Heute ist die Käsebereitung über die ganze Erde verbreitet und der

Käse ist ein Großhandelsprodukt geworden, das in manchen delikaten

Spezialprodukten geradezu Weltruf wie gewisse Edelweine erlangt hat.

Überall, wo viel Milch produziert wird, die infolge erschwerter Abfuhr

wie auf den Alpen oder sonst von den Verkehrsstraßen abgelegenen

Gegenden nicht anders verwertet werden kann, wird Käse bereitet, und

zwar beträgt die Ausbeute von 100 kg Milch 12-15 kg weichen Fettkäses

wie Brie oder Camembert, 9-11 kg Weichkäses, 7-9 kg Hartkäses, 5-8

kg halbfetten und 4-6 kg mageren Hartkäses. Viel öfter als die

Milch einfach der Säuerung zu überlassen, bringt man sie durch

das Labferment zum Gerinnen, wobei die als Parakaseïn bezeichnete

Verbindung des Eiweißkörpers Kaseïn mit Kalk ausfällt. Da man es bei

der natürlichen Gerinnung der Milch durch die Milchsäurebakterien

mit dem Kaseïn zu tun hat, so ist also schon der Grundstoff bei der

Bereitung von Sauermilch- und von Labkäse ein verschiedener. Ferner

hat man es bei der Käsereifung in der Hand, den Grundstoff noch in

anderer Weise verschieden zu gestalten und dadurch nach Belieben Hart-

oder Weichkäse zu erzeugen. Läßt man nämlich die Gerinnung durch

das Labferment bei niedriger Temperatur langsam vor sich gehen, so

schließt die ausfallende Masse noch eine Menge Flüssigkeit ein, wird

davon schwammig und bleibt weich. Geschieht dagegen die Labgerinnung

sehr rasch, unterstützt von stärkerem Erwärmen, so scheidet sich der

Gerinnungskuchen in kompakter Form ab, enthält weniger Flüssigkeit

und wird hart. Selbstverständlich gibt es alle Übergänge von den

härtesten Käsen wie Parmesan über die mittelharten wie Emmentaler

bis zu den allerweichsten wie Brie und Camembert. Ferner ergibt sich

natürlicherweise ein Unterschied, ob man den Käse aus Magermilch oder

Fettmilch, aus Kuh-, Ziegen- oder Schafmilch herstellt. Aber auch der

Verlauf der Entwicklung bei der weiteren Behandlung ist von großem

Einfluß. Denn Hartkäse reifen durchaus anders als Weichkäse. Alle diese

Momente bringen es mit sich, daß es so viele verschiedene Arten von

Käse als Landstriche gibt. Gerade wie beim Wein die Beschaffenheit der

Traube den einen, und die Gärung den andern Faktor darstellt, so ist

es auch beim Käse; den einen Faktor bildet der Rohkäse, den andern die

Mikroben und die Behandlung bei der Reifung.

Daß die Käsereifung ein Gärungsvorgang im weiteren Sinne des Wortes

darstellt, hat zuerst der Breslauer Botaniker Ferdinand Cohn erkannt.

Seither ist dieser Vorgang eifrig studiert worden, nicht nur aus

wissenschaftlichem, sondern vor allem auch aus praktischem Interesse,

um durch Reinzüchtung guter Bakterien die Käserei auf rationelle

Grundlage zu stellen und die Produzenten vor Mißgriffen und Schäden zu

bewahren.

In jedem Käse haben wir eine äußerst komplizierte Anhäufung von

Bakterien, die in jedem verschieden sind und sich gegenseitig fördern

oder stören können. Sie spalten teilweise das Kaseïn, vergären den

Milchzucker in Milchsäure und bilden aus dieser und aus dem Eiweiß

Buttersäure und ähnliche fette Säuren. Ferner wird das Fett der Milch

gespalten und dabei werden spezifische Geruchs- und Geschmacksstoffe

erzeugt, die dem Käse sein spezifisches Aroma verleihen. Außer

Bakterien finden sich aber auch noch Hefen und Schimmelpilze im Käse;

letztere sind sogar bei der Reifung einiger Käse unentbehrlich; ja, in

dem nach einem Dorf im französischen Departement Aveyron im westlichen

Südfrankreich als Roquefort bezeichneten berühmten weichen Käse aus

Milch von Kurzschwanzschafen werden sie sogar, und zwar eine „edle“

Spielart des grünen Pinselschimmels (~Penicillium glaucum~), künstlich

zugesetzt und vermehren sich darin zu ganzen Nestern, die an ihrer

grünlichen Farbe zu erkennen sind.

