Propheten verboten wurde, benützt sie die Trauben, soweit sie
dieselben nicht frisch genießt, durch Einkochen von deren süßen
Saft zur Herstellung von Sirup und verwendet sie auch getrocknet
in Form von Rosinen. In Asien ist die Traubenkultur besonders in
Persien verbreitet, wo die einheimische Kischmischtraube, aber auch
die südspanische Malagatraube gezogen wird. Dort wird außer dem
Schire genannten Traubensirup auch ein von den weniger strenge an
den Satzungen Muhammeds hängenden Persern genossener würziger Wein
hergestellt, der als Wein von Schiras oft genug von den Dichtern
besungen wurde. Außerordentlich alt ist die Rebenkultur auch in
Ostasien, wo das sehr früh zu namhafter Kultur emporgestiegene
mongolische Volk der Chinesen außer dem jetzt dort einzig noch
gebräuchlichen Reisbranntwein schon vor 4000 Jahren den Wein kannte
und die heute noch in Nordchina wildwachsende Rebe mit herrlichen
Trauben zu dessen Herstellung fleißig anpflanzte. Am Wein labten
sich damals nicht nur die Menschen, sondern er diente wie im Orient
und bei Griechen und Römern gleicherweise als Opfertrank für die zu
ehrende Gottheit. Doch wurde später seine Gewinnung und Benutzung von
einsichtsvollen Regenten verboten, und auf ihre strenge Weisung hin
mußten die Weingärten unerbittlich ausgerodet werden. Auch als zur
Zeit der römischen Kaiser die von Seidenhändlern aus Westasien nach
China mitgebrachte Rebe angebaut und Wein daraus zu bereiten versucht
wurde, untersagte die Regierung dieses Beginnen abermals. So vermochte
der Weinbau selbst im nördlichen China, wo er sehr gute Bedingungen
fände, bis heute nicht aufzukommen. Doch haben seit 1890 Europäer
kalifornische und österreichische Reben in Tschifu in der Provinz
Schan-tung eingeführt, und auch die fortschrittlich gesinnte Regierung
von Japan hat seit 1880 sehr gut gedeihende Versuchsweinpflanzungen mit
französischen, deutschen und österreichischen Reben eingerichtet.
[Illustration: Bild 45. Die Reblaus (~Phylloxera vastatrix~).
~a~ geflügelte Reblaus (Geschlechtstier), ~b~ Wurzellaus von unten,
~c~ Wurzellaus, an der Wurzel saugend; ~d~ Eier; ~e~ durch Saugen
der Reblaus entstandene krankhafte Anschwellungen an den Wurzeln der
Weinrebe.]
Am Kap der Guten Hoffnung, von wo heute ein vorzüglicher Wein in großen
Mengen exportiert wird, begründeten französische Hugenotten im Jahre
1685 den Weinbau. In Nordamerika schlug 1620 ein Versuch, aus der
wilden Rebe Virginiens Wein zu bereiten, fehl. So mußte der Wein aus
Europa für die Liebhaber desselben in der Neuen Welt eingeführt werden,
bis Schweizer Kolonisten ums Jahr 1800 aus der einheimischen Fuchsrebe
(~Vitis labrusca~) einigermaßen trinkbaren Rotwein herstellten. Festen
Fuß faßte der Weinbau in den Vereinigten Staaten aber erst seit dem
Jahre 1821, als Adlum die der Fuchsrebe nahe verwandte, ebenfalls
rotbeerige +Catawbarebe+ vom Flusse Potomac nach Washington brachte.
Heute sind sie in vielen Varietäten im Norden der Vereinigten Staaten
zur Weinbereitung kultiviert, während im Süden der Union die mehr die
Wärme liebende +Büffelrebe+ (~Vitis rotundifolia~) gezüchtet wird.
