n. Chr. nach China, und zwar im Jahre 286 als Tribut des Königreichs
Funam in Indien. Ein von 627-650 n. Chr. herrschender chinesischer
Kaiser entsandte dann einen Gelehrten nach der indischen Provinz Behar,
um dort die Zuckerfabrikation zu studieren. Zweihundert Jahre später
als nach China drang die Kultur des Zuckerrohrs nach Südpersien und
Arabien vor. In Persien wurde die indische Bezeichnung ~schakara~ (im
altindischen Sanskrit noch ~sarkura~) in ~schakar~, im Arabischen in
~sukkar~, als welches es sich mit dem zu a abgekürzten arabischen
Artikel al als ~azucar~ im Spanischen und Portugiesischen erhielt,
während es im Englischen zu ~sugar~, im Italienischen zu ~zucchero~,
im Deutschen zu Zucker und im Französischen zu ~sucre~ wurde. Das
griechische ~sáccharon~, das als ~saccharum~ ins Lateinische überging,
steht dem persisch-indischen ~schakara~ noch näher.
Im 6. Jahrhundert n. Chr. war der Anbau des Zuckerrohrs von seinem
Ursprungsherde Indien westlich bis Gondisapur am persischen Meerbusen
vorgedrungen, wohin sich die Nestorianer geflüchtet hatten, als
das Konzil zu Ephesus im Jahre 431 ihre Lehre, wonach zwischen der
göttlichen und menschlichen Natur in Christus scharf zu unterscheiden
sei, für ketzerisch erklärt und ihr Haupt, den Patriarchen Nestorius
von Byzanz, abgesetzt und verbannt hatte. Sie führten dem Orient die
Keime klassischliterarischer und wissenschaftlich medizinischer Bildung
zu, namentlich auch die Anfangsgründe chemischer Kenntnisse. Die
durch rege Schiffahrt unterhaltenen Beziehungen der Stadt Gondisapur
zu Indien bewirkten zugleich, daß sich der Einfluß der indischen
Arzneilehre dort geltend machte und eine Akademie erblühte, die nicht
nur die Traditionen der griechischen Medizin und Naturwissenschaften
in sich aufnahm, sondern dieselben auch, mit den indischen Kenntnissen
befruchtet, wesentlich förderte. Hier wurde allem Anscheine nach die
Kunst der Zuckerraffinerie erfunden, wie der persische Name „~kand~“
für den gereinigten Zucker -- in unserer Bezeichnung Zuckerkandel
beziehungsweise Kandiszucker noch zu erkennen -- vermuten läßt.
In der Folge waren es die Araber, welche das Zuckerrohr in größeren
Mengen pflanzten, um Zucker daraus zu gewinnen. So soll der Kalif
Mostadi ben Villa von Bagdad bei den prunkvollen Festlichkeiten zu
Ehren seiner Vermählung im Jahre 1087 einen so großen Tafelaufsatz aus
Konfekt haben herstellen lassen, daß zu seinem Aufbau 5000 kg Zucker
nötig waren. Wenn auch dieser Bericht zweifellos eine von der blühenden
orientalischen Phantasie diktierte Übertreibung darstellt, so kann doch
schlechterdings nicht bezweifelt werden, daß die Araber den Zucker
schon in beträchtlicher Menge gewonnen haben müssen. Bei ihnen lernten
ihn die Abendländer auf ihren Kreuzzügen im Morgenlande kennen. So
meldet uns der Mönch Albertus Aquensis, daß die Kreuzfahrer im Gelobten
Lande aus Mangel an anderen Nahrungsmitteln „süßes, honigreiches
Schilfrohr“, das sie da und dort im Lande der Ungläubigen angepflanzt
fanden, also Zuckerrohr gekaut hätten, um dessen Saft zu schlürfen.
Nach Venedig gelangte der erste Zucker im Jahre 996 aus Alexandrien.
