Die Kartoffeln werden zur Überführung der Stärke in Kleister gekocht

und, da sie nur sehr wenig Diastase zur Umwandlung des letzteren in

Zucker haben, bei einer möglichst hohen Temperatur von 45-50° C. mit

Malz versetzt. Nachdem die Verzuckerung der Stärke stattgefunden

hat, setzt man die Maische, wie wir dies bei der Bierbereitung

beschrieben haben, zur Gärung an, die bei 25° C. verläuft und nur etwa

drei Tage dauern darf. Und zwar verwendet man dazu nicht mehr wie

früher Bierhefen, sondern speziell die zu diesem Zwecke in besonderen

Anstalten in großen Mengen in Reinkultur gezüchteten obergärigen,

stark gelüfteten Brennereihefen. Ist nun durch Gärung der Zucker

der Maische zum größten Teil in Alkohol (und Kohlensäure, welche

entweicht) übergeführt, so wird das Gemisch im Destillierapparat mit

Dampf erhitzt, und der mit Wasserdämpfen und einigen Beimengungen in

gasförmigen Zustand übergehende Alkohol wird durch Kühlung wieder zu

einer Flüssigkeit verdichtet.

Meist wird in den Brennereien nur ein Rohspiritus dargestellt, der dann

zur weiteren Reinigung in die Raffinerien wandert. In diesen wird

durch nochmalige Destillation der Äthylalkohol mit nur 4-8 Prozent

Wasser als rektifizierter Spiritus gewonnen, wobei die schwerer

flüchtigen höheren Alkohole (besonders Amylalkohol), die sogenannten

Fuselöle, in der Destillierblase zurückbleiben. Letztere haben einen

durchdringenden Geruch und sind sehr giftig. Früher glaubte man, daß

sie durch die Tätigkeit irgend welcher Spaltpilze entstehen, und

beschrieb sogar einige solche Pilze, welche sie erzeugen sollten. Doch

ist neuerdings durch die eingehenden Untersuchungen von F. Ehrlich mit

Sicherheit erwiesen worden, daß sie Produkte der Hefen sind und durch

Umwandlung aus den Eiweißstoffen der Maische und ihren Abbauprodukten

entstehen. Da sie zur Herstellung schwertrocknender Öle und in der

Fabrikation künstlicher Riechstoffe verwendet werden, so hat die

Industrie selbst ein Interesse daran, sie möglichst vollständig aus dem

Weingeist, dessen Wert sie herabsetzen, zu entfernen.

Der reinste rektifizierte Spiritus wird als +Weinsprit+ bezeichnet

und wird vor allem in der Likörfabrikation verwendet. Die weniger

guten Marken, die aber auch noch so gut wie rein sind, dienen in der

Kraftindustrie und werden, da sie einer weit geringeren Steuer als

der zu Genußzwecken des Menschen verwendete Spiritus unterliegen,

durch Hinzufügen von Holzgeist und Pyridin denaturiert, um ihnen einen

widerlichen Geschmack und Geruch zu geben. Welch gewaltige Bedeutung

die Brennerei in der Volkswirtschaft besitzt, beweist die Tatsache, daß

in Deutschland allein aus 3 Milliarden kg Kartoffeln gegen 4 Millionen

Hektoliter Spiritus jährlich erzeugt werden, von denen 2½ Millionen

getrunken werden und der Rest zu gewerblichen Zwecken verbraucht

wird. Die Branntweinsteuer bringt dem Reiche jährlich 150 Millionen

Mark ein, und nur etwa für 6 Millionen Mark kommt zur Ausfuhr. Leider

hat die ausgedehnte Verwendung des Weingeistes als Kraftquelle noch

keine befriedigende Lösung gefunden, wenn er auch schon in großer

Menge bei der Industrie als Beleuchtungsmittel und zum Treiben kleiner

Motoren Verwendung findet. Speziell zum Treiben der Automobilmotoren

vermag er noch nicht das Benzin zu verdrängen. Hoffentlich aber wird

diese Neuerung nicht mehr lange auf sich warten lassen, da es aus

volkshygienischen Gründen höchst wünschenswert wäre, wenn der in

solchen Massen produzierte Schnaps statt vom Menschen getrunken, dem

er ein überaus schlimmer Feind ist, als Kraftquelle eine ausgedehntere

Verwendung finden könnte, und so dem Volke nützlich, statt wie bisher

verderblich sein würde.

