Er ließ sie los. „Schockschwerenot! nun werde gar noch empfindlich!“

„Nun, nun“ -- begütigte sie sogleich; und wieder dies huschende Lächeln.

„Na, was lachst du denn in einem fort!“

„Ich?“ Sie sah ihn groß und ruhig an.

Da flog die Tür auf. „Hater! ich habe beide Hände voll Sonne!“ kam das

Ungestümchen hereingewirbelt. Wie ihr die blonden Lockenfäden um die

heißdunkeln Augen hingen! und um das merkwürdige Trotznäschen! „Sieh

mal, Mutter!“ öffnete sie die Fäustchen.

„Willst du morgen mit Hater zu Ovater fahren?“ fragte die Mutter.

„Nein!“ fuhr das Näschen in die Höh.

„Aber Ovater wird sich so freuen, und die liebe Omama!“

„Großmutter!“ betonte er.

„Nein!“ stampfte das Beinchen.

„Na, dann bleib nur hier“ -- er nahm sacht ihre Händchen und strich

langsam jeden Finger gerade. „Dann wird Vater ganz allein die große

schwarze Juno bellen hören -- wau-wau-wau“ -- er fixierte sie --

„und die bunten Tuckehühnchen spielen sehen“ -- er ließ die Händchen

plötzlich frei -- „tuck-tuck-tuck, ücke-rü-üh! -- Und --“

„Große Muhkuh! Detta +doch+ mit!“ hob sie hüpfend die Ärmchen aus

einander. „Tuck-tuck-tuck, sehr lieb“ -- jubilierte sie und umschlang

die Kniee der Mutter.

Die nickte ihm zu, verständniswillig. Blos: schon wieder dies unbewußte

Mundwinkelzucken! --

*

Der schwerfällige Post-Omnibus rumpelte aber wirklich etwas sehr

vorsintflutlich. Und die holprige Landstraße hätte auch wohl längst

eine neue Schüttung vertragen können. So konnte man ja seekrank werden

auf den zersessenen Sprungfedern.

Er reckte sich und wollte den Hut aus der Stirn schieben. Aber die

heiße Vormittagssonne stach grad an dem schlafenden Kutscher vorbei

prall in den offenen Vordersitz; das Braunrot des verschossenen

Polsterplüsches schweelte schon beinah wie versengt. „Schweiß und

Staub -- Schweiß und Staub“ -- hörte er die beiden Gäule ihren

gewohnten Klappertrab traben. Die jungen Rüstern an der sandigen

Straßenkante sahen aus, als bedürften sie vor Hitze selbst des

Schattens.

„Hater“ -- und sinnend zeigte die Kleine auf den nickenden Fuhrmann vor

sich -- „ßpielt die Feitße mit dem Wind?“ Die Peitsche wippte in der

Hand des Schlafenden im Takt der Gäule hin und her; die Zügel in der

andern Hand mußten wohl die Bewegung vermitteln.

„Nein, mein Kind, der Wind ist weggegangen von der Peitsche.“

„Wo ist denn der Wind?“

„Schlafen gegangen.“

„-- ßlafen gangen?“

„Ja“ --

„Wo ßläft er denn?“ Herrgott, dies ewige Gefrage!

„Er schläft!“ Sie war doch wirklich ein unglaublicher Quirl.

„Er ßläft?“

„Ja!“

„Wo denn?“

„Auf den Wolken.“

„Wolken?“ fragte sie zögernder.

„Ja“ -- sagte er kleinlaut und blickte weg; kein einziges Wölkchen

stand am Himmel.

„Wo denn aber?“ fragte sie ebenso kleinlaut.

Er schwieg.

Wie sie ihn schon in der Eisenbahn mit ihrer Neugier fortwährend

gepeinigt hatte! Na, Gott sei Dank: jetzt schien sie auch mit

einzuschlafen. „Schwarzer, Brauner“ -- „Schwarzer, Brauner“ -- hörte er

wieder den Trott der Gäule. Jetzt war sie schon im Nicken. Die Peitsche

hatte sie wohl eingewiegt.

