Es scheint dem Menschen das tiefgehende Bedürfnis inne zu wohnen, sich

bisweilen zu berauschen. Diese eigentümliche Neigung teilt er übrigens

mit der Tierwelt, die sich gerne, wo sie nur kann, über sich ihr

darbietende alkoholhaltige Getränke hermacht, um sich daran in einen

Rauschzustand zu versetzen. Wenn beispielsweise eine Eiche oder sonst

ein Baum infolge irgendwelcher Verletzung blutet und der austretende

Zuckersaft durch das Hinzutreten der allgegenwärtigen Hefepilze in

alkoholische Gärung gerät, so kommen die Hirschkäfer von weit und

breit angeflogen und feiern mit solcher Ausdauer ein Gelage, daß sie

oft dutzendweise völlig beduselt am Fuße des Baumes herumliegen. An

blutenden Birken mit gärendem Safte findet man stets eine Menge von

Trauermänteln, Hornissen, Fliegen und anderen Insekten, die durch ihr

absonderliches Benehmen erkennen lassen, daß ihnen die gefährliche

Flüssigkeit das Unterscheidungsvermögen geraubt hat. Gleicherweise

hat man Bienen an wässerigem und dann rasch in alkoholische Gärung

übergegangenem Honigtau sich dermaßen berauschen gesehen, daß sie den

Heimweg nicht mehr fanden und, betrunken, auf den betreffenden Bäumen

übernachteten. Wie Affen kann man bekanntlich auch Pferde und Hunde

leicht an geistige Getränke gewöhnen, so daß sie eine förmliche Sucht

danach bekommen, und selbst an frei lebenden Säugetieren, wie z. B. an

Eichhörnchen, die sich an gegorenem Eichensafte berauschten, lassen

sich derartige Neigungen beobachten.

Allerdings war es für den Menschen im Naturzustande äußerst schwierig,

sich solche Stoffe zu verschaffen, die ihn in einen derartigen Zustand

der Berauschung brachten. Beim zufälligen Genusse giftiger Pflanzen

lernte er diesen wohl zuerst kennen und suchte ihn gelegentlich später

freiwillig zu erneuern. So ist vielleicht die Tollkirsche einst bei

den Steinzeitvölkern Europas in der Weise gebraucht worden, wie heute

noch der Fliegenschwamm bei den ostsibirischen Mongolenstämmen. Wenn

diese auf niederer Kulturstufe stehenden Menschen ein Fest zu feiern

wünschen, so genießen sie eine Abkochung des giftigen Fliegenschwammes,

den sie in den Wäldern sammeln und trocknen, um ihn für solche

Gelegenheiten aufzubewahren. Dieser bringt sie in einen rauschartigen

Zustand, so daß sie taumeln und wie betrunken hinfallen. Den Weibern,

die nüchtern bleiben, da sie nichts von diesem Berauschungstranke

genießen dürfen, fällt dann die Aufgabe zu, die betreffenden Ehegatten

aufzulesen und sie unbeschädigt nach Hause zu bringen, wo sie ihren

schweren Rausch ausschlafen können. Um nun diesen mit schweren Träumen

und Delirien verbundenen Rauschzustand möglichst lange auszudehnen,

trinken jene Leute, aus dem Dusel erwachend, immer wieder ihren eigenen

Urin, in dem das Gift aus dem Körper ausgeschieden wird, bis endlich

nach mehrtägiger Vergiftung die Ernüchterung erfolgt.

Was für verschiedene Pflanzengifte die ältesten Menschen Europas zu

solchem Rausche verwandten, das steht völlig dahin. Nur das eine

wissen wir, daß der +berauschende Honigtrank+ mit der Zeit die anderen

weniger angenehmen Berauschungsmittel verdrängte und sich in späterer

vorgeschichtlicher Zeit allgemeiner Beliebtheit erfreute. Auch hier

führte der Zufall zur Entdeckung dieses Betäubungsmittels der Urzeit.

