selbst gehuldigt. So führte der sonst so zeremonielle Kurfürst
Friedrich III., seit 1701 König Friedrich I. von Preußen (1688-1713),
Tabaksgesellschaften bei Hofe ein und ließ sogar von einem Künstler
das Bild einer solchen Zusammenkunft malen, bei welcher seine
Gemahlin Sophie Charlotte selbst dem Fürsten die lange holländische
Pfeife anzündet. Mit weniger Prunk, aber mehr Behagen widmete sich
Friedrich Wilhelm I. (1713-1740) seinem bekannten Tabakskollegium, in
welchem beim Bierkrug und bei langen holländischen Tonpfeifen derbe
Wachtstubenwitze und dick aufgetragene Schwänke erzählt und belacht
wurden. Die lustige Person, eine Art Hofnarr, in diesem Tabakskollegium
war jener vom Könige zum Freiherrn und spöttischerweise zum Präsidenten
der Akademie der Wissenschaften erhobene gelehrte Charlatan J. P.
von Gundling, der sich in der Trunkenheit bei Eimbecker Bier und
holländischem Tabak zu vielen derben Späßen mißbrauchen lassen mußte.
Sein Nachfolger Friedrich der Große (1740 bis 1786), der daran als
Kronprinz auch teilnahm, rauchte zwar nicht, schnupfte aber dafür nach
vornehmer französischer Sitte, der er eifrig anhing.
Wie England und Deutschland nahm auch Dänemark den Tabaksgenuß rasch
auf, während in der Schweiz die Obrigkeit denselben zunächst, wenn
auch umsonst, bekämpfte. Im Jahre 1661 erließ die Stadt Bern strenge
Verordnungen gegen den Gebrauch des Tabaks. Auch in der Türkei hatte
das Tabakrauchen, das 1605 zuerst in Konstantinopel auskam, anfänglich
große Schwierigkeiten zu überwinden, da die Muftis (Rechtsgelehrten)
erklärten, dieser neue Gebrauch widerspreche den Vorschriften des
Korans. Wer beim Tabakrauchen erwischt wurde, dem bohrte man als
abschreckendes Mittel das Pfeifenrohr quer durch die Nase. Doch selbst
diese grausame Strafe fruchtete nichts gegen die überhandnehmende
Rauchsitte, so daß Sultan Murad IV. im Jahre 1630 bestimmte, daß jeder,
der des Tabakrauchens überwiesen werden könne, geköpft werden solle.
Dadurch bewirkte er allerdings, daß die geängstigte Bevölkerung sich
notgedrungen vom Rauchen abwandte, dafür aber dem nicht verbotenen
Schnupfen des Tabaks huldigte. Sobald aber unter seinem Nachfolger
das Rauchverbot nicht mehr so streng gehandhabt wurde, kam auch das
Rauchen wieder auf und hat sich seither dermaßen bei den Osmanen
eingebürgert, daß bald der Türke mit seinem Tschibuk symbolisch auf
den Ladenschildern der Tabakverkäufer im Abendlande sich präsentierte.
Tabakrauchend und kaffeeschlürfend mit übereinandergeschlagenen Beinen
auf seinem Teppich zu sitzen und sich stundenlang dem träumerischen
Zustande des Kef hinzugeben, das ist heute das Paradies der Türken auf
Erden.
