Auch in Persien wird viel Opium erzeugt, das zum größten Teile im Lande

selbst verbraucht wird, und zwar in Kuchen und Konfekt gegessen, nicht

wie in China geraucht wird. Von der jährlichen Gesamtproduktion von

Opium im Betrage von 23 Millionen kg erzeugt China 14 Millionen kg und

Britisch-Ostindien 5,5 Millionen kg. Das Opium und seine Verwendung als

Mittel zur Betäubung von Schmerzen und, unabhängig davon, zur Erlangung

eines Zustandes von Entrücktsein, gelangte im frühen Mittelalter von

Kleinasien nach Osten, wo es die haschischrauchenden Perser und Araber

als ~afiun~ freudig aufnahmen und im 8. Jahrhundert weiter zu den

Hindus gelangen ließen, die diese Droge als wertvolle Bereicherung

ihres Arzneischatzes gern entgegennahmen. Durch die Inder, die dann

bald auch die Mohnkultur selbst bei sich einführten, gelangte das

Opium nach Hinterindien und in die malaiische Inselwelt und von da im

Laufe des 10. Jahrhunderts als ~o-pién~ oder ~o-fu-yung~ nach China,

wo es später eine außerordentliche Bedeutung erlangen sollte. Die

frühesten Nachrichten über die Versendung indischen Opiums nach China

verdanken wir dem Portugiesen Odoardo Barbosa, der bald nach Auffinden

des Seeweges nach Ostindien nach Kalikut an der Malabarküste fuhr, um

dort die Produkte Indiens an der Quelle einzuhandeln. Im Jahre 1516

berichtete er über die Erlebnisse seiner Reise und bemerkt, daß er

außer kleinasiatischem zweierlei Arten indischen Opiums auf dem Markte

von Kalikut vorfand. In demselben Jahre 1516 nennt der portugiesische

Apotheker Pires Opium aus Cambaia und solches aus Cous, der heutigen

Landschaft Kus Bahar im nordöstlichen Bengalen.

Die Sitte, Opium zu rauchen, erhielten die Chinesen aus Formosa, und

die Bewohner dieser Insel sollen ihr Opium aus Java bezogen haben.

Schon im 11. Jahrhundert soll in China selbst Mohn zur Gewinnung

von Opium angebaut worden sein, aber er wurde ausschließlich für

medizinische Zwecke verwendet. Im ~Pen-tsao-kung-mu~, einem zwischen

1552 und 1578 verfaßten chinesischen Kräuterbuche, wird die Gewinnung

des Opiums und seine Verwendung, aber nur eine solche als Medikament,

beschrieben. In den Jahren 1589 und 1615 wird das Opium in chinesischen

Arzneitarifen angeführt. Erst gegen das Ende des 17. Jahrhunderts kam

das Opiumrauchen in weiteren Kreisen der Bevölkerung in China auf,

wogegen 1729 von der Regierung aus ein strenges Verbot erlassen wurde.

Trotzdem erlosch diese Unsitte nicht, sondern blühte im geheimen

weiter und wurde bald wieder offenkundig betrieben. Die chinesische

Regierung, welche die unheilvolle, entnervende Wirkung dieser

Leidenschaft sehr wohl erkannte und ihr nach Möglichkeit entgegentrat,

verbot in den Jahren 1799 und 1800 das Opiumrauchen abermals im ganzen

Reiche aufs strengste und untersagte im Jahre 1820 auch die Einfuhr

des Stoffes. Diese Maßregel traf aber in erster Linie die ostindische

Handelskompagnie, die Opium in großen Mengen nach China importierte.

Um nun den für sie äußerst gewinnbringenden Handel nicht zu verlieren,

organisierte sie einen lebhaften Schmuggel dorthin. Die fortgesetzten

Reibereien zwischen China, das den Opium nicht zulassen, und England,

das um jeden Preis sein einträgliches Geschäft fortsetzen wollte,

führten endlich im Jahre 1841 den berüchtigten Opiumkrieg herbei,

durch dessen für England siegreiche Beendigung im Jahre 1842 durch

den Vertrag von Nan-king China zwar nicht offiziell der Einfuhr des

Opiums geöffnet wurde, doch aller von Indien gelieferter Opium in den

chinesischen Vertragshäfen zur Einfuhr zugelassen werden mußte.

