Außer den größeren und kleineren Nutzgewächsen, die jeder zu sehen

imstande ist, gibt es solche von mikroskopischer Kleinheit, über

deren Vorhandensein, Lebensweise und Bedeutung wir erst seit wenigen

Jahrzehnten unterrichtet sind. Schon sehr lange kannte und verwandte

man zwar die verschiedenen Gärungen, ohne auch nur die mindeste Ahnung

davon zu haben, daß sie durch lebende Wesen, durch dem unbewaffneten

Auge unsichtbare winzige, einzeilige Pilze bewirkt werden. Schon im

Jahre 1680 hatte zwar der Holländer Leeuwenhoek beim Betrachten von

Hefe unter dem kurz vorher vom Middelburger Brillenmacher Zacharias

Jansen erfundenen Mikroskop die Hefezellen als winzige Kügelchen

erkannt und beschrieben, aber weder er noch andere seiner Zeitgenossen,

die dasselbe beobachteten, wußten irgend etwas von einem Zusammenhange

dieser winzigen Kügelchen mit der Gärung, die ihnen ein völlig

unerklärlicher Prozeß war. Bald hernach, nämlich schon im Jahre 1697

hat zwar als erster der deutsche Chemiker Stahl eine Erklärung des

Wesens der Gärung zu geben versucht, indem er dabei in innerer Bewegung

begriffene Körperchen annahm, die diese Bewegung dann auf jene Körper

übertragen, die dadurch der Gärung unterliegen und durch sie verändert

werden.

Mit dem Aufkommen der Wissenschaft der Chemie vermutete man beim

Gärungsprozesse einen bis dahin unbekannten chemischen Prozeß, dem man

auf die verschiedenste Weise beizukommen versuchte. Das Rätsel ließ

sich aber nicht lösen, so sehr man sich auch alle Mühe gab, dahinter

zu kommen. Vor allem suchten die hervorragenden Chemiker Frankreichs,

so Lavoisier, Dumas und Gay-Lussac, die bei der Gärung erzeugten

Zersetzungsprodukte festzustellen, ohne sich über die für sie noch

immer unergründliche Ursache derselben weitere Gedanken zu machen. Erst

im Jahre 1837 gelang es ganz unabhängig voneinander dem Deutschen

Theodor Schwann und dem Franzosen Cagniard-Latour die winzigen, nur

bei sehr starker Vergrößerung deutlicher sichtbaren Kügelchen, die

schon Leeuwenhoek beobachtet, aber nicht zu deuten gewußt hatte, als

einzeilige Lebewesen aus der Pflanzengattung der Pilze festzustellen

und in ihnen die Urheber der Gärung zu vermuten. Als dritter im Bunde

kam dann noch der Deutsche Kützing hinzu, der seine wesentlichsten

Feststellungen schon einige Jahre vorher gemacht hatte, aber seine

Beobachtungen erst nach der Veröffentlichung der Arbeiten der beiden

vorgenannten Forscher veröffentlichte.

Diese überaus wichtige Entdeckung von der belebten Natur der Hefe wurde

von den damals tonangebenden Chemikern, dem Schweden Berzelius und

den Deutschen Liebig und Wöhler, nicht nur nicht anerkannt, sondern

geradezu ins Lächerliche gezogen. Die Idee, daß lebende Keime und nicht

chemische Vorgänge der Gärung zugrunde liegen, wurde von ihnen und von

zahlreichen anderen leidenschaftlich bekämpft, bis nach zwanzigjährigem

Zweifel an dieser Tatsache der große Louis Pasteur 1857 die Entdeckung

Schwanns und seiner beiden Genossen mit aller Sicherheit bestätigte

und außer Frage stellte, daß alle Gärungen durch winzige Pilze bedingt

werden, deren Lebensprozeß jene chemisch festzustellenden Veränderungen

der von ihnen befallenen Massen auslöst, indem die Gärungserreger

bestimmte Fermente als chemische Produkte ausscheiden, die dann

losgelöst von den Zellen jene Veränderungen bewirken.

