Von den nördlicheren Völkern lernten die Gallier zuerst das Brot

kennen, das sie als erste mit Bierhefe trieben. Bei den Germanen kam

es erst zu Beginn des Mittelalters allgemein in Gebrauch. Vorher genoß

man statt seiner einen Brei oder eine zu einer zähen, teigartigen Masse

gar gesottene Mischung von Mehl und Wasser oder Milch, die in Stücke

gerupft und, in etwas Schmalz oder Butter gebraten, genossen wurde.

In Schweden kannte das Volk noch im 16. Jahrhundert kein anderes Brot

als ungegorene, dichte, harte Fladen, die aus Wasser und Mehl geknetet

und gedörrt waren. Erst seit dem 18. Jahrhundert fand das Weizenbrot

in Mitteleuropa außerordentliche Verbreitung. Teigknetmaschinen wurden

zuerst 1787 in Wien und Holland probiert, dann kamen sie 1789 in Genua

auf; aber weitere Verbreitung fanden sie erst seit 1810, da Lambert in

Paris eine brauchbare Konstruktion angab, die später in verbesserter

Gestalt durch Fontaine 1839 mit gutem Erfolg angewandt wurde.

In engstem Zusammenhange mit dem Backen des Brotes stand das Brauen

des +Bieres+, wie schon die Tatsache beweist, daß der Mehlbrei, aus

dem einst Brot und Bier bereitet wurde, im Althochdeutschen ~brôt~

und seine Bereitung ~briuwan~ hieß, aus welch letzterem Wort dann

brauen wurde. Den einst innigen Zusammenhang beider Tätigkeiten

beweist auch der Umstand, daß man heute noch in Nubien, manchen Orts

in Ostasien und zum Teil in Rußland das Bier aus zuvor verbackenem

Getreide, also Brot, bereitet. Dieses aus einem Brei gerösteter oder

verbackener Getreidekörner, der einfach der Gärung durch wilde Hefen

überlassen wurde und in dem natürlich auch zahlreiche Bakterien

ihr Wesen trieben, gewonnene Urbier, das wir uns süßlichsauer und

recht trübe vorzustellen haben, muß für unsere verwöhnten Zungen

sehr fade geschmeckt haben, weshalb die verschiedensten Würzen zu

seiner Geschmacksverbesserung zu Hilfe genommen wurden. So werden im

Sudan und in Kordofan dem aus den Samen der ~Penicillaria hirsuta~,

einer Verwandten der Negerhirse, hergestellten Bier Zweige einer

scharfen Wolfsmilchart ~Callotropis procera~ zugesetzt, wie man in

Norddeutschland, Dänemark und Skandinavien noch 1477 durch Zusatz der

zerquetschten Beeren von Sumpfmyrte (~Myrica gale~) und Wacholder das

Gruten- oder Gruysenbier bereitete. In Nordamerika erhielt man durch

Zusatz der Schößlinge der Schierlingstanne das Sprossenbier. In Island

und Irland wurden die Samen der wilden Mohrrübe als Bierwürze benutzt,

bis schließlich der Hopfen alle solchen verdrängte und heute in der

ganzen Kulturwelt ausschließlich zur Verwendung gelangt.