Überall sammelt der Mensch auf niederer Kulturstufe mit Vorliebe den

leckeren Honig wilder Bienen, den er, weil dessen starke Süße in

konzentrierter Form in größerer Menge seinem Geschmacke widerstand, in

Wasser verdünnt genoß. Blieb eine solche Honiglösung in einer als Gefäß

benützten dürren Kürbisschale oder sonst welchem Naturgefäß einige

Tage hindurch stehen, so begann sie durch spontane alkoholische Gärung

infolge von Hineingelangen der allgegenwärtigen Hefepilze berauschend

zu wirken. Als man diese Erfahrung gemacht hatte, stellte man

absichtlich in Wasser stark verdünnten Honig beiseite, um sich daraus

das älteste alkoholische Getränk, den +Met+, als sehr geschätztes

Berauschungsmittel zu bereiten.

Diesen Honigtrank liebten schon die Indogermanen, als sie zu Ende

der Steinzeit noch als +ein+ Volk in Norddeutschland hausten. Wie

im Sanskrit ~mádhu~ Honig und Honigtrank bedeutet, so bedeutet im

Griechischen ~méthy~ der berauschende Trank schlechthin und ~méthē~ die

Trunkenheit. Im Deutschen benutzen wir dafür das Wort Met, das wie

das altslawische ~medu~ sowohl Honig als den daraus bereiteten Trank

bedeutet. Den ältesten nachweisbaren Germanen war der aus Wildhonig

bereitete Met das beliebte Festgetränk, das noch in der Edda als die

Menschen und Götter gleicherweise erfreuend häufig genannt wird.

In einer der ältesten schriftlichen Aufzeichnungen aus Hellas, dem

orphischen Fragment 49, gibt die personifizierte Nacht dem Zeus den

Rat, den Vater Kronos, der seinerseits bereits seinen Vater Uranos

(d. h. Himmel) entthront und seine sämtlichen Kinder außer Zeus

verschlungen hatte, wenn er „honigberauscht“ unter den Eichen liege,

zu binden und zu entmannen. Es war also auch bei den Griechen, die

schon sehr früh mit dem Wein bekanntgemacht wurden, die Urzeit als

mettrinkend gedacht. Und noch in der klassischen Zeit Griechenlands

waren die in Südrußland wohnenden Skythen, wie die in Mitteleuropa

hausenden Barbaren den Griechen als Mettrinker bekannt. Bei diesen

letzteren, die uns später als Germanen entgegentreten, war es bis

ins Mittelalter hinein Pflicht des Häuptlings und Fürsten, seine

Dienstmannen, wie seine Gäste, reichlich mit diesem beliebten Getränk

zu bewirten.

Die Herstellung dieses Nationalgetränkes der Deutschen, wie Europäer

der Urzeit überhaupt, war bis in die merowingische Zeit einfach genug.

Man sott das Honigwasser, um die spätere Gärung zu beschleunigen,

und stellte es dann in offenen Gefäßen zur Ausgärung hin. Von der

Merowingerzeit an liebte man es mit würzigen Kräutern, besonders

Salbei, zu versetzen und etwas Hefe hinzuzufügen, welch letztere

nach erfolgter Wirkung wieder abgeschieden wurde. Erst im 12.

Jahrhundert hat dann das höfische Leben das bis dahin noch allgemein

herrschende Ansehen des Metes in Mitteleuropa zugunsten von Bier

und Wein herabgedrückt, bis derselbe schließlich in ganz Süd- und

Mitteldeutschland mit dem Ende des 15. Jahrhunderts völlig außer

Gebrauch kam. Nur in Norddeutschland, speziell Westfalen, und in

Rußland hat er sich als beliebtes Volksgetränk bis auf unsere Zeit

erhalten.

Etwas jüngeren Datums, wenn auch schon sehr lange im Gebrauch, ist das

+Bier+. Wie der aus Wildhonig bereitete Met vorzugsweise das Getränk

des Jägers und Viehzüchters war, so war das Bier das Getränk des

seßhaften Ackerbauers, das den Besitz von Getreide zu dessen Bereitung

voraussetzt. Nach der Ernte und zu sonstigen Festzeiten wurde dann

das, was man davon entbehren zu können glaubte, zur Herstellung dieses

beliebten Trankes verwendet, das damals noch, wie auch der Met, so

schwach an Alkoholgehalt war, daß erst größere Mengen davon berauschend

wirkten.

