In Unteritalien gedieh die Rebe so üppig, daß schon Herodot im 5.

vorchristlichen Jahrhundert diesem Lande die Bezeichnung Oinótria,

d. h. Land der Weinpfähle gab, weil hier die Weinstöcke an Pfählen

gezogen wurden, im Gegensatz zu den Landschaften, wo sie an Bäumen

emporwuchsen, wie in Etrurien und Campanien, dem Gebiete des alten

Kulturvolkes der Etrusker oder Tusker, oder ohne Stütze kurz und

niedrig gehalten wurden, wie im südlichen Gallien und Spanien, wohin

die Rebe vielleicht schon durch die handeltreibenden und ebenfalls

noch vor den Griechenstämmen Kolonien gründenden Phönikier gelangte.

In Latium, wo die Rebenkultur erst im Jahre 180 v. Chr. soll in

Aufnahme gekommen sein, untersagten die früheren römischen Gesetze

Frauen überhaupt und Männern vor dem 25. Jahre Wein zu genießen.

Später aber war man darin viel nachsichtiger, wie dies bei den

Griechen Sitte war. Zu Ende der Republik werden uns in Mittelitalien

die Landschaften Campanien und Picenum als besonders weinreich

geschildert. Auch in die Gegenden um die Pomündungen muß der Weinstock

mit dem griechischen Seeverkehr schon früh gekommen sein, so weit

der niedrige, leicht Überschwemmungen ausgesetzte Boden diese Kultur

gestattete. Mit Recht verwundert sich der im letzten vorchristlichen

Jahrhundert in Italien lebende griechische Geograph Strabon über das

merkwürdige Zusammentreffen der dortigen Sümpfe mit überaus reichem

Weinbau. Tatsächlich war der Wein zur römischen Kaiserzeit in Ravenna

wohlfeiler als Wasser, so daß der ums Jahr 102 n. Chr. verstorbene

bissige römische Dichter Martialis in einem bekannten Epigramm meinte,

er möchte daselbst lieber eine Zisterne mit Wasser als einen Weinberg

besitzen, und sich beklagt, ein betrügerischer Schankwirt jener Stadt

habe ihm einst reinen Wein, statt den von ihm verlangten mit Wasser

vermischten verkauft.

Es galt nämlich sowohl bei den Griechen, als auch bei den Römern

der früheren Zeit für unfein und war deshalb verpönt, den Wein,

weil ziemlich stark, pur zu trinken. Man verdünnte ihn deshalb

stets reichlich mit Wasser. Erst in späterer Zeit, als die Sitten

üppiger wurden, begann man vielfach unverdünnten Wein zu trinken.