In seiner Sucht nach starken Berauschungsmitteln hat der Mensch,

seitdem ihm die Kenntnis der Alkoholdestillation zuteil wurde, aus

allen möglichen zuckerigen oder in Zucker überzuführenden Stoffen

vermittelst wilder Hefen Alkohol gewonnen und Schnaps daraus

gebrannt, so nicht bloß aus Melasse, Roggen und Mais, sondern auch

aus Wurzeln wie Enzian, Früchten wie Holunder- und Vogelbeeren,

Kirschen und Zwetschen mit Einschluß deren ausgeklopfter Kerne, aus

Heferückständen, Trebern, Trestern usw. Unter diesen nehmen vor allem

die Getreideschnäpse, der +Kornbranntwein+, eine wichtige Stellung ein.

So wird das angloamerikanische Nationalgetränk, der Whisky in seinen

verschiedenen Spielarten bald aus Roggen-, bald aus Gerstenmalz mit

Hinzufügung von gekeimtem Mais hergestellt, während der in Ostindien,

besonders auf Java bereitete +Arrak+ aus Reis unter Zusatz von Melasse

und Palmwein gebrannt wird. In Westindien, speziell Jamaika, wird

dagegen aus den bei der Bereitung von Zucker aus Zuckerrohr abfallenden

Produkten der +Rum+ bereitet, der seinen eigentümlichen Geschmack

dem Vorhandensein von freien Säuren, wie Ameisen- und Buttersäure,

und deren Estern verdankt. Als vornehmster aller Branntweine gilt

der nach dem Zentrum seiner Bereitung, der westfranzösischen Stadt

gleichen Namens, als +Cognac+ bezeichnete Branntwein, der ein Destillat

aus Wein, meist Rotwein, ist und nur durch jahrelanges Lagern in

Fässern aus bestimmtem Eichenholz seine schöne Farbe und seinen

charakteristischen Geschmack erhält. Alle diese Schnäpse zeigen frisch

den brennenden Spritgeschmack, der erst durch möglichst langes Liegen

im Faß durch bisher noch nicht ganz erforschte chemische Vorgänge den

erwünschten zartmilden Geschmack erhält. Meist handelt es sich wohl

dabei um Oxydationsprozesse, indem Sauerstoff durch die feinen Poren

der Fässer hindurchtritt und die scharf schmeckenden Stoffe in milde

verändert. Dafür spricht vor allem, daß man den Vorgang des Alterns

durch Imprägnierung mit Sauerstoff beschleunigen kann. Dies ist ein

großes kaufmännisches Problem, da gerade durch das lange Lagern die

edlen Branntweine sehr verteuert werden. Indessen ist ein wirklich

gutes Mittel zum künstlichen Altmachen noch nicht gefunden worden.

Besonders lange Zeit brauchen die Branntweine, die man in der Flasche

alt werden läßt, weil sie wasserklar gewünscht werden, wie z. B.

Kirschwasser; denn aus dem Holz der Fässer nehmen die Destillate stets

Farbstoffe auf. Diese Branntweine müssen viele Jahre liegen, bis sie

wirklich reif geworden sind.

In der unüberwindlichen Sehnsucht nach berauschenden Getränken sind

die Nomadenvölker dazu gekommen, aus der Milch, dem einzigen ihnen

zu Gebote stehenden zuckerhaltigen Nährmittel, sich welches zu

bereiten. Das bekannteste dieser alkoholischen Getränke aus Milch

ist der +Kefir+, der in den Bergländern des nördlichen Kaukasus seit

undenklicher Zeit ein Hauptgenußmittel ist. Er ist ein säuerliches,

sehr wohlschmeckendes Getränk mit geringem Alkohol- und größerem

Milchsäuregehalt, das wegen seiner Leichtverdaulichkeit jetzt auch in

den Kulturländern vielfach hergestellt und als diätetisches Mittel

verordnet wird. Die meisten wilden Hefen vermögen nun nicht aus dem

Milchzucker die gärungsfähigen Kohlehydrate freizumachen. Nur einige

wenige, wie z. B. ~Saccharomyces fragilis~ im Käse, sind dazu imstande,

und solche in Kultur genommene Arten verwenden die tierzüchtenden

Nomaden zu dieser Fermentation. Doch sind dabei stets noch Spaltpilze

tätig, die mitgezüchtet werden und noch besser als die Hefen den für

letztere meist unangreifbaren Milchzucker spalten und zugleich eine

Milchsäuregärung bewirken. So haben wir in dem aus Schaf-, Ziegen-

und Kuhmilch hergestellten Kefir, dessen Fermentorganismen in gelben

Körnern in den Handel kommen, außer der Kefirhefe (~Saccharomyces

kefir~) zwei Kettenkokken und einen Bazillus, die, der Milch

beigemischt und mit derselben in geschlossenen Gefäßen aufbewahrt, in

drei Tagen das Getränk entstehen lassen, das „Wonnetrank“ bedeutet, als

Zeichen dafür, wie sehr ihn diese kaukasischen Bergstämme lieben.

