Ums Jahr 1625 begann sich die Schokolade in England und annähernd

gleichzeitig auch in Holland einzubürgern. Die erste Schokoladefabrik

wurde in England im Jahre 1657 errichtet; gleichzeitig entstanden

in London auch sogenannte Schokoladehäuser im Stil unserer heutigen

Kaffeehäuser. In Deutschland wurde die Schokolade durch das Buch des

bereits bei der Besprechung des Tees erwähnten holländischen Leibarztes

des Großen Kurfürsten, ~Dr.~ Kornelis Bontekoe, betitelt: „Traktat über

Gewürz, Tee, Kaffee, Schokolade, 1679“, bekannt. Er brachte ihn zuerst

nach Berlin mit. Später verbot dann Friedrich der Große die Einfuhr

von Schokolade in ganz Preußen und beauftragte den Chemiker Markgraf,

der Ähnliches schon für den Kaffee versucht hatte, ein Surrogat

derselben herzustellen, wozu er Lindenblüten benutzte. Da aber dieses

Ersatzmittel begreiflicherweise sehr wenig Anklang fand, so behauptete

sich auch hier in der Folge die Schokolade so gut als Kaffee und Tee,

die in Preußen unter Friedrich dem Großen ebenfalls durch Erzeugnisse

des eigenen Landes ersetzt werden sollten.

Die erste deutsche Schokoladefabrik wurde vom Fürsten Wilhelm von

Schaumburg-Lippe im Jahre 1756 in Steinhude errichtet, und als Arbeiter

wurden mit der Verarbeitung der Kakaobohnen vertraute Portugiesen

dahin berufen. Seither hat dieses Produkt in allen Kulturländern

immer mehr Aufnahme gefunden und sein Konsum wächst zusehends, und

zwar wird es nicht mehr nur als Leckerei genossen, sondern bildet wie

ursprünglich in Spanien und den Kreolenstaaten Südamerikas mehr und

mehr ein nahrhaftes und gesundes Volksgetränk. In Frankreich herrscht

in den besser situierten Kreisen bereits allgemein der Brauch, morgens

zum Frühstück Schokolade zu trinken, und auch in Deutschland hat

dieses wertvolle Geschenk der Tropen durchaus erfolgreich den Kampf

mit dem leider nur allzusehr eingebürgerten Bier aufgenommen. Auch

hier wird der Genuß der Schokolade als nahrhaftes und wohlschmeckendes

Frühstücksgetränk immer allgemeiner. Außerdem wächst überall der Genuß

der Speiseschokolade in sehr starkem Maße. Während noch in der Mitte

des vorigen Jahrhunderts der Kakaoverbrauch in Deutschland nur etwa 0,5

Millionen kg jährlich betrug, stieg er langsam auf 2 Millionen kg im

Jahre 1870, dann auf 5 Millionen kg bis 1890, auf 15 Millionen kg bis

1900 und erreichte in den Jahren 1906 und 1908 bereits je 35 Millionen

kg; außerdem wurden an fertigen Präparaten 671200 kg holländisches

Kakaopulver und 1061400 kg Schweizer Schokolade eingeführt. Nur Amerika

verbraucht mehr Kakao als Deutschland, das allein etwa 200 Kakao- und

Schokoladenfabriken besitzt. Zu diesen heute vom Deutschen Reiche

verbrauchten 40 Millionen kg lieferten seine tropischen Kolonien erst

etwa 2 Millionen kg Kakao im Jahr, während die Weltproduktion an

Kakaobohnen, soweit sie in den Handel gelangen, rund 150 Millionen kg

beträgt. Da aber die Gesamtkakaoindustrie bereits 145 Millionen kg

beansprucht, so ist die Kakaokultur für die tropischen Kolonien, die

sich dafür eignen, sehr aussichtsreich.

