Süddeutschland mehr und mehr von dem als vornehmer geltenden Weine
verdrängt, bis später das haltbarere, nach besseren Braumethoden
bereitete norddeutsche Bier das verlorene Terrain wieder einigermaßen
eroberte. So hatte im 16. Jahrhundert das Einbeckerbier, das auch
Luther mit Vorliebe trank, einen besonderen Ruf und wurde weithin
versandt. Nach ihm wird das heutige Bockbier genannt. Im Jahre 1591
wurde das Münchener Hofbräuhaus eröffnet, und erst vom 17. Jahrhundert
an wandte sich die bis dahin Rebbau treibende und Wein trinkende
Bevölkerung Bayerns wiederum dem Biere zu. Lagerbier braut man in
Deutschland seit dem 13. Jahrhundert. 1492 erfand Christian Mumme in
Braunschweig das nach ihm benannte Bier, das später selbst nach Indien
exportiert wurde, und 1738 kam die Gose, ein obergäriges Bier, aus
dem Dessauischen nach Eutritzsch im Sächsischen. Hier erzeugte eine
einzige Brauerei 30000 Hektoliter jährlich und versorgte mit seinem
Erzeugnis das benachbarte Leipzig. Im Jahre 1541 wurde in Nürnberg das
erste Weißbier gebraut. Sonst war das Weizenbier besonders in England
beliebt, das während des ganzen 15. Jahrhunderts von dort viel nach
Hamburg ausgeführt wurde. 1526 begann man es in Hamburg selbst zu
brauen, ebenso seit 1572 in Berlin, wo es sich zum heutigen Weißbier
entwickelte.
In England war die Anwendung des Hopfens beim Brauen von Bier bis ins
15. Jahrhundert verboten. Noch im 17. Jahrhundert erhob die Bevölkerung
von London beim Parlament Beschwerde „gegen zwei der größten Übelstände
ihrer Zeit“ -- gegen den Steinkohlengebrauch, dessen Rauch die Luft
verpeste, und gegen den Hopfenzusatz zum Biere, weil dadurch der
angenehm süßliche Geschmack dieses Getränkes verdorben werde. Ale und
Porter werden in England seit kaum mehr als hundert Jahren gebraut.
Ersteres wurde vom Braumeister Harwood erfunden und ist hell, wird
wenig gekocht, aber stark gehopft, letzteres dagegen ist dunkel und
wird durch langes Kochen aus stark gedörrtem, dunkelm Malz gewonnen,
ist daher recht vollmundig. Beide enthalten bis 8 und 9 Prozent
Alkohol, während das gewöhnliche Bier nicht mehr als 3 bis höchstens 5
Prozent dieses Stoffes enthält.
Noch heute steht Europa unter den biererzeugenden Erdteilen mit
etwa 203 Millionen Hektolitern Jahreserzeugnis weitaus an erster
Stelle; dann folgen die Vereinigten Staaten von Nordamerika mit 65
Millionen Hektolitern, Australien mit 2,5 Millionen, Südamerika mit
1,5 Millionen, Asien mit 0,6 Millionen und Afrika mit 0,15 Millionen
Hektolitern. Von den europäischen Staaten überragt das Deutsche Reich
bei einer jährlichen Produktion von annähernd 74 Millionen Hektolitern
Bier -- also mehr als einem Drittel der Weltproduktion (!) -- die
übrigen Staaten bedeutend. Ihm folgen Großbritannien und Irland mit
58 Millionen Hektolitern, Österreich-Ungarn mit 22 Millionen, Belgien
mit 16,5 Millionen, Frankreich mit 14,5 Millionen, Rußland mit 6,6
Millionen, Schweden mit 3,3 Millionen, die Schweiz mit 2,6 Millionen,
Dänemark und die Niederlande mit je 2,5 Millionen Hektolitern jährlich.