Bei den Hartkäsen beginnt nach einer unbedeutenden ersten Phase der

Eiweißspaltung durch die Fermente zunächst eine allerdings nicht sehr

erhebliche Milchsäuregärung. Neben ihr und nach ihrem Ablauf beginnen

die eiweißabbauenden, sogenannten peptonisierenden Bakterien ihre

Tätigkeit, wobei sie durch die Milchsäure etwas in Schranken gehalten

werden, damit nicht eine übermäßige Zerspaltung des Eiweißes und

eine richtige Fäulnis durch die echten Fäulnisbakterien eintrete.

Diese unter Ausschluß von Sauerstoff vor sich gehende Gärung findet

in der ganzen Käsemasse gleichmäßig statt. In den Abbaustoffen des

Eiweißes finden wieder andere Bakterien, wie vor allem der ~Bacillus

nobilis~, günstige Wachstumsbedingungen und bilden neben Milchsäure die

charakteristisch riechende Buttersäure und die anderen Aromastoffe.

Ferner siedeln sich Schimmel- und andere Pilze an. So wird durch das

Ineinandergreifen der verschiedensten Mikroben eine Umwandlung der

geschmacklosen Rohstoffe bewirkt, die schließlich den reifen Käse mit

seinem spezifischen Wohlgeschmack hervorgehen lassen.

Anders verläuft die Reifung bei den Weichkäsen. Zugleich mit der Molke

enthalten sie viel mehr Milchzucker. Die infolgedessen sehr energisch

vor sich gehende Milchsäuregärung verhindert im Innern des Rohkäses

die Entwicklung aller anderen Keime. Alle diese Käse bleiben deshalb

anfänglich im Innern weiß, unvergoren und sauer, wie der Rohstoff,

aus dem sie bereitet werden. Nur von außen beginnen allmählich die

peptonisierenden Bakterien ihr Werk; so reift der Käse von außen nach

innen, bis er „durch“ ist. Dabei sind Pilze nötig, die die störende

Milchsäure verzehren, und dies tun vor allem die Schimmelpilze, die

dadurch den eiweißspaltenden und hernach wieder anderen Bakterien

Existenzbedingungen schaffen. Schimmelpilze bedürfen aber zu ihrem

Gedeihen unbedingt freien Sauerstoffs, und deshalb siedeln sie sich nur

außen herum an.

Ein gutes Beispiel für die Beteiligung von Schimmelpilzen an der

Reifung von Weichkäse bietet der Briekäse aus der Landschaft Brie

im nördlichen Frankreich zwischen Seine und Marne, der immer mit

einer dicken Schicht davon überzogen ist. Der Pilz ist ein naher

Verwandter des für den vorhin genannten Roquefort maßgebenden

grünen Pinselschimmels, nämlich ~Penicillium album~. In der für die

Herstellung des nordholländischen runden, innen schön gelben und außen

durch Orlean hübsch rotgefärbten Edamer Käses verwandten „langen Wei“,

einer fadenziehenden Molke, spielt ein Oidium eine wichtige Rolle.

Es stellt diese Flüssigkeit wenn nicht eine Reinkultur, so doch eine

sehr gute Kultur eines für die betreffende Käsereifung sehr wichtigen

Pilzes dar und bietet eines der wenigen Beispiele einer seit langem

geübten absichtlichen Beeinflussung des Reifungsvorganges von Käse. Ein

anderes stellt der bereits erwähnte Zusatz von ~Penicillium glaucum~

zum Roquefortkäse dar. Um nun dem Schimmelpilz ein von Bakterien

ungestörtes Wachstum zu verschaffen, wird der ganze Prozeß anders, vor

allem bei sehr niedriger Temperatur, in Felsenhöhlen, durchgeführt, und

um dem Pilz den für ihn unentbehrlichen Sauerstoff zuzuführen, wird der

Käse mit langen Nadeln durchbohrt und werden so Luftlöcher erzeugt.