Er dachte an gestern. Es mochte doch wohl nicht ganz leicht sein,

sie immer und immer um sich zu haben. Wie seine Mutter wohl mit ihr

auskommen würde? „Du wunderlicher Jung’!“

Eigentlich könnte er den Sonnenschirm aufspannen, den ihm Recha

gestern als Geburtstagsgeschenk schon in Bereitschaft gehalten hatte;

in manchem war sie doch sehr vorbedacht. Er langte nach dem sorgsam

eingehüllten Ding. Aber der Staub, der würde es unsauber machen. Es

war doch schließlich ein Geschenk für die Mutter! Das nimmt man doch

nicht in Gebrauch vorher. Ach Torheit: kindische Rührgefühle! Nein,

Ehrfurcht: der Geburtstag der Mutter! --

Ob seine Geschwister das heute wohl auch so fühlten? verstreut in der

Fremde, geboren aus Einem Schooß, der heute vor Jahren und Jahrzehnten

in andrer Fremde geboren worden. Schooß aus Schooß -- er blickte sein

Kind an --: und Schößling neben Schößling. Er sah die nahen jungen

Bäumchen an der Straßenkante vorüberschwinden, jedes ewig den andern

fern. Er sah sie in der Ferne der Alleeflucht eng zusammenrücken, immer

enger; sie führten in die Heimat -- von ihr her -- fort, fort von ihr

-- o Elternhaus! --

Ja, so von ferne, jetzt: wie dehnte sich sein Herz den alten Eltern

entgegen! Und dann, wie hob’s ihm die Arme hoch, hin um ihren Hals,

im ersten Augenblick des Wiedersehens; immer noch. Dann war er ganz

ihr Kind, ihr Blut, Leben von ihrem Leben, hingegeben, unbewußt, wie

ans Herz der Natur. Er sah sich schon kopfbückend in die kleine Stube

treten, durch die niedrige Tür, sah Lindenzweige an die Fensterscheiben

tippen, sah die zwei blanken Schränke aus Birkenholz, die Gewehre und

Rehgehörne, das wohlig grüne Schattenlicht.

Doch dann -- dann trat auch schon das andre Leben mit ihm ein und

zwischen sie: das mit den Zweckfragen, die der Mensch sich stellt, der

Mensch im Gegensatz zur Natur und also auch zum Mitgeschöpf, zu jedem

Allernächsten grade: das Leben des umgestaltenden Geistes, der bewußt

gewordene Wille zur Zukunft, der ewige Kampf um neue Kultur.

Dann war er nicht mehr Kind, sie nicht mehr Eltern; dann war er ein

Junger, sie noch die Alten. Dann war die liebe Muttersprache -- o

heiliges Wort dem Fühlenden -- kein Verständigungswerkzeug mehr:

dasselbe wohlgemeinte Wort, es hatte ihnen anderen Sinn als ihm,

so sehr er in kindlicher Scheu sich mühte, den steten Zwiespalt zu

verhehlen. Dann war die schattenkühle stille Stube schon manchmal recht

schwül und drückend gewesen.

Ob ihm das wohl mit seinem Kinde auch einmal so gehen würde? --

Fernliebe?! -- Entzückend, wie sie da ahnungslos schlief, im Schatten

des schlafenden Kutschers; und heute würde sicherlich +sie+

jedweden Zwiespalt überbrücken. Einst aber? -- Ach was! wenns

+ihr+ mal paßte, seinethalben mochte sie Seiltänzerin werden!

Er sah die Zügelleinen in der Hand des Fahrenden schaukelnd auf den

Schenkeln der trabenden Klepper hüpfen. Auf ihren Rücken, um die

schwitzenden Flanken, tanzte das Sonnenlicht hin und her, in großen

spiegelblanken Flecken; es war doch unerträglich heiß. Die drei

Messingringe aus den Kumten wippten blitzend auf und nieder mit dem

Schulterriemzeug -- auf und nieder -- in Schweiß und Staub; -- er sah

nach der Uhr. Halbzwölf erst; noch eine Stunde so.

Er horchte wieder auf den Takt der Hufe: Schwarzer, Brauner -- auf

und nieder -- auf und nieder, Schweiß und Staub. Ah, jetzt: vorn vor

den müden Pferdehälsen kam wenigstens das Dorf schon hoch, wo immer

angehalten wurde. Da gab es was zu trinken. Und zu rauchen. Zigarren

vergessen! Er gähnte und lehnte sich zurück; noch fünf Minuten.

Das Geschaukel der Pferdeschenkel wurde immer sonderbarer; förmlich

arabeskenhaft schwankten die Spiegelwellen der Flanken. Er schloß halb

die Augen; das tat ihm wohl. Wie er alldas bewußt genoß! -- Am Kumt

die Ringe zuckten glitzernd auf und nieder zu ihm her, wie drei große

blendende Sterne; auf und nieder -- Schwarzer, Brauner -- Schwarzer,

Brauner, Weiß und Staub.