Dem Münchener Hygieniker Eduard Buchner gelang es als erstem nicht

nur das Ferment der Alkoholgärung in den Hefezellen selbst zu finden,

sondern es auch nach Zerstörung der Zellwände vermittelst Zerreibens

mit scharfem Sande und nachherigem Auspressen unter hohem Drucke in

einer hydraulischen Presse und Filtrieren durch Porzellanfilter, die

keine lebende Hefezelle hindurchlassen, zu isolieren und in feste Form

zu bringen, in der sie lange Zeit haltbar ist. Er wies auch nach, daß

es durch gewisse Gifte, wie beispielsweise Aceton, gelingt, die Hefe

mit Vermeidung einer vorhergehenden Schädigung der Zelle zu töten, ohne

daß das in der Zelle befindliche Ferment seine Wirksamkeit eingebüßt

hätte. Wie er zu zeigen vermochte, geht im allgemeinen das Ferment beim

Absterben während des Todeskampfes zugrunde. Nur bei Anwendung von

momentan tötenden Giften bleibt das Ferment in voller Wirksamkeit in

der Zelle erhalten, so daß sich auch auf diese Weise eine sogenannte

„Dauerhefe“ gewinnen läßt, die das Aussehen und die Wirksamkeit der

lebenden hat, obschon die Zellen, die sie erzeugten, tot sind und sich

nicht mehr wie sonst beim Gärungsprozesse weiter vermehren.

[Illustration: Bild 47 und 48. Hefen.

I. Gewöhnliche Bierhefe (Kulturhefe, ~Saccharomyces cerevisiae~). ~a~

Hefezellen mit Sporen im Innern, ~b~ Hefezellen in Sprossung.

II. Verschiedene sogenannte Wilde Hefen. ~a~ Hefezellen mit Sporen im

Innern, ~b~ Sprossende Hefezellen.

(Originalzeichnung von Dr. Schnegg in Weihenstephan.)]

Die +Hefepilze+ gehören seit den grundlegenden Untersuchungen von

Reeß im Jahre 1870 zu den Askomyzeten oder Schlauchpilzen, so

genannt, weil sie ihre als Endosporen bezeichneten Fruchtkörper

in Schläuchen bilden. Diese sind bei den einzelligen, sich für

gewöhnlich durch Sprossung vermehrenden und, nur bei Aufhebung der

Möglichkeit weiterzuleben, solche Sporen als äußerst widerstandsfähige

Dauerzustände hervorbringenden Hefepilzen kurz. Von ihrer Fähigkeit,

den Traubenzucker beispielsweise des Mostes in fast genau gleiche Teile

von Kohlensäure und Äthylalkohol zu spalten, nennt man sie nach Meyer

auch Saccharomyzeten oder Zuckerpilze. Von ihnen gibt es eine Unzahl

von Rassen, Varietäten und Spielarten, die wir erst nach Entdeckung

des Verfahrens der Reinkultur von Mikroben durch Robert Koch zu

Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts durch die überaus

mühevollen Untersuchungen des Dänen Emil Christian Hansen unterscheiden

lernten. Diese Neuerung ist für die Industrie von der weitgehendsten

Bedeutung, weil die verschiedenen Spielarten der Hefe durchaus nicht

alle gleich gut und für die Technik zu gebrauchen sind. Seit langem

weiß man, daß unter Umständen auch echte Hefen sich als unangenehme

und schädliche Gäste beim Gärungsprozesse einfinden können und durch

ihre Tätigkeit die Güte des Gärproduktes erheblich beeinträchtigen,

ja geradezu verderben können. Infolgedessen hat man vor allem in der

Bierbrauerei danach gestrebt, die einmal für gut befundenen Hefen

in ihrer Eigenart zu erhalten und sie frei von Verunreinigung durch

unerwünschte wilde Hefearten, wie sie sich überall in der Natur

vorfinden, weiter zu züchten. Erst durch die Arbeiten von Hansen sind

wir in den Stand gesetzt, aus einer einzigen Zelle der guten Hefe

eine immer gleichbleibende gute Rasse zu züchten, die mit Sicherheit

gute Gärprodukte liefert. Dadurch wurde die ganze Brauindustrie

revolutioniert, und auch bei der Weinbereitung und Brennerei fangen

Reinhefen an, eine immer größere Rolle zu spielen.