Ähnlich grausam wie in der Türkei ging man in Rußland gegen die neu
aufkommende Sitte des Tabakrauchens vor. Zar Feodorowitsch Romanow
bestimmte im Jahre 1641, daß, wer auch seiner Untertanen beim
Tabakrauchen betroffen werde, ohne weiteres getötet oder ihm wenigstens
die Nase abgeschnitten werden solle. Obschon diese strenge Maßregel
auch oft genug in die Tat umgesetzt wurde, ließ sich das russische Volk
so wenig als das türkische davon abbringen, schließlich doch diese
Unsitte anzunehmen. Erst Feodorowitschs Enkel, Peter der Große, dem
die Engländer 15000 Pfund Sterling (= 300000 Mark) anboten für die
Erlaubnis, den Tabak in Rußland einführen zu dürfen, willigte in diesen
wenig rühmlichen Handel ein, obwohl der Tabakverkauf vom russischen
Patriarchen verboten war und das Rauchen noch immer von der Kirche als
sündhaft und unrein verdammt wurde. Ja, dieser rohe Monarch versprach
den Engländern gegen solch reiche Bezahlung, dem Patriarchen selbst
das Rauchen beizubringen. Ob ihm solches gelang, wird allerdings nicht
berichtet; jedenfalls aber steht die eine Tatsache fest, daß bald
auch das heilige Rußland mit Hilfe der profitgierigen Engländer dem
Rauchteufel erlag, und heute wird in jenem Lande so gut wie in der
Türkei und in der Schweiz von vornehm und gering, selbst von vielen
Frauen dieser indianischen Unsitte gehuldigt.
Nach Japan brachten die Portugiesen schon im Jahre 1605 den Tabak,
der sich von hier aus ebenso schnell über ganz Ost- und Südasien
verbreitete. Obschon auch hier, so in Japan bereits 1612, von der
Obrigkeit sehr strenge Gesetze dagegen erlassen wurden, fand die
Sitte des Rauchens bald beim Volke Eingang. Ebenso war es unter den
europäischen Kolonisten in Nordamerika der Fall, wo noch im Jahre
1650 ein Rauchverbot, allerdings auch hier umsonst, erlassen wurde.
Aller Warnung zum Trotz fand das giftige Kraut seine Liebhaber, die
sich so an dasselbe gewöhnten, daß sie nicht mehr von ihm lassen
konnten. Auch heute noch fällt es dem daran Gewöhnten leichter, den
Genuß geistiger Getränke zu lassen, als sich das Rauchen abzugewöhnen.
Diese Leidenschaft beherrscht eben den Menschen ganz so wie der
gewohnheitsmäßige Genuß anderer narkotischer Mittel wie Opium, Morphin,
Kokain und dergleichen.
Es sei hier noch kurz bemerkt, daß bei allen Nationen das Rauchen
zuerst aus Pfeifen erfolgte und größtenteils noch heute so geübt wird.
Auch in Deutschland hat man im 18. Jahrhundert noch ausschließlich
aus Pfeifen geraucht. Nur reiche Leute konnten sich’s leisten, als
etwas Seltenes und Kostbares eine aus Holland, England oder Amerika
eingeführte Zigarre zu rauchen. Als diese Ausnahmen sich mehrten,
kam ein Hamburger, der in Spanien das Zigarrenmachen erlernt hatte,
im Jahre 1788 auf den Gedanken, in Hamburg eine Zigarrenfabrik zu
errichten. Doch hatte er zunächst keinerlei Erfolg. Er mußte seine
Zigarren verschenken, um seine Landsleute auf das Fabrikat aufmerksam
zu machen und ihnen die Überzeugung beizubringen, daß auch in
Deutschland hergestellte Zigarren gut schmeckten. Als trotz seiner
Bemühungen das fremdländische Fabrikat den Vorzug behielt, nahm er
seine Zuflucht zu einem Betrug, indem er seine Zigarren nach Kuxhaven
sandte, dort auf Schiffe verladen ließ, die aus Amerika kamen, und sie
dann als echte amerikanische in Hamburg in Empfang nahm. Als diese nun
zu billigen Preisen verkauft wurden, befreundete man sich mit ihnen und
rauchte später, als die Sache an den Tag kam, auch das einheimische
Fabrikat. So wurde nach und nach das Zigarrenrauchen in Deutschland
eingeführt.
Die +echte+ oder +gemeine Tabakstaude+ (~Nicotiana tabacum~) gehört mit
den Petunien, dem Stechapfel, dem Bilsenkraut, der weißen, besonders
am Abend stark duftenden Trompetenblume (~Datura suaveolens~), der
Tollkirsche, der Paprikapflanze, der Tomate, der Eierpflanze (franz.