Von den 74 Millionen Hektolitern Jahresproduktion des Deutschen Reiches
entfallen auf Norddeutschland 47 Millionen, auf Süddeutschland 27
Millionen, davon auf Bayern 18,4 Millionen Hektoliter. Wenn nun auch
Deutschland das meiste Bier erzeugt, so konsumiert es gleichwohl
nicht am meisten, sondern kommt darin, auf den Kopf der Bevölkerung
berechnet, erst an dritter Stelle. Mit einem gewaltigen Vorsprung
marschieren Belgien mit 222 Litern, dann England mit 146 Litern
Bierverbrauch pro Kopf der Bevölkerung jährlich. Deutschland mit 119
Litern folgen Dänemark mit 93 Litern, die Vereinigten Staaten von
Amerika mit 76 Litern, die Schweiz mit 65 Litern, Schweden mit 52
Litern, Österreich-Ungarn mit 41 Litern, Frankreich mit 34 Litern,
Norwegen mit 14, Rußland mit 5, Spanien mit 1,3 und Italien mit 1 Liter.
Bei den Völkern des klimatisch gesegneten Mittelmeergebietes hat von
jeher der +Wein+ den Vorzug vor dem Biere erhalten, wenn letzteres
überhaupt gebräuchlich war und die Bevölkerung nicht etwa noch am
altertümlicheren Mete hing. Wie den Syrern und Kleinasiaten galt
auch den Griechen der Wein als weitaus das edelste aller gegorenen
Getränke. Schon in homerischer Zeit, d. h. vor dem Jahre 1000 v. Chr.,
stand er bei den Völkern um das Ägäische Meer in allgemeinem Gebrauch
und wird als eine natürliche Gabe des Landes vorausgesetzt. Brot,
Wein und Kleider waren für die Menschen jener Zeit die drei ersten
Lebensbedürfnisse. In der Ilias wird besonders Phrygien durch das
kennzeichnende Beiwort ~ampeloéssa~, d. h. das rebenbepflanzte,
bezeichnet, und auf dem ehernen runden Schilde des Achilleus soll unter
anderem auch eine Weinlese dargestellt gewesen sein. In der Odyssee
werden die Gärten des Alkinoos, des Königs der Phäaken, wie auch des
Odysseus als durch eine Fülle von Trauben ausgezeichnet geschildert.
In seiner Heimat auf der Insel Ithaka besaß letzterer, nach den
Mitteilungen im Epos, selbst ausgedehnte Rebberge, von deren Ertrag
die Hirten und selbst ihre Unterknechte den Wein tranken. Und als
Odysseus nach seinen langen Irrfahrten in seine Heimat zurückkehrte,
wurde er von seinem getreuen „göttlichen“ Schweinehirten Eumaios mit
Ferkelbraten und Wein bewirtet.
Eine Menge alter Landschafts- und Städtenamen des alten Griechenland
sind vom Wein und vom Rebbau abgeleitet oder führen den kennzeichnenden
Beinamen der rebenreichen als Beweis dafür, wie populär die Kultur
dieser Nutzpflanze in diesem Lande schon in sehr früher Zeit war. Auch
in späterer Zeit waren besonders reich an Rebbergen die kleinasiatische
Küste des Ägäischen Meeres und das dahinter gelegene Land, besonders
Mysien, von wo, wie Herodot berichtet, die Kunst der Weinbereitung
in grauer Vorzeit zuerst zu den wilden Thrakern, den Verehrern des
Kriegsgottes Ares, gelangte.
Die edle +Weinrebe+ (~Vitis vinifera~) war ursprünglich nicht in diesen
Gegenden heimisch, sondern sie gelangte, wie der Gott des Weines und
des Natursegens überhaupt, Dionysos, dem der ferne Orient, ja Indien,
die Heimat sein sollte, aus Westasien dahin, wo sie in den ausgedehnten
Waldungen zwischen Kaukasus, Ararat und Taurus heute noch wildwachsend
gefunden wird. Dort schlingt sie ihre aus einem bis armdick werdenden
Stamme hervorsprossenden Zweige lianenartig von Baumkrone zu Baumkrone
und läßt ihre im Naturzustande kleinen und etwas herben Trauben reifen,
die der Mensch im Laufe der Jahrhunderte durch Kulturauslese größer,
saftiger und süßer gestaltete. Dies geschah wohl zuerst irgendwo in
ihrer Heimat im Berglande Armenien. Die Bezeichnung Wein, wie auch das
lateinische ~vitis~ = Rebe scheint zur urindogermanischen Wurzel ~uei~
oder ~ui~ „sich winden“ zu gehören. Nach S. Schraders einleuchtender
Vermutung wurzelt der Name speziell im Armenischen, von wo er sich
einerseits zu den Westsemiten, andererseits über Kleinasien zu den
Balkanvölkern und von da zu den Griechen verbreitete. So ist aus dem
älteren ~uainio~ einesteils das semitische ~jáin~ und arabische ~wain~,
andernteils das phrygische ~uaina~, daraus das griechische ~oinos~
und zuletzt das lateinische ~vinum~ entstanden, aus welchem dann die
verschiedenen heutigen europäischen Bezeichnungen dieses Getränkes
hervorgingen.
