diesem Zweck wird er von neuem in Wasser gelöst und, mit Knochenkohle
und Ochsenblut vermischt, in großen Kesseln gekocht. So raffiniert
wird der flüssige Zucker in Formen gegossen, in welchen eine langsame
Kristallisation stattfindet. Zuletzt werden die Formen in die
Schwitzkammern gebracht und die Melasse aus ihnen entleert; schließlich
gewinnt man reinen Zucker in Form von Kegeln oder Würfeln. Der
Preßrückstand der Zuckerrüben, die +Preßlinge+, dienen als Viehfutter.
Die Rübenzuckerindustrie ist für unsere Landwirtschaft von allergrößter
Bedeutung geworden, weil durch sie dem Boden die höchste Rente
abgewonnen wird; sie hat auch einen starken Export namentlich nach den
Vereinigten Staaten hervorgerufen, der dem Lande viel Geld einbringt.
In Deutschland bestanden im Jahre 1908 358 Rübenzuckerfabriken, die
gegen 13000 Millionen kg Zuckerrüben verarbeiteten und daraus 2135
Millionen kg Rohzucker gewannen. Damit steht dieses Land in der
Produktion des Rübenzuckers obenan. Ihm folgen der Reihe nach Rußland
mit 1470 Millionen kg, Österreich mit 1345 Millionen kg, Frankreich
mit 760 Millionen kg, Belgien mit 285 Millionen kg und endlich die
Niederlande mit 180 Millionen kg. Die Zuckerproduktion der ganzen
Welt im Betrage von etwa 11 Milliarden kg besteht zur größeren
Hälfte -- etwa 6 Milliarden kg -- aus Rübenzucker und zur kleineren
-- 5 Milliarden kg -- aus Rohrzucker. Letzterer wird besonders auf
Kuba, der Perle der Antillen, gepflanzt, das im Jahre 1906/07 allein
1486 Millionen kg Zucker aus Zuckerrohr produzierte. Java erzeugte
im Jahre 1905 1039 Millionen kg; der Süden der Vereinigten Staaten
im gleichen Jahre 342000 kg und Hawai 370 Millionen kg. Weitere
wichtige Erzeugungsländer für Rohrzucker sind Mauritius, Ägypten, die
Philippinen und Portoriko mit je 100-200 Millionen kg Produktion;
ferner China und Indien, deren Ertrag sich jedoch nicht sicher
bestimmen läßt, da sie fast ausschließlich für den eigenen bedeutenden
Konsum arbeiten.
Da das Zuckerrohr wie alle aus Stecklingen oder Pfropfreisern
auf vegetativem Wege vermehrten Pflanzen im Laufe der Zeit an
Widerstandskraft gegen äußere, schädliche Einflüsse eingebüßt hat,
so ist man bestrebt, es auch auf generativem Wege fortzupflanzen, um
dadurch weiterer Entartung desselben vorzubeugen. Zu diesem Zwecke
erforschte man genau, welche Kultursorten noch nicht so weit entartet
sind und noch normale Blüten entwickeln; dabei fanden sich bei keiner
mehr normale Verhältnisse. Selbst beim zucker- und blütenreichen
Cheribonrohr von Java waren die Pollenkörner zum größten Teile
vertrocknet, also völlig untauglich zur Bestäubung. Da benützte man zur
Befruchtung dieser noch nicht völlig in bezug auf Geschlechtsorgane
degenerierten Kultursorte den Pollen von zwei wilden Arten, dem
~Saccharum ciliatum~ und dem Kassurrohr und erzielte damit kräftige
Keimlinge, die teilweise noch eine weit größere Höhe erreichten als
ihre Muttervarietäten. Sie waren recht zuckerreich und wurden dann in
der gewöhnlichen Weise vegetativ fortgepflanzt, wobei sich die Mehrzahl
derselben sehr gut hielt. Daraus lassen sich gewiß mit der Zeit gute,
neue Kulturvarietäten entwickeln.
