingsgrüne Friedhof! -- Und die Seele erklingt: Ich

seh es, o Geist! Ich seh es durch Tränen, o göttlicher Geist, durch

regenbogenfarbene Tränen! Ja, dein Gipfel schwankt, und ein Wind kommt

gebraust, und du Schwankender weinst und ich breite die Arme: wenn du

jetzt, o Gottgeist, mich Seele erhörst, will ich deiner Kraft trauen

ewiglich! --

Horch: braust nicht der Wind beflügelnd, o Seele? und der Gipfel löst

sich und schwebt und wird Wolke! Sieh, mit beiden Armen umspanne ich

sie und schwebe über den Abgrund dahin. O, wie weich sichs fliegt in

dem leichten Flaum: ich fühle nicht Höhen, nicht Tiefen mehr. Ich fühle

nur, wie mich die Windwolke schaukelt und mir süß alle Kräfte stachelt

und kitzelt. Will sie mir etwa mein Leben wegschaukeln? Dann wisse,

Seele: mein Körper lacht! Ich kann sie loslassen, wenn ich will; ich

bin ja befiedert über und über! Ich kann mit dir fliegen, wohin ich

will; ich brauche ja nur den Flaum wegzublasen! Ich blase und blase;

was ist denn das? ich blase mir ja in die eigne Nase! Ich mache wohl

selbst den Wind, der so kitzelt? Ich niese, ich lache -- lache --

erwache.

Ich lag noch immer im dunkeln Bett, und ich hielt mein Kopfkissen in

den Armen. Ich fühlte, daß eine kleine Feder aus dem zerknüllten Kissen

herausstak; sie berührte noch meine Nasenspitze. Ich entfernte die

Feder und legte das Kissen glatt; ein Stündchen hoffte ich doch noch zu

schlafen. Der Morgen schien zwar bereits zu grauen; aber ich war noch

müde genug.

Wenn über unsern tiefsten Verzweiflungen,

wo wir vor lauter geöffneten Not-Türen

nicht aus noch ein zu finden wissen,

stets eines Gottes Blick wachte --

Wenn unter unsern höchsten Entzückungen,

wo wir verstummend vor Triumph

mit zitterndem Fußtritt

jede Gefahr zerstampft zu haben meinen,

stets eines Gottes Ohr weilte --

Wenn zwischen unsern erhabensten Gleichgiltigkeiten,

wo wir mit Adlerruhe

alle Verfolgung

Todes wie Lebens

in leere Luft verflogen wähnen,

stets eines Gottes herzliche Teilnahme schwebte --

ich glaube, er würde vor Lachen sterben ...

Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3) · 第 46 / 272 题