Solche einheimische Industrie besaß nun Venedig allerdings nicht;

es war vor allem Seehafen und vermittelte den Kulturvölkern des

Abendlandes die Produkte des Morgenlandes. Unter diesen war der

Pfeffer Indiens, den indische Schiffer an die Gestade des Roten Meeres

und arabische Karawanen von da den Venezianern an ihre Schiffe in

Syrien und Ägypten brachten, weitaus der wichtigste Handelsartikel.

Ja, man kann sagen, daß Venedig in erster Linie am Pfeffer, als dem

damals begehrtesten Gewürze Indiens, reich geworden ist. Deshalb lag

ihm mit besonderer Rücksicht auf dieses Gewürz alles daran, sich das

Rote Meer und Ägypten offen zu halten. Unmengen von Pfeffer wurden

im ~fondaco dei tedeschi~ in Venedig an die Agenten der reichen

Handelsherren von Augsburg und Nürnberg verkauft und auf den Rücken von

Maultieren über die Alpen nach Deutschland gebracht, wo er geradezu

die Bedeutung eines überall gangbaren Zahlmittels erlangte. Im 13. und

14. Jahrhundert nahm er entschieden den ersten Rang unter sämtlichen

Gewürzen ein; er stand so hoch im Preise, daß ärmere Leute von dem

regelmäßigen Gebrauche desselben absehen mußten und die Bezeichnung

„~cher comme poivre~“ sprichwörtlich wurde. Damals waren einige Pfund

Pfeffer ein geradezu fürstliches Geschenk.

Der sehnliche Wunsch, die so begehrten teuren Gewürze Indiens, außer

Pfeffer auch Gewürznelken, Zimt, Muskatnuß und Ingwer, auf direktem

Wege, ohne den arabischen und venezianischen Zwischenhandel, billiger

zu beziehen, trieb die Spanier und Portugiesen in erster Linie dazu

an, den direkten Wasserweg nach Ostindien durch Umschiffung Afrikas

zu finden. Und als dies dem portugiesischen Kapitän Vasco da Gama als

erstem gelang, indem er am 20. Mai 1498 in Kalikut an der Malabarküste

landete, um dann im August 1499 nach Lissabon zurückzukehren, brachte

er schon damals eine reiche Ladung indischer Gewürze mit heim. Da an

der Ware 600 Prozent verdient wurden, brach er 1502 mit 20 Schiffen

abermals nach dem Pfefferlande auf. Bei dieser Gelegenheit gründete

er Kolonien auf Mosambik und Sofala an der ostafrikanischen Küste und

kehrte 1503 mit 13 reich beladenen Schiffen, die mit nicht weniger als

5 Millionen kg Gewürz aus dem Hafen von Kalikut an der Malabarküste

ausliefen, nach Portugal zurück. Diese Ladung repräsentierte natürlich

einen ungeheuren Wert und brachte den Portugiesen zum großen Ärger der

in ihrer Haupteinnahmequelle bedrohten Venezianer ungeheuren Gewinn.

Deshalb ward Vasco da Gama 1524 von König Johann III. (inzwischen

war Emanuel I., unter dem der Seeweg nach Ostindien gefunden und das

portugiesisch-ostindische Kolonialreich begründet, dann im Jahre 1500

durch Cabral auch Brasilien entdeckt und in Besitz genommen worden war,

1521 gestorben) abermals mit 16 Schiffen nach Indien gesandt, kam aber

von dieser letzten Reise nicht mehr zurück, indem er am 24. Dezember

1524 55jährig in Kotschin an der Malabarküste starb. Er hat wie kein

anderer Portugiese seinem Vaterlande die größten Dienste geleistet

und ihm ganz wesentlich zum Höhepunkt seiner Blüte verholfen, den es

zu Beginn des 16. Jahrhunderts erklomm. Damals war Lissabon die erste

Handelsstadt Europas und verdiente an den indischen Gewürzen riesige

Summen. Aber schon unter Johann III. (gestorben 1557) sank das Reich

infolge seiner klerikalen Politik (Inquisition, Judenverfolgungen,

Einfluß der Jesuiten) und mußte seine Macht und bald auch seine

wichtigsten indischen Kolonien an die protestantischen Niederländer

abtreten.