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts geschah die Fabrikation der

Schokolade ausschließlich durch Handarbeit, indem die gerösteten Bohnen

in einem metallenen Mörser zu Pulver zerstoßen und die so erhaltene

Masse mit Zucker und mancherlei Gewürz, besonders Vanille, aber

vielfach auch Zimt und Nelkenpulver vermischt, zu einem Teig geknetet

wurde, den man in irgend einer Form trocknen ließ. Seit im Jahre 1778

der Franzose Doret die erste Maschine zum Mahlen der Kakaobohnen

konstruierte, ist die Technik der dafür gebrauchten Maschinen immer

mehr verbessert worden. Dabei werden die durch Schütteln in einem

Sieb und durch strömende Luft zur Entfernung des Staubes gereinigten

Kakaobohnen auf einem zweiten Sieb in drei Gruppen gleicher Größe

geschieden, damit sie bei dem nun folgenden Röstprozesse gleichmäßig

gar werden, was bei verschiedener Größe derselben nicht zu erreichen

wäre, da die kleinen Bohnen dabei vor den großen gar würden.

Das Rösten bezweckt das eigentliche Aroma und den Geschmack der Bohnen

hervorzurufen und zugleich das Stärkemehl teilweise in leichter in

Wasser lösliches Dextrin zu verwandeln. Ferner werden dadurch die in

ihnen enthaltenen Bitterstoffe durch Zersetzung entfernt und außerdem

durch das damit verbundene Austrocknen die Schalen leichter lösbar und

die Bohnen geeigneter zum Vermahlen gemacht. Dieser Prozeß findet in

großen, um ihre Achse rotierenden Trommeln statt, wobei die Temperatur

lange nicht so hoch wie beim Brennen der Kaffeebohnen zu sein braucht.

Sie darf überhaupt eine solche von 130-140° C. nicht überschreiten;

erfahrene Arbeiter wissen am Aussehen der Bohnen genau den richtigen

Zeitpunkt zu treffen, wann die Röstung unterbrochen werden muß. Damit

kein Aroma verloren gehe und die Samenschalen sich leichter von den

Bohnen lösen, müssen die gerösteten Bohnen möglichst schnell aus den

Trommeln entfernt und abgekühlt werden, was dadurch geschieht, daß man

vermittelst eines Ventilators einen kalten Luftstrom auf die heiße

Masse richtet. Dann werden die Kakaobohnen in besonderen Maschinen

gebrochen und die leichten Samenhülsen, die etwa 12 Prozent des Samens

ausmachen, durch einen Ventilator weggeblasen und dienen als Abfall zur

Feuerung.

Die gebrochenen Kakaobohnen werden nun zwischen rotierenden Granit-,

oder neuerdings Porzellanwalzen, welche weit besser sind, gemahlen,

mit Zucker vermischt und zum Schluß die Gewürze, wie Vanille und

verschiedene ätherische Öle zur Aromatisierung beigefügt. Die durch

Erwärmen auf 35-40° C. geschmolzene Masse wird zuerst flach gewalzt

und in gleiche Teile von gewünschtem Gewicht zerschnitten, die

dann mit der Hand in Blechformen hineingedrückt werden. Wenn die

Schokoladetafeln völlig erkaltet sind, nimmt man sie aus den Formen

und verpackt sie möglichst sorgfältig in Staniol und darüber Papier

eingewickelt und versendet sie in Kisten. So, luftdicht verpackt,

können sie jahrelang aufbewahrt werden. In jüngster Zeit kommt von der

in der Herstellung von fester Eßschokolade für die ganze Kulturwelt

tonangebenden Schweiz aus immer mehr die Beigabe von Milch in die

Schokoladenmasse, wie sie die Firma Cailler in Broyes in den Freiburger

Alpen zuerst einführte, auf. Es ist dies eine äußerst glückliche von

zahlreichen anderen Schokoladefabriken sofort aufgegriffene Neuerung,

die den Wohlgeschmack und Nährwert der Eßschokolade noch bedeutend

erhöht und sie so zart macht, daß sie auf der Zunge förmlich wie

Butter zerschmilzt. Auch andere Fett- und Eiweißspender lassen sich

in sie verarbeiten; besonders scheint das Erdnußmehl als Beigabe zu

Schokolade eine große Zukunft zu haben. Auch Bananenmus ist sehr

zweckmäßig. Überhaupt stehen wir erst ganz am Anfang einer rationellen

Kakaoverwertung für den menschlichen Konsum und es lassen sich heute

alle Kombinationsmöglichkeiten dieses hervorragenden Genußmittels

überhaupt noch nicht übersehen.