Dabei kühlte man den Wein auf Eis, versetzte ihn gerne mit Gewürzen

und fing an nach alten Jahrgängen zu trachten. Bei den prunkvollen

Gastmählern der Vornehmen Roms mußte schon acht- bis zehnjähriger Wein

aufgetischt werden, um geschätzt zu werden. Aber noch viel älteren,

selbst zweihundertjährigen Wein gab es damals. So mundete dem im

größten Luxus aufgewachsenen Kaiser Caligula, der von 37 bis 41

n. Chr. regierte, vornehmlich Wein vom Jahre 121 v. Chr., dem besten

Jahrgange, den Italien jemals erlebt hatte. Dieser vor allen geschätzte

Wein wurde der opimische genannt, weil damals Opimius Konsul war. Es

war dies übrigens das verhängnisvolle Jahr, in welchem der letzte der

Gracchen, Gajus, wegen der mit seinem Bruder Tiberius veranlaßten

Äckerverteilungen zugunsten der ärmeren Bürger, einen gewaltsamen

Tod fand. Selbstverständlich war das kein billiger Wein; denn nach

dem Berichte des älteren Plinius kam eine Amphore solchen Weines auf

mehr als 240000 Mark zu stehen. Da nun die Amphore 20 Liter faßte, so

kostete also der Liter dieses berühmten opimischen Weines nicht weniger

als 12000 Mark. Ein Genuß, den sich allerdings nur die Allerreichsten

der reichen Römer leisten konnten. Daß es aber damals überhaupt so alte

Jahrgänge gab, beweist, daß man sich also im Altertum weit besser auf

die Konservierung von Wein verstand als im modernen Italien, dessen

Weine kaum eine einjährige Aufbewahrung zulassen. Zu solchem Zwecke

versetzte man ihn mit dem Harz der Strandkiefer, mit Gips oder Ton,

auch Marmor- und Kalkstaub -- letzteres, um ihm die Säure zu nehmen

--, oder man kochte ihn ein, vielfach mit Zusatz von wohlriechenden

Kräutern. Der ältere Plinius rühmt speziell das Anmachen des Weins mit

Seewasser als für den Magen besonders heilsam.

Hatte zunächst in der alten Kulturwelt Griechenland lange Zeit hindurch

ein Monopol mit seinen Weinen ausgeübt, so übernahm ein solches mit

dem Beginne der christlichen Zeitrechnung das durch die römische

Weltherrschaft mächtig gewordene Italien. Zur Zeit des älteren

Plinius um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. gehörten von den 80

berühmtesten Weinlagen der damaligen Kulturwelt mehr als zwei Drittel

der italienischen Halbinsel an, die durch diesen ihren Reichtum den

Sieg über die Pflanzenschätze aller Länder davontrug mit alleiniger

Ausnahme der Gewürzpflanzenländer. „Es ist aber,“ fährt Plinius fort,

„wenn der Weinstock in Blüte steht, kein Duft lieblicher als seiner.“

Der Dichter Horaz, den Maecenas, der Freund des Kaisers Augustus,

protegierte und dem er ein Gütchen im Sabinerlande schenkte -- woher

das Wort Mäcen die Bedeutung von Beschützer und Gönner der Künste und

Wissenschaften erhielt --, hat in seinen Gedichten, die von allen

gebildeten Römern gelesen wurden, dem Falernerwein vom ~ager Falernus~

im nordwestlichen Campanien, dessen vorzüglichste Marke der Massiker

war, eine Reklame gemacht, die dem wirklichen Werte des Weines durchaus

nicht entsprach. Nach allgemeinem Urteil des Gourmets des alten Rom war

der Cäcuber an der Küste besser; doch verschwand er zu ihrem Leidwesen,

als Kaiser Nero zwischen Bajä und Ostia einen Kanal graben ließ. Als

Tischwein zog Kaiser Augustus allen andern denjenigen von Setia vor,

den auch seine Nachfolger auf dem Throne der Cäsaren begünstigten „weil

die Erfahrung lehrte, daß man von diesem Wein keine üblen Folgen zu

befürchten hat“. Livia dagegen, die Gattin des Augustus, schrieb ihre

körperliche Frische, die sie bis zu ihrem 86. Lebensjahre bewahrte, dem

Umstande zu, daß sie sich täglich an Pucinerwein erlabte. Man rühmte

im alten Rom auch die Vorzüge des Weines von Surrentum (dem heutigen

Sorrent bei Neapel); doch erklärte Kaiser Tiberius diesen Wein für

einen ganz gemeinen Essig, der seinen Ruf nur der bezahlten Lobpreisung

einer Ärzteklique verdanke. Außer dem Surrentiner und Cäcuber erklärte

Columella den Massiker und Albaner für die edelsten Weine der damaligen

Welt. Der erstere wuchs in der Nähe Neapels, der letztere dagegen in

der Nähe Roms. Julius Cäsar soll der erste gewesen sein, der seinen

Gästen zu einer Mahlzeit vier verschiedene Weine vorsetzte. Seit jener

Zeit wollte jeder reiche Römer einen wohlassortierten Weinkeller

besitzen und suchte einer den andern mit feinen Marken zu überbieten,

für die teilweise, wie wir beim alten opimischen Wein sahen, fabelhafte

Preise bezahlt wurden.

