anregende Genußmittel, das über 8 Millionen Eingeborener Südamerikas
regelmäßig genießen, wobei der durchschnittliche Tagesbedarf
an Blättern 60-80 g beträgt, erst aufmerksam gemacht, als die
österreichische Weltumseglung der „Navarra“ ansehnliche Mengen
dieser Blätter zur Prüfung der darin enthaltenen Stoffe nach Europa
brachte. Das darin schon 1855 von Gädicke nachgewiesene, von ihm
Erythroxylin und erst 1860 von Nieman Kokain bezeichnete Alkaloid
wurde erst 1884 durch Freund und Koller als unempfindlich machendes
Mittel in den Arzneischatz eingeführt. Seither datiert auch der
Beginn des Mißbrauchs dieses als Arznei unschätzbaren Mittels. Wie
es äußerlich, in wässeriger Lösung auf die Schleimhäute gebracht,
dieselben sehr bald völlig unempfindlich macht und ein Abblassen
derselben durch Zusammenziehung der Blutgefäße bewirkt, regt es
innerlich schon in kleinen Mengen die seelischen und motorischen
Zentren der Großhirnrinde an und beschleunigt die Herztätigkeit.
Als Mittel zur geistigen und körperlichen Anregung, zur Erzeugung
einer künstlichen Ekstase, wozu es von den Europäern wie das Morphin
mit der Pravazspritze unter die Haut gebracht wird, um rasch in die
Blutzirkulation aufgenommen zu werden, erzeugt es wie die andern,
vorhin besprochenen Berauschungsmittel in kurzer Zeit die Sucht nach
dem täglichen Gebrauch und zunehmender Steigerung der Dosen. Also
ist es völlig ungeeignet etwa als Ersatz des Morphins, wie man es
anfangs anwenden zu können glaubte. Zudem treten die schlimmen Folgen
noch rascher als bei jenem ein. Die Persönlichkeit des chronischen
Kokainisten wird vollständig vernichtet. Er ist zu keiner anhaltenden
Arbeit mehr fähig, wird mehr und mehr gedankenschwach und vergeßlich,
seine moralischen Gefühle schwinden, Wahnideen stellen sich ein, es
tritt Schlaflosigkeit, Abmagerung und zunehmender Verfall des Körpers
auf, bis schließlich der Tod an Entkräftung erfolgt. Häufig sind
dabei Kokainpsychosen mit dem Gefühle, als ob es unter der Haut von
Ungeziefer wimmle, in Verbindung mit erschreckenden Bildern. Da in
den letzten Jahren ein zunehmender Mißbrauch mit diesem für Augen-,
Nasen- und Kehlkopfheilkunde, wie auch für die in der chirurgischen
Praxis äußerst wichtige Infiltrationsanästhesie der Haut bisher
unentbehrlichen Alkaloid stattfindet, ist davor von ärztlicher Seite
sehr zu warnen. Ebenso vor dem Einnehmen von Äther und Chloroform, die
an Stelle des keinen genügenden Reiz mehr auf sie ausübenden Alkohols
von manchen Lebemenschen männlichen und weiblichen Geschlechts in den
großen Städten eingenommen werden.
XVII.
Der Tabak.
Der Tabak als Genußmittel ist bekanntlich amerikanischen Ursprungs.
Die Indianer haben diese narkotische Pflanze schon lange vor der
Entdeckung Amerikas beinahe in ihrem ganzen Kontinent angebaut, um
die getrockneten Blätter derselben auf die verschiedenste Weise als
Genußmittel zu gebrauchen. Auf den westindischen Inseln, auf denen
Kolumbus zuerst landete, wurden sie fest zusammengerollt in ein dürres
Maisblatt gewickelt und am einen Ende angezündet wie Zigarren geraucht.
Diese Rauchrolle nannten die Indianer auf Befragen der Spanier
~tabaco~, woher sich der Name Tabak ableitet, der aber später auf das
Kraut selbst übertragen wurde.