~aubergine~, ~Solanum melongena~), dem Bittersüß und der Kartoffel in
die Familie der Nachtschattengewächse, deren Mitglieder meist durch
irgend ein Gift vor dem Gefressenwerden durch Tiere geschützt sind.
Sie ist ein einjähriges, bis 2 m hoch werdendes, aufrechtes Kraut,
das allseitig mit einfachen und drüsigen Haaren besetzt ist. Die
frisch unangenehm, betäubend riechenden und scharf bitter schmeckenden
Blätter sind länglichoval, ganzrandig und langzugespitzt. Sie sind oben
dunkel- und unten hellgrün. Jede Pflanze hat deren etwa 10 bis 20, von
denen die untersten bis 50 cm lang und 10-15 cm breit werden. Die
mit trichterförmiger, rötlicher Blumenkrone und fünfzähnigem, grünem
Kelche versehenen Blüten stehen in Rispen und erzeugen befruchtet eine
zweiklappige Kapsel mit zahlreichen, außerordentlich kleinen, eirunden
Samen, die außer Eiweißkörpern ziemliche Mengen eines Öles enthalten,
das in Südrußland ausgepreßt und zu Beleuchtungszwecken verwendet wird.
Der Stengel der Tabakpflanze ist während der ersten Periode des
Wachstums mit einem klebrigen Marke gefüllt und bricht sehr
leicht; später wird er holzig und besitzt ein ziemlich großes
Widerstandsvermögen gegen Bruch, was für die Kultur von großer
Wichtigkeit ist. Der runde Stengel verzweigt sich bei üppigem Wachstum
nur oben; zuweilen bilden sich aber für die Kultur sehr lästige
Seitenschosse in den Achseln der Blätter, die fast nicht oder nur
mit Aufopferung des Blattes, aus dessen Achsel sie entsprangen, zu
entfernen sind. Sobald die Pflanze sich ihrer Reife nähert, wird ihre
Lebenskraft hauptsächlich dazu verbraucht, Wurzelschosse zu treiben,
die alsbald entfernt werden, um die zu erntenden Blätter rascher zur
Reife zu bringen und ihnen auch eine heilere Farbe zu verleihen.
Ist die Tabakpflanze auch im wärmeren Amerika heimisch, so kann sie
gleichwohl an den meisten Orten der Erde gezogen werden; indessen
gibt sie nur in beschränkten Breiten bessere Produkte. Die dicken
und schweren Blätter, die sich schon bei uns entwickeln, sind nur
minderwertige Ware und die Pflanzen der höheren Breiten sind nicht
mehr zum genußreichen Rauchen zu verwenden. Aber auch in viel wärmeren
Gegenden gibt der Tabak nicht durchaus gleichwertige Blätter. Den
berühmtesten Tabak liefert Kuba, wo indessen, wie überhaupt auf allen
westindischen Inseln mit Ausnahme von Portoriko, die Tabakkultur
zugunsten der Kultur des Zuckerrohrs mehr und mehr abnimmt. Der
berühmte Havannatabak wird auf einer kleinen Strecke der Westküste, der
~vuelta abaja~, d. h. dem „niedrigen Land“ gebaut, das sich in 110 km
Länge und 30 km Breite als der beste Tabakboden der Welt zwischen dem
Gebirge im Norden und dem Meere im Süden erstreckt. Aller verfügbarer
Boden ist hier für die Tabakkultur verwendet, die in Plantagen von
etwa 13 Hektar Ausdehnung betrieben wird, auf der 20-30 Mann, Farbige
und Weiße, arbeiten. Der Tabak wird während des sogenannten Winters
gebaut, da der geringere Regenfall und der verminderte Sonnenschein,
sowie die gegen 10° C., gegenüber dem übrigen Teil des Jahres niedrigere
Temperatur günstig auf die Entwicklung des Aromas der Tabakblätter,
des Ruhms von Havanna, einwirken. Fast der ganze Ertrag wird in den
Fabriken von Havanna verarbeitet, die in der Regel jedes Jahr den
Ertrag derselben Plantage aufkaufen, wodurch sie in der Lage sind, ein
Produkt von möglichst gleicher Qualität zu liefern. Nirgends trifft man
so viel verschiedene Sorten Tabak wie in Havanna, wodurch natürlich
der Einkauf der Rohtabake sehr erschwert wird. Die am meisten dort
geschätzten werden noch ziemlich feucht geraucht, in einem solchen
Zustande, daß sie sich um sich selbst drehen und über den Finger biegen
lassen, ohne zu brechen. Manche Sorten haben im Fabrikationsorte
Havanna selbst einen Preis bis zu zwei Mark und darüber das Stück.