Wie aus dem mit Wasser verdünnten Honig durch einfaches Stehenlassen

mit Hilfe der hineingelangten allgegenwärtigen Hefepilze der Met als

das älteste der berauschenden Getränke entstand, so wurden allerlei

zuckerhaltige Pflanzensäfte wie Palm-, Agaven- und Obstsaft und

von tierischen die Milch auf dieselbe Weise zur Herstellung von

berauschenden Getränken, nach denen die Menschheit seit Urzeiten als

beliebtes Genußmittel lüstern ist, verwendet. Bald lernte man auch,

daß mehlhaltige Stoffe durch Einwirkenlassen von Speichel gärfähig

werden und zur Bereitung von Bier dienen können. So hat man jedenfalls

schon vor der Einführung des Hackbaus aus mehlhaltigen Samen von

allerlei Wildgräsern und später gepflanzten Gräsern, vielfach nach

vorhergehendem Aufkochen in Wasser, so lange man keine gebrannten Töpfe

besaß mit Hilfe darein geworfener Steine durch sogenanntes Steinkochen,

wie solches bei den Letten bis zum Ende des 18. Jahrhunderts und in

Kärnten zum Teil heute noch bei der Herstellung von Steinbier üblich

ist, durch Kauen im Munde und nachheriges Ausspucken in Gefäße, worin

die Masse eine Zeitlang zur Fermentwirkung sich selbst überlassen

blieb, die ältesten Bierarten hergestellt. So wird heute noch die

Kawa der Südsee aus der Wurzel des Kawapfeffers, das Reisbier auf

Formosa, das Maisbier in Peru und Bolivia und ein in Argentinien bei

den Eingeborenen beliebtes Bier aus den Früchten einer Leguminose

hergestellt. Auch im nördlichen Europa muß einst ein solches Bier

bereitet worden sein, wie wir aus der Sage des Gottes Kwasir entnehmen

können, den die Asen und Wanen (Fruchtbarkeit spendende vergöttlichte

Naturkräfte) bei ihrem Friedensschlusse aus ihrem gemeinsamen Speichel

erschufen. Bei dieser recht urwüchsigen Bierbereitung verzuckerte der

Speichel das Stärkemehl und lieferte so eine gärungsfähige Zuckerlösung.

Appetitlicher nach unsern Begriffen ist es, worauf man später erst

verfiel, das stärkemehlhaltige Getreidekorn keimen zu lassen, wobei der

Embryo das Diastase genannte Ferment bildet, um die Stärke in löslichen

und damit für ihn assimilierbaren Zucker zu verwandeln. Dieses jüngere

Verfahren benützen wir bis auf den heutigen Tag in der Brautechnik.

So läßt der Bierbrauer die Gerste, die heute fast ausschließlich zur

Verwendung gelangt, keimen, bis sich reichlich Diastase gebildet hat

und durch teilweise Umwandlung der Stärke in Zucker das süßschmeckende

Malz entstanden ist. Dann wird die Keimung durch Trocknen und Erhitzen

unterbrochen, das Malz „gedarrt“. Je nach der Temperatur, die beim

Darren zur Anwendung gelangt, nimmt es dabei eine hellgelbe bis

dunkelgelbe Farbe an, die nachher für die Farbe des Bieres bestimmend

ist, und gleichzeitig bilden sich bei höherem Erhitzen aromatische

brenzliche Stoffe, die sogenannten Karamelstoffe, die auch für den

Biergeschmack wichtig sind. Die Darrtemperatur kann bei den ganz

dunkeln, karamelreichen Bieren, wie z. B. beim Kulmbacher, bis gegen

100° C. betragen.

Tafel 89.

[Illustration: Malztenne der Löwenbrauerei in München.

Sudhaus der Löwenbrauerei in München.]

Tafel 90.

[Illustration: Gärkeller der Löwenbrauerei in München. Aus den

gefüllten, oben offenen Bottichen quillt der Schaum der gärenden

Flüssigkeit hervor.

Lagerkeller der Löwenbrauerei in München.]

Dann wird das Malz zerkleinert, und durch Hinzugießen von Wasser

werden aus ihm die löslichen Bestandteile mit Einschluß der Diastase

herausgezogen, extrahiert wie der technische Ausdruck lautet. Bei auf

etwa 50° C. erhöhter Temperatur beginnt nun die Wirkung der Diastase

auf die noch unverzuckerte Stärke, welche in Malzzucker und Dextrine

übergeführt wird. Bei längerer Einwirkung werden dann auch die Dextrine

allmählich angegriffen. Von der Leitung dieses Maischprozesses, bei dem

die Diastasewirkung jederzeit durch Aufkochen unterbrochen werden kann,

hängt es also ab, ob man ein „vollmundiges“ Bier mit reichlicherem

oder ein „weinig schmeckendes“ Bier mit geringerem Dextringehalt haben

will. Ersteres lieben wir Deutschen, während die Engländer letzteres

bevorzugen. Dementsprechend wird in Deutschland die Maische meist nach

dem Kochverfahren hergestellt, d. h. die Masse bald aufgekocht und dann

wieder ungekochte neue Maische hinzugefügt, während sie in England

überhaupt ohne Aufkochen nur bei höherer Temperatur bereitet wird. Die

Maische wird hierauf von den festen Rückständen, den Trebern, befreit

und dann noch mit dem Hopfen zusammen einige Stunden gekocht. Nach

dem Absieben der Hopfenreste und der ausgeschiedenen Eiweißstoffe

wird sie in offenen Kühlschiffen oder neuerdings auch in besonderen

Apparaten gekühlt und dann zum Einleiten der Gärung in die Gärbottiche

übergeführt. Dieser Prozeß interessiert uns hier hauptsächlich.