Die Indianer behaupteten, dieses narkotische Kraut vom großen Geist
selbst erhalten zu haben und hielten es für heilig; deshalb kreiste
bei ihren Zusammenkünften die Friedenspfeife als ein Symbol des
Gottesfriedens, der dann unter ihnen herrschen sollte. Ursprünglich
werden die dürren Blätter der Tabakstaude mit anderen getrockneten
Kräutern zum Regenzauber gebraucht worden sein, indem man mit den in
die Luft geblasenen Rauchwolken befruchtendes Naß für die vor Dürre
schmachtende Vegetation, vor allem die nahrungspendenden Anpflanzungen
des Menschen aus den dadurch vermeintlich gebildeten Regenwolken
zaubern wollte, wie es heute noch die Primitiven in den verschiedensten
Ländern tun.
Zu solchem Regenzauber und zu ähnlichen Manipulationen haben auch
die Völker der Alten Welt in vorgeschichtlicher und geschichtlicher
Zeit die verschiedensten einheimischen Kräuter aus regelrechten,
teilweise aus Metall, und zwar meist Bronze, gegossenen und uns in
solchem dauerhaften Material erhalten gebliebenen Pfeifen geraucht.
Dabei entdeckte man sehr bald, daß der Rauch gewisser Pflanzen eine
narkotische Wirkung auf den Menschen ausübe. So betäubten sich bereits
die alten Babylonier durch Verbrennen von dürrem Hanf in Becken und
Einsaugen des dabei entstehenden Dampfes durch hohles Schilfrohr.
Von verschiedenen Barbarenstämmen Europas wird berichtet, daß sie
getrockneten Huflattich rauchten oder durch Rohrpfeifen den Rauch des
Cypergrases (einer ~kýpeiros~ genannten Binsenart) einsogen. Das sollte
ihnen nach Apollodoros (um 140 v. Chr.) Kraft und Widerstandsfähigkeit
verleihen. Ebenso ließen sich die Priester der alten Gallier und
Germanen durch das Einatmen von Dampf von verbranntem Hanf zum Zwecke
der Weissagung in Ekstase bringen, wie die Pythia in Delphi durch
das Kauen von Lorbeerblättern und das Einatmen betäubender, aus der
Erde hervordringender Dämpfe, über die der Dreifuß, auf dem sie saß,
gestellt war, gleichfalls in einem Zustande von narkotischer Verzückung
den Willen der Gottheit zu ergründen suchte.
Während die Völker der Alten Welt durch das Einatmen solchen Rauches
die narkotische Wirkung mancher Kräuter entdeckten, kamen diejenigen
der Neuen Welt auf die Entdeckung des Tabakes als Betäubungsmittel. In
welcher Gegend Amerikas dies geschah, läßt sich nicht mehr bestimmen;
doch scheint der Süden Nordamerikas und Mittelamerika der älteste Herd
des Tabakgenusses gewesen zu sein. Von da verbreitete sich derselbe
nach Süden und Norden, so daß diese der Alten Welt fehlende narkotische
Pflanze lange vor der Ankunft der Europäer von Chile bis Kanada von den
Indianern angebaut wurde, um als Zauber- und Genußmittel zu dienen.
