In Deutschland wurde die Talgkerze erst im 9. Jahrhundert bekannt und

begann hier allmählich den bis dahin üblichen Kienspan zu verdrängen.

Wachskerzen dagegen kamen erst im 14. Jahrhundert in Gebrauch, waren

aber auch an Höfen reicher Fürsten immer noch etwas Kostbares, mit

dem man sehr sparsam umging. Im Laufe des 15. Jahrhunderts erst wurde

der Gebrauch von Wachskerzen durch die katholische Kirche immer mehr

gesteigert und dehnte sich im 16. Jahrhundert ins Fabelhafte aus; so

wurde beispielsweise zu Luthers Zeiten allein in der Schloßkirche zu

Wittenberg etwa 36000 Pfund Wachskerzen im Jahre als Opferspenden

verbrannt. Dieser mit dem Kult in Zusammenhang stehende Luxus blieb

aber auf die Gotteshäuser beschränkt; denn die Bürger und Bauern

begnügten sich in ihren Häusern mit den viel billigeren Talglichtern,

deren Herstellung die Hausfrau immer noch selbst besorgte. Im

November, wenn die Feldarbeit beendet war, begann wie für den

Mann die Drescharbeit in der Tenne, so für die Frau die Zeit des

„Lichtstippens“. Durch wiederholtes Eintauchen des aus Leinen und

später Baumwolle angefertigten Dochtes in geschmolzenen Talg wurden

die Lichter auf die gewöhnliche Dicke gebracht. Erst seit dem 17.

Jahrhundert wurden die Unschlittkerzen auf der Form gegossen, und zwar

dünnere für die Werktage und dickere für die Feiertage.

Zu Anfang des 19. Jahrhunderts begann man den Talg durch Entfernung der

Ölsäure vermittelst Pressen härter zu machen und ihm das öligschmierige

Aussehen zu nehmen. 1823 erschienen die wichtigen Untersuchungen über

die Fette tierischen Ursprungs des französischen Chemikers Chevreul,

denen zufolge zwei Jahre später Cambacérès, der zuerst die geflochtenen

und außerdem chemisch mit Schwefelsäure zubereiteten Dochte in

Anwendung brachte, Kerzen aus Fettsäuren herzustellen versuchte; doch

waren diese braun, fühlten sich immer noch fettig an und verbreiteten

einen unangenehmen Geruch. Die ersten einigermaßen brauchbaren Kerzen

brachte ein Herr von Milly in Paris auf. Er war vormals Kammerherr

Karls X. gewesen, hatte aber durch die Julirevolution und die danach

folgende Abdankung des Königs 1830 seinen Posten verloren; deshalb

errichtete er, um sich eine neue Existenz zu gründen, zu Paris eine

kleine Fabrik zur Herstellung von Kerzen. Die erste Entdeckung, die

er machte, bezeichnete schon einen sehr erheblichen Fortschritt. An

Stelle der kaustischen Soda, die Chevreul und sein Teilhaber Gay-Lussac

zur Verseifung der Fette seit 1825 angewandt hatten, benutzte er

dazu den Ätzkalk und erhielt dadurch eine Kalkseife, aus der die

Fettsäuren zur Herstellung von Kerzen sich mit Hilfe der Schwefelsäure

leicht abscheiden ließen. Durch anfänglich kalte, im Verlaufe jedoch

gesteigerte und zuletzt warme Pressungen waren die bei gewöhnlicher

Temperatur festen Fettsäuren leicht von der Olëinsäure zu trennen.