Ganz ähnlich wird seit uralter Zeit in der südrussischen Steppe von

den dort wohnenden Nomaden aus Milch, auch Stutenmilch, der +Kumys+

gewonnen, dessen Name von dem bereits von Xenophon (um 440 v. Chr.

in Athen geboren und 355 in der Verbannung aus seiner Vaterstadt in

Korinth gestorben) erwähnten Volke der Kumanen stammen soll, von denen

es dann 1215 die Tataren bei ihrer Besitzergreifung dieser Länder

übernahmen. Jedenfalls war es unter ihnen schon allgemein bekannt, als

sie der Gesandte Ludwigs des Heiligen, Wilhelm Rubruck, im Jahre 1253

besuchte. Auch der um 1459 in Nürnberg geborene und 1507 in Lissabon

verstorbene Seefahrer und Geograph Martin Behaim, der, nach seiner

ersten Entdeckungsreise als Begleiter des Diego Câo 1490 in seine

Vaterstadt zurückgekehrt, den noch daselbst verwahrten großen Globus

anfertigte, kannte ein Chumis genanntes, bei den Tataren Südrußlands

hergestelltes Getränk, das heute gelegentlich auch in der Kulturwelt

Verwendung findet. Die Erreger der echten Kumysgärung sind noch

unbekannt, stecken aber in den Schläuchen, in denen Kumys gegoren hatte

und in die stets wieder Milch zur neuen Fermentation gegossen wird. Das

Getränk ist dem Kefir in Geschmack und Wirkung ähnlich.

Die Vereinigung von Hefen mit Bakterien haben wir auch in den

säuerlichen, schwach alkoholhaltigen Milchprodukten, der armenischen

Nationalspeise +Mazun+, dem +Leben+ der Ägypter und dem +Yoghurt+ der

Bulgaren, was alles „saure Milch“ heißt. Letzterer ist gleicherweise

wie der Kefir als geschätztes diätetisches Präparat bei uns

beliebt geworden, seitdem einer der Leiter des berühmten Instituts

Pasteur in Paris, Prof. Elias Metschnikoff, die Aufmerksamkeit der

wissenschaftlichen Welt auf ihn lenkte und ihn geradezu als Mittel zur

Verlängerung des menschlichen Lebens erklärte, da die ihn vorzugsweise

essende bulgarische Bevölkerung einen auffallend hohen Prozentsatz

sehr alter Leute aufweist. In ihm sind nun keine Hefen, wohl aber

ein Gemisch von drei Spaltpilzen, einem Ketten-, einem Doppelkokkus

und einem als Majabazillus bezeichneten langen Stäbchen von geringer

Beweglichkeit als die Gärungserreger nachgewiesen und in Kulturen

zur Herstellung dieses die Darmfäulnis herabsetzenden diätetischen

Präparates gezüchtet worden.

Endlich haben wir bei den Kalmücken auch einen als +Arakà+

bezeichneten, aus Milch hergestellten Branntwein, der zwar nur

einen sehr schwachen Alkoholgehalt, dafür aber einen reichen Gehalt

an flüchtigen Fettsäuren bei der Destillation empfängt, so daß er

schauderhaft nach ranzigem Fette schmeckt, was aber nicht hindert, daß

sich seine Erzeuger mit Wohlbehagen damit berauschen.

Seit uralter Zeit beobachtete man, daß alkoholhaltige Flüssigkeiten

bei längerem Stehen an der Luft ihren weinigen Geschmack verlieren und

sauer werden. Diese Säure, von den Römern ~acetum~, von den Deutschen

danach +Essig+ genannt, benutzte man sehr früh als Würze von Speisen,

besonders Salaten. Über die Ursache dieser Veränderung, die man bei

der Wein- und Bierbereitung als unliebsame Bildung fürchtete, war man

ebenso wie über diejenige der weinigen Gärung vollkommen im unklaren,

bis der berühmte Begründer der neueren Chemie, der 1743 in Paris

geborene und am 8. Mai 1794 daselbst guillotinierte Lavoisier die

Notwendigkeit der Sauerstoffzufuhr bei diesem Prozesse erkannte und

ihn folgerichtig als Oxydation des Alkohols zu Essigsäure auffaßte.