Dort soll er später aus seinem rohen Zustand, wie ihn die Araber
lieferten, in die heute noch gebräuchliche Kegelform des Zuckerhutes
gebracht worden sein. Durch die Vermittlung der venezianischen
Kaufleute wurde er dann nach der Zeit der Kreuzzüge auch im Abendlande
bekannt; aber auch hier fand er wie einst im Morgenlande vorzugsweise
nur ärztliche Verwendung als kostbares Heil- und Stärkungsmittel. Ja
er war noch zu Ende des 17. Jahrhunderts so teuer, daß man sich in
Deutschland nur in den vornehmsten Haushaltungen seiner bediente.
Das Zuckerrohr selbst brachten die Araber im 8. Jahrhundert nach
Ägypten (766 wuchs es schon bei Assuan in Oberägypten), ganz Nordafrika
und sogar (714) nach Spanien und im 9. Jahrhundert nach Zypern,
Rhodus, Kreta, Malta, Sizilien und Kalabrien. In Sizilien blieb dessen
Kultur auch nach der Vertreibung der Araber bestehen. So schenkte
König Wilhelm II. von Sizilien dem Kloster St. Benedikt bei Palermo
im Jahre 1166 eine -- jedenfalls von den Arabern eingerichtete --
Mühle zum Zerquetschen des Zuckerrohrs mit Privilegien, Arbeitern
und Zubehör. In Venedig, das in sehr regen Handelsbeziehungen mit
dem muhammedanischen Orient stand, lassen sich bereits im Jahre 1150
Zuckerbäcker nachweisen. Die drei wichtigsten Produktionsländer des
Zuckers im Mittelalter waren Syrien, Ägypten und Zypern, von wo ihn die
Handelsschiffe der Venezianer holten, um ihn den Völkern Mitteleuropas
zu vermitteln. Die Bedeutung dieser Länder schwand erst als Vasco da
Gama im Jahre 1498 den direkten Weg nach Ostindien um das Kap der Guten
Hoffnung fand und der Zwischenhandel mit indischem Zucker und den
mancherlei im Abendlande so überaus beliebten Gewürzen in die Hände
der Portugiesen fiel. Damit war der dominierende handelspolitische
Einfluß Venedigs und damit seine Seemacht für immer gebrochen; an
Stelle des Mittelmeeres wurde der Atlantische Ozean der Schauplatz des
Weltverkehrs.
Der portugiesische Prinz Heinrich der Seefahrer ließ das Zuckerrohr
im Jahre 1420 nach der damals neu entdeckten Insel Madeira schaffen;
von da gelangte es bald nach den Kanaren, wo in der Folge eine
besonders feine Sorte Zucker erzeugt wurde. Daher rührt die Bezeichnung
Kanarienzucker für die feinste Sorte. Von den kanarischen Inseln
verbrachte Kolumbus das Zuckerrohr auf seiner ersten Reise 1490, die
mit der Entdeckung des neuen Weltteils gekrönt wurde, nach San Domingo,
wo er es auf seiner zweiten Reise im Jahre 1495 gut gedeihend antraf.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurde es nach den übrigen westindischen
Inseln, 1531 durch die Jesuiten zugleich mit den dasselbe anbauenden
Negern nach Brasilien und 1553 durch Cortez nach Mexiko verbracht, wo
die Eingeborenen bereits aus Mais Zucker zu gewinnen verstanden. Im
ganzen tropischen Amerika, besonders auf den westindischen Inseln,
gedieh es in der Folge so gut, daß diese Länder, schon von 1570 an,
eine solche Menge Zucker auf den Weltmarkt brachten, daß Sizilien
seine Zuckerproduktion ums Jahr 1580 einzustellen begann, da es
gegen die überseeische Produktion in Amerika nicht mehr anzukämpfen
vermochte. Selbst Ostindien konnte nicht mehr mithalten und mußte
seine Zuckerproduktion verkleinern, da sein Zucker für Europa zu
teuer zu stehen kam. Diese gewaltige Zuckerproduktion, womit es alle
Konkurrenten aus dem Felde schlug, war Amerika nur durch die beständige
Zufuhr von Negersklaven aus Afrika ermöglicht, die hier als billiges
Arbeitsmaterial auf den Plantagen verwendet wurden. Länder, die zu
dieser Kultur freie Arbeiter anstellen mußten, konnten mit jenem Lande
nicht konkurrieren.