Die aus den festen Fettsäuren, der Palmitin- und Stearinsäure (vom

griechischen ~stéar~ = Fett), die in der ersten Zeit als eine einzige

betrachtet und ihrer perlmutterartig glänzenden Krystalle wegen (nach

dem lateinischen ~margarita~ = Perle) Margarinsäure genannt wurden,

bis man auch sie voneinander zu scheiden vermochte, bereiteten Kerzen

hatten jedoch den einen Übelstand, daß der Masse ein kleiner Rest Kalk

beigemengt blieb, der sich beim Verbrennen in den Docht sog und dessen

Porosität verringerte. Auch darin schaffte Milly Abhilfe, indem er den

Docht statt wie nach Cambacérès mit Schwefelsäure mit Borsäure tränkte,

welche alle Aschenbestandteile zu winzigen, glasartigen Kügelchen

zusammenschmilzt. Ebenso begegnete er dem für die Kerzenfabrikation

fatalen Bestreben der nunmehr vorzugsweise zur Herstellung von Kerzen

verwendeten Stearinsäure zu kristallisieren und infolgedessen im Innern

der Formen Hohlräume zu bilden. Man hatte zwar in der arsenigen Säure

schon ein Mittel gegen diesen Umstand in Anwendung gebracht, doch war

dasselbe zu gesundheitsgefährlich, um sich auf die Dauer im Gebrauch

halten zu können.

Milly fand zuerst, daß ein geringer Zusatz von Wachs zur Stearinsäure

eine gleichmäßige und durchgängig zusammenhängende Masse gebe.

Späterhin entdeckte er, daß die Stearinsäure nur kristallisiert, wenn

sie in sehr dünnflüssigem Zustande in die Formen gegossen wird, daß

sie aber ein völlig gleichmäßiges Gefüge erhält, wenn sie bei einer

Temperatur verarbeitet wird, die dem Schmelzpunkte so nahe liegt, daß

die Masse eben nur fließend erhalten wird.

Solchergestalt verbesserte Stearinkerzen brachte Milly 1834 unter

dem Namen ~bougies de l’étoile~ in den Handel, doch waren sie in der

ersten Zeit ihres hohen Preises wegen mehr ein Luxusgegenstand für

Reiche als ein volkstümlicher Beleuchtungsartikel. Um sie zu einem

Gegenstand allgemeinen häuslichen Verbrauchs zu machen, bedurfte man

weiterer Verbesserungen in der Methode der Stearinfabrikation. Den

wesentlichsten Vorteil zog man aus der Entdeckung, daß die flüssige

Olëinsäure ein sehr wertvolles Material für die Seifenfabrikation sei,

das das Olivenöl sogar in vielen seiner Eigenschaften zu ersetzen

imstande ist. Durch Höherwertung des einen Bestandteils mußten aber die

anderen sich billiger gestalten, und diese wirtschaftliche Tatsache kam

der Stearinsäure zugute. Auch konnte man jetzt im festen Material dem

geflochtenen Docht eine so starke Drehung geben, daß sich die Spitze

desselben fortwährend nach außen drehte und so an der Peripherie der

Flamme stets genug Sauerstoff zur Verbrennung zu Asche fand. Im Jahre

1839 gab es allein in Paris neun Fabriken, die solche neue, immer

höheren Ansprüchen genügende Kerzen herstellten. Andere Länder blieben

nicht zurück, und ganz besonders gelangte diese neue Industrie in

Österreich zu großer Bedeutung.

[Illustration: Bild 32. Lampe der Mammutjäger der frühen Nacheiszeit

aus einem roten Sandsteingeröll mit einer Art Griff, aus der Höhle

von La Mouthe in der Dordogne. Auf der Unterseite ist der Kopf eines

Steinbocks eingeritzt. (⅓ natürliche Größe.)]