Von dem Momente an, da die Gewürze Indiens auf dem Wasserwege direkt

nach Europa gebracht wurden, sank nun natürlich die Bedeutung Venedigs

als Hauptvermittlerin des Gewürzhandels sehr bald dahin und dafür

nahm die Hansa als Zwischenhändlerin der von Portugal eingeführten

indischen Gewürze nach Mittel- und Nordeuropa ihren Aufschwung und

machte sehr gute Geschäfte, bis die Holländer nach Besetzung der

wichtigsten portugiesischen Gewürzländer in Indien diesen Handel für

sich in Anspruch nahmen. Da sie die indischen Gewürze als ihr Monopol

ansahen und die Preise selbst bestimmten, so erhöhten sie den von den

Portugiesen gemachten Gewinn von 600 Prozent auf 1000 Prozent. Ein

solch gutes Geschäft ließen sich aber die Engländer nicht entgehen

und jagten den Holländern bei der ersten besten Gelegenheit die

Pfefferküste ab und verdrängten sie ganz aus Indien.

Merkwürdigerweise war man aber in Europa sehr skeptisch gegen diesen

ums Kap der Guten Hoffnung dahin gebrachten Pfeffer gesinnt, wie heute

noch die Hausfrauen die natürliche Vanille und andere Rohprodukte dem

künstlich hergestellten Vanillin als angeblich besser bevorzugen. Im

Jahre 1518 verbot sogar der Rat von Bonn den Verkauf solchen um Afrika

herum statt über Alexandrien und Venedig importierten Pfeffers. Nach

und nach sah man aber das Unberechtigte solchen Vorurteils ein und

benutzte ihn bald ausschließlich, weil er begreiflicherweise bedeutend

billiger zu stehen kam als der durch den arabischen Zwischenhandel

gegangene venezianische. Trotzdem aber der Pfeffer mit der Zeit

sehr billig wurde, nahm mit der Verfeinerung des Geschmackes seine

Verwendung mehr und mehr ab und ist heute auf ein Minimum gesunken.

Während des Altertums und Mittelalters waren noch einige andere

Pfefferarten bei uns im Gebrauch, so vor allem der schon von den

alten Griechen und Römern überaus geschätzte +lange Pfeffer+ (~Piper

longum~), von dem wir bereits berichteten, daß er, weil schärfer, von

jenen viel teurer als der weiße und schwarze Pfeffer bezahlt wurde. Aus

demselben Grunde, weil schärfer und beißender als der schwarze Pfeffer,

ist er auch heute noch in Asien viel beliebter als in Europa. Diese

wohl im östlichen Teil des malaiischen Archipels einheimische holzige

Kletterpflanze hat länglichovale Blätter und ihre Einzelfrüchte stehen

nicht frei an der Spindel wie diejenigen des schwarzen Pfeffers,

sondern so dicht gedrängt, daß sie beim Reifen zu einer festen Masse

zusammenwachsen. Diese Pfefferart wird auf den malaiischen Inseln,

wie auch in Vorderindien viel angebaut. So gesucht sie im Altertume

und teilweise noch im Mittelalter im Abendlande war, so gelangt sie

jetzt nur ganz ausnahmsweise in den europäischen Handel. Früher waren

auch ihre in Indien noch heute viel gebrauchten Wurzelstöcke als

„Pfefferwurzeln“ bei uns offizinell. Sie enthalten zahlreiche Ölzellen,

welche ihnen einen scharfen, aromatischen Geschmack verleihen.

