konnte naturgemäß ein Produkt nicht mehr gedeihen, dessen Genuß das
Gesetz der Eroberer den Gesunden aufs strengste untersagte und nur
Kranken in mäßiger Menge als Arznei gestattete. So ging nicht nur in
Vorderasien, der Wiege der Rebenzucht und Weinkultur, sondern auch
in Nordafrika, Spanien und Sizilien der Weinbau nach dem Eindringen
der Araber stark zurück. Manche fanatische Kalifen duldeten seinen
Anbau überhaupt nicht. So befahl auch in Spanien Hakim II. den größten
Teil der Weinberge auszurotten; bloß etwa ein Drittel derselben ließ
er stehen zum Genusse ihrer Früchte als reife Trauben, frisch oder
getrocknet, oder zu Traubenhonig eingekocht, was zu genießen der
Prophet erlaubt hatte.
Was dem Islam in Spanien nicht ganz gelang, wie die heutigen Malaga-
und Xeresweine beweisen, das setzte er im gegenüberliegenden Marokko
durch. Die atlantische Küste des letztgenannten Landes war im Altertum
ein berühmter und ergiebiger Weinbezirk, dem die Rebe schon von den
Phönikiern zugetragen wurde. Dort lag das Vorgebirge Ampelusia, d. h.
Rebenkap (das heutige Kap Spartel), und die uralte Stadt Lix, die auf
ihren punischen und punisch-römischen Münzen die Traube als Wahrzeichen
führte. Noch im frühen Mittelalter, bei der Ankunft der Araber, muß
eine blühende Rebenkultur hier bestanden haben, da die an Stelle des
alten Lix gegründete muhammedanische Stadt den Namen El Araisch, d. h.
zum Weinberg, erhielt. Jetzt trägt das überaus fruchtbare Land infolge
der arabischen Herrschaft fast keine Weinpflanzungen mehr; nur unter
einigen unabhängig gebliebenen Stämmen der Küste konnte der altgewohnte
Trank nicht abgeschafft werden und ist deshalb einiger Rebbau zu finden.
Das heutige Griechenland, das einst vorzügliche Weine produzierte,
erzeugt mit wenigen Ausnahmen nur schlechten Wein. Der Ruhm der
Weine von Chios, Lesbos und Thasos ist längst dahin, und der nach
Harz schmeckende Resinato, über den schon der langobardische
Bischof Liutbrant von Cremona auf seiner Gesandtschaftsreise nach
Konstantinopel im Jahre 968 klagte, ist ein sehr schlechter Ersatz
dafür. Auch die heute daselbst angepflanzten +Korinthen+ -- so genannt,
weil sie von Korinth aus exportiert werden -- scheinen nur eine durch
Degeneration entstandene Varietät der Weintraube zu sein. Sie sollen
ursprünglich von der Insel Naxos gekommen und nicht vor dem Jahre 1600
in Morea bekannt gewesen sein. Heute sind sie wiederum gänzlich von
Naxos verschwunden und werden ausschließlich in Patras, auf Zante und
Kephalonia gepflanzt, von wo jährlich etwa 100 Millionen kg ausgeführt
werden.
Nur an zwei Punkten hat am Ausgang des Mittelalters die Hand des
Menschen den Bezirk der Rebe wirklich erweitert, nämlich auf
Madeira und den Kanarischen Inseln. Auf der ersteren Insel ließ
schon der portugiesische Prinz Heinrich der Seefahrer am Ende des
15. Jahrhunderts Rebenschößlinge vom Peloponnes und von der Insel
Kreta bringen, nach Teneriffe aber verpflanzte der Spanier Alonzo de
Lungo gegen das Jahr 1507 Weinstöcke von Madeira. Der dort also aus
griechischen Reben gewonnene Wein wurde in der Folge recht berühmt und
besonders von den auf weiten Bezirken der Erde angesessenen Engländern
gern getrunken, die auch die starken Weine der pyrenäischen Halbinsel,
den nach dem Exporthafen Xeres benannten Sherry und den nach dem
Einschiffungsorte Oporto geheißenen Portwein bevorzugen, wie sie auch
die starken Schnäpse und scharfgewürzten Biere -- man denke nur an das
Ingwerbier -- lieben.