Tafel 91.

[Illustration: Das Hofbräuhaus in München.]

Tafel 92.

[Illustration: Im Hof des Hofbräuhauses in München.]

Das ältere Verfahren bei der Herstellung von Bier ist die Obergärung,

die viel schneller verläuft und keine besondere Kühlhaltung verlangt,

dabei also bald trinkbares, billiges Bier liefert, das aber den

Nachteil besitzt, nicht so haltbar zu sein und meist durch Infektion

mit anderen Pilzen einen säuerlichen Geschmack aufzuweisen. Dieser

Gärprozeß, der bei einer Temperatur zwischen 15 und 25° C. erfolgt,

wobei die Hefe oben schwimmt und erst nach der Gärung teilweise nach

unten sinkt, wie man vom Weißbier her weiß, ist viel schwerer vor

Störungen zu schützen, die Qualität des Bieres also nicht leicht

gleichmäßig zu erhalten. Die Hauptgärung dauert nur wenige Tage;

dann wird die Nachgärung, die noch sehr lebhaft ist, auf den Fässern

eingeleitet. Ja bisweilen wird nach alter Vätersitte die ganze Gärung

gleich auf dem Faß eingeleitet und beendet.

Da solches Bier nicht leicht gleichmäßig zu erhalten ist und sich

außerdem nicht zum längeren Aufbewahren, also zum Lagerbier eignet, ist

diese obergärige Methode neuerdings ganz gegenüber der Untergärung, die

diese Nachteile nicht besitzt, in den Hintergrund getreten. Diese kann

nur im Winter oder in künstlich gekühlten Räumen vor sich gehen, da sie

bei einer Temperatur von 5-6° C. verläuft. Bei ihr setzt sich die Hefe,

sobald sie nicht mehr durch die entstehende Kohlensäure aufgewirbelt

wird, sobald also die Gärung etwas nachläßt, im Gegensatz zu der in der

Flüssigkeit schwebend bleibenden Oberhefe fest am Boden des Gefäßes ab.