Die wissenschaftliche Heranzüchtung +reiner Pilzkulturen für die

Käsereifung+ hat diesen alten Praktiken kaum neue an die Seite zu

stellen gewußt. Anfänge zu einer systematischen Benutzung edler

Käsebakterien sind allerdings bereits gemacht worden, doch begnügt man

sich in der Regel, heute wie vor Tausenden von Jahren mit der Gärung,

wie sie die natürliche Flora der betreffenden Käse mit sich bringt. Die

Bakterien gelangen aus der Luft und durch Verunreinigungen in die Milch

und wachsen dann im Käsekeller aus. Dabei bleibt vieles dem Zufall

überlassen, so daß es kein Wunder ist, daß auch dem geübten Käser

trotz aller aufgewandten Mühe und Sorgfalt manche Reifung mißlingt,

wenn sich Bakterien im Käse einnisten, die unerwünschte Gärungen

darin bewirken, so daß das Produkt bitter, fleckig, allzu faulig und

mit Gasblasen durchsetzt usw. wird. Wenn nun auch die uralte Empirie

meist mit überraschender Sicherheit die besten Bedingungen erkannt

hat, die solche fast unvermeidliche Nebengärungen auf ein Mindestmaß

beschränken, so wird auch das Käsegewerbe einmal dazu gelangen, von

sterilen Rohstoffen auszugehen und diesen die spezifischen Keime in

Reinkultur zuzusetzen, um stets ein mit Sicherheit tadelloses Produkt

zu erzielen, wie wir solches in idealer Weise bei der Bierbrauerei

verwirklicht sehen.

Übrigens werden in manchen Gegenden dem Käse auch gewisse aromatisch

riechende Kräuter beigemischt und dadurch Kräuterkäse erzeugt. Dies ist

besonders in Griechenland und im Orient der Fall, ebenso bei uns in

manchen Alpengegenden, so vor allem im Kanton Glarus in der Schweiz,

wo durch Beigabe von feinpulverisiertem getrocknetem Bisamhonigklee

(~Melilotus coerulea~), der aus Nordafrika stammt und dort angebaut

wird, der nach ihm duftende und durch ihn grünlich gefärbte

+Schabzieger+ hergestellt wird, der weithin exportiert wird. Diese

Käsesorte muß schon sehr lange dort fabriziert werden; denn sie wird

schon im 13. Jahrhundert als gebräuchliches Landesprodukt erwähnt.

Wie nun verschiedene Bakterienarten bei der Reifung des Hartkäses

und dazu noch gewisse Schimmelpilze bei derjenigen des Weichkäses

eine wichtige Rolle spielen, so tun es andere bei der Erzielung

anderer Nahrungsmittel. So haben wir die Kultur eines Schimmelpilzes,

des ~Aspergillus oryzae~, bei der Bereitung des japanischen

Nationalgetränkes Saké kennen gelernt. Dieser Pilz enthält ein sehr

kräftiges diastatisches Ferment, die sogenannte Takadiastase, die

Stärke energisch spaltet und in Zucker überführt. Bei der Sakébereitung

werden dann die Zuckerstoffe durch Saccharomyceten, die der Kojihefe

beigemengt sind, vergoren. Seit alters her aber macht man von demselben

Schimmelpilz in Japan noch eine andere, wirtschaftlich mindestens

ebenso wichtige Anwendung, nämlich zur Bereitung der dem Japaner

unentbehrlichen Würzmittel des Shoju und des Miso, die beide aus den

Sojabohnen, einer der Hauptkulturpflanzen Japans gewonnen werden. Da

diese Hülsenfrüchte selbst in gekochtem Zustande schwer verdaulich

sind, wird durch Beigabe solcher ebenfalls aus ihnen bereiteter Würze

die Absonderung der Verdauungssäfte zu ihrer leichteren Bewältigung

angeregt. Die Sojasauce Shoju wird, wie wir bereits früher mitteilten,

aus halbgar gekochten Sojabohnen mit Beigabe von geröstetem Weizenmehl

und Salz in der Weise gewonnen, daß man die auf gedämpftem Reis

gezüchteten Kulturen des ~Aspergillus oryzae~ hinzufügt. Nachdem der

Pilz drei Tage hindurch sich gründlich in dem Gemisch vermehrt und

dasselbe ganz durchwuchert hat, wird Salzwasser hinzugegeben und

die Masse in großen Holzkübeln bei möglichst geringer Temperatur

viele Monate, ja bis zu fünf Jahren, einer Gärung unterworfen, bei

der auch verschiedene andere Pilze als der vorhin genannte, so ein

milchsäurebildendes Bakterium und ein alkoholbildender Hefepilz

(~Saccharomyces soya~), eine wichtige Rolle spielen. Der Hauptvorgang

dabei ist eine weitgehende Aufspaltung sowohl der Kohlehydrate der

Samen wie ihrer Eiweißsubstanzen durch die Fermente des Schimmelpilzes.