Infolge zunehmender Feindseligkeiten, die der üppiger als je

emporblühende Opiumschmuggel nach China hervorrief, kam es im Jahre

1856 zu weiteren Feindseligkeiten und zu einer Intervention, wonach

China 1860 die Einfuhr von Opium in sein Reich völlig freigeben mußte.

Seither machten die Engländer mit ihrer Opiumausfuhr von Indien nach

China famose Geschäfte, obschon China selbst eine Menge davon erzeugte,

so daß allein die Provinzen Sze-tschwan und Yün-nan die Produktion

Indiens darin übertreffen sollen. Zu den 14 Millionen kg, die im

Lande selbst geerntet werden, liefert Ostindien noch über 5 Millionen

kg, dazu noch Persien und Kleinasien, dessen Produkte als ~kinni~,

d. h. goldener Kot, besonders geschätzt werden, eine unbestimmte

Menge. Das Hauptgebiet der indischen Opiumgewinnung ist Bengalen in

Nordindien am Mittellaufe des Ganges um die Städte Bihar und Benares,

wo über eine Million Bauern sich mit Mohnbau beschäftigen. Schon unter

den muhammedanischen Herrschern Indiens war der Anbau von Mohn zur

Gewinnung von Opium ein Monopol derselben, das diesen viel eintrug.

Durch den Sieg des englischen Generals Clives bei Plassey im Jahre

1757 kamen die Besitzungen des Großmoguls und damit das Opiummonopol

in die Hände der Engländer. Mit dem Jahre 1773 begann dann der

indisch-chinesische Opiumhandel der englisch-ostindischen Kompagnie,

den vorher die Portugiesen von Goa und die Holländer von Java aus

betrieben hatten. Da nun in Indien die Opiumgewinnung heute noch ein

Monopol der englischen Regierung ist, sind im ganzen Gebiete englische

Beamte angestellt, die sämtliche Vorgänge von der Pflanzung des Mohns

bis zur Ablieferung des fertigen Rohprodukts aufs strengste überwachen.

Die indischen Bauern sammeln den Milchsaft in irdenen Gefäßen, um ihn

an die Faktoreien der Regierung abzuliefern, wo er genau geprüft,

durchknetet und zu Kugeln von etwa 15 cm Durchmesser und 1,5 kg Gewicht

geformt wird. Diese werden auf Hürden getrocknet und, von einer dicken

Hülle von Mohnblumenblättern umgeben, in Kisten verpackt.

Das Opiummonopol soll der Regierung des britischen Indien früher

einen Reinertrag von 160 Millionen Mark jährlich gebracht haben.

Doch hat diese sich unter dem Druck der öffentlichen Meinung dazu

verstehen müssen, ihre Ausfuhr nach China in letzter Zeit immer mehr

einzuschränken. Die chinesische Regierung hat nämlich im Jahre 1906 für

das ganze Reich ein Gesetz erlassen, wonach von 1916 an kein Opium mehr

geraucht oder sonstwie genossen werden darf; nur Männer über 60 Jahren,

von denen man annimmt, daß sie dieser Gewohnheit nicht mehr entsagen

können, dürfen seinem Genusse bis zu ihrem Tode in gewohnter Weise

frönen.

Hier in China hat nämlich der Opiumgenuß allmählich ganz entsetzliche

Dimensionen angenommen, so daß dieser kaiserliche Erlaß höchst

notwendig war, sollte nicht die ganze Bevölkerung zugrunde gerichtet

werden. So berichtet ~Dr.~ Thwing, Sekretär des Kongresses, der durch

die Initiative des ehemaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten,

