imstande ist, gibt es solche von mikroskopischer Kleinheit, über
deren Vorhandensein, Lebensweise und Bedeutung wir erst seit wenigen
Jahrzehnten unterrichtet sind. Schon sehr lange kannte und verwandte
man zwar die verschiedenen Gärungen, ohne auch nur die mindeste Ahnung
davon zu haben, daß sie durch lebende Wesen, durch dem unbewaffneten
Auge unsichtbare winzige, einzeilige Pilze bewirkt werden. Schon im
Jahre 1680 hatte zwar der Holländer Leeuwenhoek beim Betrachten von
Hefe unter dem kurz vorher vom Middelburger Brillenmacher Zacharias
Jansen erfundenen Mikroskop die Hefezellen als winzige Kügelchen
erkannt und beschrieben, aber weder er noch andere seiner Zeitgenossen,
die dasselbe beobachteten, wußten irgend etwas von einem Zusammenhange
dieser winzigen Kügelchen mit der Gärung, die ihnen ein völlig
unerklärlicher Prozeß war. Bald hernach, nämlich schon im Jahre 1697
hat zwar als erster der deutsche Chemiker Stahl eine Erklärung des
Wesens der Gärung zu geben versucht, indem er dabei in innerer Bewegung
begriffene Körperchen annahm, die diese Bewegung dann auf jene Körper
übertragen, die dadurch der Gärung unterliegen und durch sie verändert
werden.
Mit dem Aufkommen der Wissenschaft der Chemie vermutete man beim
Gärungsprozesse einen bis dahin unbekannten chemischen Prozeß, dem man
auf die verschiedenste Weise beizukommen versuchte. Das Rätsel ließ
sich aber nicht lösen, so sehr man sich auch alle Mühe gab, dahinter
zu kommen. Vor allem suchten die hervorragenden Chemiker Frankreichs,
so Lavoisier, Dumas und Gay-Lussac, die bei der Gärung erzeugten
Zersetzungsprodukte festzustellen, ohne sich über die für sie noch
immer unergründliche Ursache derselben weitere Gedanken zu machen. Erst
im Jahre 1837 gelang es ganz unabhängig voneinander dem Deutschen
Theodor Schwann und dem Franzosen Cagniard-Latour die winzigen, nur
bei sehr starker Vergrößerung deutlicher sichtbaren Kügelchen, die
schon Leeuwenhoek beobachtet, aber nicht zu deuten gewußt hatte, als
einzeilige Lebewesen aus der Pflanzengattung der Pilze festzustellen
und in ihnen die Urheber der Gärung zu vermuten. Als dritter im Bunde
kam dann noch der Deutsche Kützing hinzu, der seine wesentlichsten
Feststellungen schon einige Jahre vorher gemacht hatte, aber seine
Beobachtungen erst nach der Veröffentlichung der Arbeiten der beiden
vorgenannten Forscher veröffentlichte.
Diese überaus wichtige Entdeckung von der belebten Natur der Hefe wurde
von den damals tonangebenden Chemikern, dem Schweden Berzelius und
den Deutschen Liebig und Wöhler, nicht nur nicht anerkannt, sondern
geradezu ins Lächerliche gezogen. Die Idee, daß lebende Keime und nicht
chemische Vorgänge der Gärung zugrunde liegen, wurde von ihnen und von
zahlreichen anderen leidenschaftlich bekämpft, bis nach zwanzigjährigem
Zweifel an dieser Tatsache der große Louis Pasteur 1857 die Entdeckung
Schwanns und seiner beiden Genossen mit aller Sicherheit bestätigte
und außer Frage stellte, daß alle Gärungen durch winzige Pilze bedingt
werden, deren Lebensprozeß jene chemisch festzustellenden Veränderungen
der von ihnen befallenen Massen auslöst, indem die Gärungserreger
bestimmte Fermente als chemische Produkte ausscheiden, die dann
losgelöst von den Zellen jene Veränderungen bewirken.