Auch der einst in Europa als Gewürz viel gebrauchte +Cubebenpfeffer+

ist heute bei uns nur noch als Medikament für Entzündungen der Harnwege

und Harnblase in den Apotheken zu finden. Er stammt von einem bis 6 m

hohen, rankenden, zweihäusigen Strauch (~Piper cubeba~), dessen Heimat

Südasien, besonders Sumatra, Java und Südborneo ist. Außer hier wird

er aber auch in Westindien kultiviert. Und zwar wird er nur selten

für sich allein gepflanzt; in der Regel dient er als Zwischenpflanze

auf Kaffeeplantagen, wobei er an den Schattenbäumen zu einer recht

stattlichen Entwicklung gelangt. Seine Fruchtähren sind etwas länger

als diejenigen des schwarzen Pfeffers, die Beeren ungefähr von gleicher

Größe, aber die Früchte sitzen anfangs dicht an der Ährenspindel

und verschmälern sich erst später an ihrer Basis stielartig. Diese

Stiele sind daher nicht wie sonst von der Frucht abgegliedert. Die

Früchte, welche einen kampferartigen Geruch besitzen, schmecken weniger

scharf, als durchaus gewürzhaft und enthalten sowohl in der mittleren

Fruchtschicht als auch in der Samenschale Kristallgruppen von Cubebin,

die an der gleichen Stelle auftreten wie das Piperin in der Samenschale

von ~Piper nigrum~ und ~longum~. Sie wirken in kleinen Dosen wie

Pfeffer, regen den Appetit etwas an und befördern die Verdauung, stören

aber beide bei länger fortgesetzter Verwendung. Der Name Cubeben stammt

aus dem Hindustanischen. Sie waren in der indischen Volksmedizin schon

längst in Gebrauch, als der Orient sie auf dem Wege des Handels kennen

lernte. Die arabischen Ärzte erwähnen sie als indisches Gewürz. Von

ihnen lernte das Abendland diese Droge kennen, die vom 13. Jahrhundert

an einen namhaften Handelsartikel für Europa bildete, den vornehmlich

die Venezianer und Genuesen ihm vermittelten. Er diente hier aber

ausschließlich als ein kostbares Gewürz. Erst zu Anfang des 19.

Jahrhunderts lernten englische Offiziere auf Java von den Eingeborenen

die vorhin genannte medizinische Anwendung der Cubeben kennen, und

seit 1818 bedient man sich ihrer in Europa als Medikament, nachdem sie

als Gewürz hier schon längst außer Gebrauch gekommen waren.

Von der größten Bedeutung für die Südasiaten und deshalb in großen

Mengen angepflanzt ist der +Betelpfeffer+ (~Piper betle~). Ursprünglich

im malaiischen Archipel zu Hause, hat er sich heute über ganz

Indien, Hinterindien und Indonesien verbreitet. Hier werden seine

ovalen, brennend gewürzhaft schmeckenden Blätter, die scharfe, die

Speichelabsonderung anregende Stoffe enthalten, zum Betelkauen

verwendet, dem jedermann, Mann und Frau, alt und jung, frönt. Zu diesem

Zwecke wird ein Blatt mit Kalkmilch (aus mit Wasser abgelöschtem

gebranntem Kalk) bestrichen und darauf eine dünne, in Wasser gekochte

Querscheibe der eiförmigen Arekanuß nebst Catechu oder Gambir gelegt.

Das ganze wird zusammengerollt und dient als solches zum Kauen. Durch

den Zusatz von Kalkmilch erhält der Speichel eine gelbrote Farbe,

welche sich auch den Zähnen der Betelkauer mitteilt. Päckchen von 20-30

solcherweise präparierter und zusammengebundener Betelpfefferblätter

werden überall in Südasien zum Verkauf ausgelegt wie bei uns die

Zigarren. Der dabei zur Anwendung gelangende Catechu ist ein Extrakt

aus dem Holze der Catechuakazie und Gambir eine Abkochung der Blätter

und jungen Triebe von ~Uncaria gambir~; beide sind sehr reich an

Gerbstoff und wirken zusammenziehend auf die Schleimhaut des Mundes.