Nach Ungarn waren italienische Reben unter König Stephan im 11.
Jahrhundert gelangt. Aus ihnen erwuchs dann der Tokayerwein, der seine
volle Berühmtheit allerdings erst vom Ende des 15. Jahrhunderts und
besonders seit 1560 erhielt, als man begann Ausbruch aus den dortigen
Reben herzustellen. Von diesen ungarischen, wie auch griechischen
und syrischen Reben brachten französische Ritter aus den Kreuzzügen
Ableger in ihre Heimat mit, um die einheimischen Sorten damit zu
veredeln. Denn als zu Beginn des 2. christlichen Jahrtausends das
Abendland durch die Kreuzzüge regere Verbindungen mit dem Morgenlande
anknüpfte, kam begreiflicherweise die Kenntnis und damit auch die
Wertschätzung der von den Christen in Palästina gezogenen starken,
edlen Weine nach Europa. Diese wurden bald von den Vornehmen, die
sich solch teuren Trunk leisten konnten, bevorzugt, bis schließlich
auch diese Gebiete wiederum von den Muhammedanern besetzt wurden,
wodurch der morgenländische Weinbau rasch ein Ende nahm. Damit hörte
auch der Import der palästinensischen Edelweine nach dem Abendlande
auf. Dafür bezog man, solange die muhammedanische Invasion dahin noch
nicht stattgefunden hatte, den griechischen Wein, der nach der Gegend
von Malvasia auf Morea Malvasier genannt wurde, oder als ~kipper~-,
auch ~ciperwîn~ von Zypern stammte. Besonders letzterer wurde so sehr
geschätzt, daß Gedichte der mystischen Richtung ihn selbst die Seligen
im Himmel trinken ließen. Den Charakter eines südlichen Weines trägt
auch der aus Ungarn, der unter dem Namen ~osterwîn~ nach Deutschland
verführt wurde.
Als diese beliebten Süßweine nicht mehr zu bekommen waren, begann
die Christenheit als Ersatz dafür die bis dahin üblichen +Würzweine+
mit Honig zu süßen und an Stelle der schwachwürzenden einheimischen
Kräuter die starken Gewürze Indiens zu verwenden, die die Venezianer
mit ihren Schiffen aus dem Morgenlande, speziell Ägypten, holten und
den Abendländern teuer verkauften. Von da brachten Säumer die kostbare
Ware über die Alpen nach den reichen deutschen Städten, wo diese
Gewürze trotz ihrer hohen Preise rasch Absatz fanden. Man benutzte
sie zur Herstellung von allerlei „~gepîmenteten wînen~“ -- aus ~vina
pigmentata~ verdeutscht -- wie die Würzweine damals hießen, deren Feuer
dadurch gehoben werden sollte.
Im 14. und 15. Jahrhundert erfreute sich der als ~clarêt~ bezeichnete
Würzwein besonderer Hochschätzung. In französischen Klöstern war er
zuerst aufgekommen und hatte mit der mittellateinischen Benennung
~claretum~ -- aus ~vinum claratum~, d. h. geklärter Wein -- in
deutschen Klöstern und dann auch in Laienkreisen gute Aufnahme
gefunden. Er wurde in der Weise hergestellt, daß man Pfeffer, Zimt,
Gewürznelken, Kardamomen und Ingwer pulverisiert in Beutelchen in den
mit Honig versüßten und, war es Weißwein, mit Safran vielfach gefärbten
Wein hing und bis zum völligen Ausgelaugtwerden und Abklären darin
beließ. So gewann der Trank, wie man hervorhob, die Stärke und den Reiz
des Weines, die Würze und den Duft der Spezereien und die Milde und
Süße des Honigs. Eine halbe Verdeutschung ist das mittelhochdeutsche
~clârtrank~, während das völlig deutsche Wort ~lûtertrank~ eine seit
dem 12. Jahrhundert in Deutschland zuerst aufgekommene Art mit Honig
gesüßten Würzweins von unbestimmter Zusammensetzung bezeichnete. Lange
gingen die beiden Ausdrücke ~clarêt~ und ~lûtertrank~ nebeneinander
für zwei verschiedene Begriffe, obwohl es sich dabei nur um durch die
Verschiedenheit der verwendeten Gewürze entstandene Spielarten eines
und desselben Stoffes handelte, bis schließlich keine Unterscheidung
mehr bei ihnen gemacht werden konnte.