Andere berühmte Lagen sind in Brasilien, in Florida, auf Sumatra,
hauptsächlich im Distrikt von Deli und auf Neu-Guinea. Diese Tabake
sind besonders deshalb wertvoll, weil sie vorzügliche Deckblätter
geben, die dünn und dennoch fest wie Handschuhleder sind. Große
Mengen von Tabak werden auch in Mexiko, in den Staaten Maryland,
Virginia und Kentucky gebaut, obschon die letzteren, weil zu schwer,
nur minderklassig sind. In Europa erzeugt Ungarn große Mengen für
den österreichischen Bedarf. Vortrefflich ist auch der auf der
Balkanhalbinsel gezogene Tabak, an den sich die kleinasiatischen
Sorten anschließen. Hier wird auch eine andere Art, der mit
kleineren, runden Blättern und gelbgrünen, kürzeren Blüten versehene
sogenannte +Bauerntabak+ (~Nicotiana rustica~) angebaut, der einen
ganz ausgezeichneten dünnblätterigen Tabak liefert; dieser kommt als
türkischer Tabak in den Handel und wird nur, sehr fein geschnitten,
zu Zigarettentabaken verarbeitet. Besonders in Ägypten nimmt die
Zigarettenindustrie in Kairo und Alexandria ständig zu.
Die Tabakpflanze stellt sehr hohe Anforderungen an die Nährkraft des
Bodens, indem ihre grünen Teile, besonders die Blätter, ungemein
reich an mineralischen Bestandteilen sind; außerdem enthalten sie
die starken narkotischen Gifte Nikotin und Nikotianin, auf deren
Einverleibung im wesentlichen die Wirkung des Rauchens beruht. Durch
jene Gifte wird wohl das Nervensystem etwas beruhigt, das Empfinden und
Wollen angeregt, aber als ungünstige Nebenwirkung die Herztätigkeit
beschleunigt und der Blutdruck erhöht. Das Schnupfen des Tabaks ruft
weit weniger Allgemeinerscheinungen hervor, weil die bald eintretende
Verdickung der Nasenschleimhaut die Aufsaugung des Nikotins verhindert.
Der Tabak gehört also mit dem Alkohol zu den zweifellos schädlichen
Genußmitteln. Je besser die Sorte, um so geringer sind die
Giftwirkungen, da geringe Tabaksorten reicher an Nikotin zu sein
pflegen als die feinen. Dieselbe Beschaffenheit des Bodens und Klimas,
die die Bildung dieses Giftes begünstigt, wirkt zugleich ungünstig
auf die Entwicklung des Aromas. Deshalb ist eine stark nikotinhaltige
Tabakpflanze gleichzeitig weniger aromatisch, wie z. B. die Virginia
mit gegen 6 Prozent Nikotin, während ein geringer Nikotingehalt von
nur 2 Prozent, wie bei der Havanna, Hand in Hand mit der stärksten
Ausbildung des Aromas geht. Je größer der Abstand der Pflanzen
untereinander ist, je weniger Blätter ihnen gelassen werden, je höher
die Blätter am Stengel sitzen und je später sie gepflückt werden, desto
größer ist im allgemeinen ihr Nikotingehalt und desto geringer ihr
Aroma. Da nun ein möglichst geringer Nikotingehalt und ein möglichst
feines Aroma zu erstreben sind, müssen alle die Zunahme des Nikotins
begünstigenden Faktoren vermieden werden. Die Luft soll feucht sein und
die Pflanze soll zunächst viel Regen erhalten, bis sich die Blätter
zu entwickeln beginnen; dann schaden allerdings starke Regengüsse,
indem die Blätter ein geringes Aroma und unerwünscht dicke Blattnerven
bekommen, sich auch weniger günstig beim Trocknen und Gären verhalten.