Der sogenannte +japanische Pfeffer+ entstammt einem in Japan, Korea

und Nordchina heimischen Strauche aus der Familie der Rutazeen

(~Xantophyllum piperitum~), der in zwei Klappen aufspringende Früchte

von der Größe des schwarzen Pfeffers hervorbringt, als dessen Ersatz

sie dienen. Der auch als ~Kumba~ bezeichnete +Negerpfeffer+ stammt von

einem im tropischen Westafrika häufigen Baume (~Xylopia aethiopica~)

aus der Familie der Anonazeen. Es sind die schotenartig aussehenden,

4-5 cm langen, kaum 0,5 cm dicken, walzenförmigen, meist etwas

gekrümmten, im trockenen Zustande schwarzen Früchte dieses Baumes, die

wegen ihrer Schärfe von manchen Negerstämmen mit Vorliebe zum Würzen

ihrer Speisen verwendet werden. Andere Arten der Gattung kommen in

Ostafrika und Amerika vor und werden dort vielfach auch zum Würzen

verwendet. Als +Tasmaniapfeffer+ werden in Tasmanien die Früchte des

dort und im südöstlichen Australien im Gebirge wildwachsenden, 3-4 m

hohen Strauches ~Drimys aromatica~ aus der Familie der Magnoliazeen

zum Würzen verwendet, da sie ebenfalls einen beißenden, gewürzhaften

Geschmack besitzen.

Viel wichtiger als diese, die nur eine sehr beschränkte lokale

Verwendung finden, ist der in Zentralamerika heimische +rote

spanische Pfeffer+, auch +Paprika+ genannt, von ~Capsicum annuum~,

der durch die Spanier nach Europa gelangte und daher die Bezeichnung

spanischer Pfeffer erhielt. Wie der indische Pfeffer den Hindus und

Malaien, so dient er den dortigen Indianern als beliebte Zukost zu

ihrer sonst faden Breinahrung. Diese zu deutsch Beißbeere genannte

Nachtschattenart hat sich durch lange fortgesetzte Kultur in eine große

Menge von Spielarten gespalten, deren aufgeblasene Beerenfrüchte von

Rot bis Gelb und Dunkelviolett schwanken. Sie enthalten das scharfe,

beißende Capsicin, das vor allem zu Zugpflastern bei Rheumatismus

Verwendung findet. Der +gelbe spanische Pfeffer+ (~Capsicum luteum~),

der jetzt besonders in Ostindien gepflanzt wird und als ~piment de

Mozambique~ in den Handel kommt, liefert die schärfsten Sorten, die

für europäische Zungen geradezu ungenießbar sind und bei den nicht an

deren Genuß Gewöhnten eine Schwellung von Zunge und Lippen bewirken.

Sehr scharf ist auch der rote +Cayennepfeffer+, von ~Capsicum crassum~,

~minimum~, ~baccatum~ usw., deren Früchte getrocknet und zerkleinert,

oft noch mit Salz und Weizenmehl vermischt, in den Handel kommen.

Der +Quittenpfeffer+ (~Capsicum cydoniforme~), der ~pellpepper~ der

Engländer und ~poivron~ der Franzosen, erzeugt dagegen saftige Früchte,

die fast keine Schärfe besitzen und deshalb roh oder eingemacht wie

Obst gegessen werden können. Zwischen beiden Arten liegen zahlreiche

Mittelsorten, auf die wir hier nicht näher eingehen können. In Europa

wird der Paprika besonders von denjenigen Volksstämmen bevorzugt,

die wie z. B. die Serben und Magyaren, gern rohe Gehirne von Kälbern

und Schafen verspeisen. Bekannt ist seine Verwendung zum ungarischen

Nationalgericht, dem ~Guljasch~, und zu den von den Engländern

geliebten ~mixed pickles~ und der Worchestersauce.

Ähnlich wie Paprika wird von uns auch mehr als Reizmittel zu dem an

sich keinen ausgesprochenen Geschmack besitzenden Fleisch der +Senf+

oder +Mostrich+ genossen, den schon die alten Griechen und Römer in

ähnlicher Weise benutzten. Aus der lateinischen Bezeichnung ~sinapis~

ist überhaupt das deutsche Senf entstanden, da die Römer seine

Bereitung und Anwendung in die Länder nördlich der Alpen brachten.