Theodor Roosevelt, gegen das Laster des Opiumgenusses am 1. Februar

1910 in Shang-hai eröffnet wurde, daß für fünf Provinzen Chinas

genauere statistische Angaben vorliegen, wonach in ihnen auf eine

Bevölkerung von 58 Millionen Einwohner zwischen 20 und 80 Prozent

Opium rauchen und daß das dafür ausgegebene Geld 800 Millionen Mark

jährlich überschreitet. Und der englische Pfarrer Gregg berichtet, daß

in China jährlich eine halbe Million Menschen infolge Opiumvergiftung

zugrunde gehen. In manchen Provinzen dieses gewaltigen Reiches, wie

beispielsweise in Yün-nan, huldigt sozusagen jeder Erwachsene, vom

Mandarinen und Gelehrten bis hinab zum einfachsten Handwerker und Bauer

abends nach getaner Arbeit diesem Genusse. Alle Landleute pflanzen für

ihren Bedarf einen kleinen Acker voll Schlafmohn neben ihrem Hause und

bereiten sich den Opium selbst. Sie formen davon Kügelchen, die sie

in einen Pfeifenkopf mit winziger Höhlung bringen, dann in liegender

Stellung mit Hilfe einer glühenden Kohle zur Verdampfung bringen und

den Dampf rasch einatmen. So werden die Opiumdämpfe durch die Lungen

ins Blut gebracht.

Dem energischen Vorgehen der chinesischen Regierung gegen dieses

volkszerrüttende Laster des Opiumrauchens, dem dank dem durch den

Opiumkrieg von 1841 China auferlegten Zwang heute noch über 120

Millionen frönen, steht die 1842 festgelegte Klausel des Vertrages

von Nang-king mit England entgegen, wonach die ganze von Indien

gelieferte Opiumproduktion in den chinesischen Häfen zugelassen werden

muß. Nun haben die chinesischen Staatsmänner sich sowohl mit der

englisch-indischen Behörde in Kalkutta, als auch mit der englischen

Kolonie in Hong-kong, die zumeist das von Indien nach China gelieferte

Opium unter die Bewohner des Landes bringt, in Verbindung gesetzt, um

eine starke Verminderung der noch immer jährlich gelieferten 46000

Kisten mit diesem Gift gegen Konzessionen auf anderen Gebieten zu

erzielen. Hoffentlich gelingt es den chinesischen Staatsmännern bald,

den der Engländer unwürdigen Vertrag ganz aufzuheben und damit zu einem

schon längst von ihnen erstrebten absoluten Einfuhrverbot zu gelangen.

In neuester Zeit hat die chinesische Regierung in jeder Stadt eine

bedeutende Zahl von Opiumkneipen geschlossen, in größeren 1000 bis 7000

solcher. Man hat berechnet, daß auf diese Weise im ganzen Reich gegen 2

Millionen Häusern das Recht des Opiumvertriebes genommen wurde. Ferner

ist der Anbau des Mohns in sämtlichen Provinzen Chinas verboten worden.

Dies hat für viel kleine Landbesitzer, für die die Opiumkultur die

Haupteinnahme bildete, eine schwere Krise herbeigeführt und zahllose

Existenzen sind dadurch ruiniert worden. Doch sollen die ausgedehnten,

bisher zur Mohnproduktion benutzten Ländereien für den Getreidebau

verwendet und damit der angerichtete ökonomische Schaden wieder gut

gemacht werden. Endlich ist allen Persönlichkeiten, die irgend welche

öffentliche Stellung bekleiden, der Opiumgenuß absolut verboten worden.

Dieser Befehl betrifft in jeder Provinz mehr als tausend Funktionäre,

die mit ihrer Enthaltsamkeit vorbildlich auf den Rest der Bevölkerung

wirken sollen.

Alle diese von jedem rechtlich denkenden Menschen nur zu billigenden

Maßnahmen werden von der Regierung mit der größten Strenge

durchgeführt, vor allem in der Provinz Pe-tschi-li, in der die

Hauptstadt Pe-king liegt. Die erzielten Resultate reden schon heute

eine deutliche Sprache; und ist erst einmal der Einfuhr indischen

Opiums der Riegel geschoben, so dürften die Tage des Opiummißbrauchs im

Reiche der Mitte bald gezählt sein.