Da stehendes Wasser dem Tabak sehr nachteilig ist, so muß der Boden,
auf dem Tabak gepflanzt werden soll, leicht durchlässig sein und darf
nicht im Überschwemmungsgebiet der Flüsse liegen. Am geeignetsten
ist etwas welliges Terrain. Kalk darf darin nur in geringen Mengen
enthalten sein, dagegen ist Kalireichtum günstig, da erfahrungsgemäß
die Güte des Tabaks durch einen hohen Gehalt an diesem Alkali bedingt
wird. Stickstoff- und Chlorreichtum vermindern die Brennbarkeit des
Tabaks und setzen sein Aroma herab. Das Gedeihen eines guten Tabaks ist
also unabhängig von Düngungsmitteln, im Gegensatz zu anderen Pflanzen,
z. B. Getreide und Gemüse. Ähnlich wie beim Weinbau bedingt die
Örtlichkeit zu einem großen Teil den Erfolg. Aber auch in der besten
Lage sind nicht alle Blätter einer Tabakpflanze von derselben Güte,
sondern die der Mitte des Stengels entnommenen sind, was Brennbarkeit
und Aroma anlangt, die besten; deshalb werden sie als „Bestgut“
bezeichnet.
Der erfolgreiche Anbau des Tabaks verlangt große Sorgfalt und Pflege.
Die Anzucht im Großbetriebe erfolgt in besonderen Saatbeeten, die
sowohl gegen übermäßige Sonnenbestrahlung als auch gegen die heftigen
Regengüsse, wie sie bekanntlich in den Tropen häufig sind, geschützt
werden müssen. Deshalb bedeckt man sie mit auf Stangen von 1-1,5 m Höhe
befestigten schrägen Dächern, die den Durchgang der nötigen Luft nicht
behindern. Nach drei Wochen werden die Keimpflänzchen möglichst schnell
an ihren definitiven Standort überführt und hier etwa zwei Wochen
lang, bis sie erstarkt sind, zum Schutze gegen Witterungseinflüsse mit
dütenförmigen Holzmützen bedeckt.
Nach etwa 75 Tagen ist die Pflanze ausgewachsen und wird geerntet,
wobei seltener die reifen Blätter, sondern meist die ganzen Pflanzen
abgeschnitten, in Bündel gebunden und entweder an der freien Luft oder
durch Feuerwärme in Trockenhäusern getrocknet werden. Sie verlieren
dabei ihren Stärkegehalt und erlangen die gewünschte braune Farbe.
Dann werden die Blätter vom Stengel abgebrochen -- wenn sie es nicht
schon waren -- und dabei zugleich nach ihrer Qualität sortiert, um
dann abermals zu Bündeln vereinigt und in geschlossenen Räumen zu
großen Haufen, sogenannten Stöcken, aufeinander geschichtet zu werden,
die 100-800 Zentner Tabakblätter umfassen. Hier machen sie eine von
besonderen Bakterien hervorgerufene Gärung durch, wobei diejenigen
aromatischen Verbindungen entstehen, durch welche der fertige Tabak
beim Rauchen den angenehmen Geruch und Geschmack erhält, weicher zum
Bearbeiten wird und gleichmäßiger gefärbt erscheint. Zugleich wird
der Gehalt an dem äußerst giftigen Nikotin um etwa 30 Prozent der
ursprünglich vorhandenen Menge desselben herabgesetzt. Dabei tritt
in einem feuchten Klima ein „Schwitzen“ genanntes Austreten eines
klebrigen Stoffes auf, was in einem trockenen dagegen unterbleibt. Den
Beginn der Gärung (Fermentation) erkennt man an einer Wärmezunahme,
welche im Innern des Stockes am bedeutendsten ist und daselbst bis
50° C. und mehr steigen kann. Sobald dies eingetreten ist, nimmt man die
Bündel auseinander und baut aus ihnen einen neuen Stock auf, in welchem
die bisher im Innern befindlichen Bündel an die Außenseiten gelegt
werden. Derartige Umlagerungen werden wiederholt vorgenommen, damit
jedes Bündel in annähernd gleicher Stärke fermentiert wird.