Bei diesem Verfahren, dem alle deutschen Biere mit Ausnahme einiger

Spezialitäten, wie beispielsweise das Berliner Weißbier, die Leipziger

Gose und das Lichtenhainer Bier, unterworfen werden, wird die Würze,

sobald sie auf die erforderliche niedrige Temperatur abgekühlt worden

ist, in den Gärbottichen mit Reinzuchthefe in reichlicher Menge --

etwa ½ Liter dickflüssiger Hefe auf einen Hektoliter Bier -- versetzt

und mit Krücken gut durchgerührt. Bei der nun erfolgenden Hauptgärung

bedeckt sich die Oberfläche zuerst mit einem feinen und dann mit einem

immer dicker werdenden bräunlichen Schaum, der neben Hefezellen aus

ausgeschiedenen eiweißartigen und schleimigen Stoffen besteht. Da durch

die chemischen Umsetzungen während der Gärung die Temperatur stark

steigt, so muß dauernd für gute Kühlung Sorge getragen werden, damit

nicht eine Erwärmung über 11° bei dunklen und 9,5° bei hellen Bieren

eintritt. Allmählich läßt die stürmische Gärung nach, die Hefe sinkt

allmählich zu Boden und damit klärt sich die Flüssigkeit, die nun zur

Nachgärung in die Lagerfässer übergepumpt wird. Will man die Nachgärung

beschleunigen, so nimmt man viel Hefe mit, dann ist aber das Bier nicht

zu langem Lagern geeignet. Im Lagerkeller, dessen Temperatur nur etwa

1° C. betragen soll, ruht nun das „Jungbier“ 3-6 Wochen, wenn es zu

baldigem Ausschank bestimmt ist, und mehrere Monate, wenn es als Lager-

oder Sommerbier dienen soll. Dabei geht die Gärung langsam weiter

ihren Gang, es bildet sich reichlich Kohlensäure, die ihm den angenehm

prickelnden Geschmack verleiht, und der anfänglich noch scharfe

Vorgeschmack wird in einen immer wohlschmeckenderen umgewandelt, der

die Güte des reifen Bieres ausmacht. Mit der Vollendung der Nachgärung

ist das Bier völlig klar geworden, indem die Hefe am Boden liegt,

und wird, nachdem es zum Überfluß noch filtriert worden, in die

Transportfässer gefüllt und zum Verkauf gebracht.

Erst die technische Entwicklung der neuesten Zeit hat dieses

gleichmäßig gute, äußerst haltbare untergärige Bier zu brauen

ermöglicht, während das früher gebraute Bier sehr ungleich ausfiel,

weniger gut schmeckte, auch schwächer alkoholhaltig war und sich nur

kurze Zeit hielt, d. h. bald sauer wurde und in Essiggärung verfiel,

wenn es nicht durch Kahm-, Schimmel- und Spaltpilze verdarb. So

hat sich aus der bescheidenen Bierbrauerei der alten Ägypter, die

diese Erfindung ihrem obersten Gott Osiris zuschrieben, meist Gerste

zum Mälzen verwandten und an Stelle des ihnen unbekannten Hopfens

Safran und andere Pflanzenstoffe als Würze verwandten, im Laufe der

Jahrhunderte das kapitalkräftige moderne Braugewerbe entwickelt,

das eine enorme Ausdehnung erlangt hat. Welche volkswirtschaftliche

Bedeutung die Brauindustrie speziell in Deutschland besitzt kann man

ermessen, wenn man bedenkt, daß der Kaufwert der Braumaterialien in

diesem Lande bereits im Jahre 1900 etwa 400 Millionen Mark betrug, von

denen als nutzbare Abfallstoffe der Landwirtschaft zirka 50 Millionen

zurückgegeben wurden. Der Herstellungswert betrug gegen 900 Millionen

Mark. Demgegenüber war die Steinkohlenproduktion Deutschlands nur 800

Millionen und waren sämtliche Hüttenerzeugnisse 700 Millionen Mark

wert. Die Rübenzuckerindustrie verbraucht sogar nur für 225 Millionen

Mark Rüben und liefert etwa für 30 Millionen Mark Material an die

Landwirtschaft zurück.

Neben den echten Bieren, die also mit Zusatz von Hopfen gebraut

werden, erzeugt man da und dort noch eine Menge dem Urbier nahe

stehender säuerlicher Biere, unter denen der +Kwaß+, das russische

Nationalgetränk, in Europa das wichtigste ist. Es wird aus

allerlei Getreidearten, aus Mehl, Malz, aber auch aus Brot und

Zwieback hergestellt, die zuerst gekocht und dann einer spontanen

Milchsäuregärung überlassen werden, der sich eine geringfügige

alkoholische Gärung hinzugesellt. Daraus resultiert ein säuerliches,

moussierendes Getränk mit einem Alkoholgehalt von weniger als 1 Prozent

-- während unsere Biere meist etwa 4 Prozent davon enthalten --, das

in Unmengen von allen Bevölkerungsschichten Rußlands vertilgt wird.

Früher war es viel weiter verbreitet und wurde auch von den Arabern im

Mittelalter hergestellt, wofür Kobert, der ihm eine ganze Monographie

gewidmet hat, eine Menge Belege vorbringt.

Ihm ähnlich sind die säuerlichen Biere, die wir als +Hirsebiere+

nicht nur bei den Rumänen, sondern bei fast allen afrikanischen

Stämmen finden. Häufig findet man in ihnen eine bestimmte Hefe, den

~Schizosaccharomyces pombe~, der seinen letzteren Namen von einer

weitverbreiteten Abart dieser Negerbiere führt. Auch an manchen

Früchten haften bestimmte Hefearten in Gemeinschaft mit Bakterien, die

zur Erzeugung alkoholischer Getränke benutzt werden. So stellt man

in England vielfach aus Zuckerwasser und Ingwerwurzel mit Zusatz von

gewissen Früchten, die den Hefenpilz ~Saccharomyces piriformis~ neben

Bakterien enthalten, das moussierende +Ingwerbier+ her.