Bei den ganz unleugbaren schädlichen Wirkungen des gewohnheitsmäßigen

Opiumgenusses auf den menschlichen Organismus wirkt es geradezu

lächerlich, wenn jüngst eine von der englischen Regierung in Belang

in Bengalen eingesetzte, aus englischen, von der Regierung selbst

besoldeten Ärzten bestehende Kommission durch eingehende Studien zu

dem Resultat gekommen sein will, daß dieser gewohnheitsmäßige Genuß

vielmehr nur gute, die Leistungsfähigkeit der Betreffenden effektiv

erhöhende Wirkungen ausübe. Was macht nicht alles dieses christlich

sich gebärdende Krämervolk, das ja sonst unbestreitbar große Verdienste

um die Kolonisation ausgedehnter Länder der Erde sich erworben hat, um

ein gutes Geschäft zu machen und die außerordentlich hohen Gehälter

seiner höheren Beamten in Indien bezahlen zu können! Wenn es nur recht

verdienen kann, ist es skrupellos bis zum Exzeß. Auf denselben Dampfern

bringt es die Missionare und ganze Schiffsladungen von in England

hergestellten Götzenbildern nach Indien, und zwingt andererseits

Hunderttausende von Eingeborenen in Bengalen das China so verhaßte,

schädliche Opium zu erzeugen. Wenn auch Millionen der gelben Zopfträger

schmählich daran zugrunde gehen, das läßt die fühllosen Krämerseelen

kalt. Wenn nur ein gutes Geschäft für sie dabei abfällt.

Außer in China wird zurzeit wohl in Persien am meisten Opium geraucht.

Kaum sind es vierzig Jahre her, daß dieses Laster in jenem Lande

Eingang fand, und schon wird es in allen Städten in Menge geraucht,

nicht nur im geheimen in den Häusern, sondern öffentlich auf den

Basaren und Straßen. Ebenso sehr wie die Männer sind die Frauen dem

Opiumgenuß ergeben, dem sie daheim frönen, während ihre kleinen Kinder

neben ihnen liegen oder in ihrer Nähe sitzen und spielen. Oft sind

schon halbwüchsige Jungen an dieses Gift gewöhnt. Nun hat seit Beginn

des Jahres 1910 auch hier die neue Bakhtiari-Regierung den Kampf gegen

das Opium aufgenommen, indem Beamte unter militärischer Eskorte ohne

vorherige Warnung in die Karawansereien, Kaufläden, Kaffeehäuser usw.

eindrangen und die Herausgabe des Opiums erzwangen. Dieses Gift wird

nun in allen Ortschaften in besonderen Zentralniederlagen zu einem

höheren Preise an solche verkauft, die bis jetzt nicht ohne solches

Stimulans sein können und den hohen Preis desselben nicht scheuen.

Nach einigen Monaten soll der Preis dafür noch mehr erhöht werden,

bis schließlich die Leute gezwungen sind, es als Genußmittel ganz

aufzugeben. Allerdings umgehen viele Perser das Rauchverbot einfach

dadurch, daß sie das Opium essen, da es so in kleineren Dosen dieselbe

Wirkung wie das Opiumrauchen in größeren Dosen ausübt.

Aber auch wir Europäer haben unsere, immer weitere Kreise der

Gebildeten erfassende Opiumseuche. Statt dieses Gift zu rauchen,

wie die Chinesen, treiben es die diesem Laster frönenden Europäer

noch viel raffinierter, indem sie sich seit der Einführung der

sogenannten Pravazspritze in die Medizin in den 1870er Jahren das

wirksamste Alkaloid dieser Droge, das nach dem griechischen Schlafgotte

Morpheus genannte Morphin, in wässeriger Lösung unter die Haut

spritzen, von wo es rasch in den Kreislauf gelangt und seine den

Betreffenden bald unentbehrliche Giftwirkung ausübt. Dieses Morphin

war die erste Pflanzenbase, wissenschaftlich Alkaloid genannt, die

vom deutschen Apotheker Sertürner in Hameln (Hannover) 1805 aus dem

Opium gewonnen wurde. Zur fabrikmäßigen Morphingewinnung wird bei uns

hauptsächlich das über Smyrna verschiffte kleinasiatische Produkt

als das morphinreichste und daneben, als ihm sehr nahe kommend, das

in Makedonien, wo ebenfalls ausgedehnte Mohnkulturen angelegt sind,

gewonnene Opium verarbeitet.