Wahrscheinlich spielte die Farbe des Weines dabei keinerlei Rolle,
und Claret wie Lautertrank konnten ebenso von rotem, wie von weißem
Weine gemacht werden. Oft erscheint in den Schilderungen der
mittelalterlichen Gastmähler der ~lûtertrank~ hinter dem wîn genannt,
und gleichsam als Steigerung hervorgehoben. Jedenfalls war er oder der
~clarêt~ der Ehrentrunk, der bei festlichen Anlässen vornehmen Gästen
offiziell reichlich gespendet wurde. Für den gemeinen Mann und für
einfache Verhältnisse waren solche Luxusgetränke nicht bestimmt. So
verbot beispielsweise der Rat zu Magdeburg im Jahre 1505 bei einfachen
Verlöbnissen, ebenso beim Kirchgange der Braut ~clarêt~ zu schenken als
zu kostbar.
Eine besondere Sorte solchen Würzweins aus Rotwein bildete der
+Sinopel+, der bei manchen Dichtern, wenn auch nicht häufig, erwähnt
wird; so z. B. wenn gesagt wird: (sie genossen) „den ~lûtertrank~
und daz ~clarêt~, darzuo den roten ~sinopel~“. Im deutschen Epos
Parzival wird dieser rote Sinopel im heiligen Gral wie sonst der das
Blut Christi versinnbildlichende Rotwein beim Abendmahl der Christen
reichlich gespendet. Der Name rührt vom lateinischen ~cinnabaris~,
mittellateinisch ~cinnobris~, deutsch Zinnober her von seiner schön
hellroten Farbe, die an das von den alten Römern ~cinnabaris~ genannte
rote Drachenblut von der Insel Sokotra erinnerte. Das Wort hat also
nichts mit der von uns Zinnober genannten Quecksilberverbindung zu
tun, wie man ohne genaue Kenntnis der Drogenkunde der Völker des
Altertums glauben könnte, sondern bezieht sich auf die rote Lösung
von Drachenblut, mit der das Getränk Ähnlichkeit hatte. Die daneben
angetroffene Form ~siropel~ nimmt Bezug auf die Süßigkeit und knüpft an
~siropel~ im Sinne von Sirup an, das seinerseits vom arabischen Worte
~scharab~ für Trank abzuleiten ist.
Ein anderer ebenfalls aus Rotwein hergestellter Würzwein des
Mittelalters war der heute noch mancherorts bei festlichen Anlässen,
in Basel z. B. an Sylvester und Neujahr, aufgetischte +Hippokras+,
der seiner vermeintlichen heilkräftigen Wirkung wegen nach dem
angesehensten Arzte des Altertums, dem Vater der Heilkunde, Hippokrates
so genannt wurde. Der englische Dichter Shakespeare erwähnt ihn
mehrfach in seinen Dramen, und noch im 18. Jahrhundert war er auf der
französischen Tafel allgemein verbreitet. Auch er ist als ~hypocras~
wie der ~clarêt~ eine französische Erfindung, obschon der deutsche Arzt
Brunfelsz in seinem 1532 erschienenen Spiegel der Arzneikunde erklärt:
„Dieser tranck heißt Ipocras, wann Hypocras (gemeint ist natürlich
Hippokrates) hat in seer genützt (benutzt), und auch selbst erfunden.“
Man bereitete ihn in der Weise, daß man Rotwein in einer Terrine mit
Zucker, Zimt, Pfeffer, Gewürznelken, Muskatblüte, Ingwer und Schnitzen
des Reinetteapfels versetzte und diese Mischung einige Tage stehen
ließ, dann das Ganze seihte, klärte und in Flaschen abfüllte. Als
eine besonders feine Abart kam im 18. Jahrhundert in Frankreich der
~hypocras parfumé~ auf, dem außer geriebenen Mandeln besonders Bisam
(Moschus) und Ambra zugesetzt wurde. Auch dieser fand in Deutschland
bald Aufnahme und ein märkischer Chronist des 16. Jahrhunderts findet
ihn „recht anmutig und schleckerhaft“.