Als Beleuchtungsmittel noch viel gebräuchlicher als die Kerzen

waren seit dem frühesten Altertum die +Lampen+, in denen zuerst

tierisches, später auch pflanzliches Fett vermittelst eines aus

einem Holzsplitter oder noch besser aus irgend welchen getrockneten

Pflanzenfasern bestehenden Dochts verbrannt wurde. Die älteste Lampe

war ein ausgehöhlter Stein, und erst nach Erfindung der Töpferkunst

eine aus Ton gebrannte, zuerst offene und später, zum Schutze gegen

das Ausschütten und das Hineingelangen von Verunreinigungen mehr

oder weniger geschlossene kleine Schüssel. Solche Lampen, in denen

besser als fester tierischer Talg nach der Erlangung von ölspendenden

Kulturpflanzen flüssiges fettes Öl verbrannt wurde, besaßen schon

die ältesten Ägypter und Assyrer. Meist waren sie aus Ton gebrannt,

seltener aus Metall und nur ausnahmsweise aus Alabaster oder Glas

hergestellt. Sie bestanden aus einem runden oder ovalen Ölbehälter mit

einer meist in der Mitte gelegenen Öffnung zum Eingießen des Öles,

einer oder mehreren vorspringenden Tüllen für den Docht an der einen

und einem Griff oder Henkel an der anderen Seite. Von den einfachsten

bis zu den kunstvollsten, kostbarsten Formen waren alle Übergänge

vorhanden, darunter außer kleinen auch große, die bis zu 12 und mehr

Flammen nebeneinander brennen lassen konnten. Sie hingen an Ketten oder

standen wie die Kerzen auf einem bei den Römern ebenfalls ~candelabrum~

genannten Träger. Aus der römischen Kaiserzeit haben uns, abgesehen

von den Funden in Pompeji, besonders die Gräber eine reiche Ausbeute

an Lampen geliefert, da es Sitte war, den Toten Lampen mitzugeben, die

eigens zu diesem Zwecke fabriziert wurden und nicht zu praktischem

Gebrauch geeignet waren.

Die ersten Christen verzierten ihre Lampen mit christlichen Emblemen,

wie dem Christusmonogramm, dem Lamm, der Taube oder dem ein Lamm auf

seinem Rücken tragenden guten Hirten. Aus den beim Katakombenkultus

gebrauchten Lampen zum Aufhängen vermittelst Kette an der Decke oder

einem Holz- oder Metallarm entwickelte sich die während des ganzen

Mittelalters gebrauchte Hängelampe, die sowohl für Kultuszwecke in

christlichen Kirchen und muhammedanischen Moscheen, als auch für

Profanzwecke überall im Gebrauche stand. Das übliche Öl, das darin

verbrannt wurde, war in Europa meist Rüböl und der Docht ein massiver

Runddocht, während der Flachdocht erst 1783 durch Leger in Paris,

der hohle Docht 1789 durch den in Genf geborenen Techniker Argand in

London aufkam. Letzterer war auch der Erfinder des nach ihm benannten

Brenners mit doppeltem Luftzug, indem er den bis dahin über der Flamme

angebrachten blechernen Zugzylinder durch einen gläsernen ersetzte.

Eine vollständige Umwälzung in der Lampenfabrikation brachte die

Einführung des +Petroleums+ hervor, für die Silliman in den Vereinigten

Staaten 1855 die erste Lampe konstruiert haben soll. Zwar hatte man

schon im Altertum gelegentlich Erdöl in Lampen gebrannt. So berichten

Dioskurides und Plinius um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. vom

Erdöl von Agrigent auf Sizilien, das als „sizilisches Öl“ in Lampen

gebrannt wurde. Auch das Erdöl der „Pechquelle“ bei Bechelbronn im

Unterelsaß, die schon 1498 erwähnt wird, soll im 16. Jahrhundert zum

Brennen in Ampeln benutzt worden sein. Im 19. Jahrhundert diente

das zu Amiano unweit Parma gefundene Erdöl zur Beleuchtung einiger

italienischer Städte, namentlich Genuas. Seit uralter Zeit betrachtete

man die mancherorts aus dem Boden hervorsickernde brennbare Flüssigkeit

mit heiliger Scheu und benutzte sie als geschätzte Medizin. Die

heiligen Feuer der Erdölgegend von Baku waren den Anhängern Zoroasters

ein Gegenstand religiöser Verehrung und sind es ihren Nachkommen,

den Parsen, bis auf den heutigen Tag geblieben. Weil ihre Priester

an den Orten, wo das „ewige Feuer“ brannte, die Versöhnung mit Gott

vermittelten, nannte man sie ~nephtar~, d. h. Versöhnungsorte, wovon

sich der Name Naphtha für Petroleum oder Erdöl ableitet. Erst vom

Jahre 1859 an datiert der Beginn der Petroleumbenutzung in weiteren

Kreisen, zuerst der Vereinigten Staaten, dann auch Europas und der

ganzen Kulturwelt. 20 Jahre später wurde die Petroleumlampe durch die

Konstruktion der Glühlampe von Edison entthront, die ganz wesentlich

zur Verbreitung des elektrischen Lichtes in den Haushaltungen beitrug.

X.

Der Zucker.