Das eine ist jedenfalls heute schon ganz sicher, daß die Eßschokolade

bei den jetzigen, als billig zu bezeichnenden Preisen in Anbetracht

ihres überaus hohen Nährwerts nicht bloß eine Delikatesse oder

Leckerei, sondern ein wichtiges Nahrungsmittel darstellt. Sie ist

überhaupt das beste Verproviantierungsmittel für die Schule, für

Ausflüge und anstrengende Touren aller Art, bei denen Herz und

Muskeln ein großes Maß von Arbeit zugemutet wird. Es ist nämlich

kaum möglich in anderer Form bei gleich geringem Volumen und Gewicht

gleich viel Nahrungsstoff in Verbindung mit einem die Muskeln und das

Nervensystem zu erhöhter Arbeitsleistung anregenden Reizmittel, wie

solches die Schokolade im Theobromin in angenehmster Form darbietet,

mit sich zu führen. Und wem die Süße nicht behagt, der esse dazu, wie

dies jedermann tun sollte, Brot und so wird auch ihm die Schokolade

vortrefflich munden.

Tafel 67.

[Illustration: Frisch angelegte Saatbeete für Kakao mit Schutzdächern

gegen zu intensive Sonnenbestrahlung in Kamerun.

Junge Kakaopflanzen kurz vor der Verpflanzung in Kamerun.]

Tafel 68.

[Illustration: Junge Kakaopflanzung in Kamerun mit Bananen als

Schattenbäumen.]

Als Frühstücksgetränk verdient die Schokolade entschieden den Vorzug

vor dem bei uns bereits eingebürgerten Kaffee. Früher wurde sie

durch Aufkochen von Eßschokolade gewonnen, bis der Holländer C. J.

van Houten (1801-1887) ein Verfahren fand, durch Entfernung des

überschüssigen Fettes aus den Kakaobohnen ein Kakaopulver herzustellen,

aus dem in einfacher Weise ein schmackhaftes, auch für schwache Magen

leicht verdauliches Getränk hergestellt zu werden vermochte. Damit

sich dieses Kakaopulver nach dem Übergießen mit kochendem Wasser

möglichst ohne Satzbildung in der Flüssigkeit verteile, wurde

es nach dem Entfetten mit Alkalien behandelt. Dabei wird bis zu drei

Prozent Pottasche in die Masse hineingebracht, was von manchen Ärzten

als bedenklich für die Gesundheit beanstandet wird. Doch kann dies

jedenfalls nicht sehr schädlich sein, erhöht aber die Annehmlichkeit

des Trinkens bedeutend, indem sich ohne diese Beimischung die Masse

nur schwer im Wasser verteilt erhalten läßt und rasch einen starken

Bodensatz bildet, der durch Umrühren wieder in Suspension gebracht

werden müßte.

Tafel 69.

[Illustration: Kakaoernte in Kamerun.]

Tafel 70.

[Illustration: Ein Kakaobaum mit Früchten in allen Stadien der

Entwicklung in Kamerun.

Ein Vanillestrauch mit halbreifen Schoten in Kamerun.]