Wie zu Ende der Republik Italien geradezu ein Weinland geworden

war, das Wein ausführte, aber Getreide einführte, so gedieh die von

kleinasiatischen Griechen schon im 7. vorchristlichen Jahrhundert nach

Spanien gebrachte Rebe auch in diesem Lande vortrefflich. Nach Plinius

war der hispanische Wein auch in Rom sehr beliebt, ebenso der aus dem

südlichen Gallien stammende. Um ihn haltbarer zu machen, pflegte man

die Tonkrüge, in denen man ihn aufbewahrte, nach orientalischer und

griechischer Sitte in Rauchkammern zu räuchern oder mit Terpentin

oder Mastix zu versetzen. Solchem Weine würden wir heute ebenso wenig

Geschmack abgewinnen, als solchem der mit Meerwasser versetzt war, wie

dies besonders in Kleinasien und Griechenland geschah, ein Verfahren,

das Plinius als für den Magen heilsam bezeichnete. Auch die uralte

Sitte, den Wein in innen geharzten Ziegenschläuchen zu transportieren,

würde kaum unsern Beifall gefunden haben, da er dadurch einen

widerlichen, bockigen Beigeschmack erhielt.

In Frankreich, dem heute vorzugsweise Weinbau treibenden Lande, hat um

die altgriechische Kolonie Massalia herum, der erste Rebberg gestanden.

Hierher brachten, wenn nicht schon die Phönikier, so jedenfalls die

Phokäer ums Jahr 600 v. Chr. die Rebe. Jedenfalls war die Art ihres

Anbaues, die aus der griechischen Mutterstadt in Kleinasien -- etwas

nördlich von Smyrna gelegen -- mitgebrachte ohne Stützen und Pfähle.

Von jener ältesten Pflanzstätte des Weinbaues in Gallien verbreitete

sich diese Kultur längs der Küste, zunächst um die befestigten

Ansiedelungen herum. Und bald waren die umwohnenden Ligurer auf dieses

neue, wohlschmeckende Genußmittel erpicht, das sie im Tauschhandel

gegen die Rohprodukte ihres Landes, hauptsächlich um Vieh, Häute und

Getreide erstanden. Aber nur die Wohlhabenden konnten sich diesen Luxus

gestatten, während die Ärmeren notgedrungen bei ihrem altgewohnten

Gerstenbier verblieben.

Von der Küste drang nun der Wein und seine Kultur, wie auch

gleichzeitig diejenige des ebenfalls von den Griechen angebauten

Ölbaumes, zunächst dem Rhonetal folgend, immer weiter ins Innere

Galliens vor, so daß die Römer, die nicht bloß ein Krieger-, sondern

auch ein höchst eigennütziges Kaufmannsvolk waren, bald für ihre

Ausfuhr an Wein und Öl in jenes Land zu fürchten begannen und den

von ihnen besiegten transalpinen Galliern die Enthaltung von Öl- und

Weinbau als Friedensbedingung auferlegten. Die Folge davon war, daß

immer noch eine starke Einfuhr von italischem Wein über das inzwischen

von den Römern unterjochte Massalia stattfand, als nach den Siegen über

die Allobroger und Arverner die Gegend zwischen Pyrenäen, Cevennen und

Alpen zur römischen Provinz ~Gallia narbonensis~ erhoben wurde. Als

dann Cäsar um die Mitte des letzten vorchristlichen Jahrhunderts das

ganze übrige Gallien bis zur Nordsee und zum Rhein eroberte, drang mit

der römischen Kultur auch der Weinbau immer mehr nach Norden und Westen

vor.

So war schon zu Ende des 1. christlichen Jahrhunderts nicht nur das

südliche Gallien im Gebiete der Rhone und Garonne, sondern auch das

nördliche im Bereiche der Saône und Mosel ein eigentliches Weinland

mit besonderen Trauben- und Weinsorten, welch letztere nicht nur bei

den Germanenstämmen, sondern vielfach auch in Italien selbst Anklang

fanden und in ziemlichen Mengen dahin exportiert wurden, obschon sie

durch künstliche Behandlung mit Harz zur besseren Haltbarkeit einen

nach unseren Begriffen jedenfalls nicht sehr angenehmen Geschmack

danach besaßen. Solche anerkannt gute gallische Weine waren nach dem

älteren Plinius diejenigen der ~Gallia narbonensis~, die schon Cäsar

rühmte, dann diejenigen der Bituriger (die Vorläufer des heutigen

Bordeauxweines), der arvernische (der Auvergne) und der bäternanische

(von Frontignac).