Das Bier wurde in der Weise hergestellt, daß man das Getreide erst

einweichte, bis die einzelnen Körner zu keimen begannen und aus dem

Stärkemehl derselben durch Fermentwirkung Zucker entstanden war. Dann

erst wurden die erweichten Körner auf der Handmühle zerquetscht und

an der Sonne oder, wie das Obst, auf einer Hürde über dem Herdfeuer

gedörrt, damit bei dem darauffolgenden Kochen kein Brei, sondern

ein zuckerreicher Extrakt entstehe. Die durch Kochen ausgezogene

Zuckerlösung wurde durch Hinzufügen des hefehaltigen Restes des

letztgebrauten Bieres zum größten Teil zu Alkohol vergoren und damit

war das Bier zum Trinken fertig.

Altgermanisch nannte man das Getränk ~alu~, was zweifellos mit ~alan~

groß, kräftig werden zusammenhängt, indem man ihm, wie dies noch in

geschichtlicher Zeit geschah, kräftigende Eigenschaften zuschrieb.

Daher heißt das Bier heute noch in Skandinavien und Dänemark Öl, wie

in England aus dem angelsächsischen ~ealu~ (altsächsisch ~alo~) ~ale~.

Bei den Engländern heißt ~alehouse~ das Bierhaus. Ein weit jüngerer

Name ist bei den Germanenstämmen das althochdeutsche ~bior~, aus

dem unsere Bezeichnung Bier sich ableitet, das durchaus nichts mit

dem lateinischen ~bibere~ trinken zu tun hat, wie manche Etymologen

fälschlicherweise heute noch annehmen.

[Illustration: Bild 43. Betrunkene Herren werden nach einem Gelage von

ihren Dienern heimgetragen.

Altägyptisches Wandgemälde in Beni Hassan bei Theben. (Nach Woenig.)]

Alle möglichen Getreidearten dienten und dienen heute noch den

verschiedenen primitiven Völkern zur Herstellung von Bier, das zum Teil

schon vor der Begründung des Ackerbaus aus wildwachsenden Getreidearten

und vor der Erfindung der Töpferei durch Erhitzen mit darein geworfenen

heißen Steinen bereitet wurde, wie letzteres beispielsweise bei den

Letten bis zum Ende des 18. Jahrhunderts noch der Fall war. Erst mit

der Zeit traf man hierin eine Auswahl des Besseren und schließlich des

Besten. Wie anderswo Hirsebier, so trank man noch im 12. Jahrhundert in

Deutschland Hafer-, Weizen- und Gerstenbier. Wo aber schon frühzeitig

vorzugsweise oder allein Gerstenbier genannt wird, so ist eben auch

nur diese in Europa älteste Anbaufrucht die ursprünglich dazu benützte

gewesen. Solchen Gerstentrank brauten schon die ältesten für uns

nachweisbaren Ägypter. Sie nannten es ~haki~ und ließen zu seiner

Herstellung, wie auch wir heute noch tun, die Gerstenkörner keimen

und gewannen so aus dem Malz eine Zuckerlösung, die durch Hefegärung

einen mäßigen Gehalt an Alkohol aufwies. Jedenfalls tranken sie dieses

Erzeugnis gerne neben dem später aufgekommenen Wein. So mahnt der

Schreiber Ani (ums Jahr 1000 v. Chr.) seinen Sohn Chunsuhotep nach

einem auf uns gekommenen Papyrus: „Versitz nicht im Bierhaus die

Zeit, und Übles vom Nächsten darfst du auch im Rausche nicht reden...