Vor allem waren diese auf geschlechtlichem Wege erzeugten
Zuckerrohrarten absolut frei von der in Java als Sereh bezeichneten
und sehr gefürchteten Krankheit, die sich darin äußert, daß das Rohr
niedrig bleibt und keine großen Halme mehr treibt, dafür zahlreiche
Seitentriebe erzeugt, wodurch es einer Grassorte mit wohlriechender
Wurzel, dort ~sereh~ genannt (~Andropogon schoenanthus~) sehr ähnelt,
schließlich verkümmert und abstirbt. Diese Krankheit ist nicht auf
irgend welche infektiöse Keime zurückzuführen, sondern ist eine
erbliche Entartungserscheinung, die von Jahr zu Jahr stärker wird, wenn
die Stecklinge serehkranken Rohren entnommen werden. Dagegen hilft am
besten die Kultur von aus Samenpflanzen gezogenen Stecklingen.
Von tierischen Schädlingen sind in Amerika besonders der
Zuckerrohrkäfer, dann der Zuckerrohrwickler, dessen Raupe sich
ebenfalls in das Zuckerrohr einbohrt, zwei Ameisenarten und die
Zuckerschildlaus einigermaßen gefürchtet. Außerdem werden die
mannigfachsten Pilzkrankheiten am Zuckerrohr beobachtet, so der Brand,
der rote und Blattrost, die Ananas- und Dongkellankrankheit, die
Gelbflecken-, Rotflecken-, Ring-, Augen- und Blattfleckenkrankheit der
Blätter und verschiedene andere, auf die wir hier nicht näher eingehen
können.
XI.
Der Kaffee.
Es liegt in der menschlichen Natur das instinktive Bedürfnis, gewisse
Stoffe in sich aufzunehmen, die weder als Kraftquelle dienen, noch
als Ersatzmittel für verbrauchte Körperbestandteile eine Bedeutung
haben, wohl aber eine angenehm anregende Wirkung auf das Nervensystem
ausüben und etwa vorhandene Müdigkeit oder geistige Trägheit rasch
beseitigen. Durch diese Eigenschaften sind sie dem Menschen fast
ebenso unentbehrlich wie die Nahrungsstoffe geworden, mit denen er
den stetigen Stoffverlust beim Lebensprozesse ersetzt. Unter diesen
Genußmitteln ist, abgesehen vom Alkohol, der leider durch die ihm
innewohnende Verleitung zur Unmäßigkeit eine überaus verhängnisvolle
Rolle spielt, der vom Chemiker als dreifach methyliertes Xanthin
bezeichnete Körper, eine stickstofffreie, kristallisierbare Verbindung,
die man als Koffeïn bezeichnet, die weitaus wichtigste.
Diesen durch keine besonderen Merkmale gekennzeichneten Stoff hat
der Mensch mit wunderbarem Scharfsinn überall in der ihn umgebenden
Pflanzenwelt herauszufinden vermocht, so die Araber in der Kaffeebohne,
die Chinesen im Tee, die Neger West- und Zentralafrikas in der
bitteren Kolanuß und im Mus der Dodoa, die Südafrikaner im Buschtee,
den Blättern einer Cyclopiaart, die Eingeborenen Südamerikas im Mate
oder Paraguaytee, der von den Blättern der paraguayschen Stechpalme
gewonnen wird, und in den Samen einer Guarana genannten brasilianischen
Schlingpflanze, endlich die Indianer Mittelamerikas im Kakao und
diejenigen Nordamerikas im Apalachentee, der aus den Blättern mehrerer
Stechpalmenarten, die um den mexikanischen Meerbusen wachsen, gewonnen
wird. Diese Erscheinung ist um so auffallender, als das Koffein sich
weder durch seinen Geruch, noch durch seinen Geschmack irgendwie
verraten kann, ebensowenig als das zweifach methylierte Xanthin, das
außer dem Koffeïn im Tee als Theophyllin und im Kakao und in der
Kolanuß als Theobromin vorhanden ist.
In der Auffindung all dieser koffeïn- und theobrominhaltigen
Genußmittel offenbart sich ein erstaunlicher Scharfsinn der
Naturvölker. Das allermerkwürdigste ist aber, daß es dem Menschen
gelang, alle solche die Nerven anregenden und das Müdigkeitsgefühl
beseitigenden Substanzen enthaltende Pflanzen in der Natur aufzufinden,
und zwar in jeder Pflanze wiederum den an diesen Alkaloiden reichsten
Teil herauszubekommen und nur diesen zu verwenden!