Einzig im Gebiet des La Platastromes, in Uruguay und Paraguay wurde
der Tabak in keinerlei Weise gebraucht. Sonst bedienten sich seiner
alle amerikanischen Völker in irgend welcher Form, und zwar meist nur
die Männer, denen dieses Genußmittel auf ihren ausgedehnten Kriegs-
und Jagdzügen erlaubte, Hunger und Durst längere Zeit als ohne ihn zu
ertragen. Bei den zivilisierteren Stämmen, wie den Azteken Mexikos,
diente er als verfeinertes Reizmittel, dem sich die Männer nach
getaner Arbeit gerne hingaben. Alle feierlichen gottesdienstlichen
oder politischen Handlungen gingen bei diesen Völkern stets nur unter
dem Genusse von Tabak vor sich. Bei den nordamerikanischen Indianern
(von denen wir die beste Kunde haben), waren die Rauchgeräte heilige
Geräte, wie das Rauchen selbst eine Kulthandlung war, die bei keiner
religiösen Zeremonie fehlen durfte. An die symbolische, aus den
Indianergeschichten genugsam bekannte Friedenspfeife wurde bereits
erinnert. Und solche heilige Tabakspfeifen oder Calumets haben schon
die längst ausgestorbenen Vorläufer der nordamerikanischen Indianer
besessen, die Erbauer der gewaltigen Erdwälle und Grabhügel vielfach
in Tierform, die in den Tälern des Mississippi und seiner östlichen
Nebenflüsse, besonders des Ohio, dann aber auch in den Golfstaaten
in besonders dichter Menge gefunden werden und nach denen man sie in
der Wissenschaft mit einem englischen Worte als die Moundbuilders
bezeichnet. Sie müssen kulturell ziemlich hoch gestanden haben, da sie
mit vereinten Kräften vermittelst der höchst primitiven ihnen zu Gebote
stehenden Werkzeuge solche teilweise enorme Erdanhäufungen durchführen
konnten, deren Tierform mit Sicherheit beweist, daß sie dem heute noch
in jenem Kontinente so hoch ausgebildeten Totemismus huldigten. In
einem solchen Mound im Ohiotale hat man neben kalt geschmiedeten, d.
h. durch Hämmern mit Steinen gewonnenen Werkzeugen und Schmucksachen
aus Kupfer nicht weniger als 200 Tabakspfeifen gefunden, weshalb er
heute die Bezeichnung ~pipe-mound~ führt. Die in ihm, wie auch in
anderen solchen Grab- und Kulthügeln gefundenen Pfeifen sind alle, wie
auch derjenigen der späteren nordamerikanischen Indianer, aus einem
bestimmten, nur an einer einzigen Stelle im Staate Minnesota gefundenen
roten Pfeifenstein geschnitzt. Dieser wird nach dem amerikanischen
Maler und Ethnographen George Catlin (1796-1874), dem die Siouxindianer
als erstem Weißen nach Überwindung großer Schwierigkeiten den
Besuch des betreffenden Steinbruchs im Jahre 1832 erlaubten, in der
Wissenschaft als Catlinit bezeichnet. Dieser Stein ist dicht, aber
nicht sehr hart, so daß er sich mit dem Feuersteinmesser schneiden
läßt, und besteht hauptsächlich aus Kieselsäure und Tonerde mit einer
Beimischung von Eisen, das ihm die schöne rote Farbe verleiht. Beim
Polieren erhält er einen matten Glanz und erscheint dann blutrot.
Diese eine Fundstelle des Pfeifensteins war ein geheiligter, neutraler
Ort, wo sich die Indianer das nötige Material zur Herstellung ihrer
Tabakspfeifen entweder selbst holten oder von befreundeten Stämmen
eintauschten. Hier soll einst in grauer Vorzeit der „Große Geist“ die
verschiedenen indianischen Völkerschaften versammelt und sie in der
Anfertigung der Friedenspfeife unterwiesen haben, welchen Vorgang
der amerikanische Dichter Longfellow in seinem „Sang von Hiawatha“
beschrieb und dadurch in weiteren Kreisen bekannt machte. Erst zu
Beginn des 19. Jahrhunderts haben sich die Sioux oder Dakotas die
Herrschaft über den heiligen Steinbruch angemaßt, den sie noch heute
behaupten.