Neben dem Hippokras wurden eine Menge +medizinische Weine+ getrunken,
die meist nach ihrer Wirkung auf ein bestimmtes Organ oder einen
kranken Körperteil benannt wurden. So empfahl ein Gemminger Arzt,
mayster Thoman Rüsz, im Jahre 1479 der Gräfin Margarete von Württemberg
gegen ihr Milzleiden einen wahrscheinlich von ihm selbst bereiteten
Milzwein, dessen Zusammensetzung allerdings in dem uns erhaltenen
Briefe nicht angegeben wird. Wir wissen nur aus den Arzneibüchern, daß
die mannigfaltigsten Kräuter dazu verwendet wurden, so vornehmlich
je nach der beabsichtigten Wirkung Johanniskraut oder Boretsch oder
Augentrost, Salbei oder Isop.
Solchen Würzwein trank man wie den Wein überhaupt je nach Geschmack
und Bedürfnis warm oder kalt. Ersteren bevorzugte man in Fällen von
Krankheit und bei Kälte. So berichtet uns Gregor von Tours vom Jahre
590, daß sich Wächter einer Stadt Frankreichs im Winter an einem
offenen Feuer Glühwein bereiteten und sich daran berauschten; und von
Ludwig I., dem Frommen, dem dritten Sohne Karls des Großen von seiner
dritten Gemahlin Hildegard, berichtet uns sein Biograph, daß er sich
noch kurz vor seinem Tode im Jahre 840 bei Mainz einen Schluck warmen
Weines zur Stärkung geben ließ.
Die starken und kräftig schmeckenden gewürzten Weine unserer Vorfahren
sind heute außer Mode gekommen, bis auf den +Glühwein+ und die
verschiedenen Arten von +Bowlen+. Zu ersterem wird der Wein gewärmt,
mit Gewürznelken, Zimt und einem Zitronschnitz versehen, getrunken;
bei letzteren verwendet man mit Wasser oder Schwarztee verdünnte
gezuckerte Weine, denen durch duftende Früchte wie Erdbeeren,
Pfirsich, Ananas oder wohlriechende Kräuter wie Waldmeister mit Zusatz
von einigen Apfelsinenscheiben (Maitrank) oder Schalen bitterer
Pomeranzen (Bischof) ein angenehmes Aroma verliehen wird. In England
ist von solchen Getränken besonders der ~claret cup~ beliebt, der aus
Rotwein besteht, in den man grüne Gurkenscheiben geschnitten hat. Von
allgemeiner Wertschätzung ist der +Wermutwein+, der dadurch gewonnen
wird, daß man dem gärenden Moste Wermutkraut zusetzt, wodurch er einen
etwas herben Beigeschmack erhält, den viele lieben. Am bekanntesten ist
der norditalische ~Vermut di Torino~.
Außer dem Traubenwein, der nur den Wohlhabenden zugänglich war, und
auch von diesen nur bei festlichen Anlässen genossen wurde, trank
man von alters her durch ganz Europa die verschiedensten +Obst+- und
+Beerenweine+. Die Äpfel und Birnen, die man nicht frisch oder gedörrt
aufzubewahren vermochte, wurden im überreifen, weichen Zustande
gekeltert und +Most+ aus ihnen gewonnen, der angenehm schmeckte, durch
seinen geringen Alkoholgehalt kaum berauschte und durch seinen Reichtum
an Pflanzensäuren, besonders Apfelsäure, angenehm durstlöschend wirkte,
was besonders in der Sommerhitze von Vorteil war. Im Notfalle mußten
Holzäpfel und Holzbirnen zur Herstellung solchen Trankes dienen; selbst
aus den sauren Schlehen gewann man einen wegen seiner heilkräftigen
Wirkung beliebten ~slêhentranc~. Der aus Kirschen hergestellte
~kerswîn~ und der aus Quitten gewonnene ~kütenwîn~ wurden besonders
Kranken als Labetrunk gespendet. Reiche Leute taten sich an solchen
Obstweinen gütlich, die mit Honig gesüßt und auf verschiedene Weise
gewürzt waren.