Da diese amerikanischen Reben noch nicht durch Jahrtausende alte
Kultur verzärtelt sind, erweisen sie sich viel widerstandsfähiger
gegen die Reblaus, jene bei uns so überaus gefürchtete Wurzellaus
des Weinstocks (~Phylloxera vastatrix~), welche in Frankreich fast
sämtliche weinbautreibende Departements heimsuchte und seit ihrem
Auftreten im Jahre 1869 bis heute jenem Lande einen Schaden von über 20
Milliarden Franken brachte. In Deutschland trat dieser Schädling zuerst
im Jahre 1874 auf, zeigte sich im Jahre 1881 im Ahrtal und hat von da
aus dank seiner unglaublichen Fruchtbarkeit -- die Nachkommenschaft
eines einzigen Tieres beziffert sich nämlich im Laufe eines Sommers
nach Millionen -- in der Folge auch andere Gebiete ergriffen, so daß
man sich zu den strengsten Gegenmaßregeln verpflichtet sah. Vor allem
begann man in den von der Reblaus am meisten heimgesuchten Gegenden
die dagegen bedeutend widerstandsfähigeren amerikanischen Reben als
Unterlagen für die europäischen zu benützen.
In den Vereinigten Staaten, die nun auch die besseren europäischen
Rebensorten besitzen, entwickelte sich der Weinbau am günstigsten
im Staate Ohio, bis in den letzten Jahren Kalifornien wie in der
Anpflanzung sämtlicher Obstarten, so auch im Anbau von Reben den
größten Vorsprung gewann. Endlich kam die Rebenkultur im Jahre
1862 auch nach Australien, wo sie heute schon eine ganz erhebliche
Ausdehnung besitzt.
Was nun die Weinerzeugung in den verschiedenen Weinbauländern betrifft,
so steht Italien mit 52 Millionen Hektolitern jährlichem Ertrag obenan,
ihm folgt Frankreich auf dem Fuße nach, dessen Durchschnittsertrag
der letzten zehn Jahre 49 Millionen Hektoliter betrug. Im Jahre 1908
hat Frankreich 60 Millionen Hektoliter Wein hervorgebracht. (Außerdem
wird in diesem Land eine Milliarde Hektoliter Kunstwein gebraut und
konsumieren das Departement du Nord 300 Liter Bier und das Departement
Calvados 350 Liter Apfelwein, auf den Kopf der Bevölkerung berechnet.)
An dritter Stelle steht Spanien mit einer Produktion von 21 Millionen
Hektoliter Wein pro Jahr. In weitem Absatz folgt an vierter Stelle
Algerien mit 8,6 Millionen Hektolitern. Nach ihm kommen Portugal mit
4,5 Millionen, Österreich mit 3,5 Millionen, Ungarn mit 3,1 Millionen,
Rußland und Rumänien mit je 2,6 Millionen, Bulgarien und Chile mit
je 2,1 Millionen, Deutschland mit 1,9 Millionen, die Vereinigten
Staaten von Nordamerika mit 1,6 Millionen, die Türkei und Cypern mit
1,5 Millionen, Argentinien mit 1,3 Millionen, Griechenland mit 1,5
Millionen und endlich die Schweiz mit 0,9 Millionen Hektolitern als
durchschnittlichem Jahresertrag an Wein. Dabei beträgt der mittlere
Weinverbrauch auf den Kopf der Bevölkerung in Litern jährlich: in
Spanien 115, Griechenland 109,5, Bulgarien 104,2 Portugal 95,6, Italien
95,2, Frankreich 94,4, Schweiz 60,7, Rumänien 51,6, Österreich-Ungarn
22,1, Türkei 20,3, Deutsches Reich 5,7, Rußland 3,3, Belgien 3,2,
Holland 2,2, Vereinigte Staaten 1,9, Großbritannien 1,7, Dänemark 1,2,
Norwegen 0,9 und Schweden 0,5.