Obschon alles heute gebaute Zuckerrohr von derselben Art abstammen
muß, sind im Laufe der Zeit unter den Einwirkungen des veränderten
Bodens und Klimas die mannigfaltigsten, hauptsächlich an Unterschieden
der Farbe des Stengels kenntliche Varietäten entstanden, die stets
nur durch Stecklinge vermehrt werden, wozu man meist die obersten,
ausnahmsweise auch die untersten Glieder mit 2-3 Augen des knotigen,
saftreichen, nicht hohlen Stengels verwendet. Daraus erwachsen Pflanzen
mit ausdauernden dicken, knotigen, dicht verschlungene Rasen bildenden
Wurzeln, 4-5, ganz ausnahmsweise bis 12 Stück 3-4, in seltenen Fällen
auch 6 m hoher und 3-5 cm dicker, runder, knotig gegliederter Halme mit
einem lockeren, zelligen, saftigen Mark, von einer dichten, festen,
glatten und glänzenden Oberhaut bedeckt, die in der Jugend mit einem
weißen Reif versehen ist. Oben sind die Halme hellgrün und durchlaufen
nach unten zu alle Nuancen durch Purpur bis zum welken Gelb bei der
Reife. Die Farbe ist bei den verschiedenen Spielarten bald grün, bald
gelb oder violett, bald purpurn oder verschiedenfarbig gestreift.
Die mit ihrer Basis an den Knoten den Halm 30 cm hoch scheidenartig
umfassenden Blätter sind 1,25-1,3 m lang, 6-7 cm breit, glatt, sehr
fein, aber scharf gezähnt mit einer breiten, weißlichen, auf dem Rücken
gewölbten Mittelrippe. In dem Maße wie der Halm wächst, dorren die
unteren Blätter ab, bis das Rohr zur Ernte reif ist. Dabei hat der
Stengel, der allein Verwendung findet, unten eine Dicke von 6 cm und
unter Umständen ein Gewicht von 10 kg und darüber erreicht. Er enthält
nur bis zu einer gewissen Höhe hinauf Zucker. Gipfel und Blätter bergen
zwar auch viel Saft, aber keinen süßen.
Das Zuckerrohr wird schon so lange vom Menschen angepflanzt, daß
es wohl gelegentlich verwildert, wie auf einzelnen Inseln des
Großen Ozeans, aber nirgends mehr wild angetroffen wird. Am besten
gedeiht es in einem feuchtwarmen Klima mit verhältnismäßig hoher
Bodenfeuchtigkeit, die man zum Teil auch durch künstliche Bewässerung
erreichen kann. Der Boden muß, wie eingehende Versuche ergaben, neben
den Silikaten des Aluminiums und Kaliums namentlich Kalk enthalten,
der bei Fehlen durch Düngung, z. B. von Gips, ersetzt werden muß. In
solchen tief umgegrabenen, jungfräulichen oder gut gedüngten Boden
werden die Stecklinge in 1-1,25 m voneinander abstehenden Rinnen in
60-65 cm Abstand beinahe horizontal eingesteckt. Fällt nur spärlicher
Regen, so müssen sie sorgfältig begossen werden; ist dagegen ein
Überschuß von Feuchtigkeit vorhanden, so muß dieser durch die Rinnen
abgeleitet werden, damit dem Verfaulen der Stecklinge vorgebeugt werde.
Die Wurzeln beginnen sich rasch zu entwickeln und bald schießt der
erste Stengel empor; erst wenn dieser eine Höhe von 50 cm erreicht hat,
entwickeln sich noch 4-5 oder mehr Seitenstengel, die aber an Stärke
hinter dem Hauptstengel zurückstehen.
Die Zuckerrohrpflanzung muß während des ersten Wachstums des Rohrs
durch Jäten des üppig wuchernden Unkrauts und durch Behäufeln der
Pflanze, um sie vor dem Austrocknen zu schützen, sorgfältig gepflegt
werden, bis die Blätter der Pflanze so hoch geworden sind, daß sie
genug Schatten werfen, um damit das Unkraut unterdrücken zu können.