Um nun den italienischen Weinbau gegen die Konkurrenz hauptsächlich der

gallischen Weine zu schützen, erließ Kaiser Domitian, der von 81-96

n. Chr. regierte, eine Verordnung zur Einschränkung der Weinkultur in

den Provinzen; zugleich ließ er die Hälfte der gallischen Weinberge

zerstören. Erst Kaiser Probus, der von 276-282 die Herrschaft inne

hatte, hob im Jahre 280 diese Verfügung für Gallien, Spanien und

Britannien auf und ließ in Gallien, Pannonien und Mösien zu den alten

zahlreiche neue Rebberge anlegen. Unter Aurelian und den Antoninen

wurde die ~Côte d’or~ in Westfrankreich mit Reben bepflanzt, woher die

Weine jener Gegend noch heute nach den Römern ~Romané~ heißen.

Vom 2. nachchristlichen Jahrhundert an war die Moselgegend ein Zentrum

des Weinbaus im nördlichen Gallien, das das Erzeugnis seiner Reben in

Holzfässern, wie uns verschiedene Abbildungen aus römischen Denkmälern

jener Zeit lehren, auf Schiffen und Wagen weithin ausführte. Es war

dies gegenüber den sonst von den Römern gebrauchten tönernen Gefäßen,

den Dolien und Amphoren, in denen der Wein durch eine Schicht Olivenöl,

wie heute noch der Chianti, von der atmosphärischen Luft abgeschlossen

wurde, eine wichtige Neuerung, die seinem Transport in entferntere

Gegenden sehr zugute kam. Im 4. Jahrhundert entwirft uns der römische

Dichter Ausonius von Burdigala (Bordeaux) in seinem Gedichte Mosella

ein malerisches Bild von den rebenbepflanzten Hügeln der Moselgegend,

die ihn an die Umgebung seiner Heimat Bordeaux erinnern; sie trugen in

theaterartig ansteigendem Aufbau bis zum obersten Gipfel hinauf die

grünenden Ranken und süßen Früchte. Noch Venantius Fortunatus in der

zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts stellt dem in Wogen rauschenden

Rhein die traubenreiche Mosel gegenüber. Von Trier bis Koblenz scheinen

damals alle besseren, sonnigen Lagen mit Rebbergen bestanden gewesen zu

sein.

Unter den merowingischen Königen, die auf ein gutes und reichliches

Weinlager hielten und Naturlieferung von Wein als Steuer forderten,

wie uns der fränkische Geschichtschreiber Gregor von Tours (540-594)

berichtet -- so setzte König Chilperich fest, daß jeder Besitzer von

Grund und Boden eine Amphora Weines auf jede ~aripennis~ Land gebe --,

griff der Weinbau im nördlichen Gallien immer weiter um sich. Seit dem

6. und 7. Jahrhundert haben wir zerstreute Zeugnisse dafür, die mit den

Zeiten der Karolinger immer häufiger werden. So meldet Gregor von Tours

von Bischöfen, wie z. B. Nicetius von Lyon, und Herzögen, wie Chrodin

von Dijon, daß sie mit Anlegen und Verbessern von Weinbergen dem Volke

als leuchtendes Beispiel vorangingen. Das salische Gesetz schützte

solche bereits durch Strafbestimmungen und setzte für die Winzer, wie

für andere kunstfertige unfreie Diener, auch ein höheres Wergeld fest.