Leicht fällst du zu Boden und brichst dir die Glieder, und keiner

reicht dir die Hand zur Hilfe. Sieh deine Genossen, sie trinken und

sagen. Geh heim, der du genug getrunken!...“ In einem in den Papyri

Sallier und Anastasi uns erhaltenen Briefwechsel zwischen mehreren

Schreibern rügt Kakabu das leichtsinnige Leben seines Kollegen Anana

mit folgenden Worten: „Es ist mir gesagt worden, du verlassest das

Schrifttum, du sehnst dich nach Lustbarkeiten, du gehest von Kneipe

zu Kneipe. Der Biergeruch, wohin führt er? Man meide den Biergeruch,

da er die Leute herunterbringt und ihren Geist benachteiligt.“ Trotz

aller weiser Mahnungen muß es aber in Ägypten oft recht toll zugegangen

sein und mancher schwere Rausch mit nachfolgendem Katzenjammer hat

altägyptische Gelage beschlossen; denn gleich dem viel älteren Herodot,

der ums Jahr 460 v. Chr. Ägypten bereiste, meldet uns der griechische

Geschichtschreiber Diodoros aus Sizilien, der in der zweiten Hälfte des

letzten vorchristlichen Jahrhunderts seine „Historische Bibliothek“

in 40 Büchern schrieb, daß das von den Ägyptern aus Gerste gebraute,

als ~zýthos~ bezeichnete Bier sie so lustig mache, als ob sie Wein

getrunken hätten. Und wir finden auch tatsächlich in den bildlichen

Darstellungen an den Grabwänden drastische Beispiele für die Wirkung

dieses Gerstensaftes. In Beni Hassan sehen wir zwei Sklaven ihren Herrn

als „Bierleiche“ davontragen, und eine zweite Leiche folgt hinterher.

In einem Wandgemälde des Gräberfeldes von Theben ist eine ägyptische

Dame so mit Bier gefüllt, daß sie den Überschuß des aufgenommenen

Getränks erbricht. Besonders ausgelassen muß es nach Herodot an den

großen Festen zugegangen sein, an denen bis tief in die Nacht zu Ehren

der zu feiernden Gottheit getrunken wurde. Die auf uns gekommenen

griechischen Papyrusurkunden lehren uns, daß aber auch noch in späterer

Zeit, als schon reichlich Wein gekeltert wurde, allenthalben in Ägypten

viel Bier gebraut und getrunken wurde. Unter den prunkliebenden

Ptolemäerkönigen war die Bierbrauerei sogar ein königliches Monopol,

was gewiß nicht der Fall gewesen wäre, wenn der Ertrag aus diesem

Gewerbe nicht sehr erklecklich gewesen wäre.

Ebensolche Biertrinker wie die Ägypter waren die nichtarischen

Urbewohner Spaniens und Italiens, die Iberer und Ligurer, ebenso die

arischen Stämme der Phrygier, Thrakier und Armenier. So sagt der um 25

n. Chr. verstorbene griechische Geograph Strabon: „Die Ligurer wohnen

an der Südseite der Alpen, leben großenteils von der Milch ihrer Herden

und trinken (bei Festlichkeiten) Gerstenbier (~kríthinon póma~).“

Ebenso an einer anderen Stelle: „Die Lusitanier (im heutigen Portugal)

trinken Bier und nur selten Wein; statt des Öls gebrauchen sie Butter.

Bei Trinkgelagen tanzen sie nach dem Takt der Flöte oder Trompete und

springen dabei in die Höhe.“ Plinius dagegen sagt: „In Spanien braut

man sogar ein Bier, das sich lange hält.“ Viel früher, nämlich schon

ums Jahr 700 v. Chr., berichtet uns der Grieche Archilochos, daß die

Phrygier und Thrakier aus Gerste und dem Würzkraut ~konýzē~ ein als

~brýton~ bezeichnetes Bier brauen und trinken. Ein anderer Grieche,

Xenophon aus Athen, ein Schüler Platons, der im Jahre 400 v. Chr.

als Vierzigjähriger die zehntausend Mann griechische Truppen, welche

dem jüngeren Kyros gegen dessen Bruder Artaxerxes Mnemon zu Hilfe

gezogen und geschlagen worden waren, durch das gebirgige Armenien ans

Schwarze Meer und nach Byzanz führte, um sie von da aus zu Schiff nach

Griechenland, ihrer Heimat, befördern zu lassen, berichtet in seinem

über jenen strapaziösen Rückzug geschriebenen Bericht, der jedem

Griechisch lernenden Schüler bekannten Anábasis, daß seine Leute,

vom Karduchischen Gebirge kommend, in Dörfern rasteten, wo sie außer

anderen Vorräten auch mit „Gerstenwein“ gefüllte Gefäße fanden. In

ihnen habe noch die Gerste herumgeschwommen; zum Trinken aus diesem

Gemisch dienten Rohrhalme, durch die man die Flüssigkeit einsog, ohne

die darin befindlichen Gerstenkörner in den Mund zu bekommen. Das

Getränk sei stark und berauschend gewesen, wenn man es nicht durch

Zusatz von Wasser verdünnte; im übrigen aber hätten alle, die sich

daran gewöhnten, diesem den weintrinkenden Griechen sonderbaren Tranke

Geschmack abgewonnen.