Dann ist das Jäten nicht mehr nötig. Werden die Pflanzen größer, so
nimmt man ihnen ihre untersten Blätter, damit die Sonne bis zum Stengel
dringe und einen möglichst großen Zuckergehalt in ihm bewirken könne,
dann aber auch, um diese abgebrochenen, großen Blätter horizontal auf
den Boden unter die Pflanzen zu legen, damit wenn sie sich neigen
sollten, ihre Knoten nicht Wurzel schlagen können, wodurch das Rohr an
Zuckergehalt bedeutend verlieren würde. Nach etwa acht Monaten haben
die Rohrstengel ihre volle Größe erreicht. Von da an muß das Wetter
möglichst trocken sein, damit sich reichlich Zucker in den Stengeln
ansammle.
Die Ernte beginnt +vor+ der Blütezeit, wenn sich das Rohr und die
mittleren stehen gebliebenen Blätter desselben gelb zu färben beginnen.
Die Blüten würden nach etwa zehn Monaten in Form von 60 cm langen,
buschartigen, aus sehr zahlreichen Einzelblütchen bestehenden Rispen
nur bei einigen wenigen kultivierten Zuckerrohrsorten zum Vorschein
kommen. Die meisten Sorten blühen aber überhaupt nicht mehr, da aus
technischen Gründen durch Jahrhunderte hindurch das Rohr vor der
Ausbildung der Blüte abgehauen wurde und sich die Pflanze so allmählich
daran gewöhnte, diese überhaupt nicht mehr zu bilden. Noch viel
seltener bringt sie Früchte hervor; diese sind vielmehr wie die Keimung
derselben erst in jüngster Zeit beobachtet worden.
Beginnen die mittleren Blätter zu welken und schwellen die unteren,
besonders viel Zucker enthaltenden Stengelglieder von dem in ihnen
angehäuften Safte an, so wird das Zuckerrohr abgehauen. In Abteilungen
verteilt streifen die Arbeiter erst die Blätter von den Stengeln ab
und hauen dann mit großen, im romanischen Amerika ~machete~ genannten
Buschmessern das Rohr an der Wurzel ab, während andere die noch
unreifen Spitzen desselben abschneiden. Dann werden die Stengel, zu
Bündeln vereinigt, auf Maultierkarren nach dem Zuckerhause gebracht, wo
sie zuerst gewogen und der Zuckergehalt in ihnen bestimmt wird, damit
der Fabrikant berechnen könne, wieviel kristallisierbaren Zucker sie
liefern werden. Die Stengel des Zuckerrohrs enthalten nämlich gegen 90
Prozent Saft und in diesen 18-20 Teile Rohrzucker. Von diesem letzteren
werden indessen höchstens 8-10 Prozent gewonnen, beinahe die Hälfte
desselben geht bei der mangelhaften Gewinnungsmethode verloren, gegen 6
Prozent bleiben allein im Rohr zurück.
[Illustration: Bild 33. Eine Zuckerfabrik im 16. Jahrhundert: Das
Ausquetschen des Zuckerrohrs.
(Nach Piso und Marggraf, ~Historia nat. Brasiliae~. Elzevir. 1648.)]
[Illustration: Bild 34. Eine Zuckerfabrik im 16. Jahrhundert. Das
Einsieden des aus dem Zuckerrohr gepreßten Saftes.
(Nach Piso und Marggraf, ~Historia nat. Brasiliae~. Elzevir. 1648.)]