Dem Münchener Hygieniker Eduard Buchner gelang es als erstem nicht
nur das Ferment der Alkoholgärung in den Hefezellen selbst zu finden,
sondern es auch nach Zerstörung der Zellwände vermittelst Zerreibens
mit scharfem Sande und nachherigem Auspressen unter hohem Drucke in
einer hydraulischen Presse und Filtrieren durch Porzellanfilter, die
keine lebende Hefezelle hindurchlassen, zu isolieren und in feste Form
zu bringen, in der sie lange Zeit haltbar ist. Er wies auch nach, daß
es durch gewisse Gifte, wie beispielsweise Aceton, gelingt, die Hefe
mit Vermeidung einer vorhergehenden Schädigung der Zelle zu töten, ohne
daß das in der Zelle befindliche Ferment seine Wirksamkeit eingebüßt
hätte. Wie er zu zeigen vermochte, geht im allgemeinen das Ferment beim
Absterben während des Todeskampfes zugrunde. Nur bei Anwendung von
momentan tötenden Giften bleibt das Ferment in voller Wirksamkeit in
der Zelle erhalten, so daß sich auch auf diese Weise eine sogenannte
„Dauerhefe“ gewinnen läßt, die das Aussehen und die Wirksamkeit der
lebenden hat, obschon die Zellen, die sie erzeugten, tot sind und sich
nicht mehr wie sonst beim Gärungsprozesse weiter vermehren.
[Illustration: Bild 47 und 48. Hefen.
I. Gewöhnliche Bierhefe (Kulturhefe, ~Saccharomyces cerevisiae~). ~a~
Hefezellen mit Sporen im Innern, ~b~ Hefezellen in Sprossung.
II. Verschiedene sogenannte Wilde Hefen. ~a~ Hefezellen mit Sporen im
Innern, ~b~ Sprossende Hefezellen.
(Originalzeichnung von Dr. Schnegg in Weihenstephan.)]
Die +Hefepilze+ gehören seit den grundlegenden Untersuchungen von
Reeß im Jahre 1870 zu den Askomyzeten oder Schlauchpilzen, so
genannt, weil sie ihre als Endosporen bezeichneten Fruchtkörper
in Schläuchen bilden. Diese sind bei den einzelligen, sich für
gewöhnlich durch Sprossung vermehrenden und, nur bei Aufhebung der
Möglichkeit weiterzuleben, solche Sporen als äußerst widerstandsfähige
Dauerzustände hervorbringenden Hefepilzen kurz. Von ihrer Fähigkeit,
den Traubenzucker beispielsweise des Mostes in fast genau gleiche Teile
von Kohlensäure und Äthylalkohol zu spalten, nennt man sie nach Meyer
auch Saccharomyzeten oder Zuckerpilze. Von ihnen gibt es eine Unzahl
von Rassen, Varietäten und Spielarten, die wir erst nach Entdeckung
des Verfahrens der Reinkultur von Mikroben durch Robert Koch zu
Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts durch die überaus
mühevollen Untersuchungen des Dänen Emil Christian Hansen unterscheiden
lernten. Diese Neuerung ist für die Industrie von der weitgehendsten
Bedeutung, weil die verschiedenen Spielarten der Hefe durchaus nicht
alle gleich gut und für die Technik zu gebrauchen sind. Seit langem
weiß man, daß unter Umständen auch echte Hefen sich als unangenehme
und schädliche Gäste beim Gärungsprozesse einfinden können und durch
ihre Tätigkeit die Güte des Gärproduktes erheblich beeinträchtigen,
ja geradezu verderben können. Infolgedessen hat man vor allem in der
Bierbrauerei danach gestrebt, die einmal für gut befundenen Hefen
in ihrer Eigenart zu erhalten und sie frei von Verunreinigung durch
unerwünschte wilde Hefearten, wie sie sich überall in der Natur
vorfinden, weiter zu züchten. Erst durch die Arbeiten von Hansen sind
wir in den Stand gesetzt, aus einer einzigen Zelle der guten Hefe
eine immer gleichbleibende gute Rasse zu züchten, die mit Sicherheit
gute Gärprodukte liefert. Dadurch wurde die ganze Brauindustrie
revolutioniert, und auch bei der Weinbereitung und Brennerei fangen
Reinhefen an, eine immer größere Rolle zu spielen.