Wie die Moundbuilders und späteren nordamerikanischen Indianer haben
auch manche mittelamerikanischen Völker den Tabak aus solchen aus
weichem Stein geschnitzten Pfeifen geraucht, so unter den Mayastämmen
die Tarasken auf der mexikanischen Halbinsel von Yucatan, in deren
Skulpturen an den Tempeln wir diesem heiligen Gerät ebenfalls
begegnen. Sonst wurde bei den Mayas der Tabak in die feinen Hüllen
der Maiskolben eingewickelt unter der Bezeichnung ~zicar~, woraus
dann unsere Bezeichnung Zigarre entstand, geraucht, daneben auch zur
Erzielung von Rauschzuständen, in welchen man mit den Abgeschiedenen in
Verbindung treten zu können glaubte, gekaut und der mit dem betäubenden
Saft versetzte Speichel hinuntergeschluckt. Die südamerikanischen
Indianer dagegen kannten die Pfeife nicht, rauchten auch kaum
„Zigarren“, bildeten dafür aber das Schnupfen zu wahrer Virtuosität
aus. Sie benutzten dazu vielfach überhaupt keinen Tabak, sondern ein
wohlriechendes Pulver von unbekannter Zusammensetzung, das sie sich
gegenseitig durch hohle Röhrenknochen von Vögeln einbliesen. Auch die
Karaibenstämme der großen Antillen, deren Bezeichnungen für Mais,
Tabakrolle und Hängematte (~mahiz~, ~tabaco~ und ~hamaca~, aus welch
letzterem Wort das englische ~hammock~ und das deutsche „Hangmatte“
hervorging) mit den betreffenden Gegenständen in den Sprachschatz der
europäischen Völker übergingen, schnupften die zu Pulver zerriebenen
Tabakblätter; rauchten sie aber außerdem in Maiskolbenhüllen
eingewickelt. In solcher Weise rauchend traf der Genuese Christoforo
Colombi, besser unter dem Namen Kolumbus bekannt, die ersten
westindischen Indianer auf der Insel Guanahani (heute Watling-Island),
als er am 12. Oktober 1492 mit seinen drei mit spanischen Matrosen
bemannten Caravellen in Indien, wie er zeitlebens glaubte, landete.
Er starb ja bekanntlich ohne die geringste Ahnung davon zu haben,
eine neue Welt entdeckt zu haben. Und wie ihm und seinen Begleitern
das gefundene Land das ersehnte Gewürzland Indien war, so waren deren
Bewohner für sie Indiani, d. h. Indier, woraus die Bezeichnung Indianer
hervorging. Diese Indianer aus dem Volke der Aruak, die dort noch
nicht von den Karaiben verdrängt worden waren, rauchten sämtlich in
die dürren, feinen Hüllen von Maiskolben eingewickelte getrocknete
Tabaksblätter und nannten diese Rauchrollen ~tabaco~, eine Bezeichnung,
die, wie gesagt, erst nachträglich auf das Rauchkraut selbst überging.
Nach der zweiten Expedition, die Kolumbus nach „Indien“ unternahm,
blieb der ihn begleitende Mönch Romano Pane auf Haiti zurück, und von
ihm stammt aus dem Jahre 1496 die erste Beschreibung der Tabakpflanze
und die Schilderung der Rauchsitten der Indianer. Er erzählt, daß die
Indianer die getrockneten Blätter jenes Krautes aufgerollt in den Mund
nahmen, an der Spitze anzündeten und den eingezogenen Rauch aus dem
Munde bliesen, „um damit die lästigen Moskitos zu vertreiben,“ wie
er meinte. Außerdem erfuhr er, daß das Kraut auch als Arznei gegen
mancherlei Leiden verwendet werde. Gleich ihm schrieb der Missionar
Petrus Martyr in einer im Jahre 1532 erschienenen Schrift der Pflanze
auch Heilkräfte zu.
Die Spanier befreundeten sich bald mit der den Indianern abgelauschten
Sitte des Rauchens und begannen zuerst auf der Insel San Domingo Tabak
zu bauen. Bald folgten die Portugiesen in Brasilien und die Engländer
in Virginien ihrem Beispiel. Gonzalo Hernandes de Ovieda y Valdes,
der Statthalter von San Domingo, gab die erste genaue Beschreibung
der Pflanze; die ersten Samen der Pflanze aber brachte der Spanier
Hernandez Boncalo aus Toledo, der von König Philipp II. mit einer
Studie über die Pflanzenwelt Amerikas beauftragt war, mit in sein
Vaterland, wo, wie Nikolaus Monardes, ein berühmter spanischer Arzt
und Botaniker in seinem 1571 zu Sevilla gedruckten Buche über „Indien“
schreibt, die Tabakpflanze wohl ihrer schönen roten Blüten, nicht aber
ihrer betäubenden Eigenschaften wegen in einigen Gärten angepflanzt
wurde. So ward sie halb als Wunderkraut, halb als Arzneipflanze zuerst
in Spanien in Gärten gezogen. An das Rauchen ihrer getrockneten Blätter
dachte zunächst noch niemand.