In der Fabrik werden die Zuckerrohrstengel zunächst zwischen zwei
kannelierten Stahlwalzen -- früher bediente man sich dabei hölzerner
Walzen -- zerquetscht und vermittelst hydraulischer Pressen der Saft
ausgedrückt. Dieser letztere gelangt dann in mehrere, etwas tiefer
liegende offene Pfannen, in denen er durch Verdampfen des Wassers zu
Sirupkonsistenz eingedickt wird. Weil er wegen seines Eiweißgehaltes
leicht in Gärung übergeht und dann sauer wird, versetzt man ihn in
der Pfanne sofort mit etwas gelöschtem Kalk (2 kg auf 360 Liter
Saft). Während des starken Kochens steigen alle Unreinigkeiten mit
dem geronnenen Eiweiß als Schaum an die Oberfläche und werden mit
großen, flachen Kellen abgeschöpft. Ist der Saft so weit eingedickt,
daß er beim Abtröpfeln Fäden zieht, so wird er so rasch als möglich in
hölzerne Kühltröge geschöpft, wo er schnell zum braunen +Rohzucker+,
~Muscovado~ genannt, auskristallisiert. Im Filtrierzimmer stehen große
Fässer mit fein durchlöchertem Boden auf einem Gerüst über einem
Bassin. In diese Fässer wird nun die konzentrierte Rohzuckerlösung
gebracht und einige Zeit stehen gelassen. Dabei scheidet sich der
Zucker kristallinisch als bräunliche, krümelige Masse aus, und der
nicht kristallisierbare Teil wird zuletzt als bräunlicher Sirup,
+Melasse+ genannt, ablaufen gelassen. Nun hat man die Erfahrung
gemacht, daß je länger die Rohrzuckerlösung der Luft ausgesetzt bleibt,
um so weniger Zucker sich in Kristallform ausscheidet und um so mehr
flüssig bleibender Sirup sich bildet. Daher kam man auf die Neuerung,
den Zuckersaft in luftleer gepumpten Pfannen, sogenannten Vakuumpfannen
einzudicken. So bildet sich nur noch wenig Melasse, die dann durch
Zentrifugieren aus dem krümelig auskristallisierten Rohzucker entfernt
wird. Erfrorene und unreif geerntete Rohre geben viel Melasse. Aus
dieser Melasse, die auch beim Vakuumverfahren immer noch meist
über fünf Prozent des gesamten gewonnenen Zuckers beträgt, wird,
soweit er nicht als solcher in den Handel gelangt, um in den ärmeren
Haushaltungen an Stelle von Honig verwendet zu werden, durch Verdünnen
mit Wasser und Vergärenlassen +Rum+ gebrannt. Wird der Rohrzucker durch
Sieden und Läutern in mit feuchtem Ton bedeckten Gefäßen noch mehr
gereinigt, so heißt er +Kassonade+, +Farin+ oder +Farinzucker+, auch
+Mehl-+ oder +Puderzucker+.
Dieser Zucker wird nun meist erst in Europa in besonderen
Zuckerraffinerien noch weiter geläutert und gereinigt und in weißen
+Hutzucker+ verwandelt. Die erste Raffination ergibt den Lumpenzucker
und die zweite den Melis, so genannt nach der Insel Melita-Malta, wo
die Araber einst Zuckerraffinerien besaßen und diese Methode übten. Der
feinste gereinigte Zucker heißt +Raffinade+ oder +Feinzucker+, dessen
beste Sorte der nach den gleichnamigen, einst durch ihre Zuckerkultur
ausgezeichneten Inseln genannte Kanarienzucker ist. +Kandiszucker+, der
nach dem persischen Worte ~kand~ für gereinigten Zucker so genannte
kristallisierte Zucker, wird dadurch erzeugt, daß man in eine stark
eingedickte Zuckerlösung, in welcher noch kein Zucker zur Ausscheidung
gelangte, Fäden hineinhängt, an denen der Zucker in vielseitigen
Prismen auskristallisiert. Da man beim Sieden des Zuckers sehr viel
Heizmaterial verbraucht, so verwendet man dazu die als +Bagasse+
bezeichneten trockenen, holzigen Fasern des Zuckerrohrs, die nach der
Auspressung des Saftes als Abfall zurückbleiben.
Die gesamte Rohrzuckerfabrikation der Welt wird auf 5 Milliarden kg
geschätzt, von denen Westindien und danach Niederländisch-Indien
und Hawai das meiste liefern. Es würde uns nun zu weit führen, hier
aufzuzählen, zu welch großer Bedeutung der Zucker, besonders nach der
Einführung von Kaffee, Tee und Schokolade, in der Kulturwelt gelangt
ist und wie er auch bei der Herstellung der mancherlei Gebäcke nach und
nach den früher hierfür ausschließlich verwendeten Honig verdrängte.