So unschätzbare Dienste dieses in wässeriger Lösung eingespritzte

Morphin in der Hand des gewissenhaften Arztes der leidenden Menschheit

leistet, so schlimm wird sein gewohnheitsmäßiger Gebrauch bei den

an den Genuß dieses Betäubungsmittel Gewöhnten. Mit allen anderen

gewohnheitsmäßig genossenen Giften wie Alkohol, Nikotin, Haschisch,

Kokain usw. teilt es die verhängnisvolle Eigenschaft, daß der

betreffende Organismus sich mit der Zeit daran gewöhnt, weshalb die

Dosis zur Erreichung der gewollten Wirkung immer mehr gesteigert werden

muß. Dadurch wird der Organismus des Morphin- wie des Opiumsüchtigen

immer mehr vergiftet und die Gesundheit vollständig untergraben. Durch

dieses Narkotikum wird man scheinbar der irdischen Schwere enthoben,

man glaubt zu schweben. Während die Glieder wie gelähmt erscheinen,

wird die Denktätigkeit subjektiv erleichtert und angeregt. Traumartig

ziehen die wunderbarsten Bilder vor der Seele vorbei; besonders stellen

sich buntwechselnde Architekturvisionen ein, bis man schließlich mit

schwerem Kopf in elender Verfassung aus der Exstase aufwacht. Dieses

Gefühl des Katzenjammers wird am raschesten durch die Einverleibung

einer neuen Dose beseitigt. So gelangt man unwillkürlich in einen

unmäßigen Gebrauch des Giftes, das schließlich den Charakter verdirbt

und die Gesundheit vollkommen untergräbt. Die Folgen des Lasters

sind völlige Zerrüttung der Verdauung und dadurch bedingte starke

Abmagerung, Gliederzittern, Schlaflosigkeit und schließlich Verblödung

des Geistes.

Ein Abgehen vom Opium- beziehungsweise Morphingebrauch ist ganz

außerordentlich schwierig und nur vermittelst Anstaltsbehandlung mit

Erfolg durchzuführen, da bei den an das Gift Gewöhnten jegliche Energie

gelähmt ist und die besten Vorsätze, dasselbe zu lassen, vollständig

in die Brüche gehen. Zudem muß bei der Entwöhnung von diesem Gifte

vor allem eine absolute Enthaltung von allen geistigen Getränken, die

ebenfalls den Willen zur Durchführung der Morphinabstinenz lähmen,

durchgeführt werden, sonst ist eine Heilung von diesem Laster auch

bei der Anstaltsbehandlung nicht möglich, da die Betreffenden zu

Hause sofort wieder rückfällig werden. Besonders ausgedehnt ist der

Morphinismus in den Kreisen der Ärzte und Apotheker, denen das Mittel

jederzeit zu Gebote steht und die deshalb leicht der Verführung zu

dessen Gebrauch, der stets in Kürze einen Mißbrauch nach sich zieht,

erliegen. Daneben sind es vor allem die Kreise der Intellektuellen in

den großen Städten, die der Versuchung unterliegen und vielfach diesem

für sie bald unentbehrlichen Laster frönen. Weist doch die Stadt Paris

allein über 50000 Morphinisten auf. Da auch bei diesen die beruhigende,

anregende und beglückende Wirkung des gewohnheitsmäßig unter die Haut

eingespritzten Giftes nur anhält, wenn die Menge regelmäßig um etwas

gesteigert wird, so gelangen diese Unglücklichen zu enormen Tagesdosen,

die nicht daran Gewöhnten sicheren Tod bringen würden. Infolge ihres

Lasters verlieren die Morphinisten alle ihre ethischen Gefühle bald

vollständig, betrügen, lügen und stehlen, vorerst bloß, um sich das

unentbehrliche, so heiß ersehnte Gift zu verschaffen, dann aber auch

sonst aus dabei erworbener Perversität.