Gotisch heißt er ~sinap~, angelsächsisch ~senep~, althochdeutsch

~senaf~, mittelhochdeutsch ~senef~ und neuhochdeutsch ~senf~. Im

~Capitulare de villis~ Karls des Großen aus dem Jahre 812 erscheint er

als ~sinape~ unter den anzubauenden Pflanzen. Im 13. Jahrhundert finden

wir das Kraut in England im großen angebaut und dort, wie auf dem

europäischen Festland, zur Senfbereitung verwendet. Unser Speisesenf

wird von den beiden, den Kohl- und Rübenarten sehr nahe verwandten

Kreuzblütlern, dem +schwarzen+ und dem +weißen Senf+ (~Sinapis nigra~

und ~alba~) gewonnen, deren Heimat das südliche Europa, Nordafrika

und Westasien ist. In Kleinasien oder Griechenland scheint die wilde

Art, welche ursprünglich nur ein Ackerunkraut war, vom Menschen zuerst

zur Würze verwendet und später auch angepflanzt worden zu sein. Noch

im Mittelalter wurden vom Senfkraut nicht bloß die Samen verwertet,

sondern auch die Blätter als Gemüse genossen. Die Griechen nannten die

Senfpflanze ~sínēpi~, ~sínapi~ oder ~nápy~ -- dabei ist die Silbe ~si~

ein Augmentativum, um die Schärfe des Senfs noch mehr hervorzuheben

-- gleicherweise die Römer, die sie von ersteren kennen lernten,

~sinapi~. Sie pflanzten sie in ihren Gemüsegärten an. Theophrast im

3. Jahrhundert v. Chr. und Palladius im 4. Jahrhundert n. Chr. geben

uns eine Anleitung zu ihrer Kultur und sagen, daß sie im Herbst gesät

werde. Columella um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr., der sie auch

im Frühjahr zu säen rät, gibt uns das erste Rezept zur Herstellung

von Speisesenf. Er sagt: „Den sorgfältig gereinigten Samen läßt man

zwei Stunden im Wasser aufweichen und stößt ihn dann, mit den Händen

herausgenommen und ausgedrückt, in einem neuen, wohlgereinigten Mörser

klein. Darauf zieht man die ganze zerriebene Masse in der Mitte des

Mörsers zusammen, drückt sie fest, legt einige glühende Kohlen darauf,

gießt mit Soda versetztes Wasser darüber, wodurch der bittere Geschmack

beseitigt wird, läßt sodann das Wasser wieder abfließen, gießt weißen

scharfen Essig hinzu, rührt die Masse um und seiht sie durch. Die so

gewonnene Flüssigkeit ist vorzüglich zum Einmachen der Rüben dienlich.“

Sie wurde aber auch als Würze zu Fleischspeisen genossen. Palladius im

4. Jahrhundert n. Chr. rät, Senfsamen mit Honig, Olivenöl und Essig zu

mischen.

Heute wird die Senfpflanze, die der Kaiser Diokletian 301 n. Chr.

in einem Edikt anführt, nicht bloß in ganz Europa, sondern auch

in Nordamerika und Indien viel angepflanzt. Der schwarze Senf

hat eigentlich braune, kleine, kugelige Samen, der weiße dagegen

hellfarbige, viel größere, etwa fünfmal so schwere. Dazu kommt

noch eine dem schwarzen Senf ähnliche Abart mit besonders scharf

schmeckenden Samen, der besonders bei Sarepta am unteren Laufe der

Wolga in Südrußland von den dort angesiedelten württembergischen

Kolonisten angepflanzt wird und als Sareptasenf bezeichnet wird. Sie

kommt bei uns im Handel nur sehr selten vor, dagegen ist das daraus

bereitete Senfmehl ein bei uns als „englischer“ oder „russischer“ Senf

viel verwendeter Artikel.