Erst der Jenaer Professor der Chemie Döbereiner (1780-1849) gab in den

1830er Jahren die genauere Formel desselben an. Als man bald darauf

erkannte, daß die Überführung von Alkohol in Essigsäure auch durch

fein verteiltes Platin bewirkt werden kann, glaubten die Anhänger der

chemischen Theorie der Gärung, vor allem Liebig, die Bildung von Essig

sei dadurch als ein rein chemischer Prozeß erwiesen. Dem traten aber

die Anhänger der biologischen Auffassung entgegen und es erhob sich

derselbe Streit wie bei der Hefegärung. Schließlich blieben auch hier

die letzteren Sieger. Wenn nun auch Kützing selbst vor Schwann die

Bakterien der Essiggärung gesehen und beschrieben hatte, so verdanken

wir doch Pasteur die grundlegenden Arbeiten über deren Eigenschaften

und Lebensgewohnheiten und das Vermögen, sie in beinaher Reinkultur zu

züchten. Es sind verschiedene Pilze der Gattung ~Bacterium~, die nur

in einem Sauerstoff enthaltenden Medium gedeihen, auch organisches,

stickstoffhaltiges Material zu ihrer Entwicklung brauchen und dann

auf der Decke der zu vergärenden Flüssigkeit ein Geflecht von langen

Fäden bilden. Nach der praktischen Bedeutung unterscheidet man vier

Hauptgruppen, nämlich die Schnellessigbakterien, die vor allem

technische Verwendung finden, dann diejenigen des Weines, des Bieres

und der Maische. Außer bei diesen speziellen Essigkeimen finden wir die

Fähigkeit, Essigsäure als Nebenprodukt zu bilden, bei sehr zahlreichen

anderen Mikroben, so daß sie in geringer Menge bei fast allen Gärungen

zu finden ist.

[Illustration: Bild 50-52.

I. Essigsäurebakterien: ~a~ kettenförmig angeordnete Bakterien aus

einer Hautvegetation, ~b~ einzelne Essigbakterien (Kurzstäbchen), ~c~

fadenförmige Essigbakterien in kettenförmige Kurzstäbchen zerfallend.

II. Milchsäurebakterien: ~a~ Kurzstäbchen aus Milch, ~b~ Langstäbchen

aus Bier.

III. Buttersäurebakterien: ~a~ unbewegliche Buttersäurebakterien

(Langstäbchen), ~b~ bewegliche Buttersäurebakterien (Spindelform). Nach

~Dr.~ Schnegg.]

Der eigentliche Vorgang der Essigbildung ist als eine Fermentwirkung

erkannt worden. Insofern behielt Liebig in gewissem Sinne mit seiner

chemischen Anschauung recht, wie wir dies bei der Alkoholgärung

schilderten. Die Gärung ist nicht als ein reiner Lebensprozeß der

Bakterien aufzufassen, sondern die lebenden Keime spielen nur eine

indirekte Rolle als Erzeuger des Ferments. Den Beweis dafür zu liefern

versuchte ebenfalls Buchner, der Entdecker der Zymase, der in den toten

Leibern der Essigbakterien ein Ferment auffand, das ganz analog der

Zymase, die die Zuckerarten in Alkohol und Kohlensäure spaltet, die

Überführung von Alkohol in Essigsäure vollzieht.