Außer dem Morphinismus zieht aber auch das ostasiatische Laster des

Opiumrauchens mehr und mehr bei den Europäern ein. Überall, wohin

die Chinesen aus ihrer übervölkerten Heimat auswanderten, brachten

sie die Unsitte des Opiumrauchens mit, die heute nicht bloß in

allen malaiischen Hafenplätzen, sondern auch in Kalifornien häufig

angetroffen wird. Aus dem Westen der Union hat sie sich bald über

die größeren Städte, besonders die Hafenstädte, verbreitet. Schon im

Jahre 1889 zählte Neuyork 10000 Opiumraucher. Von dort drang das

Opiumrauchen nach England und die englischen Kolonien vor, wo ihm

besonders in den Hafenstädten gefrönt wird. Denn überall sind es in

erster Linie die Matrosen, die sich auf ihren Reisen nach dem Osten

diese Unsitte in den von Chinesen bevölkerten Städten angewöhnen

und zu Hause nicht davon lassen können. In Frankreich gehören dazu

vielfach auch Soldaten, die in Tonking dienten. So sind nicht bloß

die Hafenstädte, besonders Marseille und Toulon, seit über 25 Jahren

in zunehmendem Maße vom Laster des Opiumrauchens verseucht, sondern

auch die größeren Städte wie Bordeaux, Lyon und vornehmlich Paris. In

Marseille allein soll nach zuverlässiger Quelle täglich für über 1000

Franken Opium von Weißen geraucht werden. Auf diese von den Chinesen

übernommene Unsitte hat der englische Romanschriftsteller Charles

Dickens zuerst durch einen seiner Romane die Augen der Welt gelenkt.

Neben dem Opiumrauchen ist in ganz Asien und auch in England das

Laster des Opiumessens, der sog. Opiophagie, sehr verbreitet, wobei

man gewöhnlich die in den Apotheken vorrätig gehaltene Opiumtinktur

genießt. Auch von ihr müssen schließlich horrende Mengen eingenommen

werden, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Während die einfache

Dosis der Opiumtinktur für medizinische Zwecke 15 bis höchstens 20

Tropfen beträgt, gelangt ein Opiumesser mit der Zeit bis zu 8000

Tropfen täglich, was jeden nicht daran Gewöhnten natürlich sofort

umbringen würde. So weit brachte es auch der begabte französische

Schriftsteller Thomas de Quincey, der 1821 seine Memoiren als

„Bekenntnisse eines Opiumessers“ herausgab. Höchst merkwürdig ist es,

daß von solchen Opiophagen sehr starke Dosen des äußerst giftigen

Sublimats nicht bloß ertragen, sondern auch dem Opium absichtlich

zugesetzt werden, wenn dessen Wirkung zu versagen beginnt.

Während die Alte Welt Haschisch und Opium als Mittel einer künstlichen

Ekstase benutzte, wandte man in Südamerika schon lange vor der

Entdeckung durch die Spanier zu solchem Zwecke die Blätter einer der

Leinpflanze sehr nahe verwandten Rotholzart, des +Koka+strauches

(~Erythroxylon coca~), an. Schon ums Jahr 1499 erfuhren die Spanier,

daß die Indianer des Andengebiets, speziell in Peru, die Blätter dieser

Pflanze, teils ohne Zusatz, teils mit dem aus gebrannten Muschelschalen

gewonnenen Kalk oder der Asche des als wichtige Nährfrucht

angepflanzten ~Chenopodium quinoa~ kauten und dadurch in bezug auf ihr

Nervensystem angeregt und befähigt wurden, außerordentliche Strapazen

bei den beschwerlichen Gängen über das Gebirge zu ertragen. Daß diese

Sitte schon recht alt gewesen sein muß, erwiesen die Funde auf dem

Gräberfelde von Ancon und anderer Orte in Peru, wo man sehr häufig

den in Hockstellung in Säcke eingebundenen Mumien der alten Inkas als

Totenbeigabe mitgegebene kleine Umhängetaschen mit Kokablättern findet.

Auch berichten die spanischen Geschichtschreiber zur Zeit der Eroberung

Perus durch Francisco Pizarro 1532-1533, daß die Inkas bei ihren

heiligen Götterfesten sich damit berauschten und auch die Menschen, die

sie dabei opferten, teilweise damit betäubten.