Dieselbe Rolle, die die Rebe als Lieferantin eines berauschenden
Getränkes bei den Kulturvölkern der Alten Welt spielt, kommt bei
denen der Neuen Welt dem in alkoholische Gärung gebrachten zuckerigen
Saft der Agave zu. Wie die Kakteen sind die zu den Amaryllisgewächsen
gehörenden +Agaven+ ausschließlich in Amerika zu Hause und wachsen
dort in etwa 80 Arten in den regenarmen Steppen im südlichsten
Teile Nordamerikas, besonders aber in Mexiko und teilweise noch
im Andengebiet Südamerikas. Die wichtigste unter ihnen ist die in
Mittel- und im nördlichsten Südamerika heimische ~Agave americana~,
in Mexiko ~maguey~, weiter im Süden ~metl~ genannt. Bei uns wird
sie fälschlicherweise wegen einer gewissen Ähnlichkeit mit der
afrikanischen Lilienart Aloë, deren bitteres Harz als Abführmittel
vielfach bei allen Kulturvölkern der Erde Verwendung findet, auch Aloë
genannt, und zwar im Gegensatz zu jener +hundertjährigen Aloë+, weil es
bei uns viele Jahrzehnte gehen kann, bis sie zur Blüte gelangt und mit
der Fruchtreife ihre Vegetationsperiode abschließt, ein Ziel, das sie
in ihrer heißen, fast regenlosen Heimat, wo die Sonne das ganze Jahr
hindurch mit ungeschwächter Kraft scheint, in wenigen Jahren erreicht.
Am kurzen Stamm sitzt eine Rosette von 1-3 m langen, am Grunde oft
über 40 cm breiten und bis 30 cm dicken, graugrünen, dorniggezähnten,
fleischigen Blättern, deren inneres Gewebe als Nahrungs- und zugleich
Wasserreservoir dient. Hat die Pflanze genug Reservematerial erworben
und in ihren Blättern aufgespeichert, was in ihrer tropischen Heimat im
Alter von 6-10 Jahren, in unsern Gewächshäusern jedoch erst nach 40-60
Jahren der Fall ist, so treibt sie einen an der Basis über armdicken,
bis 10 m hohen Blütenschaft, der oben kandelaberartig viele Hunderte
von einschließlich der Staubgefäße 12-13 cm langen, gelbgrünen Blüten
aufweist. Nach Befruchtung derselben durch bestimmte Immen reifen
die dattelartigen Früchte heran, wonach die Pflanze, die dabei all
ihre Vorräte erschöpft hat, abstirbt, nachdem sie noch zahlreiche
Wurzelschößlinge hervorgetrieben hat, die man auch neben dem Samen zur
Vermehrung verwendet.
Die Magueypflanze wurde schon von den alten Mexikanern zur Gewinnung
eines berauschenden Getränkes in Plantagen angebaut, wie dies heute
noch in jenem Lande geschieht. Sobald sie ihren Blütenschaft zu treiben
beginnt, schneidet man ihr die Gipfelknospe heraus und vertieft die
Wunde zu einer schüsselförmigen Mulde von 30 bis 50 cm Durchmesser.
Diese füllt sich 1-6 Monate lang täglich mit dem für die Blüten- und
Fruchtbildung bestimmten zuckerreichen Saft in der Menge von 4-5, ja
bei kräftigen Pflanzen 7 Litern im Tag, so daß eine Pflanze nach und
nach bis 1100 Liter Zuckersaft liefert. Täglich wird dieser vermittels
eines langen, hohlen Kürbisses durch Aufsaugen gesammelt und in lederne
Schläuche gefüllt, in denen man ihn vergären läßt. Er liefert dann, auf
Flaschen gezogen, ein stark moussierendes, erfrischendes, aber leicht
berauschendes Getränk, das in Farbe und Geschmack an Berliner Weißbier
erinnert und das Nationalgetränk der Mexikaner bildet, die unglaubliche
Mengen davon vertilgen. Bei den alten Azteken hieß er ~oktli~, die
heutigen Bewohner Mexikos dagegen nennen ihn +Pulque+ (sprich pulke).