Die Hefepilze, deren für die technische Verwertung beste Sorten wie die

Bierhefepilze (~Saccharomyces cerevisiae~ und der etwas kleinere ~S.

ellipsoideus~) kugelig bis eirund und nur ausnahmsweise wurstförmig

langgestreckt sind wie der Pasteursche Zuckerpilz (~Saccharomyces

pasteurianus~), siedeln sich entweder am Boden der von ihnen zu

vergärenden Flüssigkeiten an wie die Unterhefen, oder sie verteilen

sich in der ganzen Flüssigkeit, können sich aber auch schließlich unter

gewissen Bedingungen als Haut auf der Oberfläche der gärenden Lösung

sammeln. Dies geschieht bei den echten Hefen besonders bei reichlicher

Luftzufuhr. Es gibt aber einige langgestreckte Schlauchpilze, bei denen

diese Wuchsform die Regel ist, wie beispielsweise bei dem sich auf Bier

und Wein ansiedelnden Kahmpilz (~Saccharomyces mycoderma~), der die

Gärfähigkeit überhaupt eingebüßt hat und den Zucker der Nährlösung, in

der er lebt, direkt in Kohlensäure und Wasser spaltet, wodurch er dem

Gärgewerbe schädlich wird.

Da den Hefepilzen als Schmarotzern das Chlorophyll oder Blattgrün

fehlt, können sie ihren Körper nicht wie die Pflanzen aus unorganischen

Stoffen aufbauen, sondern bedürfen dazu wie die Tiere komplizierter

zusammengesetzter, von mit Chlorophyll ausgestatteten Pflanzen im

Sonnenlichte aufgebauter „organischer“ Nährstoffe, die sich ihnen in

den in der Natur weitverbreiteten Zuckerlösungen darbieten. Diese

enthalten daneben stets auch etwas Eiweiß oder Abbauprodukte desselben,

sogenannte Aminosäuren, denen sie ihren Stickstoffbedarf entnehmen,

und Salze mit Kalium, Magnesium, Eisen, Phosphor und Schwefel, die zu

ihrem Gedeihen durchaus erforderlich sind. Daraus folgt, wie Pasteur

zuerst feststellte, daß die Hefe in reinen Zuckerlösungen nicht gärt,

sondern aus Mangel an stickstoffhaltigen Nahrungsmitteln und Nährsalzen

sehr bald zugrunde geht. In einer ihr zusagenden und für ihr Gedeihen

erforderlichen Nährlösung müssen aber durchaus alle jene Stoffe

enthalten sein, die zum Lebensprozesse der Zellen, zu ihrem Wachstum

und ihrer Vermehrung notwendig sind.

Eine besonders wichtige Rolle im Stoffwechsel der Hefepilze und

infolgedessen beim Vorgang der Gärung spielt der Sauerstoff, der ja

für den Lebensprozeß jeder Zelle und jedes Organismus überhaupt, sei

es Pflanze oder Tier, ein völlig unentbehrlicher Stoff ist, da nur er

die Oxydation, d. h. die Verbrennung in den Geweben ermöglicht, die die

Quelle aller Leistungen in den lebenden Körpern bildet. So verbrennen

auch die Hefepilze den ihnen in der Nährlösung dargebotenen Kohlenstoff

zu Kohlensäure wie es jeder lebende Organismus tut. Es geht also immer

ein Teil des von ihnen zersetzten Zuckers für die Umsetzung in Alkohol

verloren und wird damit die Ausbeute der Gärung bis zu einem gewissen

Grade beeinträchtigt. Pasteur, dem wir die grundlegenden Untersuchungen

über den Lebensprozeß der Hefepilze verdanken, behauptete, daß die Hefe

nur dann gäre, wenn ihr die Luft abgeschnitten werde. Bei genügender

Zufuhr von Sauerstoff habe die Hefe einen Stoffwechsel wie andere

Pilze, indem sie ausschließlich den dargebotenen Zucker verbrenne;

sobald aber der Sauerstoff fehle, müsse sie den Zucker, den sie nicht

mehr direkt verbrennen kann, durch Gärung, zu der Sauerstoff nicht

nötig ist, umsetzen, um ihn zu einer Energiequelle zu gestalten.

Über diese Pasteursche Theorie, wonach die Gärung ein Leben der Hefe

ohne Luft sei, wurde lange Zeit hindurch aufs heftigste gestritten, bis

man schließlich erkannte, daß diese Annahme falsch war und Hefe bei

Anwesenheit von Sauerstoff ebensogut gärt wie bei Abschluß desselben.