Außer Eiweißkörpern und Öl enthalten die Samen des weißen Senfes

das kompliziert zusammengesetzte Sinalbin und ein Ferment Myrosin,

das die Eigenschaft besitzt, das Sinalbin bei Gegenwart von Wasser

chemisch zu zerlegen, so daß neben Zucker und anderen Stoffen daraus

das Sinalbinsenföl entsteht, ein geruchloses, gelbes, scharfes Öl, das

blasenziehend wirkt, weshalb der weiße Senf pulverisiert zu den lokal

starke Hautreize ausübenden Senfpflastern verwendet wird. Die Samen

des schwarzen Senfes enthalten ebenfalls Myrosin, wenn auch bedeutend

weniger als die des weißen -- weshalb es behufs besserer Ausbeute an

Senföl zweckmäßig ist, den weißen und schwarzen Senf zu mischen --,

dabei aber einen andern, ebenfalls durch Myrosin spaltbaren Körper, aus

dem das farblose, gleicherweise auf der Zunge brennende, durchdringend

scharf riechende Allylsenföl entsteht.

Die Bereitung des Speisesenfes ist nach den Ländern sehr verschieden.

Am meisten wird er wohl in dem alle solche scharfen Würzen liebenden

England hergestellt und genossen. Zu diesem Zwecke werden die Senfsamen

zerrieben und das zu 30 Prozent in ihnen enthaltene Senföl, das ein

vorzügliches Brennöl liefert, abgepreßt. Das Senfmehl wird dann

gewöhnlich mit Essig und Zucker angerührt. In Mitteleuropa nahm man im

Mittelalter meist jungen Wein, sogenannten Most (aus der lateinischen

Bezeichnung ~mustum~ hervorgegangen). Aus der Bezeichnung ~mustum

ardeum~, d. h. scharfer Most, der in den Klöstern zuerst aufkam,

entstand dann das französische ~moutarde~ und das norddeutsche

Mostrich, während die Westfalen und Rheinländer Mostard und Mostert

sagen. Noch der 1590 als Leibarzt des Kurfürsten Johann Kasimir bei

Rhein in Heidelberg verstorbene, nach seinem Geburtsort Bergzabern

Tabernaemontanus genannte Elsässer Arzt sagt uns in seinem Kräuterbuch,

daß der Speisesenf aus zerstoßenen Senfsamen und Most hergestellt

werde. Heute sind in England am geschätztesten der weiße Senf von

Cambridge und der schwarze von Yorkshire, die in den großen englischen

Senffabriken fast ausschließlich zur Verarbeitung gelangen.

Wie Senf wird zur Würzung der Saucen, die besonders den faden

Fischspeisen beigegeben werden, auch das Produkt eines anderen

Kreuzblütlers verwendet. Es sind dies die +Kapern+. Sie bestehen

aus den noch im Knospenzustande gepflückten und mit Salz in Essig

eingemachten Blüten des dornigen Kapernstrauches (~Capparis spinosa~),

die sich später weiß oder rötlich entfaltet hätten. Der bis meterhohe

Strauch ist im Mittelmeergebiet heimisch, wo er seine Zweige mit

Vorliebe an grell von der Sonne beschienenen Felsen herabhängen läßt.

Er wird deshalb der leichteren Erreichbarkeit wegen vielfach in seiner

Heimat angepflanzt. Als Surrogat dafür werden häufig die Blütenknospen

der aus Südamerika stammenden Kapuzinerkresse (~Tropaeolum

majus~) und des einheimischen Ginsters (~Spartium scoparium~),

ebenso in Norddeutschland die allerdings weniger wohlschmeckenden

Blütenknospen der überall an stehenden Gewässern und Quellen häufigen

Sumpfdotterblume (~Caltha palustris~) und die kleineren des im

Frühjahr überall häufigen, durch seine gelben Blüten auffallenden

Scharbockkrautes (~Ficaria ranunculoides~) eingemacht und gegessen.