Überall im Lande gibt es sogenannte Pulquerias, d. h. Lokale, die
ihn frisch aus den Lederschläuchen, in denen er vergor, ausschänken.
Es sind meist nur offene Schuppen, die gleichzeitig als Tanzböden
dienen, in denen das vom Pulque animierte Volk seine Feste feiert.
Aus dem Pulque wird durch Destillation ein als ~tequila~ bezeichneter
Branntwein gewonnen, während mit Wasser und Zucker vermischter
Agavensaft nach kurzer Gärung den leichten, nur wenig berauschenden
~tepache~ liefert.
Durch Röstung des zuckerreichen Gewebes der treibenden Knospe
und der jungen Blätter und nachherige Gärung erhält man den sehr
alkoholreichen ~mescal~. Schon die alten Mexikaner liebten den Pulque
leidenschaftlich, aber dessen Genuß war vorsorglich nur bei hohen
Festen oder bei harter Arbeit den Männern vom 30. Jahre an gestattet.
Die jüngeren Leute und Frauen mußten sich mit dem aus Maismehl mit
Zusatz von etwas Honig und teilweise Kakao bereiteten Bier begnügen.
Außer dem beliebten Getränk lieferte ihnen die Agave in ihren äußerst
zugfesten Fasern, welche die fleischigen Blätter durchziehen und auf
höchst einfache Weise gewonnen wurden, Bindfaden und Stricke, wie
auch das Rohmaterial für Kleidungsstoffe und Papier. Die saftigen
Blätter wurden und werden heute noch als Gemüse gegessen, dienen
teilweise auch zum Dachdecken, während die starken Dornen als Nägel
oder zu Pfeilspitzen und die dürren Blütenschäfte als Lanzenstangen
benutzt wurden. Wie einst, so wird auch die Wurzel heute noch
arzneilich verwendet, und zwar besonders gegen die Syphilis, die schon
in vorkolumbischer Zeit stark im Lande verbreitet war, wie wir auch
aus mexikanischen und peruanischen Gesichtsurnen mit den typischen
Erscheinungen der tertiären Lues entnehmen können. Die Begleiter des
Kolumbus müssen diese Krankheit nach Europa gebracht haben, wo sie
kaum vorhanden war, jedenfalls keine nennenswerten Erscheinungen bot.
Kolumbus landete am 15. März 1493 in Südspanien nach der Entdeckung
des neuen Weltteils, den er aber bis zu seinem Tode nicht als solchen
erkannte, sondern für Indien ansah. Und seine Matrosen verbreiteten
alsbald die Krankheit, die, von den laxen Sitten und der mangelhaften
Reinlichkeit der damaligen Zeit begünstigt, in den Jahren 1494 und
1495 als neue Krankheit besonders in dem von Karl VIII. von Frankreich
geführten Heere stark auftrat und durch die heimkehrende Soldateska
eine gewaltige Ausdehnung durch ganz Europa fand, so daß sie von den
höchsten bis zu den niedersten Schichten der Gesellschaft zahlreiche
Opfer forderte.
Erst lange nach der Lustseuche, nämlich im Jahre 1561, kam auch die
Agave durch die Spanier aus Mexiko nach Spanien und von da nach dem
übrigen Südeuropa, wo sie sich überall, wie auch durch ganz Nordafrika,
so leicht verbreitete, so daß sie heute eine Charakterpflanze der
Mittelmeerländer geworden ist. Auch in Mittel- und Nordeuropa wird
sie vielfach in großen Kübeln zur Zierde gezogen, muß aber in
trockenen, frostfreien Räumen überwintert werden. Aber nicht nur in
den Mittelmeerländern, über alle tropischen und subtropischen Gegenden
hat sich die Agave verbreitet und wird vorzugsweise als Heckenpflanze
und zur Befestigung von Flußsand angebaut. Überall ist sie mit einer
anderen Amerikanerin, der +Opuntie+ oder dem +Feigenkaktus+ (~Opuntia
ficus indica~) vergesellschaftet, die beide aus demselben Lande stammen
und infolgedessen dieselben Lebensbedürfnisse aufweisen.