Es finden sich tatsächlich in der schließlich resultierenden, ziemlich

dickflüssigen, braunen Shojusauce nur noch die Abbaustoffe der

Eiweißkörper, in ähnlicher Weise wie sie im Liebigschen Fleischextrakt

vorhanden sind. Sie geben ihm vorzugsweise den aromatischen Geschmack

und die die Absonderung der Verdauungssäfte anregende Wirkung der schon

durch den sehr hohen Kochsalzgehalt von etwa 15 Prozent sehr starken

Würze zu der an sich reizlosen, vorzugsweise aus Reis oder Sojabohnen

mit getrockneten Fischen bestehenden Kost der Japaner. Der Verbrauch

dieses neuerdings in der ganzen Kulturwelt Eingang findenden und

den wichtigsten Bestandteil der berühmten englischen Worcestersauce

bildenden Shoju beträgt in Japan rund 6 Liter auf den Kopf der

Bevölkerung.

Ebenfalls mit Hilfe der Kojihefe wird der dem Shoju ähnliche +Miso+ aus

einem Brei von gekochten Sojabohnen gewonnen; nur ist er ein weniger

durchgreifend vergorenes Produkt, das mehr unveränderte Stoffe enthält

und ebenfalls in sehr großen Mengen, etwa 30 Millionen kg jährlich,

in Japan verbraucht wird. Die in China gleichfalls viel gebrauchte

Sojasauce wird in etwas anderer Weise hergestellt. Man benutzt dazu

andere Varietäten der Sojabohne, die, gekocht und mit Blättern einer

Eibischart (~Hibiscus~) bedeckt, einige Tage sich selbst überlassen

werden, wobei sich dann spontan der als ~Aspergillus wentii~ bekannt

gewordene Schimmelpilz ansiedelt. Man läßt den Pilz sich nur kurze Zeit

in der Masse entwickeln, so daß nur eine sehr oberflächliche Gärung

eintritt, kocht dann auf und versetzt sie mit Sternanis und allerlei

aromatischen Kräutern. Eine eigentliche Zucht dieses Pilzes findet also

nicht statt.

Bei uns und in der ganzen von Europäern beeinflußten Kulturwelt sehr

wichtig und deshalb von volkswirtschaftlich großer Bedeutung sind die

vornehmlich durch die +Milchsäurebakterien+ hervorgerufenen sauren

Gärungen von Futtermitteln und Gemüsen, um sie haltbar zu machen

und ihnen gleichzeitig einen bestimmten Wohlgeschmack und größere

Verdaulichkeit zu verleihen. Dieses Verfahren der +Säuregärung+ als

sehr wirksames und bequemes Konservierungsverfahren für allerlei

sonst wenig haltbare Pflanzenprodukte ist von Osten, von den Slawen

zu uns nach Mitteleuropa gekommen. Die Slawen ihrerseits lernten sie

vermutlich von den Tataren kennen, welche die Milchsäuregärung von

der beim Aufbewahren gerinnenden Milch reichlich kennen zu lernen

Gelegenheit hatten. Noch heute spielen diese Konservierungsmethoden

in Rußland eine ganz andere Rolle in der Wirtschaft als bei uns.

Meist sind diese Verfahren noch Eigentum der Hausfrau und dann

wissenschaftlich noch wenig untersucht, zum Teil aber wie die

Sauerkraut- und Gurkengärung zu großen Industrien geworden und dann

etwas besser erforscht.

Ob es sich nun um Gras, Klee oder Rübenschnitzel zum Zwecke von

Bereitung von „+Sauerfutter+“ oder um Einlegen von Kraut, Gurken und

anderen Früchten zur Herstellung von +Sauerkraut+, +sauren Gurken+ usw.

handelt, die Hauptsache bleibt immer dieselbe: die Pflanzenteile werden

in größeren oder kleineren Stücken, mit oder ohne Wasser, mit oder ohne

Kochsalz, gekocht oder roh, fest zusammengepreßt und einer von selbst

einsetzenden, ganz oder fast ganz unter Luftabschluß vor sich gehenden

Gärung überlassen. Sobald dann die Pflanzenteile, meist infolge von

Luftmangel abgestorben sind, beginnen die daran haftenden Bakterien,

Hefen, Schimmel- und andere Pilze unabhängig voneinander ihr Werk.