Auch von den alten Illyriern wird uns gemeldet, daß sie ein als

~sabaja~ oder ~sabajun~ bezeichnetes Bier tranken, und von den

Pannoniern berichtet uns Priscus, als er sie im Jahre 448 n. Chr.

gelegentlich einer Gesandtschaftsreise besuchte, daß sie aus Gerste

ein als ~camum~ bezeichnetes Getränk bereiteten. Den weitaus ältesten

Bericht über das Vorkommen von Bier bei den Mitteleuropäern verdanken

wir aber dem unternehmenden griechischen Kaufmanne Pytheas aus

Massalia, dem heutigen Marseille, der zu Ende des 4. vorchristlichen

Jahrhunderts auf seiner Fahrt um die Ostküste Europas nach dem

Bernstein liefernden Norddeutschland bis in die Nordsee vordrang

und uns von den dort lebenden Stämmen berichtet, daß sie kaum

Gartengewächse und Haustiere besäßen, sich aber, außer von Kräutern,

Beeren und Wurzeln, von angebauter Hirse nährten, aus der sie ein

Getränk brauten, das neben dem aus Honig erzeugten -- also dem Met --

im Gebrauch sei.

Dann berichtet der griechische Geschichtschreiber Diodoros aus Sizilien

von den Germanen, daß sie ein meist aus Gerste gebrautes Bier trinken.

Nach ihm sagt der römische Historiker Tacitus in seiner bekannten

Schrift über Germanien: „Das Getränk der Germanen wird aus Gerste und

anderem Getreide gebraut und ist weinartig. Die am Rheinufer Wohnenden

kaufen auch Wein. Sie trinken so gierig, daß man sie ebensogut durch

Lieferung berauschender Getränke, wie durch Waffengewalt überwinden

kann.“ Schon im Altertum muß die Freude am Bier- wie am älteren

Metgenuß allen Germanenstämmen gemeinsam gewesen sein und kein Fest

wurde ohne Gelage gefeiert, an welchem diese Getränke reichlich

getrunken wurden. So erfreuen sich auch in der Edda alle Götter daran,

und der Meergott Ägir ist zugleich auch himmlischer Braumeister in

Walhalla. Er besitzt -- als Symbolisierung des Meeresbeckens, dessen

Gott er ist -- einen Riesenkessel und alljährlich einmal ladet er alle

Asen zu einer feierlichen Kneiperei ein. Aber in derselben Sammlung von

altnordischen Volksliedern, die als ältere Edda im 12. Jahrhundert auf

Island vorgenommen und niedergeschrieben wurde, wird doch auch schon

vor den schädlichen Folgen des Trinkens solcher berauschender Getränke

gewarnt. So stammt aus Odins, des Göttervaters Sprüchen, der Ausspruch,

daß zu reichlicher Met- und Biergenuß „der Sterblichen Stamme“ nichts

tauge. Vor allzu schlimmen Wirkungen sollte das Legen der „Bierrune“

oder das Tragen der Wurzel des Zauberlauches (~Allium victoralis~)

als Amulett schützen. Damals war das Trinken von Bruderschaft, das

nicht mehr wie in der Urzeit mit Blut, sondern nur mit Met oder Bier

vorgenommen wurde, eine heilige Handlung, die gegenseitiges Eintreten

bis zum Tode bedeutete.

Selbstverständlich war das ganze Altertum und frühe Mittelalter

hindurch die Bereitung des Bieres, wie auch des älteren Metes, für

die kleinen Haushaltungen der Vorzeit Sache der Hausfrau, die das

Kochen und alle übrigen Hausgeschäfte besorgte. Wie der Met war auch

das Bier nicht nur Gesellschafts-, sondern auch Opfertrank. Als der

heilige Columbanus ums Jahr 600 zu den Alamannen kam, da opferten diese

dem Wodan noch regelmäßig Met oder Bier, indem sie ihm den ersten

Ausguß weihten und den Rest zu seinen Ehren tranken. Später wurde

der Zins an die Kirchen und Klöster vielfach in Form von Bier -- in

Norddeutschland Met -- bezahlt. Der römische Naturforscher Plinius der

Ältere berichtet, daß das Bier in Spanien ~caelia~ oder ~cerea~, im

keltischen Gallien dagegen ~cervisia~ genannt und in beiden Ländern

aus verschiedenen Getreidearten gebraut werde. Doch scheint es den

an den Genuß von Wein gewöhnten Römern nicht gemundet zu haben. Auch

Kaiser Julian der Abtrünnige, der es, als er während der Mitte des 4.