Ist dies geschehen, so werden die Stöcke je nach Sorten, Klima und
Witterungsverhältnissen entweder ganz auseinander genommen, um
weiter verarbeitet zu werden, oder abermals in kleineren Partien
zusammengelegt, wobei noch eine zweite Fermentation stattfindet.
Näheres über die Einzelheiten bei diesem Vorgang findet sich im
Abschnitt über die Gärungserreger. Nach der Fermentation werden die
Blätter gelüftet, getrocknet und schließlich in Fässer verpackt, um
in die Tabakmanufakturen zu gelangen, wo die schlechteren Sorten oft
noch zur weiteren Herabsetzung des Nikotingehaltes ausgelaugt und zur
Verstärkung des Aromas „gesaucet“, d. h. mit verschiedenen, meist
opiumhaltigen Brühen behandelt werden. Für Deutschland ist Bremen
ein Haupthandelsort für Tabak. Dort gibt es die größten Tabak- und
Zigarrenfabriken Europas.
Während heute überall in den Tabak produzierenden Ländern der rötlich
blühende echte oder gemeine Tabak gebaut wird, pflanzt man im Orient,
sowie in Nordafrika den nur 1 m Höhe erreichenden, gelblich blühenden
+Bauern+- oder +türkischen Tabak+ (~Nicotiana rustica~), der in Mexiko
seine Heimat hat. Wir sahen bereits, daß er den türkischen oder
Latakiatabak liefert. Die Kultur ist dieselbe wie beim echten Tabak,
und an ihm werden, gleicherweise wie bei jenem, gelegentlich eine Reihe
von durch winzige Spaltpilze hervorgerufene Krankheiten beobachtet,
unter denen der sogenannte „Spickel“, sowie der Blattfleckenrost und
eine dritte Blattfleckenkrankheit die wichtigsten sind.
Entsprechend dem großen Verbrauch des Tabaks ist sein Anbau ein ganz
bedeutender und beträgt auf der ganzen Erde wenigstens 550 Millionen
kg, wovon auf die Vereinigten Staaten von Nordamerika 225 Millionen
kg, auf Britisch-Ostindien 172 Millionen kg und auf Deutschland 40
Millionen kg entfallen. Außerdem führte Deutschland im Jahre 1906 für
120 Millionen Mark unbearbeitete Tabakblätter ein. Auf den Kopf der
Bevölkerung kommen daselbst jährlich fast 2 kg Tabak.
Was nun endlich die Verarbeitung des Tabaks betrifft, so beginnt man
beim Rauchtabak mit einer genauen Sortierung der Blätter nach der
Farbe, wobei man die Blätter mischt, um die gewünschte Qualität zu
bekommen. Darauf werden die Blätter angefeuchtet, um ihnen die nötige
Elastizität zu erteilen, und zwischen Walzen gepreßt, auf Rollen
gesponnen oder sofort geschnitten. Bei der Zigarrenfabrikation wird zum
Innenblatt eine geringere Qualität, zum Deckblatt dagegen eine bessere,
vielfach mit hellen Flecken versehene, genommen. Letztere entstehen
in der Natur durch Tautropfen, die den Sonnenstrahlen als Brennglas
dienen; dem Publikum zuliebe werden sie vielfach auch künstlich durch
Einwirkung von Salpetersäure erzeugt. Das Schneiden der Deckblätter
erfordert viel Übung und ein gutes Auge, da man trachten muß, aus einem
Blatt so viel Deckblätter wie möglich herauszuschneiden. Das Ganze
wird dann durch Maschinen gerollt. Danach werden die Zigarren an
der Sonne oder am Ofen getrocknet, je nach Farbe und Sauberkeit des
Deckblatts sortiert und in Kistchen verpackt.