In den betreffenden Samen oder Blättern ist das Koffeïn, wie auch
die übrigen verwandten Stoffe, eine Art für die Pflanze nicht weiter
benutzbarer Ausscheidung, ein dem Harnstoff verwandtes Endprodukt des
Stoffwechsels, ähnlich wie die Purinkörper im Tierleibe, die hier
zu oft höchst bunter Färbung des Körpers, wie z. B. im mannigfachen
Gefieder der Vögel und in den Zeichnungen der Schmetterlinge und Käfer
Verwendung finden. Und zwar sind diese Stoffe in den betreffenden
Pflanzen in gerbsaurer, daher zunächst bitter schmeckender Verbindung
vorhanden.
Würdigen wir zunächst das bei uns weitaus populärste Genußmittel aus
dieser Gruppe, den +Kaffee+, ohne den die Kulturmenschen der Gegenwart
sich das Leben gar nicht mehr vorstellen könnten. Wie ist eigentlich
der Mensch auf den Genuß dieses Getränkes verfallen? Niemand vermag uns
da eine zutreffende Antwort zu geben.
In einer zu Ende des 17. Jahrhunderts in Rom geschriebenen Abhandlung
über den Kaffee berichtet uns der Italiener Fausto Naironi, daß im
Jahre 1440 ein Hirte aus dem Gallastamme in der Gebirgslandschaft
Kaffa im südlichen Abessinien, wo die Kaffeestaude dichte, buschartige
Bestände bildet, den Mönchen des benachbarten abessinischen Klosters
voller Erstaunen erzählt habe, daß seine Herde, statt wie gewöhnlich
zu schlafen, die ganze Nacht hindurch erregt herumgesprungen sei,
worauf die Mönche, welche der Ansicht waren, diese Erscheinung ließe
sich nur dadurch erklären, daß die Tiere ein besonders anregendes
Kraut gefressen hätten, bald feststellten, daß auf dem Platze, wo
die Herde geweidet hatte, eine große Anzahl von Sträuchern kürzlich
ihrer Blätter und Früchte beraubt worden waren. Sie sollen dann einige
Früchte dieser Sträucher, die nichts anderes waren als Kaffeesträucher,
gepflückt und an sich selbst die anregende Wirkung verspürt haben, so
daß sich von dieser Zeit an diejenigen Mönche, welche die Nacht im
Gebet verbringen mußten, mit dem Getränk, das sie durch Abkochen der
Früchte bereiteten, den Schlaf vertrieben. Dann soll diese Entdeckung
in weitere Kreise gedrungen und zur Kenntnis von ein paar arabischen
Kaufleuten gelangt sein, die sich sofort daran machten, dieses so
wichtige Produkt auszubeuten.
Anders als diese abessinische Sage -- denn mit einer solchen, der dazu
noch alle Anzeichen höchster Unwahrscheinlichkeit anhaftet, haben wir
es zu tun -- lautet die Legende, die die Araber über die Entdeckung
der anregenden Wirkung der Kaffeepflanze erzählen. Diese ist dem
orientalischen Geschmacke entsprechend mit solchen phantastischen
Wundern ausgeschmückt, daß es nicht der Mühe lohnt, näher darauf
einzugehen. Auch sie schreibt in letzter Linie Hirten die Entdeckung
der eigentümlich anregenden und den Schlaf verscheuchenden Wirkung der
Produkte des Kaffeestrauches zu.