Noch im 17. Jahrhundert war er so teuer, daß alle weniger Bemittelten
sich mit Honig oder der als Abfall bei der Zuckerraffinerie gewonnenen
Melasse begnügen mußten. Da er sich nun nicht bloß als Genußmittel,
sondern als Nahrungsmittel von hohem Nährwert erwies, den sich
verschaffen zu können alle Volksschichten anstrebten, mußte es von
unseren Voreltern als eine große Kalamität empfunden werden, als zu
Beginn des vorigen Jahrhunderts durch die von Napoleon I. aufgebrachte
Kontinentalsperre alle Handelsverbindungen Englands und seiner
Kolonien mit dem europäischen Festlande lahmgelegt wurden und dadurch
die Einfuhr von Kolonialzucker ganz außerordentlich eingeschränkt
wurde. Mit den übrigen Kolonialwaren wurde der Zucker so teuer, daß
ein Pfund desselben 4 Mark kostete. Da suchte man notgedrungen aus
einheimischen zuckerhaltigen Pflanzen diesen Stoff zu gewinnen. Von
diesen erwies sich in der Folge die +Runkelrübe+ als das geeignetste
Ausgangsmaterial, auf deren Zuckergehalt zuerst der Chemiker Marggraf
in Berlin im Jahre 1747 aufmerksam gemacht hatte. Allerdings gewann
er aus den Rüben nur etwa 6 Prozent Zucker. Nach vielen vergeblichen
Versuchen, diesen Zuckergehalt der Rüben im großen auszubeuten,
gelang es erst in den 1820er Jahren, die +Rübenzucker+industrie mit
günstigem Erfolge zu betreiben und aus dem Safte der Runkelrüben, die
bald zu eigentlichen Zuckerrüben veredelt wurden, einen Zucker von
untadelhafter Beschaffenheit zu gewinnen.
Den Grund zu dieser Neuerung legte im Jahre 1801 Marggrafs Schüler
Friedrich Karl Achard, der mit Unterstützung des Königs Friedrich
Wilhelms III. von Preußen, welcher die Bedeutung der einheimischen
Zuckererzeugung erkannt hatte, auf dem Gute Kunern bei Breslau in
Niederschlesien zuerst Runkelrüben zur Zuckergewinnung pflanzte und
eine Zuckerrübenfabrik errichtete, nachdem er schon 1796 auf seinem
Gute Kaulsdorf bei Berlin Rübenzucker hergestellt hatte. Doch betrug
die Ausbeute an Zucker zunächst nur 2-3 Prozent und die Fabrikation
hatte auch sonst mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen. Zu
Hilfe kam ihr nun die durch die Kontinentalsperre hervorgerufene
Zuckerteuerung. Ihr Verursacher, Kaiser Napoleon I., hatte selbst
einen Preis von einer Million Franken für die gelungene Darstellung
von Zucker aus inländischen Pflanzen ausgesetzt. Durch diese doppelte
Aussicht gereizt und durch den ungeheuren Eingangszoll auf Rohrzucker
begünstigt, der diesen, den man doch nicht entbehren mochte, ganz
fabelhaft verteuerte, lernte man trotz der geringen Ausbeute doch
nach und nach Nutzen ziehen. Von ganz wesentlichem Einflusse wurde
dabei die Entdeckung der günstigen Wirkung, welche der Zusatz von
Knochenkohle bei der Behandlung des Zuckersaftes auszuüben vermag. Die
französische Regierung, die selbst im Besitze von Kolonien war, welche
Rohrzucker, wenn auch in mäßigen Mengen, erzeugten, kam freilich in
Verlegenheit, ob sie hinsichtlich der Zuckerfabrikation die Kolonien
gegen das Mutterland oder das Mutterland gegen die Kolonien schützen
solle. Zuletzt aber behielt auch bei ihr die Verpflichtung zum Schutze
der einheimischen Rübenzuckerindustrie die Oberhand und diese hat
ihr die Begünstigung auch reichlich vergolten. So wurde Frankreich
neben Deutschland das erste Land, in welchem die Runkelrübe zur
Zuckergewinnung angepflanzt wurde. Seit dem Jahre 1811 besaß es eine
ansehnliche Zahl von Rübenzuckerfabriken, besonders nachdem Delessert
das Darstellungsverfahren von Zucker aus dem Rübensafte vervollkommnet
hatte. Aber nach Aufhebung der Kontinentalsperre gingen auch hier wie
in Deutschland die meisten Rübenzuckerfabriken ein.