Daß andererseits der Sauerstoff zum Leben und zur Vermehrung der Hefe

absolut nötig sei, darüber hatte schon Pasteur keinen Zweifel gehabt.

Von seiner Theorie blieben an Tatsachen nur zwei übrig, nämlich

erstens, daß ganz junge Hefe bei reichlichem Luftzutritt tatsächlich

schlecht gärt, weil sie sich zu üppig entwickelt, und zweitens, daß

auch unter günstigeren Bedingungen bei Luftzutritt die einzelnen

Hefezellen etwas weniger Alkohol liefern als bei Abschluß der Luft.

Aber andererseits wird die Vermehrung der Zellen durch den Zutritt von

Luft so sehr gesteigert, daß trotz dieser verminderten Leistung der

Einzelzelle die Gesamtausbeute bei Anwesenheit von Luft besser ist als

bei Fehlen derselben.

Nun hat besonders Stoklasa in Prag nachgewiesen, daß die Fähigkeit,

bei Luftabschluß alkoholbildende Fermente zu erzeugen, nicht nur

verschiedenen Pilzen, speziell Schimmelpilzen aus der Gattung Mucor,

die ebenfalls gären, wenn auch schwächer als Hefe, zukommt, sondern

sich auch bei Rüben, Kartoffeln usw. nachweisen läßt. Diese Fähigkeit

scheint also eine weitverbreitete Eigenschaft der lebenden Substanz

zu sein. Dann wäre die einzige Besonderheit der echten Hefepilze nur

noch die, daß sie diese Tätigkeit auch bei Anwesenheit von Sauerstoff

fortsetzen. Wir dürfen also annehmen, daß diese sich aus Pilzen

entwickelten, die die Fähigkeit, gelegentlich auch bei Luftabschluß

Zucker zu spalten und Alkohol und Kohlensäure daraus zu bilden, in

weitgehendem Maße ausbildeten. Während aber diese Fähigkeit bei allen

weniger weit in diesem Prozesse vorgeschrittenen Pilzen, z. B. den

Mucorarten, bei Luftanwesenheit verschwand, ging die Anpassung an ein

solches Vermögen bei den Hefepilzen so weit, daß die Fähigkeit der

Spaltung von Zucker in Alkohol und Kohlensäure auch bei Anwesenheit von

Luft weiterbestand.

Die Bedeutung der Gärung für die Hefe selbst ist demnach die, daß

sie ihren Energiebedarf ohne Anwesenheit von Sauerstoff decken kann.

An Stelle der richtigen Verbrennung der Nährstoffe, wie sie sonst

bei allen Lebewesen, besonders den nichtgärenden Pilzen und Tieren,

herrscht, tritt hier als Energiequelle die einfache Aufspaltung ohne

Sauerstoff. Auf diese Weise rückt Pasteurs Theorie in ein ganz anderes

Licht. Die Gärung der Hefe ist zwar nicht an sich ein Leben ohne Luft,

wohl aber gewährleistet die Bildung dieses Fermentes der Zelle ein

Leben ohne Luft. Das ist zwar etwas sehr Ähnliches, aber es besteht

doch der wichtige Unterschied, daß die Hefepilze dieses Mittel auch

dann noch anwenden, wenn sie es nicht gerade brauchen, wenn ihnen also

Sauerstoff zur Verfügung steht.

Schließlich gehen die Hefepilze in ihrem eigenen Produkte, dem Alkohol,

wenn er in einer bestimmten Konzentration in der von ihnen besiedelten

Nährlösung gebildet ist, zugrunde. Ihre Empfindlichkeit dagegen ist

eine ziemlich große; denn durchschnittlich erlischt die Gärung, sobald

der Gehalt an Alkohol 12-15 Prozent erreicht hat. Den geringsten

Alkoholgehalt ertragen Obstwein- und Bierhefen, einen mittleren

Weinhefen; nur manche Südweinhefen vertragen eine Alkoholanreicherung

bis zu 18 Prozent und Brennereihefen bis 20 Prozent; einzig die

japanische Sakehefe, die ein starkes Reisbier mit weinigem Charakter

erzeugt, soll sogar bei 24 Prozent Alkoholgehalt noch gären. Dieses

wechselnde Verhalten der Hefen gegen den von ihnen gebildeten Alkohol

zeigt ihre überaus große Veränderlichkeit gegen die verschiedensten

Einflüsse, was ihrer technischen Verwendung in hohem Maße zugute

kommt. Je nach dem Zwecke, den der Gärtechniker verfolgt, kann er

die verschiedenartigsten Hefen in Anwendung bringen; und diese in

möglichster Vollkommenheit zu züchten, ist seine vornehmste Aufgabe.