Die Hefepilze, deren für die technische Verwertung beste Sorten wie die
Bierhefepilze (~Saccharomyces cerevisiae~ und der etwas kleinere ~S.
ellipsoideus~) kugelig bis eirund und nur ausnahmsweise wurstförmig
langgestreckt sind wie der Pasteursche Zuckerpilz (~Saccharomyces
pasteurianus~), siedeln sich entweder am Boden der von ihnen zu
vergärenden Flüssigkeiten an wie die Unterhefen, oder sie verteilen
sich in der ganzen Flüssigkeit, können sich aber auch schließlich unter
gewissen Bedingungen als Haut auf der Oberfläche der gärenden Lösung
sammeln. Dies geschieht bei den echten Hefen besonders bei reichlicher
Luftzufuhr. Es gibt aber einige langgestreckte Schlauchpilze, bei denen
diese Wuchsform die Regel ist, wie beispielsweise bei dem sich auf Bier
und Wein ansiedelnden Kahmpilz (~Saccharomyces mycoderma~), der die
Gärfähigkeit überhaupt eingebüßt hat und den Zucker der Nährlösung, in
der er lebt, direkt in Kohlensäure und Wasser spaltet, wodurch er dem
Gärgewerbe schädlich wird.
Da den Hefepilzen als Schmarotzern das Chlorophyll oder Blattgrün
fehlt, können sie ihren Körper nicht wie die Pflanzen aus unorganischen
Stoffen aufbauen, sondern bedürfen dazu wie die Tiere komplizierter
zusammengesetzter, von mit Chlorophyll ausgestatteten Pflanzen im
Sonnenlichte aufgebauter „organischer“ Nährstoffe, die sich ihnen in
den in der Natur weitverbreiteten Zuckerlösungen darbieten. Diese
enthalten daneben stets auch etwas Eiweiß oder Abbauprodukte desselben,
sogenannte Aminosäuren, denen sie ihren Stickstoffbedarf entnehmen,
und Salze mit Kalium, Magnesium, Eisen, Phosphor und Schwefel, die zu
ihrem Gedeihen durchaus erforderlich sind. Daraus folgt, wie Pasteur
zuerst feststellte, daß die Hefe in reinen Zuckerlösungen nicht gärt,
sondern aus Mangel an stickstoffhaltigen Nahrungsmitteln und Nährsalzen
sehr bald zugrunde geht. In einer ihr zusagenden und für ihr Gedeihen
erforderlichen Nährlösung müssen aber durchaus alle jene Stoffe
enthalten sein, die zum Lebensprozesse der Zellen, zu ihrem Wachstum
und ihrer Vermehrung notwendig sind.
Eine besonders wichtige Rolle im Stoffwechsel der Hefepilze und
infolgedessen beim Vorgang der Gärung spielt der Sauerstoff, der ja
für den Lebensprozeß jeder Zelle und jedes Organismus überhaupt, sei
es Pflanze oder Tier, ein völlig unentbehrlicher Stoff ist, da nur er
die Oxydation, d. h. die Verbrennung in den Geweben ermöglicht, die die
Quelle aller Leistungen in den lebenden Körpern bildet. So verbrennen
auch die Hefepilze den ihnen in der Nährlösung dargebotenen Kohlenstoff
zu Kohlensäure wie es jeder lebende Organismus tut. Es geht also immer
ein Teil des von ihnen zersetzten Zuckers für die Umsetzung in Alkohol
verloren und wird damit die Ausbeute der Gärung bis zu einem gewissen
Grade beeinträchtigt. Pasteur, dem wir die grundlegenden Untersuchungen
über den Lebensprozeß der Hefepilze verdanken, behauptete, daß die Hefe
nur dann gäre, wenn ihr die Luft abgeschnitten werde. Bei genügender
Zufuhr von Sauerstoff habe die Hefe einen Stoffwechsel wie andere
Pilze, indem sie ausschließlich den dargebotenen Zucker verbrenne;
sobald aber der Sauerstoff fehle, müsse sie den Zucker, den sie nicht
mehr direkt verbrennen kann, durch Gärung, zu der Sauerstoff nicht
nötig ist, umsetzen, um ihn zu einer Energiequelle zu gestalten.
Über diese Pasteursche Theorie, wonach die Gärung ein Leben der Hefe
ohne Luft sei, wurde lange Zeit hindurch aufs heftigste gestritten, bis
man schließlich erkannte, daß diese Annahme falsch war und Hefe bei
Anwesenheit von Sauerstoff ebensogut gärt wie bei Abschluß desselben.
Daß andererseits der Sauerstoff zum Leben und zur Vermehrung der Hefe
absolut nötig sei, darüber hatte schon Pasteur keinen Zweifel gehabt.