Die mannigfaltigsten Zersetzungen, Eiweißzerfall, Gasgärung aus der

Zellulose, Alkoholgärung, Buttersäure-, Milchsäure- und andere Gärungen

gehen vor sich, bis schließlich wie so häufig, die Milchsäurebakterien

in dem Gemisch von winzigen Lebewesen Sieger bleiben und durch

zunehmende Bildung von Milchsäure, die dem ganzen Produkt den Stempel

der Säuerung aufdrückt, die anderen Organismen zurückdrängen. An

diese auf die vielseitige Vorgärung folgende Hauptgärung schließt sich

als dritter Akt die Nachgärung an, bei welcher die Milchsäurebildner,

zum Teil unter der Wirkung der von ihnen selbst gebildeten Säure

zurückgehen und die Hefen, Schimmelpilze und Oidien aufkommen. Alle

diese sind Säureverzehrer; als solche bringen sie die Milchsäure

langsam zum Schwinden und verleihen außerdem dem Gärgemisch besondere,

mehr oder weniger angenehme aromatische Stoffe, die den Geschmack

dementsprechend verändern. Geht der Prozeß weiter, so werden durch

das Verschwinden der Milchsäure wieder anderen Mikroben günstige

Existenzbedingungen geschaffen, und so können eiweißzerstörende

Fäulnispilze zur Entwicklung gelangen, die schließlich eine eigentlich

faulige Gärung bewirken und so die Konserve völlig für Mensch und Tier

ungenießbar machen. Dann geht das Produkt für den Konsum verloren.

Sache des Herstellers ist es also, die Vorgänge zu geeigneter Zeit

zu unterbrechen und es nicht zu einer eigentlichen Fäulnis kommen zu

lassen.

Diese großen Züge des Gärungsprozesses erfahren im ganzen nur

unwesentliche Veränderungen durch die mancherlei technischen

Abänderungen. Wurde das Leben der Pflanze durch Abkochen getötet,

so gehen zwar dabei viele der ihr anhaftenden Keime zugrunde, stets

aber bleiben die Sporen der die Milchsäuregärung erregenden Mikroben

erhalten, die dann beim späteren Auswachsen rasch eine solche

saure Gärung bewirken. Wird viel Kochsalz hinzugesetzt, das den

Hauptzweck hat, durch Wasseranziehung den Saft aus den Pflanzenzellen

herauszuziehen und diese zur besseren Konservierung zu durchdringen,

so wird damit auch gleichzeitig der Erfolg erreicht, daß gewisse

Organismen, die diesen Gehalt an Kochsalz nicht ertragen können,

ausgeschaltet werden. Wieder andere Bedingungen schafft es, wenn man

gar keine oder etwas Luft zuläßt, ob man die Gärung bei sehr hoher

oder niedriger Temperatur vor sich gehen läßt, beziehungsweise ob man

die starke Selbsterhitzung, die gewöhnlich als ein Zeichen der Gärung

eintritt, duldet oder vielmehr für Abkühlung sorgt.

Am besten ist die Gärung des Sauerkrautes studiert. Der zerschnittene

Kohl wird roh ohne Wasser, aber mit 0,5-2 Prozent Salz und etwas

Gewürzen eingestampft, festgepreßt und so unter Luftabschluß einige

Wochen vergoren. Bei der sonst ähnlichen Darstellung des russischen

Schtschi wird dagegen die Luft nicht völlig abgeschlossen. Die erste

Zersetzung, die sogenannte Schaumgärung, erfolgt vorwiegend durch

Hefepilze; dann folgt eine ziemlich reine Milchsäuregärung, bei der

sich keine flüchtigen Säuren bilden und die von der Temperatur ziemlich

unabhängig ist. Hierauf beginnt, und zwar meistens von außen her, das

Abnehmen der Säure unter dem Einfluß der nie fehlenden Kahmpilze der

Gattung ~Mycoderma~, die sehr viel Sauerstoff verbrauchen und hier wie

anderswo, z. B. beim Wein, leicht eine faulige Zersetzung bewirken. Es

muß deshalb ihr Dringen in die Tiefe durch hermetischen Luftabschluß

verhindert werden, soll nicht das Sauerkraut ungenießbar werden.