Die beiden wichtigsten Funktionen der Hefe sind die +Vermehrung+, die

mit intensivem Sauerstoffverbrauch einhergeht, und die +Gärung+. Rasch

wachsende Hefen gären schlecht, langsam wachsende dagegen gut. Diesen

beiden Endzuständen entsprechen zwei Typen: einerseits die sehr rasch

wachsende, wie man sagt „geile“ +Lufthefe+, die zu Bäckereizwecken

verwendet wird. Ihr darin nahe kommt die schnell vergärende

Brennereihefe, die aber im Gegensatz zu jener eine hohe Temperatur

verlangt. Und andererseits die äußerst langsam wachsende, „faule“, aber

sehr ausgiebig vergärende bayerische untergärige Bierhefe, die aber

dazu im Gegensatz zur vorigen einer niederen Temperatur bedarf.

Auch gegen den Zuckergehalt ist die Resistenz der verschiedenen

Hefearten eine sehr wechselnde. Die meisten können schon bei 40 bis

50 Prozent Zucker nicht mehr vergären, andere, die schwere Süßweine

bilden, können noch 60 Prozent und darüber vertragen.

Neben der Zymase, welche die Gärkraft der einzelnen Heferassen bedingt,

enthalten alle Hefen noch andere Fermente, die auf verschiedene

Kohlehydrate spaltend wirken, mit dem Endziel, sie alle in vergärbaren

Zucker zu verwandeln. Bei den meisten sind nur diejenigen Fermente in

wirksamer Menge vorhanden, die die höheren Zuckerarten spalten, nämlich

die Maltase, die Malzzucker in Traubenzucker, und die Invertase, die

Rohrzucker in Traubenzucker und Fruchtzucker überführt. Spärlicher

sind die bisher auch weniger eingehend studierten Fermente, die die

Dextrine angreifen, und nur bei wenigen sind solche vorhanden, die den

Milchzucker einerseits und die Stärke andererseits angreifen. Letztere

Eigenschaft kommt besonders der tonkinesischen Hefe zu, die einen Pilz

(~Amylomyces rouxii~) enthält.

Schon lange unterscheidet man in der Praxis der Gärtechnik zwischen

+wilden Hefen+ und den +Kulturhefen+. Solche „wilde Hefen“ sind heute

noch in den allermeisten Fällen die Weinhefen. In der Urzeit aber,

bevor sich der Mensch weitergehende Erfahrung in der Gärtechnik

erworben und besondere Verfahren zur Gewinnung möglichst vollkommener

Produkte eingeschlagen hatte, war jede Gärung durch wilde Hefen

bedingt. Man überließ einfach die zuckerhaltigen Pflanzensäfte sich

selbst; dabei trat dann von selbst durch Ansiedelung und rasches

Wachstum von frei herumschwärmenden, wilden Keimen die Gärung ein,

die der Mensch nach seinen Wünschen zu leiten und, wenn nötig, zu

unterbrechen versuchte.

Die Lebensweise dieser wilden Hefen hat Hansen zuerst an ~Sacharomyces

apiculatus~ erforscht. Was von ihr gilt, das wird mit geringen

Änderungen auch für die anderen Hefearten Geltung haben. Den Sommer

hindurch sind überall Hefekeime im Staub vorhanden, die dann vom

Wind an verletzte Früchte irgend welcher Art verweht werden, wo

sie vortrefflich gedeihen und sich rasch vermehren. Zur Zeit der

Fruchtreife im Herbst sind sie besonders in Obst- und Weingärten

in ungeheurer Zahl vorhanden und gelangen mit den Früchten in den

gekelterten Most, in welchem sie die alkoholische Gärung verursachen.