Von seiner Theorie blieben an Tatsachen nur zwei übrig, nämlich
erstens, daß ganz junge Hefe bei reichlichem Luftzutritt tatsächlich
schlecht gärt, weil sie sich zu üppig entwickelt, und zweitens, daß
auch unter günstigeren Bedingungen bei Luftzutritt die einzelnen
Hefezellen etwas weniger Alkohol liefern als bei Abschluß der Luft.
Aber andererseits wird die Vermehrung der Zellen durch den Zutritt von
Luft so sehr gesteigert, daß trotz dieser verminderten Leistung der
Einzelzelle die Gesamtausbeute bei Anwesenheit von Luft besser ist als
bei Fehlen derselben.
Nun hat besonders Stoklasa in Prag nachgewiesen, daß die Fähigkeit,
bei Luftabschluß alkoholbildende Fermente zu erzeugen, nicht nur
verschiedenen Pilzen, speziell Schimmelpilzen aus der Gattung Mucor,
die ebenfalls gären, wenn auch schwächer als Hefe, zukommt, sondern
sich auch bei Rüben, Kartoffeln usw. nachweisen läßt. Diese Fähigkeit
scheint also eine weitverbreitete Eigenschaft der lebenden Substanz
zu sein. Dann wäre die einzige Besonderheit der echten Hefepilze nur
noch die, daß sie diese Tätigkeit auch bei Anwesenheit von Sauerstoff
fortsetzen. Wir dürfen also annehmen, daß diese sich aus Pilzen
entwickelten, die die Fähigkeit, gelegentlich auch bei Luftabschluß
Zucker zu spalten und Alkohol und Kohlensäure daraus zu bilden, in
weitgehendem Maße ausbildeten. Während aber diese Fähigkeit bei allen
weniger weit in diesem Prozesse vorgeschrittenen Pilzen, z. B. den
Mucorarten, bei Luftanwesenheit verschwand, ging die Anpassung an ein
solches Vermögen bei den Hefepilzen so weit, daß die Fähigkeit der
Spaltung von Zucker in Alkohol und Kohlensäure auch bei Anwesenheit von
Luft weiterbestand.
Die Bedeutung der Gärung für die Hefe selbst ist demnach die, daß
sie ihren Energiebedarf ohne Anwesenheit von Sauerstoff decken kann.
An Stelle der richtigen Verbrennung der Nährstoffe, wie sie sonst
bei allen Lebewesen, besonders den nichtgärenden Pilzen und Tieren,
herrscht, tritt hier als Energiequelle die einfache Aufspaltung ohne
Sauerstoff. Auf diese Weise rückt Pasteurs Theorie in ein ganz anderes
Licht. Die Gärung der Hefe ist zwar nicht an sich ein Leben ohne Luft,
wohl aber gewährleistet die Bildung dieses Fermentes der Zelle ein
Leben ohne Luft. Das ist zwar etwas sehr Ähnliches, aber es besteht
doch der wichtige Unterschied, daß die Hefepilze dieses Mittel auch
dann noch anwenden, wenn sie es nicht gerade brauchen, wenn ihnen also
Sauerstoff zur Verfügung steht.
Schließlich gehen die Hefepilze in ihrem eigenen Produkte, dem Alkohol,
wenn er in einer bestimmten Konzentration in der von ihnen besiedelten
Nährlösung gebildet ist, zugrunde. Ihre Empfindlichkeit dagegen ist
eine ziemlich große; denn durchschnittlich erlischt die Gärung, sobald
der Gehalt an Alkohol 12-15 Prozent erreicht hat. Den geringsten
Alkoholgehalt ertragen Obstwein- und Bierhefen, einen mittleren
Weinhefen; nur manche Südweinhefen vertragen eine Alkoholanreicherung
bis zu 18 Prozent und Brennereihefen bis 20 Prozent; einzig die
japanische Sakehefe, die ein starkes Reisbier mit weinigem Charakter
erzeugt, soll sogar bei 24 Prozent Alkoholgehalt noch gären. Dieses
wechselnde Verhalten der Hefen gegen den von ihnen gebildeten Alkohol
zeigt ihre überaus große Veränderlichkeit gegen die verschiedensten
Einflüsse, was ihrer technischen Verwendung in hohem Maße zugute
kommt. Je nach dem Zwecke, den der Gärtechniker verfolgt, kann er
die verschiedenartigsten Hefen in Anwendung bringen; und diese in
möglichster Vollkommenheit zu züchten, ist seine vornehmste Aufgabe.