Der älteste Süßstoff der Menschheit war der in hohlen Bäumen oder

Felsklüften von wilden Bienen gesammelte +Honig+. Erst sehr viel später

lernte der Mensch die mancherlei süßen Säfte, die das Pflanzenreich

hervorbringt, für sich verwenden. So wird er schon sehr früh

gelegentlich der Verletzung eines aufschießenden Triebes irgend einer

Palme beobachtet haben, daß nach einer solchen die Pflanze den zum

Aufbau des jungen Pflanzenleibes nötigen Nährsaft in Menge aus der

Wunde hervorträufeln läßt. Dieser schmeckt durch den darin enthaltenen

Traubenzucker süß und kann, durch Verdampfen des Wassers in einem

Gefäß eingedickt, als eine bräunliche, krümelige Masse oder, durch

Alkoholgärung in leicht schäumenden Most verwandelt, als eine Art Wein

genossen werden. Fast alle Palmen haben einen solchen süßen Saft,

den sie bei Verletzung des aufschießenden Triebes in Menge spenden.

So liefert eine einzige auf solche Weise behandelte Kokospalme im

Jahre mehr als 250 Liter Palmensaft, der ein Fünftel seines Gewichts

Zucker enthält. Eingedickt liefert er einen vortrefflich mundenden,

als ~schakara~ bezeichneten +Palmzucker+. Nächst der Kokospalme ist

die indische Dattelzuckerpalme eine für die Zuckergewinnung besonders

geschätzte Palmenart. Von ihr sollen jährlich über 65 Millionen kg

Zucker gewonnen werden, der meist in Indien selbst konsumiert wird.

Eine natürliche Zuckerart, die statt Traubenzucker Mannit enthält,

ist das +Manna+, das den bei ihrer Wanderung durch die Wüste zu

verhungern drohenden Juden vom Himmel herabgefallen sein soll. Als für

sie unerwartete Himmelsgabe fanden sie es an einem Sommermorgen, als

ihr Hunger aufs höchste gestiegen war, unter den Tamariskenbüschen,

welche in den Tälern des Sinai, die sie durchzogen, heute noch in

Menge wachsen. Diese etwa 7 m hoch werdende Mannatamariske (~Tamarix

mannifera~) produziert diesen Süßstoff spontan nach dem Stiche

einer bestimmten kleinen Schildlaus (~Coccus manniparus~). Diese

Tamariskenart ist eine nahe Verwandte der fränkischen Tamariske, welche

aber nur am Sinai und im Steinigen Arabien, wo sie ganze Wälder bildet,

jene glänzendweißen, honigsüßen Tropfen in der heißesten Zeit, im Juni

und Juli, von den von der betreffenden Schildlaus angestochenen Zweigen

herabträufeln läßt. Nur vor Aufgang der Sonne aufgelesen sind sie von

der Kühle der Nacht noch in festem Zustand und werden seit Urzeiten von

den umwohnenden Araberstämmen in lederne Schläuche gesammelt und müssen

dann sofort an einem kühlen Ort aufbewahrt werden. Die Araber, welche

sie als man bezeichnen, woraus die Juden das Wort ~manna~ bildeten,

sammeln davon am Sinai jährlich etwa 250 kg und verzehren sie als ihren

bevorzugten Leckerbissen mit Brot. Sie sagen, er sei süßer als Honig

und geben ihn kaum je an Fremde ab. Nun sammeln auch die Mönche des St.

Katharinenklosters am Sinai davon in lederne Schläuche und benutzen

es als willkommenen Süßstoff teils selbst, teils verkaufen sie es für

teures Geld an die gläubigen Pilger, die den Sinai mit dem Serbal, dem

Berge der Gesetzgebung, besuchen.

Im Orient und im Mittelmeergebiet wächst noch ein anderer natürlicher

Zuckerspender. Es ist dies die +Manna+- oder +Blütenesche+ (~Fraxinus

ornus~), deren bis armdicke Zweige durch den Stich der Mannazikade, am

häufigsten aber durch täglich wiederholte Kreuzschnitte oder mehrfache,

schief aufsteigende Einschnitte bis ins Holz angezapft werden, wonach

ein bräunlicher Saft hervorträufelt, der schon nach wenigen Stunden

durch Verdunstung zu einer weißlichen, kristallinischen Masse von sehr

süßem Geschmack erhärtet. Es ist dies der Mannazucker, der heute noch

namentlich in Sizilien und Kalabrien in Kulturgärten gewonnen wird und

in den Handel kommt, seitdem die Araber, die im Jahre 827 Besitz von

jener Insel ergriffen, den Eingeborenen jene natürliche Zuckergewinnung

durch Einschnitte auch an der gewöhnlichen Esche (~Fraxinus excelsior~)