Ähnlich verhält sich der Prozeß bei den sauren Gurken; nur wirken

hier bei der starken anfänglichen Schaumgärung auch Mitglieder der

artenreichen Gruppe des ~Bacterium coli~ (d. h. Dickdarmbakterium,

so genannt, weil er als Fäulniserreger im Dickdarm eine große Rolle

spielt) mit. Wenn dann nicht bald eine kräftige Milchsäuregärung

einsetzt, so werden die Gurken schlaff, schmecken matt und gehen leicht

in Fäulnis über. Gegen diese gefürchteten Milchgärungen ist der Zusatz

von etwa 4 Prozent Kochsalz ein viel angewandtes Mittel. Auch wird

Zufuhr von Traubenzucker empfohlen, um die Milchsäurebildung durch den

dem Colibazillus nahe verwandten Milchsäurebazillus recht kräftig in

Gang zu bringen.

Auch sonst spielen Gärungserreger bei der Gewinnung der verschiedensten

Pflanzenprodukte eine große Rolle. So erhitzt sich nicht ganz trocken

eingefahrenes Heu oder Emd durch solche bis zur Selbstentzündung, was

schon sehr viele Brände und großen Schaden verursachte. Sehr wichtig

ist ihre Tätigkeit bei der Gewinnung der Rohprodukte für die Spinnerei

wie Flachs, Hanf, Jute, Manilahanf und ähnliche Stoffe, die gerottet

werden müssen, um die einzelnen Bastfasern voneinander zu trennen. Die

letztere verbindende Kittsubstanz besteht vorwiegend aus Pektinstoffen,

d. h. komplexen Kohlehydraten, ähnlich, aber aus anderen Zuckerarten

zusammengesetzt wie die Zellulose oder der Holzstoff der Pflanzenfasern

und am nächsten mit den Pflanzenschleimen verwandt. Indem man diese

bastliefernden Pflanzen zum Rotten in Bündeln in Teiche oder Gruben

mit Wasser versenkt, und mit Steinen beschwert, werden in ihnen zuerst

die Eiweißstoffe von den allgegenwärtigen Mikroben aufgezehrt und

verfaulen, die Kohlehydrate gehen in Milch- und Buttersäure über usw.

In dem Maße als das Nährmaterial für diese Pilze verschwindet, treten

sie zurück, um denjenigen Platz zu machen, die, wie die Granulobakter-

und Clostridiumarten die für jene unbrauchbaren Pektinstoffe durch ein

von ihnen ausgeschiedenes Ferment, die Pektinase, in die entsprechenden

Zuckerarten spalten und für sich verwenden. Seit dem Jahre 1852

wurde diese Erkenntnis von einigen Technikern ausgesprochen und dann

experimentell bestätigt. Seit einigen Jahren suchte man auch Gewinn

daraus zu ziehen, indem man Rohzuchten aus den Abfallwässern künstlich

den Rotten zusetzte, um die Wirkung zu beschleunigen. Indessen hat die

Verwendung wirklicher Reinkulturen, wie solcher des Granulobakter, noch

keine besonders günstigen Erfolge gebracht; anscheinend muß eine Art

Symbiose mit anderen Mikroben bestehen, die erst gute Resultate beim

Rotten erzielt. Man begnügt sich in der Praxis meist damit, die Rotte

so zu leiten, daß die Bedingungen für den Granulobakter und die übrigen

Pektinvergärer recht günstige werden. Dazu führt man die Gärung bei

relativ hoher Temperatur von etwa 25 bis 35° C. durch und wechselt das

Wasser öfter, um die Milchsäurebazillen usw. immer wieder zu entfernen.

Indem allen anderen Keimen allmählich die Nährstoffe ausgehen, erhält

man schließlich eine Reinkultur der +Pektinvergärer+.