Eigentliche Ersatzmittel für Schokolade und Kakao sind nicht bekannt

geworden, während man für den Kaffee mehrere, und für den Tee viele

versucht hat. Neuere Reisende erzählen von einem schokoladeähnlichen

Getränk im Innern Afrikas, das besonders im westlichen Sudan allgemein

im Gebrauch ist. Man gewinnt es aus dem Mus der zerstoßenen Früchte der

dort +~Dodoa~+ genannten ~Parkia africana~, das man in kleine Kuchen

formt und in dieser Gestalt weithin als Tauschobjekt in den Handel

bringt; besonders werden sie von der muhammedanischen Bevölkerung des

Sudans gern gegessen. Durch Auflösen in heißem Wasser gewinnt man

daraus ein angenehm schmeckendes und gleichzeitig anregendes Getränk.

Aber diese Kuchen kommen ebensowenig nach Europa als die bereits

erwähnte +Guaranapaste+ aus den durch einen Gehalt von 2,6-3 Prozent

Koffeïn und daneben etwas Theobromin gleichfalls anregend auf das

Nervensystem wirkenden getrockneten Samen von ~Paullinia cupana~, die

als brasilianischer Kakao von den Indianern an Stelle des echten Kakaos

genossen wird.

Die Guaranapflanze ist ein in Nord- und Westbrasilien und Südvenezuela

heimischer Kletterstrauch aus der Familie der Sapindazeen oder

Seifenbaumgewächse. Sie wurde zuerst von Alexander von Humboldt

und Bonpland auf ihrer berühmten, von 1799-1804 ausgeführten Reise

am Orinoko gefunden und 1821 von Knuth beschrieben. Der Strauch

ist identisch mit der 1826 vom Botaniker Martius am Amazonenstrom

entdeckten ~Paullinia sorbilis~, wird aber nach der älteren Bezeichnung

~cupana~ genannt. ~Guaraná~ oder ~uaraná~ bedeutet in der Tupisprache

Schlingpflanze. Diese Bezeichnung übernahmen dann die Europäer von

den Indianern und bezeichneten damit den Schlingstrauch und sein

Produkt. Die Guaranapflanze klettert ohne Ranken vermöge ihrer

spreizenden Äste an den Waldbäumen in die Höhe. Die aus fünf eiförmigen

Fiederblättchen bestehenden Blätter sitzen an einem 8 cm langen Stiel.

Die unscheinbaren, kleinen, weißen Blüten stehen in den Blattachsen

in Rispen und sind kurz gestielt; aus ihnen gehen langgestielte,

haselnußgroße, mit drei Klappen aufbrechende Kapselfrüchte hervor,

die meist nur einen, fast kugeligen, dunkelbraunen, der Roßkastanie

ähnlichen Samen von 1-1,3 cm Durchmesser und 0,5-0,8 g Gewicht

bergen. Darin liegt unter einer dünnen Schale der weiße Keimling ohne

Nährgewebe, aber mit großen, halbkugeligen, im trockenen Zustande

schwer trennbaren, stärkemehlreichen Keimblättern. Neben dieser echten

Guaranapflanze gibt es in denselben Gegenden Brasiliens noch zwei

andere, ähnliche Guaranaarten, von denen die eine kleinere Blätter und

bittere Früchte als die echte hat und nur im Falle der Not von den

Indianern gesammelt wird.