Dem mag nun sein, wie ihm will, jedenfalls sind die Beeren des in
Afrika heimischen und dort in mehreren Arten noch wildwachsend
angetroffenen Kaffeestrauches im abessinischen Hochlande zuerst wegen
ihrer anregenden Wirkung auf das Nervensystem vom Menschen benutzt
worden. Bei den regen Handelsverbindungen mit Südarabien konnte es
nicht fehlen, daß das Genußmittel zu Anfang des 16. Jahrhunderts
dorthin gelangte, und zwar zuerst 1507 nach Aden und bald darauf auch
nach Mekka. Ein von Aden gebürtiger Mufti, d. h. Rechtsgelehrter,
Dhabani -- so erzählt der zu Anfang des 15. Jahrhunderts lebende
Rechtsgelehrte Scheik Abd-elkader Ansari -- sah auf einer Reise nach
Adjam an der Westküste des Roten Meeres seine Landsleute Kaffee
trinken, versuchte den Trank selbst und erfuhr dabei, daß er wach
erhält und den Schlaf vertreibt. Von diesem neuen Genußmittel brachte
er Bohnen in seine Heimat mit und verbreitete nach seiner Rückkehr
den daraus bereiteten Trank unter den Derwischen, einer Art Mönchen,
zur besseren Abhaltung der vorgeschriebenen Gebetstunden. Der Genuß
dieses Anregungsmittels griff aber bald um sich; denn er war der hier
ansässigen muhammedanischen Bevölkerung um so willkommener, als ihr
den Lehren des Korans zufolge der Genuß geistiger Getränke verboten
war. Allein wie alles Neue, so fand auch der Kaffee seine Gegner. Als
im Jahre 1511 ein neuer Statthalter, Khair Beg, nach Mekka kam, der
den aus den Kaffeebohnen bereiteten braunen Trank noch nicht kannte,
und die heiteren Kaffeegelage in den Höfen und unter den schattigen
Säulenhallen der Moscheen sah, ließ er die Leute, die diesen ihm
unbekannten Trank schlürften, auseinandertreiben. Dieses Getränk schien
ihm, weil aufregend, gegen die Satzungen des Korans zu verstoßen, und
so berief er eine Versammlung von Gelehrten, die über die Zulässigkeit
seines Genusses entscheiden sollten. Ihr präsidierten zwei Ärzte,
die Gebrüder Hakim Ani, und diese erklärten den Kaffee für „kalt und
trocken“ und deshalb verwerflich. Ihnen schloß sich die Mehrzahl der
Versammlung an, und so ward der Genuß von Kaffee verboten und die
Niederlagen desselben zerstört. Es wurde damals behauptet, daß die
Gesichter aller Kaffeetrinker einst am Tage des Gerichts noch schwärzer
erscheinen würden, als der Kaffeetopf, aus dem sie das Gift getrunken.
Wer immer des Genusses von Kaffee überführt wurde, den ließ man,
rückwärts auf einem Esel reitend und dem Spott der Menge preisgegeben,
durch die Straßen von Mekka führen. Der Statthalter berichtete über
diese seine Verordnung an den Sultan von Kairo als seinem Vorgesetzten,
der diese Verordnung guthieß. Aber da der Kaffee hier beim gemeinen
Volke wie bei den Gelehrten bereits Eingang gefunden hatte, mußte das
Dekret bald von ihm zurückgenommen und durften die Kaffeeschenken in
Mekka wieder eröffnet werden. Ja der neue Statthalter, selbst ein
eifriger Verehrer des Kaffees, scheute sich nicht, denselben öffentlich
in Gesellschaft seiner Gäste zu trinken. Diesem Beispiele folgten bald
auch andere ansehnliche Personen.
Durch die in der muhammedanischen Welt vorgeschriebenen Wallfahrten
nach Mekka wurde der Kaffee bald in Ägypten und Syrien bekannt. So
lernte Sultan Selim I., der in den Jahren 1516 und 1517 Syrien,
Palästina und Ägypten eroberte, hier den Kaffee kennen. Doch ging es
bis zum Jahre 1554, bis zwei Kaufleute, Hakim von Aleppo und Schems
von Damaskus, die ersten Kaffeehäuser in Konstantinopel errichteten.
Das Geschäft scheint sehr gut gegangen zu sein; denn schon nach
drei Jahren kehrte Schems als reicher Mann nach Damaskus zurück.