Er schloß die Augen etwas fester. Die Sterne blitzten immer weißer. Auf

und nieder; weiß und taub.

Nein, das war wohl nicht das rechte Wort; es war wohl Gelb. Ja, Gelb.

Süßer gelber Lupinengeruch; so wohlig kühl. Es mußte wohl ein Feld wo

sein; Lupinenfeld. Das hatte er wohl übersehen vorhin.

Nein, es war wohl doch nicht gelb. Denn es waren ja Narzissen. Ja,

Narzissen. Nein, er träumte wohl; nein, nicht! Denn es waren ja drei

große, deutliche Narzissensterne -- blendend weiß -- nein fünf -- nein

sieben; sieben weiße Strahlenblüten.

Sieben nickende Narzissen; mit purpurgoldnem Krönchen jede. Sieben

schlanke Edeldamen, mit wellenkrausen Schläfenhaaren. O, wie schön!

Jede mit so grauen Augen; Mutteraugen. Jede hatte um die zarten Arme

lange dänische Handschuh’ an; gelbe.

Und verbeugten sich vor ihm, eine nach der andern, mit den weißen

Strahlenhüten. Jede bis zur siebenten. Die hielt einen Spiegel; hatte

dunkle Augen, dunkelbraune.

Trat die erste vor; sagte ihm ein Wort. Und das war ihr Name, und den

hatte er schon gehört; nur besinnen konnt er sich nicht drauf. Sagte

auch die zweite ihren Namen; auch die dritte. Schlossen alle mit der

Silbe „sinn“, nein „sein“ -- Sinn, Sein -- auch die vierte, fünfte,

sechste; und die purpurgoldnen Krönchen nickten. Nur die siebente war

stumm; war blaß; hielt ihm nur den Spiegel hin. Der war blind. Und sie

schüttelte den Kopf; und ihr linkes Auge blickte traurig.

Nein, das war doch gar zu lustig: wie ihr Purpurkrönchen wackelte. Denn

das war ja gar kein Krönchen: war ein dicker roter Hahnenkamm, wippte

in der Sonne. War ein ganzer Hahnenkopf -- dicker bunter Hahnenhals --

der blähte sich. Schlug mit beiden Flügeln funkelnd durch die Luft --

rief ganz laut und deutlich: ücke-rüh-ü-üh! --

Er riß die Augen auf. Wahrhaftig: eben stieß der Omnibus mit härterem

Gerumpel auf die ersten Pflastersteine der Dorfstraße, und drüben auf

dem einen Hofzaun reckte sich der Hahn und krähte zum zweiten Mal. Der

alte Fuhrknecht hob das Stoppelkinn: „jüh, Rackers!“ mit den Zügeln auf

die schweißbeglänzten Pferdeschenkel klatschend. Auch die Kleine wurde

langsam munter.

Was der Traum wohl zu bedeuten hatte? Ach, bedeuten: Unsinn! Aber wie

er wohl entstanden war?

Sollte --: Hahnrei des Bewußtseins? -- Hm...

Das Wort des Polen war ihm doch wohl tiefer gegangen, als er damals

dachte.

*

Die Abendsonne schien sich heute förmlich zu krümmen, wie vor Durst.

Immer dicker wurde der kupferrote Ball, da hinter den Wasserdünsten

des sumpfigen Sees am Horizont. Grade zwischen den zwei dicksten alten

Pappelstämmen bei der kleinen Straßenbrücke drüben hing das dunkelrote

Ungetüm im fernen Grau, dicht unter dem Zittersaum des schwarzgrünen

Laubdaches.

So groß und glanzlos hatte er sie niemals sinken sehen. Nur die breiten

drei Brechungskeile, mit denen sie Wasser zog, wie die Leute hier

sagten, standen stromhell wie aus Goldtopas geschliffen unter der

purpurnen Kugel, zeigend daß sie noch Licht gab. Der Mittelkeil war nur

ganz kurz noch; wie ein mächtiger Strahlensockel. Vor dem schwellenden

Gelb der Seitenschrägen hoben sich die beiden Pappelstämme tiefschwarz

ab mit ihren Borkenrändern. Das Laubdach wurde immer dunkelgrüner.

„Wird morgen wieder schwere Hitze geben“, sagte der Alte und trat aus

der Haustür zu ihm an den Gartenzaun. „Meine ganzen jungen Kiefern

werden noch vertrocknen; schlimmes Jahr!“ Er zeigte mit der Pfeife

in das Astwerk der Akazienkrone über ihnen: „Läßt schon Blätter

fallen.“ Der Tabaksrauch berührte wirbelnd grade eine der verwelkten

Blütentrauben.