Schon zur Merowingerzeit war ein Getränk aus zerquetschten wilden
Maulbeeren, worunter auch Brombeeren verstanden sind, beliebt, deren
Saft in einem gepichten Faß mit Honig und, nach Belieben, mit würzigen
Kräutern versetzt wurde. Ein offenbar romanischer Schreiber des 9.
Jahrhunderts gibt uns ausführliche Vorschriften über die Zubereitung
dieses als ~vinum moratum~ oder ~moraz~ bezeichneten Getränkes, das
sich namentlich in den Klöstern besonderer Beliebtheit erfreute.
Anfänglich nur aus Beerensaft bereitet, wurde er dann an den Höfen des
Mittelalters in der Weise gewonnen, daß man Maulbeeren beziehungsweise
Brombeeren in Wein ansetzte. Auch die Verwendung von Heidel- und
Preiselbeeren, wie auch Johannisbeeren für einen gegorenen Haustrunk
ist uralt. Schon das ~Capitulare de villis~ Karls des Großen aus dem
Beginne des 9. Jahrhunderts hat eine sorgfältigere Bereitung des
Beerenweins im Auge, wie es auch das Stampfen der Weintrauben mit
den nackten Füßen als unappetitlich verbot, was allerdings durchaus
fruchtlos blieb, da diese Sitte nach wie vor geübt wurde und sich
teilweise bis in die Gegenwart erhielt.
Die Erzeugung von +gebranntem Wein+ kam in Europa erst im 13.
Jahrhundert auf, und zwar durch die Vermittlung arabischer Ärzte, die
ein Destillat aus Wein und seinen Häuten und Trebern schon seit dem
10. Jahrhundert kannten und als ~al kehal~, d. h. das Feine, Edle
-- woraus dann unser Wort Alkohol wurde -- zu äußerlichem Gebrauche
bei Erkrankungen aller Art, besonders bei Gicht, verwendeten.
Die Kunst des Brennens gehört dem Orient an, wo sie zuerst im 9.
Jahrhundert in Persien, dann auch in Syrien, Kleinasien und den
Inseln des griechischen Archipels zur Gewinnung des wohlriechenden
ätherischen Rosenöles geübt wurde. Stets haben ja die Morgenländer
eine leidenschaftliche Vorliebe für Wohlgerüche gehabt, und da kann
es uns nicht wundern, daß sie Mittel und Wege suchten, den Blumenduft
zu konzentrieren. Dies gelang ihnen zuerst mit den Rosen, deren
Blumenblätter sie mit Wasser angemacht in einem geschlossenen Kessel
mit einem schnabelförmigen, langen Abzugsrohr erhitzten, um die Dämpfe
mit dem wohlriechenden ätherischen Rosenöl durch Abkühlung in einem
andern damit verbundenen Gefäß sich niederschlagen zu lassen. Ein
solches Destillat lernte man bald auch aus anderen duftenden Blumen und
Pflanzenstoffen aller Art gewinnen, die dann alle als äußere Heilmittel
wie auch der Weingeist zum Einreiben gegen mancherlei Krankheit sehr
geschätzt waren.