Wenn wir nun auch offenkundig den indogermanischen Stämmen
Vorderasiens die Verbreitung des Namens Wein verdanken, so muß doch
die Kultur des Weinstocks älter sein als sie und ist zweifellos einem
vorarischen Volke zu verdanken, das aber jedenfalls kein semitisches
war. Charakteristischerweise nennt auch die biblische Überlieferung
keinen Semiten, sondern den gemeinsamen Ahnherrn der Semiten, Hamiten
und Japhetiten als ersten Weinbauern. Es ist dies bekanntlich Noah, der
sich nach der großen Flut (Sintflut, d. h. allgemeine Flut) am Fuße
des Berges Ararat, unweit des armenischen Hochlandes, niedergelassen
haben soll. Hier nahm er den Weinstock in Pflege und trank von dessen
vergorenem Safte. „Noah aber fing an, ward ein Bauer und pflanzte
Weinberge. Und da er vom Wein trank, ward er trunken und lag in der
Hütte nackt.“ Da sah nun sein jüngster Sohn Ham seines Vaters Scham
und sprach davon zu seinen beiden Brüdern draußen. „Da nahmen Sem und
Japhet ein Gewand, legten es auf ihre beiden Schultern und gingen
rücklings hinzu und deckten ihres Vaters Scham zu; und ihr Gesicht
war abgewandt, damit sie ihres Vaters Scham nicht sahen. Als nun Noah
erwachte von seinem Wein und erfuhr, was ihm sein kleiner Sohn getan
hatte, so verfluchte er ihn und sprach: er sei ein Knecht aller Knechte
unter seinen Brüdern.“ 1. Mose 9, 20-23. Auch später gehörte der
Wein bei seinen Nachkommen zu den Bedürfnissen des Lebens. Als Jakob
Isaak segnete, sprach er: „Gott gebe dir vom Tau des Himmels und der
Fettigkeit der Erde und Korn und Wein die Fülle.“
Nach ihrer eigenen Geschichtserzählung fanden die Juden den Rebstock
als längst eingeführte Kulturpflanze in Palästina vor, als sie ums Jahr
1250 v. Chr. dieses Land eroberten. Es sei hier nur an die Kundschafter
erinnert, die Moses aussandte, und die dann mit Trauben von seltener
Größe beladen aus dem Lande Kanaan zurückkehrten. Dort heißt es
wörtlich: „Und sie kamen bis an den Bach Eskol und schnitten daselbst
eine Rebe ab mit +einer+ Traube und ließen sie zwei an einem Stecken
tragen, dazu auch Granatäpfel und Feigen.“ 4. Mose 13, 24. Ferner an
die Verheißung Jahves, die er seinem Volke durch Mose kundtun ließ:
„Denn der Herr, dein Gott, führet dich in ein gutes Land, worinnen
Bäche, Brunnen und Seen sind, die an den Bergen und durch Auen fließen,
ein Land, da Weizen, Gerste, Weinstöcke, Öl-, Feigen- und Granatbäume
darinnen sind, da es Öl und Honig gibt, ein Land, da du Brot genug zu
essen hast und dir nichts mangelt.“ 5. Mose 8, 7 u. 8.
Solange sie selbst noch nomadische Viehzüchter waren, hatten sie
für Milch und Honig als die für sie begehrenswertesten Nahrungs- und
Genußmittel geschwärmt und sich auf ihrem Zuge durch die Wüste einen
Wohnsitz gewünscht, der ihnen solche Herrlichkeiten in Fülle böte.