Jahrhunderts in Gallien weilte, hier versuchte, spottet darüber in

einem uns noch erhaltenen Gedicht.

Diese Kelten Galliens haben das Bier, wie auch den auch von ihnen

daneben noch häufig getrunkenen Met, zuerst in aus meist eichenen

Dauben hergestellten Holzbottichen bereitet und dann in aus demselben

Material hergestellten Fässern mit einer kleinen, oberen Öffnung

kurze Zeit aufbewahrt und transportiert. Bis dahin waren bei den

Römern und Griechen, wie bei den übrigen Kulturvölkern der alten Welt,

große Tonkrüge (griechisch ~píthos~, lateinisch ~dolium~) im Gebrauch

gewesen, und diese Neuerung nahmen die umwohnenden Völker als sehr

zweckmäßig bald an. So treten uns in den Darstellungen der römischen

Denkmäler des 3. Jahrhunderts n. Chr. in der Moselgegend Kufe und

Holzfaß der Kelten auch für Bereitung, Aufbewahrung und Transport von

Wein von seiten der Römer entgegen.

Jedenfalls würde das rohe „Gegorene“, das die Kelten und Germanen

in ihren Grubenwohnungen oder sonstigen primitiven Behausungen bis

ins Mittelalter hinein tranken, uns heutigen, so überaus verwöhnten

Europäern sehr wenig munden; denn, abgesehen von allem anderen, ist

die Bierbereitung mit Zusatz von +Hopfen+ als Würze erst nach der

Zeit der Völkerwanderung aufgekommen. Zwar war es -- wie wir sahen

-- schon bei manchen der verschiedenen bierbereitenden Völker des

Altertums gebräuchlich gewesen, dem Biere noch irgend ein würziges

Kraut oder herbe Eichenrinde zur Verbesserung des sonst etwas süßlichen

Geschmackes dem einfachen Malzauszuge beizufügen; aber Hopfen befand

sich sicher nicht darunter, obschon er damals in ganz Mitteleuropa

wildwachsend angetroffen wurde und durch seine aromatisch-bitteren

Fruchtähren schon früh auffallen mußte und jedenfalls auch als

Heilmittel diente.