Als dann die Abendländer zur Zeit der späteren Kreuzzüge mit der
morgenländischen Methode des Destillierens bekannt wurden und diese
Kunst selbständig zu üben begannen, wurden aus sehr zahlreichen
Pflanzen alkoholische Wässer für Heilzwecke gebrannt. Diese Kunst
übten zunächst Laien, bis die später aufkommenden Apotheker sich ihrer
bemächtigten und sie technisch weiter ausbildeten. Sie erst begannen zu
Heilzwecken den gebrannten Wein als ~aqua vitae~, d. h. Lebenswasser,
in größeren Mengen unter das Publikum zu bringen. Während er vorher
nur äußerlich gebraucht wurde, begann man ihn im 14. Jahrhundert den
Kranken auch innerlich zu geben. Erst im 15. Jahrhundert begannen ihn
auch Gesunde angeblich „zur Erhaltung einer festen Gesundheit“ zu
trinken, und zwar „alle Morgen einen Löffel voll“; „wer dies tue“,
sagt uns ein Bericht des 16. Jahrhunderts, der „werde nimmer krank“.
Leider fand diese Sitte zum Zwecke der Vorbeugung gegen Krankheit nur
zu rasch Aufnahme bei den besser Situierten, die sich dieses teure
~aquavit~ oder ~aqua ardens~, weil es beim Hinunterschlucken brannte,
als Genußmittel leisten konnten. Schon zu Ende des 15. Jahrhunderts
und mehr noch im 16. Jahrhundert erließen die Räte mancher Städte,
wie z. B. als eine der frühesten Nürnberg 1496, die Verordnung, daß
man ~gebrant wîn~ weder Feiertags noch Alltags auf Straßen oder vor
Häusern feilhalten dürfe. Erst der dreißigjährige Krieg (1618-1648),
der so namenloses Elend über Deutschland brachte und zu allgemeiner
Sittenverwilderung führte, hat das Schnapstrinken, wie auch das
Rauchen, in weiteren Kreisen populär gemacht. Die zügellose Soldateska
tat sich damit groß, und in der allgemeinen Not der Zeit begannen
Bürgersmann und Bauer diese leidige Sitte nachzuahmen. Dabei fanden sie
bald genug Geschmack daran.
Auch in der Folgezeit waren es stets die Kriege mit der sich daran
knüpfenden Verrohung und Verwilderung der Sitten, welche wie die
Unmäßigkeit im Genusse geistiger Getränke überhaupt, so auch speziell
dem Schnapstrinken gewaltigen Vorschub leisteten. So waren es besonders
der Siebenjährige Krieg (1756-1763) und danach die napoleonischen
Feldzüge, welche diese für das Volkstum überaus verderbliche Unsitte
in hohem Maße förderten. Zugleich damit wurden die Verfahren zur
Herstellung konzentrierter geistiger Getränke immer mehr vervollkommnet
und besonders auch billige Rohmaterialien wie Korn und Kartoffeln zu
deren Gewinnung verwendet, wodurch der Preis natürlich mehr und mehr
sank, so daß selbst die Ärmsten sich für wenige Pfennige den Genuß von
Schnaps gestatten konnten. Die Folge davon war die „Branntweinpest“,
die besonders im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts eine bedenkliche
Verbreitung fand. Sie veranlaßte die erste antialkoholische Bewegung,
welche recht schöne Früchte zu zeitigen begann, als die Revolution von
1848 einsetzte und ihren verdankenswerten Bestrebungen ein vorzeitiges
Ende machte.
In der Folge nahm der Mißbrauch geistiger Getränke wieder bedeutend zu
und erreichte eine beängstigende Höhe als die moderne Temperenzbewegung
einsetzte und den Alkohol in jeder Form als Plasmagift feststellte, das
den Einzelnen wie auch seine Nachkommen vom Mutterleibe an zugrunde
richtet, die größten sozialen Schäden hervorruft und geradezu den
Kulturfortschritt bedroht. Ist es nicht eine geradezu beunruhigende
Tatsache, zu vernehmen, daß die Bevölkerung des Deutschen Reiches
nicht weniger als drei Milliarden Mark jährlich für den Kauf geistiger
Getränke ausgibt. Das macht pro Kopf, selbst die keine geistigen
Getränke zu sich nehmenden Säuglinge und Kinder mitgerechnet, +60 Mark
jährlich+. Es ist dies ein ungeheurer Luxus, der im Begriffe ist, die
bedenklichsten Folgen zu zeitigen! Gibt doch das deutsche Volk in
demselben Zeitraum eines Jahres nur wenig mehr, nämlich 3060 Millionen
Mark, für das wichtigste Lebensmittel, nämlich für Getreide, Brot, Mehl
und Backwaren einschließlich der Kartoffeln aus.