Zu einer rationellen Essigfabrikation gehört vor allem die Zufuhr von

möglichst viel Luft, deren Sauerstoff den Essigbakterien die Oxydation

des Alkohols ermöglicht. Früher stellte man den Essig ausschließlich

nach dem von der Natur gegebenen Beispiele aus Bier oder noch häufiger

aus Wein dar, wobei sich ein dicker Pelz von Essigsäurebakterien über

der Flüssigkeit bildet. Jetzt aber verwendet man dazu den in großen

Mengen zur Verfügung stehenden Reinsprit, den man nach dem 1823 von

Schützenbach erfundenen Schnellessigverfahren mit Wasser verdünnt

in hohen Fässern mit siebartig durchlöchertem Boden sehr langsam

über mit Essig durchfeuchtete Buchenholzspäne tropfen läßt. Das oben

einfließende Gemisch von etwa 10 Litern Alkohol, 40 Litern gewöhnlichem

Essig und 120 Litern Wasser, dem man etwas Mehlauszug oder dergleichen

als Nährboden für die Pilze zugesetzt hat, wird dabei oxydiert und

fließt als essigreichere Flüssigkeit unten ab, die dann noch ein

zweites oder drittes Faß passiert bis sie zu reinem Essig geworden

ist. Neuerdings bestrebt man sich, nach dem Vorgange von Henneberg,

Reinkulturen von Essigbakterien zur Imprägnierung der Holzspäne zu

verwenden.

Volkswirtschaftlich von ziemlicher Bedeutung sind auch die

+Milchsäurebakterien+, die den Milchzucker der Milch in Milchsäure

vergären, wobei das Kaseïn, der wichtigste Eiweißstoff der Milch, sich

in fester Form ausscheidet. Die Gewinnung der süßen Milch kann aber

auch durch das meist aus Kälbermagen gewonnene Labferment bewirkt

werden, wobei sofort das Kaseïn in einer Verbindung mit Kalk ausfällt.

Bei der sauren Gärung scheidet sich dagegen das Kaseïn in freier

Form, nicht an Kalk gebunden, aus. Bei der Gewinnung von +Butter+

aus dem abgeschiedenen Milchfett, dem Rahm, kann man die Vereinigung

der Fettkügelchen durch Schütteln erzielen, wobei die sogenannte

Süßrahmbutter entsteht, oder man läßt eine milchsaure Gärung des Rahms

vorhergehen. Bei letzterem Prozeß, der nicht nur viel leichter als der

erstgenannte vonstatten geht, sondern auch eine weit größere Ausbeute

liefert und deshalb vorzugsweise angewandt wird, überließ man den

Rahm ursprünglich einfach der Gärung durch von selbst hineingekommene

Bakterien, wobei die Säuerung meist schon in 18-24 Stunden eintritt;

später verwendete man dazu ganz einfach die bazillenhaltige Buttermilch

gut geratener Butter, um in einer kleinen Menge Rahm die Gärung in Gang

zu bringen. Falls diese gut war, infizierte man mit dieser Kultur, dem

„Sauer“, den ganzen Rahm. Als dann aber die Reinzucht von Bakterien

im Braugewerbe ihre Triumphe feierte, kam man bald darauf, dieselben

Methoden auch beim Buttern zur Anwendung zu bringen und kultivierte

eine Reihe von Bakterien aus guten Sauern in sterilisierter Milch, mit

denen man vorzügliche Erfolge hatte. Um ein einwandfreies Material

zu erlangen, sterilisierte man bald auch den Rahm und erzielte damit

unter Anwendung von Reinzuchtmikroben ein hygienisch einwandfreies,

von Zufälligkeiten unabhängiges Produkt. Natürlich machte man bei

diesen Studien auch allerlei Erfahrungen, so diejenige, daß nicht

alle in Reinkultur erhaltenen Milchsäurebakterien der Butter den

gewünschten guten Geschmack verleihen, daß es darunter auch solche

gibt, die ihr geradezu ein unangenehmes Aroma verleihen. Es sind

dies also ganz ähnliche Verhältnisse wie bei der Weingärung, bei der

gewisse Bukettstoffe auch auf Rechnung der betreffenden Gärungserreger

kommen. Man züchtet nun Reinkulturen mit verschiedenen Aromastoffen,

wie sie gerade die Konsumenten verlangen. Doch hat sich neuerdings

herausgestellt, daß das Aroma überhaupt nicht bloß vom Ausgangsmaterial

und der Milchsäuregärung abhängt, sondern durch die Anwesenheit von

manchen anderen Bakterien, vielleicht auch Hefen, bedingt wird, so daß

Mischungen solcher die besten Resultate liefern.