Von der Moselgegend erhielten wohl die Germanen zuerst den römischen

Wein und damit auch den lateinischen Namen dafür, der althochdeutsch

~vîn~ lautet und männlich ist, wie dies hier in Gallien der Fall war,

in dessen Sprachgebrauch das Neutrum früh verloren ging. Aber erst

nach dem Untergange der Römerherrschaft empfingen sie auch die Rebe

und alle Gerätschaften und Bezeichnungen, die die Römer für deren

Kultur besessen hatten. Vor allem aber diente ihnen die aus eichenen

Dauben hergestellte Kufe (~cupa~) und das Faß keltischen Ursprungs bei

der Weinbereitung. Solche Behälter sind aber, wie die Erfahrung der

Weinbauern lehrte, um so besser, je älter sie sind. Frisch hergestellt

sind sie nicht gut zu gebrauchen; sie müssen vielmehr zur ausgiebigen

Auslaugung der löslichen Bestandteile des Holzes, die dem Wein sehr

schlecht bekommen, zunächst ein halbes Dutzend mal mit kaltem Wasser,

das man geraume Zeit in ihnen stehen läßt, behandelt und dann ebenso

oft mit heißem Wasser ausgebrüht werden. Aber auch dann wird kein

guter Edelwein in solchen frischen Fässern aufbewahrt, sondern eine

minderwertige Sorte, mit der sich das Holz sättigen kann, wodurch es

erst die Fähigkeit verliert, noch irgend welche lösliche Bestandteile

an den in ihnen lagernden Wein abzugeben.

Form und Bestandteile, die das von den Kelten Galliens übernommene Faß

beim römischen Weinbau an der Mosel besaß, sind ihm später geblieben,

als der Weinbau und die Kunst der Weinbereitung in Gärkellern zunächst

von den Klöstern übernommen wurde. In ihnen blühte demgemäß auch die

Böttcherei. Der unter Abt Gozbert zwischen 816 und 832 angefertigte

Grundriß des Klosters von St. Gallen zeigt im Bier- und Weinhaus

große und kleine Fässer, die auf starken Balkenlagen liegen, und

der 973 verstorbene St. Galler Mönch Ekkehard I., der Verfasser

des auf alte deutsche Heldenlieder zurückgehenden, in lateinischen

Hexametern geschriebenen Walthariliedes und Onkel des aus Scheffels

Roman bekannten Ekkehard II., redet von einem Ordensbruder, der mit

geschwungener Axt die Reifen aus Weidenholz vom Fasse lösen wollte.

Aber unbequem waren diese alten Fässer insofern, als sie nur eine obere

Öffnung zum Ein- und Ausfüllen besaßen. Erst allmählich sah man ein,

daß es praktischer sei, auch dem Faßboden an seiner vorderen, unteren

Stelle eine kleine Öffnung zum Abfüllen zu geben. Dieses Loch wurde

mit einem Holzzapfen geschlossen. Erst im 15. Jahrhundert wurde zum

Ablassen eine hölzerne Röhre mit drehbarem Hahn gebräuchlich, eine

Vorrichtung, die sich ohne große Änderung bis heute erhielt. Für die

Leistungen der Böttcherei im 16. Jahrhundert, um dies hier noch zu

erwähnen, reden gewisse Riesenfässer, von denen das 1591 unter Kurfürst

Johann Kasimir erbaute große Faß auf der Burg in Heidelberg den größten

Ruhm erlangte. Der Kurfürst Karl Ludwig ließ 1664 ein neues Faß

aufstellen, das dann Karl Theodor 1751 durch das jetzt noch vorhandene

221726 Liter haltende berühmte Faß ersetzte.

Kehren wir nach dieser kurzen Abschweifung technischer Art zur

Einführung des Weinbaus in Deutschland zurück, so muß hier bemerkt

werden, daß ein solcher auf deutschem Boden im Rheintal zunächst nur

in der Umgebung der römischen Kastelle und späteren Pfalzen von Bingen

bis Sinzig am linken Ufer des Stromes betrieben wurde. Gregor von

Tours bezeugt uns zum Jahre 589 Weinberge bei Zabern und eine Urkunde

von 613 Weinbau um Straßburg. Später berichtet Venantius Fortunatus

von ausgedehnten Weinbergen bei Andernach, die auf dem rechten

Rheinufer gelegen haben müssen. Der Mönch Regino hebt im Jahre 885

Koblenz, Andernach und Sinzig als Stapelplätze für den einheimischen

Wein hervor. Später waren Regensburg, Nürnberg, Bacharach und Köln

bedeutende Weinhandelsplätze.

[Illustration: Bild 44. Treten der Trauben mit den nackten Füßen und

Weinkelter. Nach einem Baseler Holzschnitt von 1548.]