„Hast du neue Bienenstöcke, Vater?“

„Einen blos“ -- erwiderte der Alte und setzte sich auf die Bank

am Zaun. Nun wies er schmunzelnd auf die Kleine, die an der hohen

Haustürschwelle neben „Lotte Goldsnut“ hockte. Die Teckelhündin lag,

platt alle Viere von sich, wie tot im warmen Sande, und die Kleine war

eifrig bestrebt, zwischen die vier Zehen der krummen Vorderpfoten immer

drei der abgefallenen Akazienblätter festzuklemmen. Immer wenn sie

fertig war mit einer Pfote, streifte sich die Dachsmadam mit der andern

die Blätter wieder ab, und das Spiel begann mit Ernst von neuem. Was

die Recha nur wollte! die Kleine war ja unglaublich artig.

Jetzt trat die Mutter aus der Tür, in jedem Arm behutsam eine flache

Satte voll Dickmilch tragend. Er sprang ihr zur Hand. Wie sich all

ihre Runzeln freuten, bis in die liebreichen Augen hinein, als er die

eine Schüssel ihr abnahm und sie auf den Gartentisch setzte; richtige

Geburtstagsaugen! Und zugleich wars wohl auch die Freude, wie ihrem

Ältesten nachher die kühle Labung schmecken würde, so mit Streuzucker

drüber und Schwarzbrotkrümeln. Wie die fette Sahne nach dem Eiskeller

duftete! Orndtlich winterlich sah die weiche Pelzschicht aus.

„Na, Alterchen?“ ließ sich Mutter hören, Vaters Schneehaar

glattstreichend -- „soll ich +hier+ decken oder unter der Linde?“

„Lieber hier, Mutting,“ kam er dem Alten zuvor; „hier sieht man die

Abendsonne so schön.“ Die rote Scheibe stieß jetzt grade auf den

Horizont der Landschaft; der Strahlenfächer war verschwunden.

Der Alte griff sich in den Bart. Sicherlich knurrte er im stillen

wieder: „Sentimentaler Krempel!“ Das war ein Lieblingstrumpf von ihm.

„Die Lindenblüte riecht auch zu stark“, meinte mit rascher Abwehr die

Mutter; „Abends manchmal ganz betäubend.“ Dann beugte sie sich zu der

Kleinen nieder: „na, mein Lämmechen?“ strich ihr die Locken sanft aus

der Stirn, sorglich nach dem Alten blickend, und ging wieder ins Haus.

Lotte Goldsnut erhob sich.

„Hat ’ne zarte Nase, unser Muttel“, brummte der Alte und griff

gemächlich an sein eigenes Vorgebirge, eine dicke Wolke von sich

paffend; „krigt’s schon mit den Nerven.“

„Ovater“ -- kam auf einmal die Kleine hinter der Teckelhündin

herangependelt -- „bist du der Weihnachtsmann?“

„Woll, mein Mäuschen!“ und er nickte belustigt. Tief nachdenklich sah

sie ein Weilchen auf die eine Schüssel hin, durch deren dunkelgrüne

Glaswand der weiße Inhalt schimmerte. Dann ging sie wieder an die

Schwelle, wo die verblichenen Akazienblätter auf dem sandigen Boden

lagen.

„Muß doch mal im Hofe nachsehn“ -- sagte der Alte und stand auf -- „ob

die Juno etwa los ist; das Schindluder hat mir neulich einen von den

jungen Hähnen abgewürgt.“ Er reckte sich. „Kann das Volk auch gleich in

den Stall bringen.“ Er schritt ins Haus. Lotte Goldsnut wackelte ihm

nach.

Die Sonnenkugel war jetzt nur noch mit dem oberen Drittel sichtbar,

wie das rote nackte Augenschild eines riesigen Birkhahns. Nun wurde

sie verdunkelt, fast verdeckt, von dem strotzenden Euter der grauen

Leitkuh, die eben mit der Heerde drüben von der nahen Weide kam. Um

die schweren Bäuche stieg der Staub der Landstraße auf. Der lahme

Spittelhirt des Städtchens hinkte barfuß hinterdrein. Durch das

hohlere Getön der Brückenbohlen klang die Kupferglocke am Hals der

Vorderkuh. Zum Brüllen war die Heerde wohl zu satt. Die Mäuler kauten

noch.