Im Jahre 1560 brachte der französische Gesandte am königlichen Hofe in
Lissabon, Jean Nicot de Viblemain aus Lyon, Tabaksamen aus dem Garten
des portugiesischen Königs nach Frankreich mit, wo er ihn in seinem
eigenen Garten aussäte und daraus wiederum frischen Samen gewann.
Gleichzeitig gab er auch welchen an den Hof Franz II. ab, wobei er das
daraus hervorwachsende Kraut als gutes Betäubungsmittel gegen Schmerzen
aller Art rühmte. Ihm zu Ehren hat dann der französische Botaniker
Dalechamps in seiner im Jahre 1586 erschienenen ~Historia plantarum~
die Pflanze als ~herba Nicotiana~, d. h. Nicotsches Kraut bezeichnet,
und dieser Name hat sich dann in der von Karl von Linné aufgestellten
botanischen Bezeichnung ~Nicotiana tabacum~ bis auf den heutigen Tag
erhalten.
Die Sitte des Tabakrauchens kam erst ums Jahr 1570 durch spanische
Matrosen aus Westindien nach Spanien und wurde 1586 durch englische
Kolonisten aus Virginien auch nach England eingeführt. Als nämlich
der englische Schiffskapitän Walter Raleigh 1584 die zu Ehren der
jungfräulichen Königin Elisabeth Virginia genannte Kolonie gründete,
fand er das Rauchen, wie den Tabakbau bei den dortigen Eingeborenen
allgemein verbreitet. Während der Regierungszeiten Karls IX., Heinrichs
III. und Heinrichs IV. (1560-1610) kam dann das Tabakrauchen auch in
Frankreich als betäubendes Linderungsmittel besonders bei Zahnschmerzen
auf, und zwar wurde das Kraut damals aus einer Rohrpfeife mit
Metallknopf geraucht, wie sie Nicot aus Portugal mitgebracht hatte.
Erst unter der Regierung Ludwigs XIII. (1610-1643) kam das Rauchen
als Selbstzweck, auch ohne als Linderungsmittel bei Schmerzen zu
dienen, in Aufnahme, obschon viele Ärzte und Gelehrte gegen diese
„abscheuliche“ Unsitte mit allen Mitteln des Spottes zu Felde zogen.
Besonders in England wurde diese neue Mode heftig bekämpft, und König
Jakob I., Sohn der Maria Stuart, der von 1603-1625 regierte, war
selbst ein so heftiger Gegner derselben, daß er eine Schrift unter dem
Titel Misokapnos, d. h. Rauchfeind, dagegen verfaßte und zu beweisen
versuchte, daß das Tabakrauchen ein wahres Höllenwerk sei: „Erstens,“
sagt er darin, „ist es ein Rauch, und das sind nach dem Worte der
Bibel alle Eitelkeiten der Welt. Zweitens ergötzt es die, welche es
treiben, gleich andern Lüsten, welche den Menschen unfähig machen
ihnen zu entsagen. Drittens macht es trunken und toll im Kopfe; so tun
es auch die Eitelkeiten der Welt. Viertens, wer raucht, der sagt, er
könne es nicht lassen, er sei wie behext; gerade so ist es mit allen
weltlichen Lüsten. Fünftens, das Tabakrauchen ist der Hölle gleich
in seinem Wesen; denn es ist ein stinkendes, ekelhaftes Ding.“ Der
König schließt mit folgender Ermahnung an das englische Volk: „Wenn
endlich, o Bürger, noch Scham in euch ist, so gebt jenen heillosen
Gebrauch auf, der der Schande entsprungen, aus Irrtum aufgenommen,
durch Torheit verbreitet worden ist, durch den Gottes Zorn gereizt,
des Körpers Gesundheit zerstört, das Hauswesen zerrüttet, das Volk im
Vaterlande herabgewürdigt und auswärts verächtlich gemacht wird; einen
Gebrauch, der unangenehm in der Nase, dem Gehirn nachteilig, den Lungen
verderblich und, wenn ich es recht sagen soll, durch die schwarzen
Rauchwolken dem Höllendampfe vollkommen gleicht.“
Der Nachfolger Jakobs I., der schließlich vom Parlament hingerichtete
König Karl I. (1625-1649), sah die Tabakfrage nüchterner und
praktischer an; er wollte dieses Laster, wenn es sich nicht
ausrotten ließ, finanziell ausbeuten und machte den Handel damit zum
Staatsmonopol. Er ließ es sich wenig kümmern, ob die Leidenschaft nach
diesem neuen Genußmittel, die nahezu sein ganzes Volk ergriffen hatte,
sündhaft sei oder nicht -- wenn sich nur die Staatskassen, die auch die
seinigen waren, füllten!