Unter diesen 3000 Millionen Mark, die das deutsche Volk jährlich für
geistige Getränke ausgibt, fallen fast zwei Drittel auf das Bier.
Der Bierkonsum hat durch alle Schichten der Bevölkerung eine solche
Ausdehnung erlangt, daß er trotz seines verhältnismäßig schwachen
Alkoholgehaltes die schlimmste Geißel des neu angetretenen Jahrhunderts
zu werden verspricht. Sein Konsum hat sich in den letzten 40 Jahren bei
uns geradezu vervierfacht und beträgt heute schon über 140 Liter auf
den Kopf der Bevölkerung jährlich. Davon entfällt mehr als das Doppelte
dieser Zahl an jeden Einwohner der eigentlichen Bierländer wie München,
wo das Bierherz und die Biernieren sehr gewöhnliche Erscheinungen der
Krankenhäuser sind.
Es ist durch sorgfältige statistische Erhebungen nachgewiesen, daß
heute im Deutschen Reiche nicht weniger als 1/15 des Ackerbodens
allein für die Gewinnung der Rohprodukte zur Bereitung alkoholhaltiger
Getränke verwendet wird, und daß jeder sechzehnte arbeitsfähige
Deutsche für die Erzeugung und den Vertrieb geistiger Getränke
arbeitet. Alle diese Leute erhöhen nicht im geringsten den
Volkswohlstand, sondern untergraben ihn vielmehr direkt, indem sie
unter vorzugsweiser Bereicherung des Großkapitals der Verarmung und
geistigen wie körperlichen Zerrüttung der großen Massen des Volkes den
denkbar größten Vorschub leisten, die Kranken- und Armenhäuser, die
Gefängnisse und Irrenanstalten füllen helfen und eine Unzahl sozialer
Übel heraufbeschwören.
Heute trinkt man nicht mehr die leichten, nicht haltbaren Biere,
wie dies unsere Vorfahren taten, die höchstens 2 Prozent Alkohol
enthalten, sondern solches von durchschnittlich 4,5 Prozent bis zum
schweren Exportbier mit 8 Prozent Alkohol. Diese nähern sich sehr dem
Wein, der zwischen 9 und 15 Prozent Alkohol enthält, während die mit
Branntweinzusatz haltbar gemachten Südweine bis 22 und 24 Prozent
Alkoholgehalt steigen können und allmählich zu den Likören führen,
die 30 und mehr Prozent daran enthalten. Diese +Liköre+ werden in der
verschiedensten Stärke und Zusammensetzung aus entfuseltem Branntwein
mit Zusatz von Zucker, der ihm den milden, öligen Charakter verleihen
soll, aromatischen Pflanzenextrakten und Wasser in verschiedener Menge
hergestellt und, mit den verlockendsten Phantasienamen versehen,
zum Kaufe angeboten. Diese führen unmittelbar zu den eigentlichen
Schnäpsen, deren schwerste bis zu 70 Prozent Alkohol enthalten und
ätzend wie Feuerwasser den Schlund hinabgleiten.
Von dem im Deutschen Reiche erzeugten Branntwein kommen abzüglich
des exportierten durchschnittlich etwa 12 Liter auf den Kopf der
Bevölkerung. Nicht weniger als 78 Prozent desselben werden aus
Kartoffeln, 16 Prozent aus Getreide, 3 Prozent aus Melasse, 2 Prozent
aus Wein, Weinhefe und Trebern und nur 1 Prozent aus Obst und
Obsttrebern hergestellt. Für die Gewinnung des gemeinen +Spiritus+,
der auch für die technische Verwertung große Bedeutung erlangt hat,
ist heute die stärkemehlreiche Kartoffel das wichtigste Rohmaterial,
wie sie auch im Speisezettel von uns Mitteleuropäern eine dominierende
Rolle spielt.