Schon im letzten vorchristlichen Jahrhundert war der Weinbau nach dem

Veltlin und Südtirol vorgedrungen. Die dort gekelterten rätischen Weine

waren nach dem Dichter Vergil, der ihnen nur den Falerner vorzog,

das Lieblingsgetränk des Kaisers Augustus. Kaiser Probus, der von

276-282 regierte, ließ griechische Reben nach Pannonien, Syrmien und

in die Südtäler der Karpathen bringen und dort anpflanzen. Von Rätien

wanderte die Rebe nach Noricum und Pannonien. In Noricum, südlich

der Donaulinie, erbaute sich der heilige Severin im 5. Jahrhundert

an einem entlegenen Orte, bei den Weinbergen genannt, eine Zelle, in

welcher er als Klausner lebte. Nördlich der Donau sind die ersten

Weinberge im 7. Jahrhundert bezeugt. Bis zum 10. Jahrhundert hatten

sie in Bayern eine ziemlich große Ausdehnung erlangt. Im Laufe des 8.

Jahrhunderts bürgerte sich der Weinbau im württembergischen Unterland

um Heilbronn ein, und im 9. Jahrhundert finden wir ihn in Franken

um die alte Bischofsstadt Würzburg, ebenso in Böhmen und Mähren

verbreitet. Im 10. Jahrhundert war er über Hessen nach Thüringen, wo

ihn im Hildesheimischen besonders der kunstsinnige Bischof Bernwart

begünstigte, und gegen Ende desselben bis in die Gebiete von Werra,

Saale und Unstrut vorgedrungen. Urkunden vom Jahre 973 melden uns an

letzteren Orten von Weinbergen. Im 11. Jahrhundert gelangte der Weinbau

nach Schlesien, Brandenburg und Pommern und im 12. durch die Ritter des

deutschen Ordens sogar nach Holstein und Ostpreußen, wo er allerdings

bald wieder als unrentabel aufgegeben wurde.

Erst im 10. und 11. Jahrhundert wurden nach den auf uns gekommenen

Urkunden die heute so berühmte Weinsorten liefernden Steilgehänge

am rechten Rheinufer zwischen Mainz und Bingen mit Terrassenbau für

die Rebenkultur in Angriff genommen. Von solchen darauf gewonnenen

Weinen wird besonders der Deidesheimer, Heppenheimer, Rüdesheimer,

Asmannshauser und Niersteiner hervorgehoben. Von Elsässerweinen, die

im Mittelalter sich in Deutschland besonderer Wertschätzung erfreuten,

wird von einem St. Galler Mönche der Sigoltsheimer als stark und

anfeuernd gerühmt. In der Förderung des Weinbaus gingen überall die

Klöster als Haupterben der altrömischen Kultur den Laienkreisen voran;

es geschah dies schon aus dem Grunde, weil sie den Wein zu rituellen

Zwecken benutzten. Da sie ihn zum Abendmahle nötig hatten, ließen sie

sich dessen Anbau überall, wo sie Fuß faßten, angelegen sein. Ihnen

folgten dann zunächst die großen Grundherren, die es vorzogen, den

Wein durch ihre Hörigen selbst zu erzeugen, statt ihn wie bisher zu

teurem Preise aus Gallien zu beziehen; und erst viel später begannen

auch Bürger der Städte wie Bauern, die sich bis dahin an Met und Bier

erlabt hatten, sich in geeigneten Lagen eigene Rebberge anzulegen, um

bei festlichen Anlässen wie die Vornehmen Wein trinken zu können; denn

bis dahin hatten sie schon wegen der hohen Transportkosten nicht daran

denken können, es hierin jenen gleich zu tun.

Aber dieses deutsche Eigengewächs war in den meisten Fällen recht herb

und sauer, im Gegensatz zum feuerigen, milden, ausländischen Weine.