Nun war die Sonne blos noch ein fasriger Rand, wie ein glühender

Wimpernbogen; das machten wohl die Binsen und das Röhricht in der

Ferne. Man konnte fast mit den Augen verfolgen, wie sie Strich für

Strich untertauchte. Er warf die ausgegangene Zigarre weg und stützte

sich fester auf den Zaun. Jetzt verglomm der letzte Strich, grade

oberhalb der einen Pappelsohle, wie hineingeschrumpft. Es wurde

plötzlich etwas heller. Die fahle Dunstwand schien sich abzukühlen.

Das dumpfe Rotgrau lockerte sich zart ins Grünliche. Durch die stummen

Pappeln, von Haupt zu Haupt das Fließ entlang, wagte sich ein Lüftchen;

noch beklommen. Jetzt: die trägen Blätter fingen an zu munkeln.

Er fuhr auf: eine verspätete Biene, von der Linde her, vorbei zu

Korbe. Ob sein Vater die Feierstunde der Natur auch so ins Einzelne

mitfühlte? Mit so sinnlicher Andacht? Nein. Das war wohl Neugehirn.

Neue Sinnlichkeit. Auch neue Wissenschaft.

Aber doch: er hatte ihn einmal sagen hören: „Der Kiefernhochwald, aber

Schnee muß liegen, das ist meine Kirche!“ Aber eben: Kirche: Unnatur!

-- Da, da drüben die Pappelblätter, oben an der höchsten Spitze, wie

sie schwärzlich im blassen Luftblau hingen, jeder Rand von einem

zarten, zitternden Flimmerschein umwirkt: wars nicht tief feierlich

zu wissen, daß sich da jetzt von unten her die letzten scheidenden

Sonnenstrahlen durch den Atemduft des warmen Laubes in der Abendkühle

goldhell brachen.

„Hater --“ fragte plötzlich die Kleine und schob sich bedächtig auf

die Bank, ihr Schürzchen von sich haltend, das sie mit Akazienblättern

vollgesammelt hatte -- „sind die Bäume müde, Vater?“ Ihre Augen

blickten, weit und träumerisch geöffnet, über den Tisch weg nach den

Pappeln. „Wie die Menßen ’tehn sie da.“

Er mußte nicken; wortlos. Wie die Menschen! O Kindermund.

Das mußte er der Mutter sagen; das war ein Wort aus +ihrem+ Geist.

Die Kleine saß immer noch träumerisch; leise trat er in den Hausflur.

Und auch den Narzissentraum ihr sagen! Ja, und dem Alten helfen seine

Hähne einsperren; das nahm er immer sehr hoch auf.

Die Küche war offen. Die Mutter stand am Herd, eben einen Eierkuchen in

der zischenden Pfanne wendend. Nein, das war nicht die rechte Stimmung;

lieber morgen Vormittag im Garten. „Ah --“ sog er unwillkürlich den

Geruch des brutzelnden Gebäckes ein.

„Mein großer Junge!“ lachte sie und griff ihm liebkosend durch den

Kinnbart. „Hast wohl schönen Hunger von dem langen Spaziergang?“

„Wo die Juno blos stecken mag!“ wetterte der Alte, aus dem Hühnerhof

in die Küche tretend; mit dem Helfen wars also auch nix. „Fängt auf

ihre alten Tage zu jagen an; muß ihr mal ’ne Ladung Schrot aufsengen,

Kantschu scheint nicht mehr zu ziehen.“ Er war ganz rot vor Ärger; wie

seine Hähne. „Hast du sie nicht bemerkt Nachmittag?“

„Nein, Vater.“

„Konnt mirs denken“, ging das Sticheln los; „liegst ja immer gleich im

Grase fest.“ Schwerenot, was ihn das wohl anging!

„Fertig, Kinderchen“ -- rief die Mutter und nahm das Gedeck zur Hand,

ihm die Teller reichend.

Gottseidank! atmete er auf, wieder hinaus ins Freie tretend; der Alte

hinterdrein mit den Eierkuchen. Aber was war das? das war ja ’ne nette

Bescherung! Auf dem Gartentisch, mitten drauf, saß sein Töchterlein,

eifrig bestrebt, die sandigen Akazienblätter in verschiedenen schönen

Kringeln auf dem weißen Sahnenpelz der dicken Milch zurechtzulegen;

eben wollte sie die zweite Satte in Angriff nehmen.

„I du Balg!“ Er besann sich; nur keinen Wutausbruch! Weswegen auch?

eigentlich wars doch zum Lachen! Er nahm sich zusammen und sprach mit

Nachdruck: „Das war aber unartig von dir!“

Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3) · 第 28 / 272 题