lehrten. Die beste Sorte ist das Röhrenmanna, das von den dünneren

Zweigen gewonnen wird, während das von älteren Zweigen gesammelte

Manna weniger rein ist. Es besteht bis zu 60 Prozent aus Mannit,

einem zuckerähnlichen Körper, der kein Kohlehydrat ist und sich von

den echten Zuckerarten durch mehr Wasserstoff und die Unfähigkeit,

in alkoholische Gärung zu kommen, unterscheidet. Einen ähnlichen

natürlichen Zuckerspender, dessen Erzeugnis von den Eingeborenen

gerne gesammelt und gegessen wird, bildet der +australische Manna+-

oder +Zuckergummibaum+ (~Eucalyptus mannifera~), aus dessen Rinde und

Blättern Tröpfchen eines mannaartigen Saftes in reichlicher Menge

hervorquellen. Dieses Manna ist etwas schleimig, weniger süß als die

echte Manna der arabischen Tamariske und gelinde abführend. Es kommt in

manchen Gegenden in den Handel.

Obschon außer diesen noch sehr zahlreiche Pflanzensäfte zuckerhaltig

sind und manchenorts zur Gewinnung von Zucker verwendet werden, kommen

nur wenige für den Betrieb im großen in Betracht. So hat man in

Nordamerika, und zwar in Louisiana schon zu Ende des 18. Jahrhunderts

begonnen, aus dem Safte des wildwachsenden +Zuckerahorns+ (~Acer

saccharinum~) Zucker zu gewinnen, und in Europa liefert der Spitzahorn

und Silberahorn ebenfalls Zuckersaft, der namentlich früher in größeren

Mengen gewonnen und auf Zucker verarbeitet wurde. Zu diesem Zwecke

bohrt man Ende Januar und im Februar 30-45 cm über der Erde an mehreren

Stellen schräg aufwärts gerichtete Bohrlöcher von 4 cm Tiefe in den

Stamm und steckt Röhrchen hinein, die den Saft in untergestellte Gefäße

leiten. Der Ausfluß des Saftes dauert für jeden Stamm fünf Tage, dann

vernarbt die Wunde. Nach vielen Versuchen ist diese Operation ohne

erkennbaren Nachteil für den Baum und kann bis Mitte März, bis sich

die Blätter entwickeln, ausgeübt werden. Der so erhaltene Saft ist

wasserklar und enthält bis 5 Prozent Zucker, so daß aus 20 kg Saft bis

1 kg Rohzucker gewonnen werden kann. In Amerika gibt ein Baum etwa

2,5-3 kg Zucker. In Ungarn lieferten 200 Bäume 39 kg sehr schönen

Rohzucker und dazu noch Sirup im Wert von etwa 12 kg Rohzucker. Als der

Rübenzucker noch nicht aufgekommen war, spielte diese Zuckergewinnung

eine wichtige Rolle. So erreichte die Ahornzuckerproduktion der

Vereinigten Staaten Nordamerikas im Jahre 1840 gegen 18 Millionen kg,

nahm aber seither bedeutend ab. In Kanada beträgt die Jahresproduktion

immer noch 3-3,5 Millionen kg und für das gesamte Nordamerika 5

Millionen kg -- meist aus dem Steinahorn, im Westen auch aus dem

Weichahorn. Diese Bäume, die 30-40 m hoch werden, gedeihen am besten

auf fruchtbarem Ackerboden, sind meist durch den Wald in Gruppen

zerstreut, seltener bilden sie geschlossene Waldungen. Im Vorfrühling,

zur Zeit der kalten Nächte und der allmählich wärmer werdenden Tage,

dem sogenannten „Zuckerwetter“, beginnt der Saft in den Bäumen zu

steigen. Um diese Zeit trifft man die Vorbereitungen zur Zuckerernte.

Mit den nötigen Geräten beladen rücken die Zuckersieder zu zweien oder

dreien in die Wälder. Der eine bohrt die Bäume an und schafft immer

frischen Saft herbei, den der andere in einem großen Kessel einkocht.