Mit dem Regen und Wind und den herabfallenden, verderbenden Früchten

gelangen sie in den Boden, wo man sie bis zu 40 cm Tiefe nachgewiesen

hat. Hier überwintern sie, soweit sie als dickhäutige Dauerformen

vor dem Eingehen infolge von Kälte und Trockenheit geschützt sind,

um mit dem Frühjahre von neuem ihr Dasein an allerlei austretenden

Pflanzensäften und faulenden Massen fortzusetzen und mit dem Wind und

den zahllosen Insekten auf die sich bildenden Blattmassen und jungen

Früchte verschleppt zu werden, wo sie sich nach Möglichkeit, soweit

es ihnen gelingt, Nahrung zu erhalten, vermehren und immer weiter

ausbreiten, bis sie im Herbst abermals eine Hauptverbreitung erlangt

haben.

Aus ihnen hat dann der Mensch unwillkürlich im Laufe der Zeit besondere

Kulturrassen entwickelt, indem er mit Vorliebe gute Hefereste zur

Fermentierung der neuen zu vergärenden Nährlösung verwandte. So

hatten beispielsweise die Braumeister schon lange gemerkt, daß es

zweckmäßig ist, die Hefen, die einmal ein gutes Bier geliefert hatten,

sich nach Möglichkeit zu erhalten, und die große Geheimniskrämerei,

die lange Zeit die Kunst edles Bier zu brauen umgab, beruhte nicht

zum mindesten auf solchen alten Rezepten zur Erhaltung des „Zeuges“.

Indessen war dies alles reine Empirie, und Fehlschläge blieben dabei

nicht aus. So war trotz aller Sorgfalt das Brauen guten Bieres stets

eine Sache des Zufalls. Erst durch die planmäßigen Arbeiten Hansens

ist dies anders geworden, indem er zuverlässige Verfahren angab,

um jeweilen erstklassige Kulturen von Hefe zu erlangen und nach

Belieben weiter zu züchten. So ist man imstande, immer gleichmäßig

gute Heferassen, ohne Beimischung unerwünschter fremder Elemente

oder eine Degeneration befürchten zu müssen, in Anwendung zu ziehen

und damit stets sicheren Erfolg zu haben. Und hat man auf diese

Weise eine größere Menge einer vollkommen einheitlichen, weil aus

einer einzigen Zelle hervorgegangenen Hefe gewonnen, so kann man mit

dieser Gewöhnungsversuche an bestimmte, nach besonderen Richtungen

abgeänderter Nährböden machen, um damit neue, zu speziellen Zwecken

dienende Varietäten zu gewinnen.

Neben dieser „Einzellmethode“, die stets die klassische sein wird,

genügt für zahlreiche Zwecke auch ein anderes Verfahren, das man

als die „natürliche Reinzucht“ bezeichnet. Es beruht auf der

Erfahrungstatsache, daß eine Hefe, die in größerer Menge auf einen ihr

gut zusagenden Nährboden und unter günstigen Temperaturverhältnissen

eingesät wird, sehr bald alle anderen Organismen in solch energischer

Weise überwuchert, daß sie beinahe allein zurückbleibt. So kann man

beispielsweise untergärige gute Bierhefe von Beimengungen einerseits

obergäriger, andererseits kleiner, wilder Hefen dadurch trennen, daß

man bei 8-10° C. gären läßt, unter Bedingungen, die nur der gewünschten

Hefe günstige Verhältnisse zum Fortkommen gewähren. So kann man durch

Züchten auf mehrere Prozent Alkohol enthaltenden Nährböden aus einem

Gemisch von Brennereihefe und Unterhefe die letztere herausschaffen usw.

Wenden wir uns nach dieser allgemeinen Orientierung zu den wichtigsten

Nutzanwendungen der Hefegärung, unter denen an erster Stelle die

+Brotbereitung+ steht. In der Urzeit wurden die nahrhaften Samen der

wilden Grasarten und später diejenigen der aus ihrer Zahl zu immer

großkörnigeren Getreidearten gezüchteten Spezies gleich nach dem

Sammeln, solange sie noch nicht durch Eintrocknen hart geworden waren,

oder wenn dies wie bei den Vorräten der Fall war, nach vorhergehendem

kurzen Einweichen in Wasser, roh, oder noch häufiger durch Rösten

auf heißen Steinen schmackhafter gemacht, gegessen. Solch geröstetes

Getreide hat sich mit dessen natürlicher Würze, dem Salz, im äußerst

konservativem Kultus bei manchen Völkern, wie den Römern, als die

älteste Art von Opferspeise pflanzlicher Natur an die Gottheit bis in

die Spätzeit erhalten.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte · 第 72 / 77 段