Von großem Interesse, weil ein bedeutendes Gewerbe darstellend,

ist die Herstellung des hellgelben, sherryähnlichen japanischen

Nationalgetränks +Saké+, das heiß in kleinen Porzellanschälchen

getrunken wird. Nach seiner Gewinnung aus Reis ist es zu den

bierähnlichen Getränken zu rechnen, nach seinem schließlich erzeugten

Charakter und seinem hohen Gehalt von 12-18 Prozent Alkohol hat es

mehr Verwandtschaft mit den Südweinen. Die Bereitung des Saké ist eine

uralte Kunst der Japaner, die sich in vier Teilprozesse gliedert.

Zuerst wird die spezielle Hefe, die Koji bereitet, indem gekochter

Reis mit sporenhaltigen Kolonien des Reisschimmelpilzes (~Aspergyllus

oryzae~) angesetzt wird, die zu diesem Zwecke in unvollkommener

Reinkultur immer weiter gezüchtet werden. Dieser Pilz enthält eine

kräftige Diastase, die die Stärke des Reises in gärfähigen Zucker

verwandelt, daneben noch andere Schimmelpilze, Bakterien und eine

echte Hefe. Dann wird der Moto, die eigentliche Maische, wiederum aus

gedämpftem Reis bereitet und ihm die Koji zugeführt. Es tritt nun in

der Masse eine Milchsäure- und Alkoholgärung ein. Indem zu diesem

Gemisch wieder gekochter Reis und Koji hinzugefügt werden, folgt die

Hauptgärung, bis schließlich der Prozeß nach fünf Wochen abgelaufen

ist. Nun wird die Flüssigkeit abgepreßt, geklärt und ist zum Konsum

fertig. Die Alkoholgärung wird durch wilde Hefen vollzogen. Der ganze

Prozeß, der rein empirisch nach alten Rezepten vorgenommen wird, ist

noch wenig geklärt, obschon die in Europa gebildeten japanischen

Gelehrten auch hier an der Arbeit sind.

Die Bereitung des +Weines+ geht noch in der alten Weise vor sich, wie

sie schon im alten Ägypten betrieben wurde, indem man den gekelterten

Most durch die an den Weinbeeren selbst sitzenden wilden Hefen gären

läßt. Nur ganz schüchtern machen sich Bestrebungen geltend, auch

diesen Vorgang durch Hinzufügen von reingezüchteten Hefen edler

Abstammung zielbewußt zu leiten. Da der ausgepreßte Traubensaft ein

außerordentlich günstiger Nährboden nicht nur für diese Hefe-, sondern

auch für die zahllosen darein geratenden Schimmelpilze und Bakterien

ist, muß die Hauptarbeit der Weinbereitung darin bestehen, die durch

letztere hervorgerufene abnorme Gärung zu verhindern nicht nur durch

peinlichste Sauberkeit in allen Dingen, sondern vor allem dadurch,

daß man für eine kräftig wachsende Hefe sorgt, die selbst der ärgste

Feind jener mit ihr zu konkurrieren versuchender Pilze ist. Durch die

kräftige Entwicklung der Weinhefe werden sie rasch überwuchert und in

ihrer Entwicklung gehemmt.