Die beiden wichtigsten Funktionen der Hefe sind die +Vermehrung+, die
mit intensivem Sauerstoffverbrauch einhergeht, und die +Gärung+. Rasch
wachsende Hefen gären schlecht, langsam wachsende dagegen gut. Diesen
beiden Endzuständen entsprechen zwei Typen: einerseits die sehr rasch
wachsende, wie man sagt „geile“ +Lufthefe+, die zu Bäckereizwecken
verwendet wird. Ihr darin nahe kommt die schnell vergärende
Brennereihefe, die aber im Gegensatz zu jener eine hohe Temperatur
verlangt. Und andererseits die äußerst langsam wachsende, „faule“, aber
sehr ausgiebig vergärende bayerische untergärige Bierhefe, die aber
dazu im Gegensatz zur vorigen einer niederen Temperatur bedarf.
Auch gegen den Zuckergehalt ist die Resistenz der verschiedenen
Hefearten eine sehr wechselnde. Die meisten können schon bei 40 bis
50 Prozent Zucker nicht mehr vergären, andere, die schwere Süßweine
bilden, können noch 60 Prozent und darüber vertragen.
Neben der Zymase, welche die Gärkraft der einzelnen Heferassen bedingt,
enthalten alle Hefen noch andere Fermente, die auf verschiedene
Kohlehydrate spaltend wirken, mit dem Endziel, sie alle in vergärbaren
Zucker zu verwandeln. Bei den meisten sind nur diejenigen Fermente in
wirksamer Menge vorhanden, die die höheren Zuckerarten spalten, nämlich
die Maltase, die Malzzucker in Traubenzucker, und die Invertase, die
Rohrzucker in Traubenzucker und Fruchtzucker überführt. Spärlicher
sind die bisher auch weniger eingehend studierten Fermente, die die
Dextrine angreifen, und nur bei wenigen sind solche vorhanden, die den
Milchzucker einerseits und die Stärke andererseits angreifen. Letztere
Eigenschaft kommt besonders der tonkinesischen Hefe zu, die einen Pilz
(~Amylomyces rouxii~) enthält.
Schon lange unterscheidet man in der Praxis der Gärtechnik zwischen
+wilden Hefen+ und den +Kulturhefen+. Solche „wilde Hefen“ sind heute
noch in den allermeisten Fällen die Weinhefen. In der Urzeit aber,
bevor sich der Mensch weitergehende Erfahrung in der Gärtechnik
erworben und besondere Verfahren zur Gewinnung möglichst vollkommener
Produkte eingeschlagen hatte, war jede Gärung durch wilde Hefen
bedingt. Man überließ einfach die zuckerhaltigen Pflanzensäfte sich
selbst; dabei trat dann von selbst durch Ansiedelung und rasches
Wachstum von frei herumschwärmenden, wilden Keimen die Gärung ein,
die der Mensch nach seinen Wünschen zu leiten und, wenn nötig, zu
unterbrechen versuchte.
Die Lebensweise dieser wilden Hefen hat Hansen zuerst an ~Sacharomyces
apiculatus~ erforscht. Was von ihr gilt, das wird mit geringen
Änderungen auch für die anderen Hefearten Geltung haben. Den Sommer
hindurch sind überall Hefekeime im Staub vorhanden, die dann vom
Wind an verletzte Früchte irgend welcher Art verweht werden, wo
sie vortrefflich gedeihen und sich rasch vermehren. Zur Zeit der
Fruchtreife im Herbst sind sie besonders in Obst- und Weingärten
in ungeheurer Zahl vorhanden und gelangen mit den Früchten in den
gekelterten Most, in welchem sie die alkoholische Gärung verursachen.