Gleicherweise wurde auch in Frankreich, wo diese neue Sitte von England
aus Fuß zu fassen begann, von der Regierung dagegen agitiert. So
scheute man sich anfänglich öffentlich zu rauchen, deshalb entstanden
in den wichtigsten Städten Frankreichs, vor allem in Paris, besondere,
als ~tabagies~ bezeichnete Lokale für die Freunde des Tabakrauchens.
Ähnlich war es in den Städten Deutschlands, in denen dieser Name
bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts allgemein für öffentliche Lokale
gebraucht wurde. Noch bis zum Jahre 1848 wurde das Rauchen auf offener
Straße in den meisten Ländern Europas verboten. In Frankreich fand
das Rauchen bald solche Verbreitung, daß man sich nicht scheute,
diesem Vergnügen auch in der Öffentlichkeit zu huldigen. Und zwar nahm
merkwürdigerweise der Bürgerstand und die Bauersame vor dem Adel diese
Mode an, so daß es der Staat bald für gut befand, die Einfuhr des
Tabaks ebenfalls zu besteuern, was für ihn eine reiche Einnahmequelle
wurde. Ludwig XIII. (1610-1643) ließ gegen den Willen seines Leibarztes
Tabak unter das Kriegsvolk verteilen, und Ludwig XIV. (1643-1715)
befahl sogar während seines Krieges mit Holland im Jahre 1672, daß
sich jeder Soldat mit Rauchgerätschaften zu versehen habe. Bei den
höheren Ständen Frankreichs konnte sich das Rauchen zunächst nicht
recht einbürgern; dafür kam aber bei ihnen das Schnupfen auf, und der
Besitz einer kunstvoll verzierten Schnupftabaksdose wurde bald zu einem
wichtigen Requisit der Vornehmen, das ihnen allerdings die Bürgerlichen
bald genug nachahmten.
Die heute nur noch von manchen älteren Leuten geübte Sitte des
Tabakschnupfens verbreitete sich im 18. Jahrhundert durch alle
Volksschichten. Sie wurde zuerst in Frankreich unter Franz II.
(1559-60), und zwar von Spanien her eingeführt, das zu jener Zeit
die erste Schnupftabakfabrik in Europa erhielt, die Frankreich den
„Spaniol“ lieferte. Im Jahre 1636 führten spanische Geistliche
das Tabakschnupfen in Rom ein, was indessen den Papst Urban III.
so erboste, daß er eine Bannbulle gegen diese spanische Unsitte
erließ, die erst 1724 aufgehoben wurde. 1657 gab die Republik
Venedig die Fabrikation und den Verschleiß des Schnupftabaks auf
ihrem Territorialgebiete in Pacht. Das Tabakkauen indessen ist eine
europäische Erfindung, die durch die Matrosen aufkam und heute noch
unter diesen die meisten Anhänger zählt.