Mit Recht vertraut der Winzer im allgemeinen der Güte der an den

Traubenbeeren, besonders der durch Insekten oder sonstwie verletzten

wuchernden natürlichen Hefepilze, von denen an denselben Trauben auch

immer dieselben Rassen vorzugsweise sitzen, so daß man von vornherein

auf ein bestimmtes Gärungsprodukt rechnen darf. Um eine kräftige

Entwicklung derselben zu erzielen, setzt man bei hoher Temperatur,

etwa 28° C. an, und zwar in offenen Bottichen, die gehörig durchlüftet

werden. Nach Ablauf der ersten, stürmischen Gärung bringt man den

jungen Wein in die Gärfässer, die durch Ventile so verschlossen sind,

daß zwar die sich entwickelnde Kohlensäure leicht entweichen, aber

keine äußere Luft mit ihren Keimen hinzutreten kann. Die Gärung wird

bei 15-20° C. so lange fortgesetzt, bis sich nur noch spärliche Blasen

von Kohlensäure entwickeln. Nun beginnt die wichtigste Tätigkeit, die

Kellerbehandlung, die den Wein zur Reife bringen soll. Bei ihr muß um

so mehr auf peinlichste Sauberkeit Bedacht genommen werden, da nun

die Hefe ihr energisches Wachstum eingestellt hat und infolgedessen

die Spaltpilze leichter neben ihr aufkommen könnten. Um letzteres zu

vermeiden, werden die Fässer nicht bloß gründlich gereinigt, sondern

auch durch Verbrennen von Schwefelfäden in ihnen alle Keime zerstört.

In dem in sie übergeführten Wein wird der Zucker sehr langsam weiter

gespalten und nur eine sehr geringe Menge bleibt unversehrt. Ein

Teil der Kohlensäure bleibt im Wein und gibt ihm seinen prickelnden

Geschmack. Vor allem bilden sich aber jetzt langsam die für den Wein

charakteristischen Bukettstoffe aus, die die Nase und Zunge des

Genießenden besser würdigen können als die Analyse des Chemikers,

für den sie infolge ihrer minimalen Menge kaum greifbar sind. So

gehen unter dem Einfluß des durch die feinen Poren der Fässer

hindurchdringenden Sauerstoffs diese eigentümlichen Umwandlungen vor

sich, die den Wein edel und alt machen. Sie erstrecken sich über viele

Jahre, bis schließlich der Höhepunkt der Reife erreicht ist; dann aber

geht der Wein wieder zurück, er wird überreif und die Bukettstoffe

verlieren allmählich ihre Qualität. Wie lange das dauert, hängt von

den verschiedensten Umständen ab. Manche Weine sind schon nach wenigen

Jahren fertig; andere vertragen die Entwicklung mehrerer Menschenalter

und werden immer besser, wie namentlich einige zuckerreiche Südweine,

vor allem der Tokayer, bei dessen Herstellung den frischen Trauben

möglichst viel getrocknete Beeren derselben Sorte hinzugefügt werden,

um ihn recht süß zu bekommen.

Im Fasse senkt sich nun die Hefe nach Aufhören ihrer Vermehrung langsam

zu Boden und reißt die noch vorhandenen festen Bestandteile wie

Kalksalze, Farbstoffe usw. mit. Durch dieses Absitzen erst erlangt der

Wein seine volle Klarheit. Zu diesem Zwecke wird er öfter in frische

Fässer umgefüllt, wobei der Bodensatz zurückbleibt. Um diesen Prozeß

zu beschleunigen, verwendet man eine Reihe von Mitteln, wie besonders

Hausenblase oder Gelatine, die eine Fällung bewirken und so alles im

Weine Schwebende zu Boden reißen. Nur Rotweine kann man wegen des

Verlustes an Farbstoff nicht auf diese Weise klären; man begnügt sich

bei ihnen mit dem Filtrieren.

Ist so unter sorgsamer Pflege und bei Vermeidung der Spaltpilzinvasion

der Wein reif geworden, so wird er, wenn er von guter Qualität ist,

in Flaschen gezogen und entwickelt sich hier in ähnlicher Weise,

aber äußerst langsam weiter. Dieser Prozeß kann durch Steigerung der

Temperatur im betreffenden Keller bis auf 40° C. beschleunigt werden.

Geringe Weine dagegen vertragen das Altern nicht.

Zur Herstellung der vollmundigen, kräftigen +Südweine+ läßt man die

Trauben am Stocke trocknen und dickt dann den daraus erhaltenen Most

noch über dem Feuer ein. Dabei brennen sie stets etwas an, was ihnen

den sie auszeichnenden leicht brenzlichen Geschmack verleiht, der

besonders beim Malaga hervortritt. Beim Portwein wird die Gärung

mitten drin durch Zusatz von Alkohol unterbrochen und zur Erhöhung der

Farbe noch Holundermark hinzugesetzt. Ganz ähnlich werden die Weine

von Madeira, Marsala, von den Kanaren und vom Kap der Guten Hoffnung

hergestellt. Andere, wie der Zyperwein, erhalten noch eine Würze

von Quittensaft und Gewürzen aller Art und werden dann noch einer

Räucherungsprozedur unterworfen. So werden sie schließlich einem Likör

ähnlicher als einem Wein.