Da entdeckten sie in diesem ihnen von ihrem Gotte Jahve durch Moses
gelobten Lande die großbeerigen Trauben und die daraus gepreßten
Vorräte von Wein, den die älteren unter ihnen von Ägypten her kannten
und den sie auf ihrer langen Wüstenwanderung gewiß bitter entbehrt
hatten. Sie fuhren nun fort, die eroberten Rebberge zu kultivieren
und wiederum selbst, wie einst im Lande Gosen, Wein zu keltern und in
großen Tonkrügen mit Ölabschluß oder in Schläuchen aufzubewahren, wie
solches sie und ihre Vorfahren schon in Ägypten getan hatten. Denn im
Niltale war schon zu Ende des 4. vorchristlichen Jahrtausends neben dem
älteren Gerstenbier auch der Wein als Genußmittel bekannt, der, wie
die Wandmalereien in den Grüften der Vornehmen jener Zeit bekunden,
aus im Lande selbst gezogenen Reben gekeltert wurde. Zwar berichtet
der griechische Geschichtschreiber Herodot, der um 460 v. Chr. selbst
in Ägypten war, Ägypten besitze keine Weinstöcke und bringe keinen
Wein hervor; auch sollte derselbe nach demselben Gewährsmann dort
weder getrunken, noch zum Opfer verwendet worden sein. Aber das war
zweifellos eine unrichtige Beobachtung des Griechen, der wohl nicht
sehr weit im Lande herumkam und dort das gemeine Volk nur Gerstenbier
trinken sah.
Die zahllosen Darstellungen an den Grabwänden der altägyptischen
Totenstädte und das Bild der Weinrebe, ihrer Kultur und Ernte in den
ältesten Monumenten und Papyrustexten tun uns aufs unzweideutigste
kund, daß die Rebe bereits zu Beginn des 3. vorchristlichen
Jahrtausends in ausgedehntem Maße in Ägypten kultiviert wurde. Die
Rebe und die reife Traube hießen im Altägyptischen ~aruri~, der Wein
~arp~, während die unreifen Beeren ~gangani~ und die von den Trauben
gelesenen und an der Sonne getrockneten Beeren, die auch mit Vorliebe
den Toten mitgegeben wurden, ~ashep~ genannt wurden. Solche getrocknete
Weinbeeren haben sich häufig in den altägyptischen Gräbern gefunden
und wurden auch zu Opfern verwendet. Herodot berichtet uns, daß man
dem beim Opfer an die Isis verbrannten Stier außer Weihrauch, Myrrhen,
Honig und Feigen auch solche getrocknete Weinbeeren in den Bauch tat.
Schon durch eine der ältesten hieroglyphischen Inschriften erfahren wir
von Amten, dem Oberjägermeister des Königs Snofru aus der 3. Dynastie
(um 2900 v. Chr.), daß er inmitten eines großartigen Parkes einen
Weingarten anlegte und daraus sehr viel Wein gewann. Bereits im alten
Reiche (2980-2475 v. Chr.) werden nach den Inschriften vier Sorten Wein
angeführt und nach Farbe und Ursprungsort als schwarzer, roter, weißer
und nördlicher (aus dem Delta) bezeichnet. Aus dem Papyrus Harris I.
erfahren wir, daß Ramses III. aus der 20. Dynastie (1200-1090 v. Chr.)
nicht nur in Ober- und Unterägypten, sondern auch in den verschiedenen
Oasen westlich vom Niltal Weingärten „ohne Zahl“ anlegen ließ, und
namentlich dem berühmten Weinberg ~Ka-en-kêmet~, der den ausgedehnten
Gartenanlagen des großen Ammontempels in Theben angehörte, seine
besondere Fürsorge widmete.