Erst vom Jahre 1820 datiert der neue Aufschwung und der schließlich
großartige Erfolg der Rübenzuckerindustrie, so daß heute in ganz Europa
von den Ufern der Garonne bis zum Ural zahlreiche Rübenzuckerfabriken
bestehen und selbst England angefangen hat, Rübenzucker herzustellen,
obschon gerade dieses Land alle Ursache hätte, dem Zucker seiner
Kolonien keine Konkurrenz zu machen. Seit dem Jahre 1850 bis heute
hat sich die Rübenzuckerindustrie mehr als verdreißigfacht, so daß
Mitteleuropa, speziell Deutschland, nicht bloß seinen eigenen Bedarf
deckt, sondern noch viel Zucker auszuführen vermag. Dabei liefert
der Rübenzucker ein Produkt, das dem besten Rohrzucker an Güte nicht
im mindesten nachsteht, und zwar benötigt man zur Herstellung von
1 Zentner Rohzucker durchschnittlich 12,5 Zentner Zuckerrüben. Es
ist dies eine heute durch Zucht spezialisierte, d. h. in bezug auf
Zuckergehalt bedeutend angereicherte Runkelrübe, welche am besten auf
gründlich gepflügtem und fleißig geeggtem, fettem, lehmigem Boden
gedeiht, der tüchtig gedüngt werden muß, da die Rüben demselben
reichlich Nährsalze entziehen. Im März wird die Zuckerrübe ausgesät.
Bald kommen die jungen Pflanzen zum Vorschein. Mehrmals muß nun zuerst
von Hand, dann mit der Hacke gejätet, dabei auch die zu eng stehenden
Pflänzchen ausgedünnt werden. Wenn die Rübe eine bestimmte Größe
erreicht hat, wird sie ein- oder zweimal behäufelt, wobei derjenige
Teil der Pfahlwurzel, der über die Erde hervorragt, mit Erde bedeckt
wird. Man hat nämlich durch zahlreiche Versuche festgestellt, daß das
Licht umgekehrt wie bei den Stengeln des Zuckerrohrs nachteilig für die
Zuckerbildung in der fleischigen Pfahlwurzel der Runkelrübe ist. Diese
nimmt nach und nach an Umfang zu und in demselben Maße wächst auch ihr
Zuckergehalt, der schließlich durch Kultur und fortwährende Auslese
der süßesten Sorten von ursprünglich 6 auf 14, ja sogar 18 und 20
Prozent stieg.
Gewöhnlich läßt man die Rüben nur mäßig groß werden. Sobald der
Zuckergehalt in ihrer Wurzel seinen Höhepunkt erreicht hat, werden sie
aus dem Boden gepflügt. Dann werden an ihnen die Blätter und die Krone
ausgeschnitten, damit die Zuckerrüben später nicht in den Speichern
weiterwachsen können, da dadurch ihr Zuckergehalt bald erschöpft werden
würde. Die Blätter werden meist auf dem Felde zurückgelassen, um als
Dünger zu dienen; nur in Jahren, in denen das Futter knapp ist, werden
sie als Viehfutter benutzt, obschon ihr Nährwert nur ein geringer ist.
So zubereitet werden die Rüben auf dem Felde zu großen Haufen
aufgestapelt und mit Stroh und Erde bedeckt. Aus diesen Reservevorräten
holt man so viel in die Fabrik, als verarbeitet werden kann. Zuerst
werden die Rüben in einem Röhrenkomplex in fließendem Wasser gereinigt,
dann durch eine Maschine in einem zylindrischen Kasten in kleine
Stücke geschnitten und zu Brei zerrieben, der durch etwas Wasser
ausgelaugt und schließlich, in Tücher von grober Wolle eingeschlagen,
durch eine hydraulische Presse ausgedrückt wird. Der Saft wird dann
auf verschiedene Weise, zuletzt durch Passieren eines Filters mit
Knochenkohle, gereinigt und im Vakuumapparat vermittelst Dampf in
luftverdünnten Kesseln eingekocht. Ungefähr 85 Prozent von dem darin
eingedickten Saft besteht dann aus Zucker, der durch Zentrifugieren von
der Melasse getrennt wird.