Schon in uralter Zeit sind die viehzüchtenden Nomaden auf die Bereitung

von Butter und Käse verfallen. So haben die Indier sicher schon um

1500 v. Chr. die +Butter+ gekannt, nicht aber die ältesten Juden,

deren ~chemah~ einen anderen Stoff darstellen soll. Überhaupt blieb

dieses Produkt im ganzen Bereiche der Ölbaumzucht ein fast unbekanntes,

nur etwa zu medizinischen Zwecken gewonnenes, das neben dem Olivenöl

nicht aufzukommen vermochte. Die nördlich davon hausenden Völker

aber schätzten die Butter, mit der sie sich vorzugsweise den Körper

eingerieben zu haben scheinen, während ihnen Schmalz und Schmer als

gebräuchlichste Beigabe zu den Mehlspeisen dienten. Wie den Römern

die Keltiberier und Germanen durch ihre Wertschätzung der Butter

auffielen, so waren den Griechen ihre thrakischen Nachbarn und die

weiter nördlich als Nomaden umherstreifenden Skythen, welch letztere

auch aus der Pferdemilch das begehrte Fett gewannen, als „Butteresser“

merkwürdig. Der weitgereiste griechische Geschichtschreiber Herodot

(484-424 v. Chr.) kennt noch keinen besondern Namen für Butter, sondern

umschreibt ihn durch das „was sich absetzt“, während sein etwas

jüngerer Landsmann, der berühmte Arzt Hippokrates (460 bis 364

v. Chr.), der auch Skythien und Libyen bereiste, hiefür die Bezeichnung

~bútyron~ anwendet, die als ~butyrum~ zu den Römern und schließlich

als Butter zu den Deutschen kam, deren ursprüngliches Wort hiefür

~anc~ (im süddeutschen ~anke~ noch erhalten) war. Im Mittelalter war

die Buttergewinnung namentlich in der Viehzucht treibenden Schweiz

ein wichtiges Gewerbe. Aus dem Jahre 1549 ist uns von dem Züricher

Konrad Gesner eine ausführliche Beschreibung der schweizerischen

Alpwirtschaft erhalten; noch genauere Aufschlüsse gibt uns 1705

sein Landsmann Scheuchzer. Sonst spielte die Butter als Genußmittel

noch keinerlei Rolle in Mitteleuropa, da bis ins 16. Jahrhundert

ausschließlich Schmalz zum Kochen verwendet wurde. Erst von etwa 1560

an wurde der „Butterschmalz“ in größerer Menge in der Küche benutzt

und fand im Laufe des 17. Jahrhunderts im feineren Haushalt mehr und

mehr Aufnahme. An Stelle der bis dahin üblichen Morgensuppe traten

schon in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Nachahmung der

vornehmen französischen Sitte in den reicheren Familien Kakao, Kaffee

oder Tee mit feinem Gebäck und Butter, was dann mit der Zeit auch die

Bürgerlichen bei sich einführten. Aber erst im 19. Jahrhundert hat

sich die mit der Milchwirtschaft zusammenhängende Buttergewinnung über

die ganze Erde verbreitet und ist neben der Käsebereitung eines der

wichtigsten landwirtschaftlichen Gewerbe, das viele Millionen jährlich

umsetzt. Führt doch England allein alle Jahre für 380 Millionen Mark

davon ein.

Noch wichtiger ist der +Käse+, dessen Bereitung die Nachahmung eines

Naturvorgangs ist. Indem der primitive Viehzüchter die geronnene Milch,

für die er augenblicklich keine Verwendung besaß, nicht verkommen

lassen wollte, suchte er den aus ihr gepreßten Käsestoff durch Zugabe

von Salz zu konservieren. So finden wir den Käse schon in sehr alten

Urkunden erwähnt, ja er scheint im allgemeinen sogar noch älter als die

Butter zu sein. Bei Homer spielt er schon eine große Rolle, auch die

alten Ägypter und Juden kannten ihn, ebenso die Griechen und Römer.

Der römische Ackerbauschriftsteller Columella im 1. Jahrhundert n. Chr.

gibt uns eine ausführliche Beschreibung seiner Bereitung, die im

wesentlichen nicht von der auch heute noch gebräuchlichen abweicht. Wie

er, so unterschied auch der ältere Plinius bereits viele Sorten von

Käse (~caseus~), unter denen die Schaf- und Ziegenkäse bei den Römern

die gebräuchlichsten waren. Damals begnügten sich die vornehmen Römer,

die „Herren der Welt“ als Feinschmecker schon lange nicht mehr mit den

Käsearten, die ihnen die heimische Landwirtschaft bescherte, sondern

importierten die wohlschmeckenden Sorten von überall her, besonders

aus dem rätischen Alpenlande und aus manchen Gegenden des südlichen

und mittleren Frankreich, die noch gegenwärtig durch ihre vorzüglichen

Produkte bekannt sind.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte · 第 75 / 77 段