Und der wohltätige Einfluß, den das äthiopische Getränk auf die
Geistestätigkeit der es Genießenden ausübte, hatte zur Folge, daß alle
möglichen Leute, besonders Gelehrte und Beamte, selbst Paschas, in
den Kaffeehäusern, die sich bald vermehrten, zusammenströmten, so daß
diese bald Mittelpunkte des geselligen Lebens wurden und als solche
~mektâb-i-irfân~, d. h. Schulen der Gebildeten, genannt wurden. Ja,
die muhammedanischen Priester fingen an sich zu beklagen, daß die
Moscheen immer weniger, dafür aber die Kaffeehäuser immer mehr besucht
würden. Sie erklärten, daß die Kaffeehäuser für das Heil der Seele
noch verderblicher seien als die Wirtshäuser. In einer Eingabe an den
Mufti gaben sie an, der Kaffee sei eine Art Kohle, und solche zu essen
habe der Prophet im Koran verboten. Und tatsächlich wurde der Kaffee
unter Sultan Murad II. verboten. Aber man wußte sich zu helfen und
trank ihn hinter verschlossenen Türen weiter, bis ein neuer Mufti nach
Konstantinopel kam und erklärte, der Kaffee sei keine Kohle, deshalb
könne er von jedem Muselmann getrunken werden. Infolgedessen wurden
die Kaffeehäuser wieder eröffnet und mehrten sich bald dermaßen, daß
der Großvezier sie als einträgliche Steuerobjekte auffaßte. So mußte
jeder Kaffeewirt täglich 1 Zechine (venezianisches Goldstück im Werte
von etwa 16 Mark) Steuer bezahlen und durfte gleichwohl nicht mehr
als 1 Asper (= 15 Pfennigen) für eine Tasse Kaffee verlangen. Der
Großvezier Köprili ließ während der Minderjährigkeit Muhammeds IV. die
Kaffeehäuser aufs neue schließen, als er sich überzeugt hatte, daß
in ihnen zu viel politisiert wurde. Aber trotz dieser Maßregel nahm
der nun einmal populär gewordene Kaffeeverbrauch in Konstantinopel
nicht ab, da man dieses Getränk überall auf den Plätzen und in den
Straßen feilbot. Als Köprilis Nachfolger ans Ruder kam, ließ er die
Kaffeehäuser unbehelligt. Aber aus der arabischen Literatur jener Zeit,
die ebensoviel Spott- als Lobgedichte auf den Kaffee enthält, kann man
deutlich erkennen, mit welch fortwährenden Kämpfen seine Verbreitung
allenthalben in muhammedanischen Ländern errungen wurde.
Die erste Kunde von diesem braunen, das Nervensystem anregenden Getränk
brachte, soviel wir wissen, der den Orient bereisende Augsburger Arzt
Leonhard Rauwolf nach Deutschland. Er hatte ihn im Jahre 1573 in einem
Kaffeehaus in Aleppo kennen gelernt und berichtete darüber in seinem
1582 erschienenen Reisewerke, betitelt „Raiß in die Morgenländer“
folgendes: „Die Türken haben in Halepo ein gut Getränke, welliches sie
hoch halten, Chaube von ihnen genannt, das ist gar nahe wie Dinten so
schwarz und ist in gebresten, sonderlich des Magens, gar dienstlich.
Dieses pflegens am Morgen fru, auch an offenen Orten, vor jedem
manigulich, ohne alles Abschuchen (Abscheu) zu trinken, aus jrdenen und
Porzellanischen tiefen Schälein so warm als sie’s könnden erleiden,
setzend offt an, thond aber kleinen trinklein und lassens gleich
weitter, wie sie neben einander im Kreiß sitzen, herumbgehen. Dieser
Trank ist bei Ihnen sehr gemain.“
Die erste Beschreibung der Kaffeepflanze gab dem Abendlande der
gelehrte Arzt und Botaniker Prosper Alpino, Professor zu Padua, in
seinem 1592 erschienenen lateinischen Buche über die Pflanzen Ägyptens.
Er hatte nämlich bei seinem Aufenthalte zum Studium der Flora des
Niltals im Garten eines vornehmen Türken in Kairo einen Kaffeestrauch
gesehen. Er bezeichnete den Strauch als ~arbor Bon cum fructu suo
Buna~. Rauwolf hatte den Strauch als ~Bunnu~ und Bellus, der 1596 Samen
der Kaffeepflanze an Clusius gesandt hatte, als ~Bunca~ bezeichnet.