Die echte Guaranapflanze wird in manchen Gegenden Brasiliens kultiviert

und meist durch Stecklinge, seltener aus Samen gezogen. Man zieht

sie an Stützen wie die Weinrebe, nur weiter auseinander. Im 3. oder

4. Jahre trägt sie schon Früchte, und von dieser Zeit an wird sie

jährlich in derselben Weise wie die Rebe beschnitten. Im Juli blüht

sie und im November werden die Früchte reif. Eine gut behandelte

Pflanze trägt über 40 Jahre hindurch durchschnittlich 2 kg Früchte

jährlich. Diese werden nach der Ernte zuerst in Wasser gelegt, um die

holzige Fruchthülle leichter entfernen zu können. Dann werden die Samen

am Feuer getrocknet und sorgfältig geröstet, in großen Holzmörsern

mit Stößern aus hartem Holz zerstampft und daraus mit Zusatz von

etwas kaltem Wasser ein feiner Teig gemacht, der in Brotlaib- oder

Wurstgestalt geformt und erst an der Sonne, hernach am Ofen getrocknet

wird. Wenn die Masse ganz fest und fast steinhart geworden ist,

wird sie als ~uaraná~ in den Handel gebracht. Sie ist braun, von

bitterem, etwas zusammenziehendem, schwach säuerlichem Geschmack

und riecht ähnlich wie gerösteter Kaffee. Im Innern Brasiliens und

im nordwestlichen Bolivien ist die Guaranapaste ein sehr wichtiger

Handelsartikel, den man dort in derselben Weise benötigt, wie den

Kaffee an der Küste. Dabei ist er sehr billig, indem 1 kg nur 1,50

Mark kostet. Er wird in derselben Weise wie Schokolade mit Wasser

bereitet unter Hinzufügen von Zucker nach Bedarf und Neigung. Zuerst

wird mit einer Raspel die für den jeweiligen Gebrauch nötige Menge von

der Paste abgefeilt und mit einem silbernen Löffel in einen Becher mit

Wasser verrührt und dann genossen. Die Eingeborenen können wohl ohne

Fleisch und Mehl, niemals aber, vom reichsten Bürger bis zum ärmsten

Hirten, ohne den geliebten Uaranátrank sein, der mit Recht von manchen

Reisenden als „brasilianischer Kakao“ bezeichnet wird. Vielfach wird

die pulverisierte Paste mit Maniokmehl zusammengestampft, zu kleinen

Broten geformt und am Feuer gebacken. Mit der Guarana, die wie der

Kakao nicht nur ein Genußmittel, sondern vermöge ihres hohen Nährwertes

ein Nahrungsmittel ist, vermögen die Indianer längere Zeit zu leben,

ohne abzumagern, und sehen dabei so gesund und kräftig aus, als ob sie

mit Fleisch genährt würden.

Nach Europa gelangte die Guaranapaste zuerst im Jahre 1817 von Rio de

Janeiro aus, indem ein französischer Gesandtschaftsoffizier dieselbe an

Cadet nach Paris sandte. 1826 wurde vom Bruder des vorhin erwähnten,

Südamerika bereisenden Martius der wirksame Stoff daraus isoliert

und als Guaranin bezeichnet; doch erkannte man 1840, daß dieser mit

dem Koffeïn identisch ist. Durch den Koffeïngehalt wirkt die Guarana

vorzüglich bei Migräne und Neuralgien und wird deshalb in der ganzen

Kulturwelt dagegen genommen. Da sie den Blutdruck steigert und damit

die Harnabsonderung vermehrt, wirkt sie auch bei Herz- und Nierenleiden

günstig. In größeren Dosen übt sie durch ihren reichen Gerbstoffgehalt

eine adstringierende Wirkung und wird deshalb wie in ihrer Heimat, so

auch bei uns gegen Abführen angewandt. Aus den Früchten ziehen die

Indianer einen schönen gelben Farbstoff aus, den sie zum Bemalen des

Gesichtes verwenden.

XIV.

Die Gewürze.