Bis in die Ptolemäerzeit lassen sich die Spuren einer fleißigen
Kultur der Weinrebe in Ägypten verfolgen. Die meisten Weingärten
lagen im arsinoitischen Nomos (Gau), dem heutigen Fajûm, und im
Delta. So waren bei den Griechen und Römern verschiedene Weinsorten
aus jenen Gegenden sehr berühmt, so der mareotische, plinthinische,
taniotische, sebennitische, selonnytische, ekboladische und der von
Koptos und Anthylla. Man zog die Rebe an Spalieren, in Lauben oder
an Stangen. In den Wandgemälden sind die Rebstöcke rotbraun, das
Laub grün und die Trauben meist dunkelblau, seltener blaßrot oder
blaßviolett dargestellt. Auf einem der Gemälde in der Totenstadt
Theben begießt einer der Winzer die Stöcke des Weingartens; zwei
andere pflücken Trauben, noch andere tragen sie in großen Körben von
dannen und ein Knabe verscheucht mit einer Holzklapper die daran zu
naschen versuchenden Vögel. -- Die Trauben wurden durch Austreten
mit den Füßen in Holzkufen gekeltert und der ausgepreßte Saft floß
seitlich durch einen mit Hahn verschließbaren Auslauf in die daneben
gestellten Bottiche. Um den ausgetretenen Beeren die letzten Saftreste
zu entnehmen, tat man sie in grobe Leintücher oder Bastmatten und
drehte an den beiden Enden, an denen zur größeren Kraftentfaltung
Holzstäbe staken. Der dabei ausfließende Saft wurde in großen, nach
unten spitz auslaufenden Tongefäßen aufgefangen. Auf Grabgemälden in
Beni Hassan und an andern Orten finden wir sowohl Männer als Frauen
mit solchem Auspressen der Beeren beschäftigt. Zuletzt wurde der Most
filtriert und in große, oft mehr als 1,5 m hohe Tonkrüge geleert, darin
mit Deckeln verschlossen, versiegelt, von den Schreibern notiert und
in den Vorratskammern entweder auf besondere Holzgestelle oder den
Wänden entlang in langen Reihen nebeneinander aufgestellt. An diesen
umfangreichen, teilweise zweihenkeligen Tonkrügen von sehr gefälliger
Amphorenform wurde dann zum Schluß die Aufschrift ~arp~, d. h. Wein
angebracht. Wo verschiedene Sorten nebeneinander zur Aufbewahrung
gelangten, war genau notiert, ob sie ~abs arp~, d. h. Weißwein, ~tesr
arp~, d. h. Rotwein oder sonst eine Marke enthielten, damit keine
Verwechslung möglich war. Zum täglichen Bedarfe entnahm man ihn durch
Ansaugen vermittelst langer Heber und mischte ihn nach Belieben mit
andern Weinsorten oder Wasser. So sehen wir auf einer Darstellung
der Gräberstadt von Theben einen Schenken vermittelst dreier Heber
aus Metall Wein aus drei verschiedenen kleinen Krügen, die auf einem
Gestell von drei übereinander gereihten Lagen von je vier Krügen ruhen,
entnehmen, um sie in einer auf einem Taburett stehenden flachen,
zweihenkeligen Schale zu mischen und den Gästen beim Mahle als Trank zu
reichen.
Most und Wein scheinen den alten Ägyptern vortrefflich gemundet zu
haben. An einer Wand des großen Tempels zu Edfu ist der König mit
einem Becher in der Hand dargestellt und die erläuternde Inschrift
lautet: „Man tat Weinbeeren in das Wasser, davon trinkend sprach der
König...“ In manchen altägyptischen Gedichten wird der Wein als „Seife
der Sorge“ bezeichnet, und im „Liede des Harfners“ aus dem Grabe des
altthebanischen Königs Entufe heißt es ermahnend: „Mit strahlendem
Gesicht feiere einen frohen Tag und ruhe nicht an ihm; denn niemand
nimmt seine Güter mit sich und niemand kehret wieder, der dahingegangen
ist.“ Und daß man sich trotz des so weitgehenden Totenkultes die
Freude am vollen Lebensgenuß nicht nehmen ließ, das zeigen die häufig
zur Darstellung gelangten Trinkgemälde an den Wänden altägyptischer
Gräber. Andere weisen die Folgen solcher Trinkgelage auf. So tragen
in einem Grabgemälde von Beni Hassan zwei Sklaven ihren sinnlos
betrunkenen Herrn an Kopf und Füßen gefaßt von einem Trinkgelage heim.