Deshalb pflegte man solches das ganze Mittelalter hindurch durch

Zusatz von allerlei würzigen Kräutern trinkbarer zu machen. Als solche

aromatische Zusätze nennen uns schon die altrömischen Schriftsteller,

so Columella im ersten nachchristlichen Jahrhundert, Wermut, Isop,

Stabwurz, Thymian, Fenchel, Polei und Myrte. Im Mittelalter dagegen

sind Wermut, Rosmarin, Salbei, Alant, Lavendel, Pimpernell, Fenchel,

Pfeffer- und Frauenminze die gebräuchlichsten. Im Jahre 854 rät der

Mönch Wandalbertus, Diakon der Benediktinerabtei Prüm in der Eifel,

ein Rheinländer von Geburt, in einem kürzlich von ihm aufgefundenen

lateinischen Gedicht über den Kreislauf der Jahreszeiten „den herben

Wein mit duftigen Kräutern zu versetzen, die die Fluren zu allerlei

Arznei hervorsprießen lassen und sich damit im voraus gegen die

Giftkräutlein der tückischen Stiefmütter zu sichern“. So hat man das

ganze Mittelalter hindurch solchen +Kräuterwein+ als beliebten

Gesundheitstrank getrunken. Welche Wertschätzung derselbe genoß, zeigt

der Refrain eines einst viel gesungenen mittelalterlichen Trinkliedes,

der folgendermaßen lautet:

„Er setzt das gleslein für sein mund, krauseminte, er trank es ausz

bisz auf den grund, salveie, poleie, die blümlein an der heiden,

krauseminte!“

Seit uralter Zeit war es im Orient, wo man Wohlgerüche auch in Speisen

überaus hochschätzte, Sitte gewesen, den Wein mit Würzkräutern und

duftigen Blüten zu versetzen. Die gebräuchlichsten solcher Zusätze, um

ihn zu parfümieren, waren Mastix und Myrrhen; später fanden besonders

Gewürznelken und Pfeffer Verwendung, die wie den römischen Zungen des

Altertums, so auch den deutschen des Mittelalters durch ihre Stärke

vornehmlich zusagten.

Die vornehmen Römer der Kaiserzeit ließen bei ihren Gastmählern die

von ihnen bevorzugten alten Jahrgänge des Falerners und Cäcubers

durch Rosenfilter gießen, um ihm den von ihnen so geschätzten Duft

nach jenen Blüten zu geben, wie im Orient mit Rosen parfümierter

Sirup und andere Süßigkeit von alters her beliebt waren. Und wenn die

vornehmen Römer und Griechen bei ihren Gelagen begannen berauscht zu

werden, so entblätterten sie den ihr Haupt schmückenden Rosenkranz,

um die wohlriechenden Rosenblätter in den Wein zu schütten. Mit den

aus Indien bezogenen Gewürzen bereiteten sie den ~vinum pigmentatum~

oder ~claratum~. Diese letztere Bezeichnung führte er von der Klärung

her, die man ihm zum Schlusse angedeihen ließ, um ihm ein recht

appetitliches Aussehen zu geben.

Tafel 77.

[Illustration: Hydraulische Kelter zum Pressen des Weines.

Moderne Weinfässer aus Zement mit Glaswänden.

(Weingut Dürkheim der Weinhandlung Heinrich Eckel & Cie. in München.)]

Tafel 78.

[Illustration: Faune im Geleite des Weingottes Bacchus.

(Nach einem Gemälde von P. P. Rubens in der alten Pinakothek in

München.)

Degorgieren des Champagners.]

Einen womöglich noch köstlicheren Blütennektar bereiteten sich die

Muhammedaner im Scherbet (vom arabischen ~scharab~ Trank so genannt),

den sie durch Abkochen von Rosen-, Veilchen-, Zitronen- und anderen

wohlriechenden Blüten in mit säuerlichem Limonensaft versetztem

Zuckerwasser bereiteten. Schon Muhammed hat einen solchen aus Honig und

wohlriechenden Blüten hergestellten Trank über alle anderen Genüsse

gestellt. Da er seinen Anhängern den Genuß des Weines als entnervend

verboten hatte, so hielten sie sich gern an dergleichen aromatische

süße Tränke, die bis heute in allen dem Islam verfallenen Ländern in

der verschiedensten Weise bereitet werden.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte · 第 65 / 77 段