Die meisten Speisen, die der Mensch genießt, sind an sich geschmacklos,

da die einzelnen Bestandteile derselben, sowohl das Stärkemehl, als

das Eiweiß und Fett an sich keinen Geschmack oder Geruch besitzen. Nun

aber ist nicht bloß der liebliche Duft, sondern vor allem der angenehme

Geschmack einer Speise für deren Bekömmlichkeit von allergrößter

Bedeutung; denn dadurch erst werden die Verdauungssäfte in ausgiebiger

Menge zur Absonderung gebracht, so daß diese auch recht verdaut werden

kann. Deshalb haben alle Völker der Erde, soweit sie zum Hackbau und zu

einem unbesorgteren Lebensgenusse gelangten, allerlei wohlriechende und

angenehme oder scharfschmeckende Pflanzen ihrer Umgebung zur Würzung

ihrer sonst fade schmeckenden Nahrung verwendet. Je mehr nun die

Völker ihre Produkte untereinander austauschten, um so mannigfaltiger

wurde die Auswahl derselben. Und gerade die heißen Landstriche der

Erde, in denen das Pflanzenwachstum weitaus am energischsten erfolgt

und die stärksten Würzen und kräftigsten Gifte und Heilstoffe erzeugt

werden, lieferten die wirksamsten derselben. Die hier wohnenden Völker

verkauften von ihrem Überfluß an die in klimatisch weniger begünstigten

Gegenden Lebenden. So sind wir Europäer auch hierin in erster Linie den

Tropen tributpflichtig geworden. Und wenn auch die Zeiten längst dahin

sind, in denen man die fremdländischen Gewürze mit Gold und Silber

aufwog, und eine ganz unbegreifliche, heute vollständig verschwundene

Sucht nach schweren Gewürzen die Völker ergriffen hatte, so sind es

doch noch ziemlich bedeutende Summen, die jährlich für fremdländische

Gewürze ausgegeben werden. So hat z. B. Deutschland im Jahre 1908

für rund 14 Millionen Mark allerlei Gewürze aus dem Ausland bezogen.

Obenan steht unter ihnen noch immer der Pfeffer, von dem für 5661000

Mark bezogen wurde, ferner für 340000 Mark Paprika, so daß also das

deutsche Volk für das Pfeffern seiner Speisen gegen 6 Millionen Mark

ans Ausland bezahlt hat. Nächst dem Pfeffer kommen die Gewürznelken,

von denen Deutschland für 1,5 Millionen kaufte, dann Zimt für 3,5

Millionen Mark und Muskatnüsse für 1,2 Millionen Mark. Trotz des

künstlichen Vanillins wurden 90000 kg Vanilleschoten für 1260000 Mark

bezogen, ferner aus Südeuropa und Kleinasien 28200 kg Safran, wofür

1692000 Mark bezahlt wurden. Dieses ist weitaus das teuerste aller

Gewürze; denn in der Reichsstatistik für das Jahr 1907 wurde ein

Kilogramm davon mit 60 Mark bewertet; nächst ihm kommt, wenn auch erst

in weitem Abstande, die Vanille, von der das Kilogramm mit 14 Mark

bezahlt wurde.

Beginnen wir unsere Betrachtung mit diesem zweifellos feinsten und

aromatischsten aller Gewürze, der +Vanille+, deren Bekanntschaft uns

die Spanier nach der Entdeckung der Neuen Welt zuerst vermittelten.

In der Literatur Mitteleuropas erwähnt sie zuerst der französische

Botaniker Clusius (Charles de l’Ecluse, geb. 1526, von 1593 bis zu

seinem 1609 erfolgten Tode Professor der Botanik in Leiden) in einem

1605 erschienenen Werke. Wo er dieses Produkt zuerst kennen lernte,

ist nicht ersichtlich, doch muß es durch spanisch-österreichische

Vermittlung geschehen sein. Die Spanier lernten die Vanille im Bereiche

der Kakaokultur in Mexiko zuerst kennen, wo sie im östlichen Teile

des Landes ihre älteste Heimat hat. Wie wir dies heute noch bei der

Bereitung des Kakaos tun, würzten die bei ihrer Entdeckung durch die

Europäer zu recht hoher Kultur fortgeschrittenen Azteken, die Einwohner

Mexikos, ihre Schokolade, ~chocolatl~ genannt, mit der von ihnen als

~tlilxochitl~ bezeichneten Vanille, während die Spanier in der Folge

das einheimische Wort ~vaynilla~, d. h. Schötchen, für dieses ihnen

neue Gewürz in Aufnahme brachten. Im Jahre 1510 brachten sie es zum

erstenmal nach Europa, und zwar nach Spanien.