Ihnen folgen drei andere, über deren Köpfen regungslos ausgestreckt
der Körper seines Kumpanen liegt. Der erste der Diener hält mit der
einen Hand das schwer herabhängende Haupt des Gebieters. Neben Gelagen
von Männern der obersten Gesellschaftskreise finden wir auch solche
von Damen dargestellt. So führt uns ein Wandgemälde zu El kab in
eine mit Lotosblüten geschmückte zahlreiche Damengesellschaft. Der
Knabe, welcher die munteren Schönen bedient, reicht einer derselben
eine flache, mit Wein gefüllte Trinkschale und spricht: „Trinke bis
zum Rausche und feiere einen guten Tag; merke auf die Worte deiner
Nachbarin. Werde nicht müde.“ Einer andern Dame braucht diese
Aufforderung nicht erst gesagt zu werden. Sie ruft dem kleinen Diener
zu: „Reiche mir 18 Becher mit Wein. Siehe, ich sehne mich nach einem
Rausche! Die Stätte, an der ich weile, ist von Stroh!“ Aus solchen und
andern Äußerungen des ägyptischen Volksgeistes ersieht man, daß man
damals selbst an der Stätte des Todes den derben Humor nicht scheute.
Auf einem Grabgemälde der Totenstadt Thebens werden bei einem Gelage
mehrere Weinsorten gemischt und wir sehen zur Entnahme des Weines
mehrere lange Heber in Funktion, deren einer vom Diener eben an den
Mund gesetzt wird, um durch Ansaugen die Luft darin zu verdünnen und
den Inhalt eines Kruges zum Herausfließen zu bringen. An den großen
Festen zu Ehren der Götter floß der Wein in Strömen, so besonders
bei der Techu(d. h. Volltrink)feier und an dem bacchanalischen
Bubastisfeste, das man mit großen Opfern, Schwelgereien und sehr
ausgelassenen, uns sittenlos vorkommenden Aufführungen beging und an
welchem, wie Herodot berichtet, an einem Tage mehr Wein getrunken
wurde, als während des ganzen übrigen Jahres zusammengenommen.
In den langen an den Tempelwänden verzeichneten Geschenklisten der
Pharaonen bilden unter den liegenden Gütern auch Weinberge und
Baumgärten, wie auch Krüge mit Wein eine nicht unbedeutende Rolle. So
schenkte nach dem Papyrus Harris Ramses VII. (um 1100 v. Chr.) den
Tempeln Ober- und Unterägyptens insgesamt 514 Weinberge und Baumgärten,
und während seiner 31jährigen Regierungszeit wurden von ihm 28080
Krüge Wein für die Priester außer 228380 Krügen Rebensaft für die
Opferfonds gestiftet. Gaben an Wein nebst Brot, Kuchen und Fleisch
von Haustieren, besonders Gänsen, fehlten keinem Opfer, sei es an die
Himmlischen, sei es an die Geister vornehmer Verstorbener. Solchen
Totenopfern verdanken wir auch die Reste von Weintrauben, die mehrfach
in Form von zusammengeschrumpften schwärzlichen Rosinen von holziger
Beschaffenheit, teilweise noch mit dem bläulichen Wachsüberzug bedeckt,
auf uns gekommen sind. In manchen derselben konnte noch der einst beim
Trocknen ausgeschiedene Traubenzucker nachgewiesen werden.
Wie der Weinbau bereits zu Ende des 4. vorchristlichen Jahrtausends aus
dem mesopotamischen Hochlande über Mesopotamien und Syrien nach Ägypten
gelangt war, so wanderte er etwas später durch ganz Kleinasien, und
gelangte schließlich an die Ostküste und auf die Inseln des Ägäischen
Meeres, wo er um die Mitte des 2. vorchristlichen Jahrtausends bereits
eingeführt war. Auch die Mykenäer pflanzten schon Reben, wie uns die
Traubenkerne beweisen, die in den Ruinen der mykenischen Burgen von
Tiryns im Peloponnes und von Troja am Hellespont aus dem 16. und 15.
vorchristlichen Jahrhundert gefunden wurden. Immerhin beweist uns
ihre auffallende Kleinheit, daß die damals von ihnen gepflanzte Rebe
noch recht kleinbeerig und wenig durch Kultur veredelt war. Dasselbe
beweisen auch die Reihen mächtiger, von den Griechen ~pithoi~ genannter
Vorratskrüge aus gebranntem Ton in den Palästen von Knosos und anderer
Herrensitze aus mykenischer Zeit auf der Insel Kreta, die außer für
Getreide und Öl jedenfalls auch ganz besonders zur Aufbewahrung von
Wein gedient haben werden.