Nun muß der Name ~bunnu~ oder ein diesem ähnlicher die ursprüngliche
Bezeichnung der Kaffeepflanze gewesen sein, die die Abessinier heute
noch ~bun~ nennen. Auch die Araber bezeichnen mit ~bun~ sowohl die
Kaffeepflanze als die Kaffeebohne, während sie den aus den gerösteten
Kaffeebohnen hergestellten Trank ~kahweh~ (sprich ~kachweh~) nennen.
Dieses alte arabische Wort ist nach dem Orientalisten A. Mez
ursprünglich die Bezeichnung für Wein, die dann auf den neuen Trank
übertragen wurde. Aus dieser arabischen Benennung ist unser Wort
Kaffee entstanden, das durchaus nicht von Kaffa, der abessinischen
Provinz als der Heimat des Kaffees, abzuleiten ist. Schon der vorhin
genannte Paduaner Botaniker Prosper Alpino, der auch eine allerdings
recht unvollkommene Abbildung der Kaffeepflanze veröffentlichte, gab
an, daß aus den Früchten ein ~caova~ genanntes Getränk bereitet werde,
das anregend auf die Geistestätigkeit und die Phantasie wirke. Auch
Bellus spricht in seinem Briefe an Clusius 1596, daß die Ägypter aus
den Samen des Kaffees, die sie zuerst über Feuer rösten und dann in
einem Holzmörser fein zerstoßen, das braune Getränk ~cave~ bereiten,
und 1615 schrieb der Italiener Pietro della Valle seinen Verwandten in
der Heimat von diesem von ihm als ~kawhe~ bezeichneten neuen Getränk,
es sei von schwarzer Farbe, wirke im Sommer kühlend, im Winter dagegen
erwärmend.
Abgesehen vom türkischen, also noch durchaus zum Orient gehörenden
Konstantinopel, war die durch ihren immer noch regen Handel mit dem
muhammedanischen Morgenlande in Verbindung stehende Stadt Venedig
der erste abendländische Ort, in welchem Kaffee getrunken wurde.
Es war dies im Jahre 1624. Doch kamen erst 1642 größere Mengen
dieses Genußmittels nach Venedig, und 1645 wurde daselbst das erste
Kaffeehaus errichtet. Aber erst zu Ende des 17. Jahrhunderts kam das
den Muhammedanern entlehnte Getränk in den Städten Italiens wenigstens
bei den Vornehmen, die ihn zu bezahlen vermochten, in Mode und wurden
die Kaffeehäuser in Italien zahlreicher. Nach Frankreich kam der Kaffee
im Jahre 1644, und zwar nach Marseille, wo 1659 das erste Kaffeehaus
errichtet wurde. Auch in England führte sich der Kaffee rasch ein;
1650 bestand schon ein Kaffeehaus in Oxford, und 1652 eines in London.
In Paris ließ der Gelehrte Thevenot im Jahre 1658, kurz nach seiner
Rückkehr aus dem Orient, zum erstenmal bei einem Diner seinen Gästen
Kaffee als Nachtischgetränk vorsetzen; aber das fremdartige Getränk
mundete ihnen nicht, so daß eine Wiederholung des Versuches unterblieb.
Erst zu Ende der sechziger Jahre des 17. Jahrhunderts, unter Ludwig
XIV., wurde das Kaffeetrinken in Paris in den Kreisen der Vornehmen
durch Soliman Aga, den Gesandten Muhammeds III., einigermaßen populär.
Le Grand d’Aussy berichtet, daß jener Türke seinen Gästen den Kaffee
nach orientalischer Sitte servieren ließ. Es reichten ihn leibeigene
Diener in glänzenden Porzellantassen auf goldbefransten Servietten.