Die in den Handel gelangenden Vanilleschoten sind bekanntlich die auf

besondere Weise zubereiteten Früchte einer Orchidee, bei denen manche

Arten, wie beispielsweise die auf den Alpenwiesen wachsende Männertreu

(~Nigritella~), denselben auf der Anwesenheit des Vanillins beruhenden

Duft in den Blüten aufweisen. Von dieser über 7000 Arten umfassenden

Familie der Orchideen, die nur in 1,5 Prozent in Europa heimisch sind,

dagegen vorzugsweise die feuchten Gebirgstäler des äquatorialen und

subtropischen Amerika, wie auch Indiens und Hinterindiens bewohnen

und darin, wie beispielsweise in den Anden, bis beinahe 3300 m

emporsteigen, sind viele auf der Borke von Bäumen hoch oben auf deren

Geäst lebende Epiphyten oder Überpflanzen, die vielfach fälschlich als

Schmarotzer bezeichnet werden, was sie durchaus nicht sind, da sie sich

selbständig ernähren, ohne je ihre Wirte anzuzapfen.

Die Vanillepflanze (~Vanilla planifolia~) ist kein solcher

„hochgeborener“ Baumbewohner, sondern wie sämtliche bei uns wachsenden

Orchideen ein ursprünglich bodenständiger Erdbewohner, der sich an ihm

Stütze gewährenden Bäumen und Sträuchern emporrankt, um dann später

durch Absterben der Erdwurzeln die Verbindung mit dem Boden zu lösen

und eine durch Luftwurzeln aus der Atmosphäre lebende Überpflanze zu

werden. Diese Kletterpflanze besitzt einen runden, fingerdicken, sehr

lang werdenden, tiefgrünen Stengel, der große, dunkelgrüne, fleischige

Blätter und ihnen gegenüber je eine als Haft- und Nährorgan zugleich

dienende, blattgrünfreie und deshalb weißliche Luftwurzel, die oft

bis zur Erde herabreicht. Aus den Blattwinkeln treten die großen,

traubenförmig gestellten, gelblich- bis weißgrünen, in der Mitte etwas

aufgeblasenen, wohlriechenden Blüten hervor, die nur einen Tag geöffnet

bleiben und nach der Befruchtung durch ein bestimmtes Insekt 20-30 cm

lange, dreikantige, mit einer großen Zahl überaus kleiner, schwarzer

Samenkörner gefüllte Schotenfrüchte hervorgehen lassen.

Bevor diese völlig reif sind, d. h. wenn die vorher grünen eben gelb zu

werden beginnen, werden sie gepflückt oder abgeschnitten. Zu letzterem

Zwecke sind die Arbeiter mit einer langstieligen Schere und einem mit

Blättern ausgelegten Körbchen versehen. In diesem Zustande sind sie

noch geruchlos. Ihr feines Aroma entwickelt sich erst beim Trocknen,

das möglichst rasch zu geschehen hat. Bevor sie dieser Prozedur

unterworfen werden, taucht man sie einige Sekunden in kochendes

Wasser, um die ihnen anhaftenden Insekteneier zu vernichten und die

Entwicklung des Wohlgeruchs zu befördern. Hierauf werden die danach

tiefbraun gefärbten Früchte zuerst auf Gitterrosten erhitzt, dann an

der Sonne getrocknet und noch warm in Blechkasten gelegt, in denen

sie völlig austrocknen, wobei sie drei Viertel ihres ursprünglichen

Gewichtes verlieren. Darin bleiben sie etwa drei Monate liegen, bis sie

ihr volles Aroma entwickelt haben und durch Ausschwitzung mit feinen,

weißen Kristallnadeln aus Vanillin bedeckt sind. Dabei werden sie öfter

untersucht und diejenigen Schoten, die zu feucht sind und infolgedessen

in Gärung übergehen könnten, entfernt. Schließlich bindet man sie in

Bündel von je 50 Stück zusammen und bringt diese, in Zinnbüchsen, die

etwa 5 kg Vanille enthalten, eingelötet, in den Handel.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte · 第 54 / 77 段