Viel langsamer als diese Wasserrotte geht die Land- oder Taurotte vor

sich, bei welcher der Flachs oder andere solche Faserpflanzen auf

Wiesen ausgebreitet und der Befeuchtung durch Regen und Tau überlassen

bleiben. Bei diesem Vorgange sind es weniger die pektinvergärenden

Spaltpilze als höhere Pilze, namentlich Schimmelpilze der Gattung

~Mucor~ und Fadenpilze, welche durch Ausscheidung von Pektinase die

Pektinstoffe in Zucker auflösen, den sie für sich verbrauchen, dabei

aber auch die Zellulose angreifen, also die Fasern selbst beschädigen.

Neuerdings ist die moderne Industrie bestrebt, überhaupt die Tätigkeit

von Mikroben beim Gewinnen der Faserstoffe auszuschalten und die

Pektinstoffe durch erhitzten Wasserdampf oder auch Alkalien zu spalten.

Auch bei der Verarbeitung der Häute zu Leder spielen die

verschiedensten Mikroorganismen eine wichtige Rolle. Damit die rohen

Häute nicht von den die Eiweißstoffe derselben lösenden Fäulniserregern

aufgelöst und verdorben werden, trocknet man sie oder entzieht

ihnen das Wasser durch Kochsalz, Glaubersalz oder Gips. Neuerdings

sterilisiert man sie auch mit Formalin. Um die solchermaßen getrocknet

versandten Häute zu verarbeiten und die Haare aus ihnen zu entfernen,

kommen sie in die sogenannten Weichen, wobei die äußerste Schicht

von den gewöhnlichsten Fäulniserregern, den Proteusarten, zerstört

wird und die Haare ausfallen. Durch Halten der Felle bei niedriger

Temperatur, die 12° C. nicht überschreiten soll, sucht man zu verhüten,

daß die Fäulnis nicht zu weit greife und die eigentliche Haut verdorben

werde. Neuerdings aber ersetzt man diesen etwas gefährlichen Prozeß

der Bakterienwirkung durch chemische Mittel, indem man die Häute der

Einwirkung von Schwefelalkalien und ähnlichen Enthaarungsmitteln

aussetzt.

Die so enthaarten Häute werden dann gewaschen, um den Kalk aus ihnen

zu entfernen. Dabei greifen allerlei Bakterien die Plasmasubstanz

derselben an, was man bei manchen Häuten, die zu weichem Leder,

wie Oberleder, verarbeitet werden sollen, nicht ungern sieht.

Bei Kernleder, welchem solches schädlich ist, sucht man, um dem

entgegenzuwirken, das Auswaschen durch fleißiges Bewegen der Häute zu

beschleunigen und setzt, um den Kalk schneller zu beseitigen, etwas

Säure hinzu.

Dann folgt das Beizen, wozu man von alters her die aus Exkrementen

von Vögeln oder Hunden bereiteten +Mistbeizen+ benutzt. Manche

Naturvölker, wie die Eskimos, verwenden dazu faulenden Urin, den sie

zu diesem Zwecke sorgfältig in ihren Hütten sammeln und aufbewahren,

was allerdings den Aufenthalt in ihren Behausungen für die Europäer

wegen des damit verbundenen üblen Geruches nicht gerade angenehm

macht. Solche von Bakterien wimmelnden Mistbeizen dienen vor allem zur

Bereitung von weichen und geschmeidigen Ledersorten. Die Bakterien

dieser Beizen, unter denen Fäulnispilze und Säurebildner die Hauptrolle

spielen, sollen die Plasmasubstanz der Häute auflockern und den

Kalk vollständig ausziehen. Nun haben natürlich solche Beizen, ganz

abgesehen von ihrem scheußlichen Gestank, noch den großen Übelstand,

daß die unkontrollierbaren Bakteriengemenge unter Umständen durch

zu weitgehende Wirkung den Häuten schweren Schaden zufügen. Man ist

deshalb wie in anderen Gärungsindustrien, so auch in dieser dazu

geschritten, sie durch künstlich gezüchtete Nutzbakterien zu ersetzen.

Der erste Schritt dazu war die Züchtung der Gesamtkeime des Hundekotes

auf künstlichen, mit Fleischbrühe versetzten Nährböden, wobei man

wenigstens ein einigermaßen einheitliches, beständiges Mittel in die

Hände bekam. Man hat aber weiterhin auch schon eigentliche Reinkulturen

erhalten, so eine von einem ~Bacterium erodiens~, die als Erodin in den

Handel gelangt und von den Fachleuten günstig beurteilt wird.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte · 第 76 / 77 段