Die Opuntien sind wie alle Kakteen amerikanischen Ursprungs und wurden
ihrer schmackhaften Früchte wegen schon von den Mexikanern angepflanzt.
Mit den Agaven repräsentieren die Kakteen die Sukkulenten, d. h. mit
den Nährstoffen auch Wasser, an Schleim gebunden, in ihren Geweben
aufspeichernde Pflanzen, wie solche in den trockenen Gegenden der
Alten Welt, speziell Südafrikas, die Euphorbiazeen darstellen, die
teilweise den Kakteen sehr ähnliche Formen aufweisen.
Die eigentümlichen Gestalten der Kakteen und Agaven erregten bei den
im Gefolge des Fernando Cortez im Jahre 1549 670 Mann stark mit 15
Geschützen zur Eroberung des Landes auf die trockene Hochebene von
Mexiko hinaufsteigenden Spaniern um so mehr Aufsehen, als sie bis
dahin noch keinerlei Art aus der Familie der Sukkulenten gesehen
hatten. Schon im Berichte des Mönches Hernandez, der die Eroberung des
alten Kulturlandes auf der Hochebene von Anahuac mit der 2282 m über
Meer gelegenen Hauptstadt der Azteken, Tenochtitlan -- dem heutigen
Mexiko -- schildert, werden die Opuntien noch mehr als die Agaven mit
Ausdrücken des höchsten Erstaunens erwähnt. Auf jener Hochebene, wo
diese Kaktusart ihre Heimat hat, unterschied jener Mönch schon neun
verschiedene, kultivierte Opuntienarten, von denen die +baumartige
Feigendistel+, auch +indischer Feigenbaum+ genannt (~Opuntia ficus
indica~) mit 50 cm langen und 30 cm breiten Gliedern wegen ihrer
wohlschmeckenden Früchte wohl am häufigsten angepflanzt wurde. Sie
war damals schon als willkommener Obstspender über ganz Mittel- und
Südamerika verbreitet und gelangte in der Folge nach allen warmen
Ländern der Erde.
Von den 150 Opuntienarten, die in allen Ländern Amerikas heimisch
sind, wo überhaupt Kakteen gedeihen, und zwar meist in gebirgigen
Gegenden mit heißem, trockenem Klima vorkommen, ist bald auch die
+gemeine Fackeldistel+ (~Opuntia vulgaris~) mit kürzeren Gliedern
und zitronengelben Blüten von den Spaniern aus den südwestlichen
Vereinigten Staaten nach den Ländern am Mittelmeer gebracht worden,
wo sie jetzt neben der Agave ebenfalls als Charakterpflanze der
Landschaft auftritt. Wie jene ist sie, sich selbst überlassen, überall
verwildert und überzieht nun mit ihren stacheligen Stengelgliedern
die unfruchtbarsten Felswände und Steingründe und bietet in ihren
Früchten monatelang ein geschätztes Nahrungs- und Erfrischungsmittel
für das Volk wie in ihrer Heimat. Weil sie im Geschmack ähnlich wie
Feigen sind, haben sie den Opuntien, die sie erzeugen, die Bezeichnung
Feigenkaktus oder indischer Feigenbaum eingetragen. Da sie über und
über mit feinen Stacheln mit Widerhaken versehen sind, die sich
ungemein leicht bei der leisesten Berührung in Finger und Lippen
beziehungsweise Zunge einbohren, müssen sie zuvor sorgfältig geschält
werden. Die Stengelglieder frißt das Vieh und die ganze Pflanze dient
mit Vorliebe zu Einzäunungen. In ihrer Heimat, den trockensten
Gegenden von Nordmexiko und Texas, sind sie als nahrhaftes Futter
und Wasserspender für das Vieh ungemein wichtig, so daß sich die
Verbindungswege durch die steinigen Wüsten danach richten, wo die
meisten Exemplare dieser Pflanzenart wachsen.