Die meist zu sauren +Obstweine+ werden wie die sauren Traubenweine

gallisiert, d. h. man verzichtet auf die direkte Abstumpfung

der überschüssigen Säure, sondern mildert sie durch Zusatz von

Zuckerwasser, wobei das Volumen bedeutend erhöht wird. Die

+Schaumweine+, die man fälschlicherweise Sekt nennt, da letzteres

historisch wie dem Sinne nach gerade das Gegenteil, nämlich einen

schweren, feurigen Südwein bedeutet, werden aus besonders geeigneten

leichten, bukettarmen Weinen durch eine spezielle Gärung in der Flasche

gewonnen. Zu ihrer Herstellung wird der geklärte, flaschenreife Wein

mit reichlich Rohrzucker -- 2,5-3 kg per Hektoliter -- und bestimmten,

sehr kräftigen Hefen zur weiteren Gärung in festverschlossenen Flaschen

angesetzt. Sobald sich der Zuckergehalt darin erheblich vermindert

hat und der Alkoholgehalt so hoch gestiegen ist, daß die Hefe nicht

mehr gären kann, beginnt sie sich abzusetzen, ein Prozeß, der durch

Rütteln an der Flasche systematisch gefördert wird, bis schließlich

in den umgekehrt aufgestellten Flaschen sich die Hefe auf den Korken

ansammelt und der Wein klar wird. Dann wird die Flasche geöffnet und

die Hefe herausgeschleudert, wie man sagt „degorgiert“. Nun setzt man

ihm den sogenannten Likör, bestehend in feinem Kognak mit Zucker und

besonderen, von jeder Fabrik geheim gehaltenen aromatischen Zusätzen

zu, verschließt die Flasche wieder und läßt sie noch einige Zeit

lagern, bis der Wein völlig reif geworden ist. Die Kraft des Schäumens

richtet sich nach der Menge Rohrzucker, und zwar erzeugen 4,5 g davon

per Flasche 1 Atmosphäre Druck. Bei guten Schaumweinen beträgt der

Druck gewöhnlich 4-5 Atmosphären; mehr wie 8 Atmosphären halten die

Flaschen nicht aus.

Die Herstellung der +Branntweine+ war den alten Kulturvölkern durchaus

unbekannt. Sie kam erst etwa mit dem 8. Jahrhundert mit dem Aufblühen

der chemischen und alchimistischen Wissenschaft unter den Arabern

auf, und der Arzt Gabir Ibn Hajjan, in Europa Geber genannt, gilt als

der Entdecker des Alkohols, dessen Name ja arabischen Ursprungs ist.

Als diese Neuerung im Abendlande bekannt wurde, bemächtigten sich vor

allem die Klöster derselben und begannen bald einen schwunghaften

Branntweinhandel. Im 14. Jahrhundert war Italien das Hauptexportland

des zunächst nur als Medikament verwendeten Schnapses, der aber bald

auch als Genußmittel solchen Beifall fand, daß schon ein Jahrhundert

später der Steuerfiskus in Deutschland das Getränk mit einer

Verbrauchsabgabe belegte. Damals wurde von stärkemehlreichen Früchten

fast ausschließlich das Korn zu Branntwein verarbeitet, und zwar bald

in solchem Maße, daß die Regierung die Herstellung des Kornschnapses

an manchen Orten ganz verbot, weil ein allzugroßer Teil der köstlichen

Brotfrucht dadurch ihrem eigentlichen Zweck entzogen wurde. Erst im

18. Jahrhundert kam die Verwendung der Kartoffel als Rohfrucht für die

Schnapsbrennerei auf und 1750 soll zu Monsheim in der Pfalz die erste

Kartoffelbrennerei errichtet worden sein. Jetzt wird vorzugsweise diese

Nährfrucht dazu verwendet, und zwar zur Herstellung von fuselölfreiem

Reinspiritus, der dann technisch als solcher verwendet oder mit Beigabe

von aromatischen Essenzen zu den mannigfaltigsten Schnäpsen verarbeitet

wird.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte · 第 74 / 77 段