Mit dem Regen und Wind und den herabfallenden, verderbenden Früchten
gelangen sie in den Boden, wo man sie bis zu 40 cm Tiefe nachgewiesen
hat. Hier überwintern sie, soweit sie als dickhäutige Dauerformen
vor dem Eingehen infolge von Kälte und Trockenheit geschützt sind,
um mit dem Frühjahre von neuem ihr Dasein an allerlei austretenden
Pflanzensäften und faulenden Massen fortzusetzen und mit dem Wind und
den zahllosen Insekten auf die sich bildenden Blattmassen und jungen
Früchte verschleppt zu werden, wo sie sich nach Möglichkeit, soweit
es ihnen gelingt, Nahrung zu erhalten, vermehren und immer weiter
ausbreiten, bis sie im Herbst abermals eine Hauptverbreitung erlangt
haben.
Aus ihnen hat dann der Mensch unwillkürlich im Laufe der Zeit besondere
Kulturrassen entwickelt, indem er mit Vorliebe gute Hefereste zur
Fermentierung der neuen zu vergärenden Nährlösung verwandte. So
hatten beispielsweise die Braumeister schon lange gemerkt, daß es
zweckmäßig ist, die Hefen, die einmal ein gutes Bier geliefert hatten,
sich nach Möglichkeit zu erhalten, und die große Geheimniskrämerei,
die lange Zeit die Kunst edles Bier zu brauen umgab, beruhte nicht
zum mindesten auf solchen alten Rezepten zur Erhaltung des „Zeuges“.
Indessen war dies alles reine Empirie, und Fehlschläge blieben dabei
nicht aus. So war trotz aller Sorgfalt das Brauen guten Bieres stets
eine Sache des Zufalls. Erst durch die planmäßigen Arbeiten Hansens
ist dies anders geworden, indem er zuverlässige Verfahren angab,
um jeweilen erstklassige Kulturen von Hefe zu erlangen und nach
Belieben weiter zu züchten. So ist man imstande, immer gleichmäßig
gute Heferassen, ohne Beimischung unerwünschter fremder Elemente
oder eine Degeneration befürchten zu müssen, in Anwendung zu ziehen
und damit stets sicheren Erfolg zu haben. Und hat man auf diese
Weise eine größere Menge einer vollkommen einheitlichen, weil aus
einer einzigen Zelle hervorgegangenen Hefe gewonnen, so kann man mit
dieser Gewöhnungsversuche an bestimmte, nach besonderen Richtungen
abgeänderter Nährböden machen, um damit neue, zu speziellen Zwecken
dienende Varietäten zu gewinnen.
Neben dieser „Einzellmethode“, die stets die klassische sein wird,
genügt für zahlreiche Zwecke auch ein anderes Verfahren, das man
als die „natürliche Reinzucht“ bezeichnet. Es beruht auf der
Erfahrungstatsache, daß eine Hefe, die in größerer Menge auf einen ihr
gut zusagenden Nährboden und unter günstigen Temperaturverhältnissen
eingesät wird, sehr bald alle anderen Organismen in solch energischer
Weise überwuchert, daß sie beinahe allein zurückbleibt. So kann man
beispielsweise untergärige gute Bierhefe von Beimengungen einerseits
obergäriger, andererseits kleiner, wilder Hefen dadurch trennen, daß
man bei 8-10° C. gären läßt, unter Bedingungen, die nur der gewünschten
Hefe günstige Verhältnisse zum Fortkommen gewähren. So kann man durch
Züchten auf mehrere Prozent Alkohol enthaltenden Nährböden aus einem
Gemisch von Brennereihefe und Unterhefe die letztere herausschaffen usw.
Wenden wir uns nach dieser allgemeinen Orientierung zu den wichtigsten
Nutzanwendungen der Hefegärung, unter denen an erster Stelle die
+Brotbereitung+ steht. In der Urzeit wurden die nahrhaften Samen der
wilden Grasarten und später diejenigen der aus ihrer Zahl zu immer
großkörnigeren Getreidearten gezüchteten Spezies gleich nach dem
Sammeln, solange sie noch nicht durch Eintrocknen hart geworden waren,
oder wenn dies wie bei den Vorräten der Fall war, nach vorhergehendem
kurzen Einweichen in Wasser, roh, oder noch häufiger durch Rösten
auf heißen Steinen schmackhafter gemacht, gegessen. Solch geröstetes
Getreide hat sich mit dessen natürlicher Würze, dem Salz, im äußerst
konservativem Kultus bei manchen Völkern, wie den Römern, als die
älteste Art von Opferspeise pflanzlicher Natur an die Gottheit bis in
die Spätzeit erhalten.