Tafel 79.
[Illustration:
(~Copyright by F. O. Koch.~)
Ein beinahe ausgewachsener Kokastrauch.
Indianer auf dem Hochlande von Anahuac in Mexiko bei der Gewinnung
des Zuckersaftes einer am Blühen verhinderten Magueipflanze (~Agave
americana~) zur Bereitung von Pulque.]
Tafel 80.
[Illustration:
(~Copyright by Underwood & Underwood.~)
Opiumrauchende Perser
Fruchtbeladener Feigenkaktus (~Opuntia ficus indica~) auf dem Hochlande
von Anahuac in Mexiko. (Nach Photogr. von ~Dr.~ H. Roß.)]
In seinem lateinischen Buche über die Gärten Deutschlands vom Jahre
1561 erwähnt der Züricher Naturforscher Konrad Gesner zum erstenmal
die Fackeldistel als Bürgerin Europas unter der Bezeichnung ~ficus
indica~, d. h. indische Feige. Sie muß damals in Spanien, Nordafrika
und Süditalien schon ziemlich häufig gewesen sein und hat sich seither,
wie die Agave, nördlich bis Bozen verbreitet. Seit etwa 50 Jahren
ist sie besonders in Neusüdwales und Queensland, wohin sie ihrer
Früchte wegen wie in die übrigen Länder der Tropen und Subtropen vom
Menschen verbracht wurde, dermaßen verwildert, daß sie Tausende von
Quadratkilometern Land für die Kulturen des Menschen entzogen und
wertlos gemacht hat. Alle Verteidigungsmaßregeln gegen ihr Überwuchern
blieben erfolglos.
Neuerdings ist es dem berühmten kalifornischen Pflanzenzüchter Luther
Burbank in Santa Rosa, der in seinen kostspieligen Versuchen teilweise
durch den in Schottland niedergelassenen einstigen nordamerikanischen
Stahlkönig Carnegie finanziell unterstützt wurde, gelungen, eine völlig
stachellose, großstengelige und überaus saftige Abart der Opuntie
zu züchten, die äußerst leicht durch Ableger sich fortpflanzt -- es
genügt dazu, einfach ein Stückchen der fleischigen Stengel in den
Boden zu stecken, wo es ohne weiteres anwächst -- und sowohl durch
die Stengelglieder, als auch durch die sehr wohlschmeckenden und
nahrhaften feigengroßen Früchte ein geradezu unschätzbar wertvolles
Geschenk für alle wasserarmen, wüstenhaften Gegenden, in denen sich der
Mensch niederläßt und durch künstliche Berieselung mit Hilfe von durch
Dämme gestautem Wasser sich Existenzbedingungen schafft, zu werden
verspricht. Im Jahre 1909 ist dieses einzigartige Züchtungsprodukt
des „Zauberers von Santa Rosa“ (wie Burbank von seinen Landsleuten
mit Vorliebe genannt wird), das so reiche Ernten wie kaum eine andere
Pflanze liefert, zum erstenmal in den Handel gelangt. Sein Anbau soll
sich nach dem hauptsächlichen Mitarbeiter von Burbank, ~Dr.~ Doud, auch
im südlichen Deutschland in wärmeren Lagen rentieren. Dabei soll die
Pflanze eine Durchschnittsernte von 50000 bis 75000 kg auf den Acre
(= 40,5 Ar) ergeben. Die Stengelglieder bilden ein wohlschmeckendes,
nahrhaftes Gemüse für Menschen und Tiere, das gekocht und roh, auch
als Salat, gegessen werden kann, und die ebenfalls stachellosen,
rötlichen Früchte sollen von unvergleichlichem Wohlgeschmack sein.