Der 1,5 +m+ hoch werdende Kokastrauch wächst wild in hochgelegenen,

milden, feuchten Bergwäldern in Peru, Ekuador und besonders Bolivia,

wo auch heute die größten Kokagärten, ~cocales~, sich finden. Sie

erstrecken sich vorzugsweise an den östlichen Abhängen der Anden

in einer Höhe von 1000-2000 m über dem Meer, und reichen heute vom

nördlichen Chile über Bolivien bis zur Sierra nevada da Santa Martha in

Kolumbien und geben einen jährlichen Ertrag von über 30 Millionen kg,

was bei dem geringen Gewichte der getrockneten Blätter eine ungeheure

Menge bedeutet. Die Blätter des Kokastrauches sind wechselständig,

5-8 cm lang, 3-4 cm breit, lanzettlich bis eiförmig, ganzrandig,

kahl, lederartig, oberseits olivengrün, unterseits gelblich graugrün.

Sie besitzen zuerst zarte grünliche, später hornartig und braun

werdende Nebenblätter und einen besonders an der Unterseite stark

hervortretenden Mittelnerv, zu dessen Seiten zwei zarte Längslinien

als Druckmarken der bei der Knospenanlage umgeschlagenen Blattränder

verlaufen. Sie riechen und schmecken wie Tee, besitzen aber einen

bittern Nachgeschmack. Am höchsten wird die bolivianische Ware

geschätzt, dann kommt die peruanische und an dritter Stelle erst

diejenige von Ekuador.

Bei der großen Bedeutung, die der Kokastrauch neuerdings für die

Medizin erlangt hat, wird er, um so mehr, als er sehr leicht auch in

andern Gegenden wächst, in zunehmendem Maße in den verschiedensten

Gebieten der Tropen, besonders in einigen Teilen des englischen

Kolonialreiches in Indien und auf Ceylon, außerdem auch auf Java

kultiviert. Seine Fortpflanzung geschieht am besten durch Samen, die

kurz vor der Regenzeit, dem besten Zeitpunkt für die Aussaat, geerntet

werden. Die Samen werden auf ein humusreiches, gut durchgearbeitetes

Beet gesät, das reichlich bewässert und durch ein Schutzdach aus Matten

vor den grellen Sonnenstrahlen beschützt wird. Wenn die Sämlinge 15 cm

hoch sind, wird letzteres entfernt. Bei Eintritt der nächsten

Regenzeit werden die dann etwa 30-50 cm hohen Pflänzchen auf fetten,

etwas trockenen Boden, der häufig durch Hacken gelockert und von

Unkraut gereinigt werden muß, in Reihen verpflanzt und Mais dazwischen

gesät, um ihnen den nötigen Schatten zu spenden und den Boden feucht zu

erhalten. 1½ Jahre nach dem Verpflanzen können zum erstenmal Blätter,

die nur etwa zu zwei Dritteln entfernt werden dürfen, geerntet werden.

Und zwar pflückt man nur reife Blätter, die man an ihrem Stich ins

Gelbliche erkennt. Sie müssen bei trockenem Wetter gesammelt werden,

da sie sehr dem Verderben durch Feuchtigkeit ausgesetzt sind. Kommen

sie in den Regen, so ist die ganze Ernte verdorben. Alle 2-3 Monate

wiederholen sich die Ernten bis zum 40. Jahre. Die geernteten Blätter

werden auf einer wärmeaufsaugenden schwarzen Unterlage aus Wolltuch

oder Schiefer, die zuvor gehörig von der Sonne durchwärmt wurde,

getrocknet und dann in Säcke aus Wolltuch zu Ballen von etwa 25 kg

Inhalt fest zusammengestopft, um das Eindringen von Feuchtigkeit zu

verhindern. Da die Blätter durch chemische Umsetzungen beim Transport

bis zu 50 Prozent ihres Gehaltes an Kokain verlieren, so müssen sie

möglichst schnell verschickt und verarbeitet werden. Die Indianer

halten die Kokablätter schon nach 5 Monaten für unschmackhaft und nach

7 Monaten für völlig wertlos. Deshalb wird ein großer Teil der Blätter

gleich an Ort und Stelle auf Kokain, das höchstens bis zu 1 Prozent in

ihnen enthalten ist, verarbeitet. 1 kg Blätter liefern dabei 2 g Kokain.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte · 第 69 / 77 段