Zu ähnlichem Zwecke dient der ebenfalls schon von den Alten als

Würze gebrauchte +Lorbeer+ in seinen aromatisch duftenden Blättern

und Früchten. Die an ausgiebigeren Gewürzen arme mittelalterliche

Küche bediente sich dazu der Sprosse stark duftender einheimischer

Lippenblütler wie +Bohnenkraut+, +Thymian+, +Salbei+, +Pfefferminze+,

+Melisse+ und +Majoran+, dann des +Rosmarins+ und +Lavendels+, durch

einen reichen Gehalt an ätherischen Ölen reicher Halbsträucher der

Felsenheide des Mittelmeergebiets -- italienisch ~machia~, französisch

~maquis~ genannt -- deren blaue beziehungsweise violette Lippenblüten

mit den daran haftenden aromatisch riechenden Blättern und Zweigen im

Altertum viel zum Winden von Kränzen benutzt wurden, mit denen man

die Bildsäulen der Laren, der wohlwollenden, schützenden Geister der

abgeschiedenen Vorfahren, schmückte. Deren Bilder wurden ursprünglich

am häuslichen Herd in einem besonderen, als ~lararium~ bezeichneten

Schrein aufbewahrt, später aber wurden diese Schutzgötter des Hauses

auch in Gärten und auf Straßen in Hermen verehrt.

Die beiden letztgenannten, durch ein wohlriechendes Öl ausgezeichneten

strauchartigen Lippenblütler Rosmarin und Lavendel empfahl schon Karl

der Große in seinen Vorschriften zur Bepflanzung der Gärten seiner

Landhäuser vom Jahre 812 und trug so wesentlich dazu bei, diese

Fremdlinge aus Italien auch nördlich der Alpen heimisch werden zu

lassen, wo sie dann keinem besseren Küchengarten des Mittelalters

fehlten, so wenig als das ebenso wohlriechende einjährige Kraut

+Basilikum+ mit hellgrünen, kleinen Blättern und weißen Lippenblüten

mit weit vorgestreckter Unterlippe, das durch die Vermittlung der

Muhammedaner aus seiner Heimat Indien nach Europa gelangte und

besonders bei den Serben und allen Südslawen überhaupt eine große Rolle

im Volksleben spielt. Jedem Leser der serbischen Volkslieder wird es

auffallen, welch große Bedeutung dem Kraute Basilikum beigelegt wird.

Noch viel wichtiger als diese heute fast ganz außer Gebrauch

gekommenen volkstümlichen Gewürze war für die mittelalterliche Küche

der ~Safran~, die aromatisch riechenden, dunkelgelben Narben des im

Orient heimischen ~Crocus sativus~, der vornehmeren Verwandten des

bescheidenen europäischen Frühlingskrokus (~Crocus vernalis~). Diese

weißblühende, kleine Lilienart ist ein Kind der sich von Kleinasien

bis Persien erstreckenden vorderasiatischen Steppe, wo sie zuerst

irgendwo ihrer duftenden, leuchtendgelben Narben wegen in menschliche

Pflege genommen wurde. Im Orient wurde der Safran seit Urzeiten

verwendet und spielte in der ältesten persischen und indischen Medizin

wegen seiner stark erregenden Wirkung als Arzneimittel, dann als

Gewürz und Färbemittel, eine sehr große Rolle. König Salomo und Homer

erwähnen ihn, der berühmte griechische Arzt Hippokrates verwendete

ihn und im ganzen Altertum galt er als König der Pflanzen. Für die

Morgenländer bildete er einen sehr wichtigen Handelsartikel, mit dem

wohl die schiffahrtkundigen Phönikier die Griechen zuerst bekannt

machten. Der bedeutendste Pflanzenkenner des Altertums, Theophrastos

von Lesbos (390-286 v. Chr.), unterscheidet in seiner uns erhaltenen

Pflanzengeschichte sehr wohl den duftenden ~Crocus sativus~ des

Morgenlandes von dem duftlosen, weißen Frühlingskrokus Attikas und

hebt den aus Nordafrika stammenden cyrenäischen Safran als besonders

gut hervor. Sonst galt sowohl bei den Griechen, als auch den Römern,

zu denen erstere den ~krókos~ gebracht hatten, der kilikische aus dem

südöstlichen Asien als der edelste.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte · 第 56 / 77 段