Wir können die Besprechung dieser für die künftige Besiedelung von
Wüstengegenden durch den Menschen eine geradezu unabsehbare Bedeutung
aufweisende Opuntie nicht verlassen, ohne hier noch kurz zu erwähnen,
daß die Opuntien zuerst unter dem mexikanischen Namen tuna in Spanien
bekannt wurden und von da, wie De Candolle meint, von den durch
Ferdinand V., den Katholischen, nach der Eroberung des letzten Restes
maurischer Herrschaft, nämlich Granadas 1492, vertriebenen Arabern --
tatsächlich aber erst später in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts
durch die Spanier selbst -- nach Nordafrika verbracht wurden, wo sie
unter dem Namen „Feigen der Christen“ allgemeine Verbreitung fanden.
Die Bezeichnung ~Opuntia tuna~ kommt heute einer baumartigen Verwandten
der ~Opuntia ficus indica~ mit roten Blüten zu, die in Mexiko und
in den Anden des nördlichen Südamerika wild wächst und neben der
~Opuntia pseudotuna~ mit roten Stengelgliedern und gelben Blüten und
dem Nopalkaktus (~Nopalea coccinellifera~) in Mexiko, der, nebenbei
bemerkt, im Wappen dieses Landes figuriert, früher als Weidepflanzen
für die einst zur Gewinnung von Karmin, das heute auf chemischem Wege
hergestellt wird, gezüchteten Cochenilleschildläuse diente. Dabei zog
man besonders solche Arten vor, die keine Stacheln trugen, weil man
sich in diesen Gebüschen beim Ablesen der den vormals sehr wichtigen
Farbstoff liefernden Tiere ungehinderter bewegen konnte. Besonders
blühte die Cochenillekultur zuletzt auf den Kanarischen Inseln, bis ihr
durch die Entwicklung der Teerfarbenindustrie ein jähes Ende bereitet
wurde. Auch die Früchte der birnförmigen, fleischigen Tunaopuntien sind
eßbar und werden in der Heimat der Pflanzen von der Bevölkerung sehr
gern verzehrt.
Zum Schluß sind hier der Vollständigkeit wegen noch zwei Arten
berauschender Getränke kurz zu erwähnen, denen eine gewisse Bedeutung
nicht abzusprechen ist. Das eine ist der in ganz Polynesien, besonders
den Samoa-, Sandwich- und Freundschaftsinseln beliebte +Kawa+, der von
der fleischigen Wurzel einer Pfefferart gewonnen wird. Es ist dies
der +Kawapfeffer+ (~Piper methysticum~), ein 2 m hoher Strauch mit
langgestielten, eiförmigen Blättern und dicker, fleischiger Wurzel.
Aus dieser letzteren wird der betäubende Trank in der Weise gewonnen,
daß Frauen und Jungfrauen in Scheiben geschnittene Stücke derselben
gehörig zerkauen und in Gefäße spucken, worin die Masse, mit Wasser
übergossen, eine kurze Zeit liegen bleibt, bis das Stärkemehl mit
Hilfe des diastatischen Speichelferments in Zucker und dieser durch
die allgegenwärtigen Hefepilze in Alkohol übergeführt worden ist. Der
wichtigste betäubende Stoff darin ist aber ein der Wurzel innewohnender
Stoff, der in besonderer Weise auf das Zentralnervensystem einwirkt,
indem der Trinker bei ausgiebigem Kawagenuß bei vollem Bewußtsein
die Herrschaft über seine Glieder verliert. Der in Polynesien wild
wachsende Kawapfeffer wird als geschätztes Genußmittel auch von
den Eingeborenen angepflanzt. So hat die deutsche Insel Samoa im
vergangenen Jahr nicht bloß ihren eigenen Bedarf gedeckt, sondern
auch noch 16900 kg im Werte von 25400 Mark nach den Nachbarinseln
auszuführen vermocht.