Die fremdartige Einrichtung der Zimmer, das Sitzen auf Diwans oder
Teppichen am Boden, die mit Hilfe eines Dolmetschers geführte
Unterhaltung interessierte besonders die Damen noch mehr als der
gereichte Kaffee. Überall wurde in Hofkreisen davon gesprochen, und
schließlich gingen alle Vornehmen zu dem interessanten Türken, um seine
merkwürdige Wohnung und seinen braunen Trank kennen zu lernen. Jeder,
der etwas auf sich hielt, wollte von letzterem gekostet haben.
In Paris eröffnete im Jahre 1670 ein Armenier namens Pascal, der im
Dienste eines türkischen Arztes gestanden hatte, auf dem Quai de
l’Ecole das erste Pariser Kaffeehaus, das nach dem darin feilgebotenen
Getränke Café genannt wurde. Es war eine „~boutique~“ nach Art der
orientalischen, ohne irgend welche gefällige Ausstattung. Deshalb
gefiel es dem feineren Publikum, das damals allein Kaffee zu trinken
begann, durchaus nicht, und der Armenier machte recht schlechte
Geschäfte. Den Grund des Mißerfolges erkannte richtig der Sizilianer
Francesco Procopio, der sich in Paris durch die Einführung des
Gefrorenen einen Namen gemacht hatte. Er richtete gegenüber der alten
~Comédie française~ eine Schankwirtschaft ein, in welcher er außer
Kaffee auch Tee, Schokolade, Eis und verschiedene Liköre feilbot. Und
da sein Lokal hübsch ausgestattet und gefällig dekoriert war, fehlte
es ihm bald nicht an Gästen. Seine Erfolge ermutigten andere, solche
Erfrischungsorte zu eröffnen, so daß Paris schon im Jahre 1676 eine
große Zahl solcher Cafés aufwies.
Da der Kaffeegenuß der um sich greifenden Trunksucht zu steuern schien,
begünstigte ihn Ludwig XIV. so sehr er konnte. Doch war er noch so
teuer, daß er nur für die Wohlhabenden erschwinglich war. So kostete
damals das Pfund Kaffeebohnen 140 alte Franken, und die Tasse 2 Sous
und 5 Deniers; dafür kann das Getränk freilich nicht sehr stark gewesen
sein, wenn der Kaffeeschenk auf seine Rechnung kommen wollte. Auch
galt sein Genuß nicht als ganz ungefährlich; die Marquise de Sévigné
rät darum ihrer Tochter, der Gräfin Grignan, in einem Briefe aus dem
Jahre 1680, dem Kaffee etwas Milch zuzusetzen, „um seine Schädlichkeit
zu mildern“. Im Jahre 1674 reichten die Frauen in London eine Petition
gegen den Kaffee als gesundheitsschädliche Neuerung ein, und 1675
ließ Karl II. aus politischen Gründen die Kaffeehäuser, die sich
sehr rasch vermehrten und zu Sammelplätzen der Vornehmen, Gelehrten
und Politiker wurden, als „Brutstätten der Revolution“ in seinem
ganzen Reiche polizeilich schließen. Doch mußte er sein Verbot schon
nach wenigen Tagen zurückziehen, da er es nicht auf eine Revolte der
zahlreichen Liebhaber des Kaffees ankommen lassen wollte. Englische
Spottgedichte aus jener Zeit nennen den Kaffee einen „Kienrußsirup,
schwarzes Türkenblut, eine ekelerregende Abkochung aus alten Schuhen
und Stiefeln“ usw., vermochten aber mit allem Lächerlichmachen nicht,
seinen weiteren Siegeslauf durch die Welt aufzuhalten.
Im Jahre 1680 ward das erste Kaffeehaus im Haag und 1683, nach der
Entsetzung von Wien, das erste solche in Österreichs Hauptstadt
errichtet. Hier war es ein gewisser Kolschitzky, dem als Belohnung für
den Mut, mit dem er sich als Türke verkleidet durch den Belagerungsring
hindurchgeschlichen hatte, um der durch Kara Mustapha aufs äußerste
bedrängten Stadt vom Nahen des Ersatzheeres unter Herzog Karl von
Lothringen Kunde zu bringen, die im verlassenen türkischen Lager
gefundenen Säcke mit Kaffee überlassen wurden, damit er den braunen
Trank bereite und ihn den Liebhabern desselben ausschenke.