Ist ein Dritter vorhanden, so besorgt der die kleinen Handreichungen,

schafft die nötigen Lebensmittel herbei und kocht. Nach zwei bis

drei Monaten kehren sie wieder zurück, häufig mit einem Ergebnis von

750-1000 kg Zucker, der, auf so kunstlose Art gewonnen, braun ist, aber

durch geringe Beimengungen von Apfelsäure einen so angenehmen Geschmack

aufweist, daß er höher geschätzt wird als der gewöhnliche weiße Zucker,

den man übrigens durch Raffinieren sehr leicht aus ihm gewinnen kann.

In Frankreich stellte man zur Zeit der Kontinentalsperre aus dem

ausgepreßten Safte des +Mais+ Zucker her, wie einst in den Nordstaaten

Amerikas vor dem Bürgerkriege aus demjenigen des +Sorghum+ oder der

+Mohrenhirse+ (~Andropogon sorghum~), einer Art Bartgras. Durch den

aus dem letzteren gewonnenen Zucker wollte man dem aus dem Zuckerrohr

der Südstaaten hergestellten Konkurrenz machen und damit der Sklaverei

selbst einen Stoß versetzen. Man gewinnt daraus in der Tat einen

vortrefflichen Sirup und die Rückstände bilden ein ausgezeichnetes

Viehfutter; bloß die Gewinnung eines kristallisierten Zuckers stößt auf

Schwierigkeiten. Erst nach vollendeter Reife der Samen kann man fast

zwei Drittel des etwa 9 Prozent des Saftes betragenden Zuckergehalts

in kristallisiertem Zustand gewinnen. Doch ist dann der Stengel schon

stark verholzt und muß gebrüht werden, um als Viehfutter dienen zu

können.

Viel rationeller ist es, den Saft des dem Sorghum nahe verwandten

~Zuckerrohrs~ und der +Zuckerhirse+ zur Gewinnung von Zucker zu

verarbeiten. Das taten denn auch seit wenigstens der Mitte des letzten

vorchristlichen Jahrhunderts die Hindus in Indien, wo die griechischen

Begleiter Alexanders des Großen nach dem Überschreiten des Indus im

Jahre 327 v. Chr. im Pandschab, d. h. Fünfstromland, wie gemeldet wird,

als erste Europäer „an festem Honig sich labten, der nicht von Bienen

stammte“. Immerhin kann diese gelbbraune Substanz auch Palmenzucker

gewesen sein. Jedenfalls ist dies die früheste Nachricht, die wir von

einer durch Eindampfen von süßen Pflanzensäften gewonnenen Zuckerart

besitzen. Der Schüler des bedeutenden Lehrers Alexanders des Großen,

Aristoteles, und nach dessen Tod im Jahre 322 Haupt der peripatetischen

Schule, zugleich der erste namhafte Botaniker, Theophrastos (390-286

v. Chr.), berichtet als erster von einem „süßen Salz, das sich in

Indien von selbst aus einer rohrartigen Pflanze erzeuge“. Damit kann

nur der Rohrzucker gemeint sein. Nach ihm ist von den Schriftstellern

des Altertums, die das Zuckerrohr erwähnen, der bedeutendste Gelehrte

Roms, Marcus Terentius Varro (116-27 v. Chr.), zu nennen, der schreibt:

„In Indien wächst ein Rohr von mittlerer Baumhöhe, aus dessen zähen

Wurzeln man einen Saft preßt, der dem Honig an Süßigkeit gleichsteht.“

Dann berichtet der Erzieher und Leiter des jugendlichen Nero, Lucius

Annaeus Seneca (2-65 n. Chr.), in seiner 84. Epistel: „In Indien soll

in den Blättern einer Rohrart ein Honig gefunden werden, der entweder

vom Taue jenes Himmels, oder aus dem süßen Safte des Rohres stammt.“

Der um 25 n. Chr. verstorbene griechische Geograph Strabon aus Amasia

in Pontos meldet: „Megasthenes spricht von einem in Indien wachsenden

großen Rohr, welches süß ist, und er glaubt, diese Süßigkeit sei

die Folge der Sonnenhitze, welche den Saft der dortigen Pflanzen

einkoche. Er spricht auch von einem Rohr, das ohne Zutun der Bienen

Honig gibt.“ Der um die Mitte des 1. christlichen Jahrhunderts lebende

griechische Arzt Dioskurides aus Anazarbos in Kilikien erwähnt in

seiner reichhaltigen Arzneimittellehre: „Eine Art Honig, die man

~sáccharon~ nennt, findet sich in Indien und dem Glücklichen Arabien

auf Rohr. Die Masse sieht aus und kaut sich zwischen den Zähnen wie

Salz. Sie löst sich in Wasser auf und ist dem Magen, der Blase und den

Nieren gesund.“ Sein Zeitgenosse, der ältere Plinius, sagt: „Das beste

~sáccharon~ erzeugt Indien; es kommt aber auch in Arabien vor. Es ist

eine Art Honig, der sich in einer Rohrart sammelt, weiß wie Gummi ist,

zwischen den Zähnen bricht, höchstens in Stücken von Haselnußgröße

vorkommt und nur als Arznei dient.“ Der große Arzt Claudios Galenos

(geb. 131 in Pergamon, praktizierte daselbst, dann in Rom, wo er ums

Jahr 200 verstarb) meint: „Das sogenannte ~sacchar~, das aus Indien und

dem Glücklichen Arabien gebracht wird, ist, wie man sagt, eine sich an

Rohr findende verhärtete Masse, eine Art Honig, doch nicht so süß wie

unser Honig, hat jedoch ungefähr dieselben arzneilichen Eigenschaften,

bekommt aber dem Magen besser.“ Endlich schreibt der griechische

Kriegsschriftsteller Aelianus, der unter Trajan, der von 98-117

regierte, lebte: „Das eigentliche Getränk der indischen Elefanten ist

Wasser; die für den Krieg bestimmten bekommen aber Wein, der nicht aus

Trauben, sondern aus Reis und einem Rohr bereitet ist.“

Tafel 57.

[Illustration:

(Nach Phot. von R. v Wettstein.)

Verwildertes blühendes Zuckerrohr in Brasilien.]

Tafel 58.

[Illustration: Zuckerrohrernte auf Jamaika.

Zuckerrohrernte auf den Antillen.]

Alle diese auf uns gekommenen Mitteilungen des Altertums über den

indischen Rohrzucker, denen der Vollständigkeit wegen noch die Angabe

des zu Beginn des 2. christlichen Jahrhunderts lebenden Arztes Gallus

hinzuzufügen ist, daß man das indische Salz als kostbare Medizin bei

Krankheiten verwende, lassen mit großer Deutlichkeit erkennen, daß der

indische Rohrzucker noch in der römischen Kaiserzeit sehr selten und

deshalb teuer war, wohl als Arznei, aber keineswegs als alltäglich

gebrauchter Süßstoff Verwendung fand. Als solcher diente das alte

Süßungsmittel, der Honig, der noch das ganze Mittelalter hindurch bis

in die Neuzeit bei uns den gewöhnlichen Süßstoff zur Bereitung von

Kuchen und süßen Getränken bildete. Alle altertümlichen Gebäckarten,

wie Pfeffer- und Lebkuchen, Leckerli und Honigbrötchen enthalten stets

Honig statt Zucker.

Das +Zuckerrohr+ (~Saccharum officinale~) ist eine unserem Schilfrohr

sehr ähnliche Grasart, deren Heimat Südasien, speziell die heiße

Niederung von Bengalen ist, jenes von den Schmelzwässern des

Himalaja reich bewässerte Land, das wegen seiner unerschöpflichen

Fruchtbarkeit von jeher als der Garten Indiens gepriesen wurde. Hier

wurde das Zuckerrohr ursprünglich, wie später in China, auf den

Philippinen und den Südseeinseln, als Nahrungspflanze gezogen und erst

nachträglich bloß zur Gewinnung des aus ihm gepreßten süßen Saftes

im großen kultiviert, und zwar ausschließlich durch Stecklinge, so

daß die Pflanze im Laufe der mehr als 3000 Jahre, während welcher

sie auf ungeschlechtlichem Wege vermehrt wird, die Fähigkeit, Samen

hervorzubringen, ganz eingebüßt hat.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte · 第 46 / 77 段