[Illustration:
Tafel 85.
Das Sortieren der Tabakblätter nach Länge und Farbe auf einer
Tabakplantage Sumatras.]
Tafel 86.
[Illustration: Die zum Fermentieren in Haufen gelegten Tabakblätter auf
einer Tabakplantage Sumatras.
Blick in einen Arbeitsraum der Zigarettenfabrik Leopold Engelhardt in
Bremen.]
Die Zigarren müssen an einem trocknen Orte aufbewahrt werden, da sie
sonst leicht schimmeln. Im allgemeinen werden sie durch das Aufbewahren
besser, erstens, weil sie dabei vollkommen trocken werden, und
zweitens, weil in ihnen eine leichte Nachgärung stattfindet. Nach einer
bestimmten Zeit verliert aber die Zigarre wieder an Güte, weil sie
brüchig wird und das Aroma sich wieder verflüchtigt.
Die früher meist vom Raucher selbst gedrehten Zigaretten werden jetzt
meist mit Maschinen hergestellt. Zur Fabrikation des Zigarettenpapiers
werden gewöhnlich sehr feine leinene Lumpen verwendet, die sorgfältig
gereinigt werden. Statt des Papiers werden manchmal auch die
allerfeinsten Tabakblätter als Hülle verwendet. Diese sogenannten
Zigarillos haben vor den übrigen Zigaretten den Vorzug, daß bei ihnen
der unangenehme Papiergeschmack wegfällt.
Bei der Herstellung von Kautabaken werden die Blätter mit Salz, Sirup,
Zucker, Rum, Salmiak, dem Fruchtfleisch der Tamarinde, Anis, Gummi,
Dextrin, allerlei ätherischen Ölen usw. versetzt; dem Schnupftabak
setzt man meist nur Salmiak und Pottasche zu. Für die Fabrikation
des letzteren wählt man die schwärzesten Tabaksorten und von diesen
die dicksten und fleischigsten Blätter von nicht zu heller Farbe.
Nachdem die Blätter einen Gärungsprozeß von verschieden langer Dauer
durchgemacht und die betreffenden Zusätze erhalten haben, werden sie an
der Luft getrocknet, geschnitten und fein gestampft oder in Mühlen fein
gemahlen. Dann wird der Schnupftabak gesiebt, parfümiert und verpackt.
Die ersten Rauch- und Schnupftabakfabriken in Deutschland entstanden
in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die ersten Zigarrenfabriken
in Hamburg und Bremen gegen das Ende des 18. und den Beginn des 19.
Jahrhunderts. Die Stadt Bremen besaß 1851 bereits 281 Fabriken mit
5300 Arbeitern. In Sachsen entstand die erste Zigarrenfabrik 1825, in
Baden 1843. Als in den Jahren 1852 und 1854 Braunschweig und Hannover
dem Zollverein beitraten, wurden die hanseatischen Fabriken in das
Zollinland verlegt und in Hamburg und Bremen nur noch die besten Sorten
hergestellt. Seit der Mitte der 1860er Jahre wurden die Tabakfabriken
mehr und mehr aus den großen Städten auf das Land und in die kleineren
Städte verlegt.
Begreiflicherweise hat der Fiskus einen so allgemein beliebten
Luxusartikel ausgiebig besteuert. So bildet die Tabaksteuer eine
bedeutende Einnahmequelle aller Kulturstaaten. Einige Regierungen,
wie in Europa Österreich-Ungarn, Frankreich, Italien, Spanien,
Portugal, Serbien und Rumänien, haben sich sogar das Monopol auf die
Tabakindustrie und den Tabakverkauf reserviert, um auf diese Weise
einen möglichst großen Profit aus dem Tabak zu ziehen. In England,
Rußland und der Türkei steht der Tabak unter staatlicher Aufsicht; in
den übrigen Ländern dagegen ist er frei.
XVIII.
Die Gärungserreger.