Der Zusatz von Hopfen zu Bier, um den Gerstentrank würziger und

heilkräftiger, zugleich aber auch haltbarer zu gestalten, verdanken

wir nach den eingehenden Untersuchungen von Kobert wohl zuerst

finnisch-ugrischen Stämmen. Bei Finnen, Letten und Esthen finden wir

bereits in alten Traditionen und Sagen die Kenntnis und Anwendung

gehopften Bieres. So wird auch in ihrem Nationalepos Kalewala, das

jahrhundertelang durch mündliche Überlieferung erhalten wurde, bis

es Lönnrot sammelte und geordnet herausgab, der Hopfen als Bierwürze

genannt. Von diesen Stämmen der Ostsee drang die Sitte, das Bier

mit Hopfen zu würzen, langsam westlich vor. Zwischen der Zeit des

Abzuges der Angeln und Sachsen von der unteren Weser und Elbe nach

England im Jahre 449 und dem Aufkommen der Karolinger als Hausmeier

im Frankenreiche der Merowinger im 7. Jahrhundert muß dieser Gebrauch

nach Westeuropa gelangt sein. Zuerst tritt er uns in nordgallischen

Klöstern um die Mitte des 8. Jahrhunderts entgegen, und es klingt

wie eine verdunkelte Erinnerung an die Einführung einer solch

wichtigen Neuerung, wenn seit dem Mittelalter die Sage ging, daß in

der Landschaft Brabant ein König Gambrinus das Würzen des Bieres mit

Hopfen erfunden habe. Nun wissen wir aus den mittelalterlichen Urkunden

jener Gegend, daß die besonders in den Klöstern amtierenden Bierbrauer

mittellateinisch ~cambarii~ und ihre Werkstatt, das Brauhaus, ~camba~

hieß. Aus diesem ~cambarius~ hat die geschäftige Legende einen König

Gambrinus gemacht; aber dieser Erfinder des gehopften Bieres trug keine

Krone, sondern den geschorenen Scheitel und die wollene Kutte eines

Mönchs. Und bei den engen Verbindungen der Klöster untereinander ist es

nicht zu verwundern, daß das Hopfenbier mehr und mehr in Aufnahme kam

und das weniger schmackhafte und haltbare ungehopfte Bier allmählich

verdrängte.

Die erste nachweisbare Erwähnung einer Hopfenpflanzung befindet sich

unter der Bezeichnung ~humularia~ in einer Schenkung Pippins des

Kleinen, des Sohnes Karl Martells und Vaters Karls des Großen, aus

dem Jahre seines Todes 768; vierhundert Jahre später war die heilige

Hildegard, Äbtissin des Klosters Rupertsberg bei Bingen (1098-1197),

der erste Autor, der den Hopfen als würzenden Zusatz zu Bier nennt. Zu

ihrer Zeit pflanzte man schon ziemlich Hopfen in Bayern, Franken und

Niedersachsen, aber erst im 14. Jahrhundert wurde die Kultur dieser

Pflanze in Deutschland von größerer Bedeutung. Während des ganzen

Mittelalters trank man in den Klöstern Europas viel Bier in mancherlei

Sorten wie Gersten-, Weizen- und Haferbier; das letztere scheint nach

den Aufzeichnungen des Klosters St. Gallen im 10. Jahrhundert das

gewöhnliche Alltagsgetränk der Mönche gewesen zu sein, und erstere

müssen mehr Festgetränke gebildet haben. In den Klöstern, wohin die

leibeigenen Bauern den Zehnten ihres Gewinnes an Vieh und Frucht

abzugeben hatten, lernte das Volk dieses Getränk kennen und schätzen.

So bildeten sich mit der Zeit in Dörfern und Städten öffentliche

Bierbrauereien, deren Erzeugnisse teilweise weithin Ruf erlangten.

Neben dem Hopfen dienten damals noch alle möglichen anderen

Pflanzenstoffe als Bierwürze, so besonders die Blätter von Esche,

Porsch, Rosmarin und Myrte. So zählt das Hausbuch von Colerus aus dem

16. Jahrhundert an „medizinalischen Bieren“ auf: Rosen-, Wermut-,

Salbei-, Beifuß-, Polei-, Isop-, Rosmarin-, Wolgemut-, Nelken-,

Lavendel-, Lorbeer-, Melissen-, Kirsch-, Haselwurz-, Eichel-,

Schlehen-, Himbeeren- und Hirschzungenbier. Auch von einem Honigbier

melden uns bereits die Konzilienbeschlüsse von Worms aus dem Jahre 868

und Tribur 895.

Je mehr nun das Trinken des gehopften Bieres aus den Klöstern in die

Laienkreise überging und besonders unter der Bürgerschaft der Städte

Aufnahme fand, um so mehr suchte die Obrigkeit seine Herstellung

zu regeln. So enthalten bereits die Königsurkunden der Merowinger

Bestimmungen über Herstellung, Aufbewahrung und Verkauf von Bier. Nach

ihnen erließen die Karolinger und die verschiedensten Herrscher des

Mittelalters Verordnungen über die Fabrikation und den Ausschank dieses

wichtigen Volksgetränkes. In den freien Reichsstädten wirkte jeweilen

der Rat in diesem Sinne und schrieb vielfach die dazu zu verwendenden

Rohstoffe vor. So ließ beispielsweise eine Verordnung der freien

Reichsstadt Nürnberg vom Jahre 1290 einzig den Gebrauch der Gerste zur

Bereitung von Bier zu und verbot Dinkel, Weizen, Roggen und Hafer dazu

zu nehmen. Im 14. Jahrhundert taten sich die Bierbrauer in den Städten

zu Zünften zusammen und wählten den mythischen König Gambrinus von

Brabant zu ihrem Schutzpatron.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte · 第 63 / 77 段