Gegen das Ende des 16. Jahrhunderts war das Rauchen bereits in Spanien,
Portugal, England und Holland durchaus populär. Nach Deutschland kam
die erste Tabakpflanze als Heilkraut 1565 aus Frankreich durch Occo
in Augsburg, und fünf Jahre später, 1570, gelangte sie ebenfalls aus
Frankreich nach Holland. Der holländische Arzt ~Dr.~ William van der
Meer in Delft schrieb ums Jahr 1590, daß er damals in Leiden englische
und französische Studenten zuerst habe rauchen gesehen. Sie rauchten
den Tabak aus irdenen Pfeifen, trotz der Warnung der ärztlichen
Fakultät, daß ihre Gehirne davon schwarz werden würden. Im Anfang des
17. Jahrhunderts begann dann der Gebrauch des Tabaks in den unteren
Ständen des holländischen Volkes allgemein zu werden. Das Kraut wurde
zunächst in großen Mengen aus Westindien eingeführt, bis man im Jahre
1615 es in Holland selbst zu pflanzen begann. So „trank“ bald jedermann
Tabak aus Gipspfeifen; selbst minderjährige Kinder taten es, trotz
immer wiederkehrender Proteste besonders der Theologen und Ärzte,
die zum größten Teil von diesem „teuflischen Kraute“ nichts wissen
wollten. 1617 wurde der erste Tabak in England, 1620 im Elsaß, 1625 in
Lothringen und seit der Mitte des 17. Jahrhunderts auch in Deutschland
gebaut, und zwar zuerst in Baden, wohin er vom Elsaß her über den Rhein
gelangt war.
Tafel 81.
[Illustration: Blühende Stauden und ein einzelnes Blatt des auf Sumatra
kultivierten Tabaks (~Nicotiana tabacum~).]
Tafel 82.
[Illustration: Das Anlegen einer Tabakpflanzung im Urwalde Sumatras.
Das Astholz ist verbrannt und dient als Dünger, während die Stämme zum
Verfaulen liegenbleiben. Um die Wohnung des Plantagenbesitzers sind als
Schattenbäume verschiedene Zuckerpalmen stehengeblieben.]
Nächst Holland war es besonders England, das die Sitte des Rauchens
rasch aufnahm. Durch englische Hilfstruppen, welche im Jahre 1620
nach Böhmen marschierten, wurde sie nach Deutschland gebracht, dessen
Bevölkerung sich ebenfalls verhältnismäßig rasch damit befreundete,
obschon auch hier Staat und Kirche das neue Luxus- und Genußmittel zu
bekämpfen suchten. Doch predigten die Moralisten umsonst gegen den
„holländischen Rauch“. Besonders dehnte sich dessen Gebrauch in der
Pfalz aus, wo 1622 englische und holländische Hilfstruppen sich längere
Zeit aufhielten und das Rauchen populär machten. Seit 1659 wurde zuerst
zu Suhl im Hennebergischen, dann seit 1679 in der Mark Brandenburg und
seit 1697 in der Pfalz und in Hessen Tabak angepflanzt. Im Laufe des
Dreißigjährigen Krieges, der von 1618-1648 dauerte, kam dann durch
den Einfluß der Soldateska und der verwilderten Sitten das Rauchen
in Deutschland allgemeiner auf. Seit jener Zeit half kein Verbot und
keine Strafe mehr gegen die überhandnehmende Unsitte. Dabei wurde der
Tabakbau immer weiter östlich gebracht, und zwar waren es die
Pfälzer, die nach der auf Befehl Ludwigs XIV. durch den französischen
General Graf von Mélac 1689 vorgenommenen Verwüstung ihrer Heimat
auswanderten und dabei den Tabakbau nach Thüringen, Sachsen und
Brandenburg brachten. Die Regierungen erblickten fortan im Tabakbau
eine ergiebige Finanzquelle und belegten den Konsum dieses neuen
Genußmittels mit hohen Steuern.
Tafel 83.
[Illustration: Tabakplantage auf Sumatra. Links Malaie mit flachem
Korb zum Einsammeln der Tabakblätter, dahinter Trockenscheuer, rechts
Transport der getrockneten Blätter in die Fermentierscheune.]
Tafel 84.
[Illustration: Reifer Tabak und Saatpflanzen desselben auf Sumatra.
Blick in eine voll Tabakblätter hängende Trockenscheune auf Sumatra.]