Die Kultur der Rebe scheint auf zwei verschiedenen Wegen nach
Griechenland gelangt zu sein. Der eine, ältere ging, wie erwähnt, über
Kleinasien und Thrakien, von woher die Griechen den Weinbau und den
damit zusammenhängenden Dionysoskult erhalten haben wollen. Von solchen
Reben an der thrakischen Küste bereiteten Wein tranken nach Homer die
Griechen bei der Belagerung Trojas, die ihn nach den Angaben in der
Ilias beim Genusse nicht weniger als zwanzigfach mit Wasser verdünnt
genossen. Der andere, jüngere Weg führte der Südküste Kleinasiens
entlang über die Inseln Kreta, Naxos und Chios, die ebenfalls mit dem
Dionysoskult in engerer Verbindung standen, nach dem griechischen
Festlande. Auf diesem letzteren scheinen die schiffahrtkundigen
Phönikier in erster Linie die Vermittler gewesen zu sein.
Besonders berühmt war im alten Griechenland der pramnische Wein
vom Berge Pramne auf der Insel Ikaros und der maroneische von der
thrakischen Küste, dann diejenigen der Inseln Lesbos, Kos und Thrasos.
Doch würden sie wahrscheinlich unseren Beifall nicht ganz gefunden
haben, da man sie nach uralter Sitte durch Zusatz von Harz der
Aleppokiefer (~Pinus maritima~) haltbar zu machen suchte; deshalb
bildet ein Tannenzapfen den Knauf des rebenumwundenen Thyrsosstabes,
den die Bacchanten am Feste des Gottes Dionysos mit Weinlaub bekränzt
schwangen.
Schon bei den Griechen haben sich eine Menge Sitten und Gebräuche
an die geselligen, mit Weingelagen einhergehenden Zusammenkünfte
geknüpft. Das Präsidium besaß der ~symposiárchos~, der die Sitzung
leitete und das Zutrinken bewachte. Den ersten Schluck brachte man
dem Weingotte Dionysos selbst dar, den zweiten dem Göttervater Zeus,
den dritten der Gesundheit und den vierten dem Götterboten Hermes,
dem Herrn der Nacht, dem Spender des Schlafes und der süßen Träume.
Dabei bekränzte man sich mit Weinlaub und Rosen und erfreute sich
dabei der vollkommensten Redefreiheit, die denn auch bei dem witzigen,
geistreichen Volke gehörig ausgenutzt wurde.
Mit der ausgedehnten griechischen Koloniengründung kam der Weinstock
und sein Anbau sehr früh auch nach Sizilien und Unteritalien und von da
in der Folge zu den damals noch auf Mittelitalien beschränkten Römern,
die aus dem Akkusativ des griechischen ~oínon~ den Namen ~vinum~ für
Wein bildeten. Bevor die Römer durch die unteritalischen Griechen
mit diesem Getränke bekannt gemacht wurden, kannten sie als Getränk
außer Wasser nur die Milch der Herdentiere, welche auch die ältesten
uns bekannt gewordenen Opfersatzungen dieses Volkes den Göttern zu
opfern geboten. Wenn auch nicht besonders angeführt, wird auch Met bei
festlichen Anlässen getrunken worden sein, Bier dagegen fehlte. Während
aber noch Romulus den Göttern Milch als das vornehmste Getränk opferte,
verbot schon Numa Pompilius, der zweite König von Rom, der von 715-672
v. Chr. geherrscht haben soll, bei den Totenfeiern den Holzstoß,
auf dem die Leichen verbrannt wurden, mit dem aus Großgriechenland
importierten Wein zu besprengen.